Berlins neue U-Bahn U5 - Im Bauch von Berlin

Nach Jahrzehnten der Vorfreude hat der Berliner endlich eine U-Bahnline bekommen, die ihn quer durch die historische Mitte der Stadt fährt. Die neue Linie U5 schenkt ihm nicht nur mehr Zeit, sie gibt ihm auch ein Stück seiner Geschichte zurück. Eine erste Testfahrt.

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Die neue U5 am Bahnhof Unter den Linden / dpa

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Ralf Hanselle leitet das Kulturresort von Cicero.

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Endlich abwärts! Endlich hinab bis unter die Narben des Straßenbelags und tief rein in den Bauch dieser Stadt! Oder hat Berlin vielleicht nur ein Bäuchlein? Vergleichen Sie die Stadt nur mal mit Wien. Denken Sie an Prag oder an London. Wer diese alten Metropolen je mit einer U-Bahn durchkreuzt hat, der weiß, wie tief es dort zuweilen hinabgeht. Eine Rolltreppenfahrt dauert Ewigkeiten. Ein ganzes Paralleluniversum eröffnet sich einem tief drunten in Wien. Und am Grunde der Moldau? Ein Wurmloch für Gauner und Gezeiten.

Oder nehmen Sie Köln! „Es gibt sehr viele Köln“ hat Heinrich Böll mal über seine Heimatstadt gesagt, „In meiner Erinnerung drei, vier, fünf Köln“. Und das älteste, das liegt ganz tief unten: Colonia Claudia Ara Agripinensium. Ein Grabungsfeld im Bauch der Stadt. Wer dort heute mit der U-Bahnlinie 18 vom Dom in Richtung Südstadt durchfährt, der stößt mitten durch die alten Eingeweide – Römer, Merowinger, Karolinger, am Ende sogar Napoleon und die Franzosen… Wie mineralische Sedimente haben sich die einzelnen Kulturen im Sand unter Sancta Colonia abgelagert. Nur die U-Bahn, die ist in der alten Domstadt stets zeitlos geblieben; die rattert quer durch alle Epochen.

Gute Ideen brauchen in Berlin Zeit

Versuchen Sie das aber mal in Berlin. Die Stadt ist so jung, da fahren die meisten U-Bahnen gleich oberirdisch. „Berlin bleibt doch Berlin“, heißt es in dem alten Schlager von Bruno Balz. Was soll man da schon zusammensummieren? Von wegen drei, vier, fünf Berlin... Wenn man hier auf zwei kommt, ist man schon glücklich. Das eine Berlin führt seit 1930 vom östlichen Friedrichsfelde bis zum Alexanderplatz, das zweite seit 2009 vom Hauptbahnhof bis zur einstigen Mauer. Das eine nimmt von Osten kommend die U5, das andere vom Westen die U55.

Dazwischen aber gähnt eine Leere; und das schon seit Mitte der 1950er-Jahre. So lange ist es nun schon her, dass man in Berlin über eine westliche Verlängerung der U5 nachgedacht hat. Nun kam es, wie es in Berlin kommen musste: Gute Ideen brauchen an der Spree wohl länger. In diesem Fall lag das ja nicht nur an den ach so duldsamen Berlinern. Erst war da ein „österreichischer Gefreiter“, später ein sächselnder Kommunist. Und als dann 1961 noch die Mauer hinzukam – übrigens hat auch die kaum Spuren im Untergrund hinterlassen; in Berlin sucht man statt erlösender Tiefe wohl eher das Weite – ist das Projekt U-Bahnverlängerung in den Schubladen der Regierenden verschwunden.

Seit den Tagen Döblins im Bau

Seit letztem Freitag aber ist sie endlich fertig: Die U5, einst von der sogenannten Hochbahngesellschaft als Linie E angedacht und schon in Alfred Döblins Klassiker „Berlin Alexanderplatz“ im Bau befindlich, steht für alle Fahrgäste zur Nutzung bereit. Die letzte 2,2 Kilometer lange Lücke zwischen den Bahnhöfen Alexanderplatz und Brandenburger Tor ist endlich geschlossen. Nun heißt es: „Freie Fahrt von Ost nach West!“ Und nicht nur das: Endlich hat auch der Berliner eine Möglichkeit bekommen, mit nigelnagelneuen gelben Wagen quer durch die Geschichte der Stadt zu rauschen.

Mitten unter der alten Spreeinsel nämlich führt die neue Bahnstrecke entlang, quer durch den slawischen Sumpf – dort, wo 1237 erstmals die historische Siedlung Cölln erwähnt wurde und wo sich kurze Zeit später die neu entstandene Ortschaft Berlin in den nordöstlichen Morast des Flusses und später sogar in die Geschichte einschrieb. Eine Bahn, die sich durchs Tiefland quält, durch Märkischen Sand, preußische Scherbenhaufen und manch andere Schichtungen der Geschichte. Was für eine Sensation für das im Vergleich zu anderen Städten noch so junge Berlin!

Eine glatte Architektur

Und so stehen dieser Tage denn auch viele Berliner auf ihren neuen U-Bahnhöfen „Unter den Linden“ und „Rotes Rathaus“ rum, zählen die Züge, wärmen sich am Glühwein oder verharren regungslos im Staunen. Der U-Bahnhof „Rotes Rathaus“ etwa ist wie eine moderne Stalaktiten-Höhle vom Architekten Oliver Collignon direkt neben den ziegelroten Sitz des Regierenden Bürgermeisters in die ehemalige „Reiches Streusandbüchse“ gegraben worden. Er wirkt so geleckt und aufgeräumt, dass man für kurze Momente glatt vergessen will, dass man im sonst so keimig-klebrigen Berliner Nahverkehr unterwegs ist.

Und der Bahnhof „Unter den Linden“, der den alten Bahnhof Französische Straße ablösen und ein neues Verkehrskreuz zwischen U6 und U5 bilden wird, führt derart abyssisch in das Innerste hinein, dass man sich, unten angekommen, fast schon am Mutterschoß der Markgrafen von Brandenburg wähnt. 

Am Bauchnabel der Stadt

Nimmt man indes die Rolltreppe in die andere Richtung und fährt herauf gen Sonnenlicht, so wird man es kaum glauben können: Man steht direkt an der ehemals belebtesten Straßenkreuzung der Stadt: Friedrichstraße/Ecke Unter den Linden. Hier stand das Hotel Victoria, hier befand sich das Café Bauer. Während des Fin de Siècle war das das erste Café im Kaffeehausstil. Es hatte als einziges elektrisches Licht und verfügte über drei Kellner, die allein für das Sortieren von Zeitungsauslagen zuständig waren. 

Direkt hier also, vor dem von den Architekten Ingrid Hentschel und Axel Oestreich entworfenen neuen U-Bahnhof, lag der Bauchnabel Berlins. Fast ein Mysterium, dass man erst jetzt, 75 Jahre nach Nabelbruch, von hier direkt in den Bauch fahren kann. Der übrigens tritt an der neuen U-Bahntrasse derart offen zutage, dass man zuweilen bis tief in archäologische Gefilde schauen kann. Direkt neben dem U-Bahnhof „Rotes Rathaus“ etwa befinden sich die Reste des ersten Berliner Rathauses aus dem 13. Jahrhundert.

Ein Blick in die Zeit

Noch sind die Ausgrabungen nicht zugänglich. Doch Architekt Collignon hat vorsorglich schon einmal ein Archäologisches Fenster in seinen neuen Bahnhof eingelassen. Sicher ist sicher. Es könnte ja sein, dass man in Berlin, der Stadt, die laut eines Bonmots des Kunstkritikers Karl Scheffler stets verurteilt ist zu werden, irgendwann auch mal auf seine Geschichte blicken möchte. Noch ist das natürlich Zukunftsmusik. Aber durchfahren kann man ja schon mal.

Bernd Muhlack | Sa, 5. Dezember 2020 - 20:47

Vorab: ich war noch nie in Berlin, sorry!

Herr Hanselle, ein sehr schöner Artikel!

Prag?
Die U-Bahnstationen dort sind stellenweise nicht für schwindelanfällige Zeitgenossen geeignet!
Dazu der "Durchzug" - das ist wie ein Kamin!

In unserer Sturm- und Drangzeit waren wir zu viert in Paris, na klar! Baguette, Käse, Rotwein auf der Treppe von Sacre-Coeur, Mont-Matre.
Am Place de l´Odeon (?) ist die schrillste U-Bahn-Station!
"Endlich abwärts!" - und es ging immer tiefer!
Der Vorhof zur Hölle, der Eingang zur Unterwelt? Gleich kommt Zerberus!

Unsere Tochter lebt und arbeitet in London.
Sie meidet nach Möglichkeit die U-Bahn.
Es ist ihr zu gefährlich und es "stinkt"!
Seit Februar sowieso home-office.

Wie erwähnt, Berlin kenne ich "live" nicht.
In Berlin-Tegel bin ich einmal umgestiegen; ein schöner Flughafen - leider kürzlich dicht gemacht.

In diesem Sinne:

U 5 - allzeit gute Fahrt!
U 2 - meist gute Musik!
U 96 - DAS BOOT - genialer Film!

Fritz Elvers | So, 6. Dezember 2020 - 21:49

der Essener U-Bahn wurde Anfang der 60er eingeweiht. Ca. 800 m, Hauptbahnhof bis Saalbau und zurück.

Dieter Hildebrandt durfte mitfahren. Sein Kommentar: "Die schnellste U-Bahn der Welt".