Katholische Kirche - Doppelt missbraucht

Zum ersten Mal beschäftigt sich der Vatikan mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern. Die Zahl der Opfer ist so groß, dass die Katholische Kirche das Thema nicht mehr ignorieren kann. Eine ARD-Doku zeigt, warum die rechtliche Aufarbeitung für sie so wichtig ist

Bei der Pressekonferenz der Deutschen Bischofskonferenz werfen die Protagonisten am Dienstag (31.08.2010) in Trier Schatten bei der Vorstellung der neuen Missbrauchsleitlinien der katholischen Kirche. Die neuen Leitlinien sollen nicht nur für katholische Geistliche, sondern auch Ordensangehörige und Mitarbeiter im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz gelten.
Die Katholische Kirche gerät unter Druck, die Opfer sexuellen Missbrauchs anzuhören / picture alliance

Autoreninfo

Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie arbeitet als freie Reporterin und Autorin. 

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Jürgen ist schon über sechzig, als ihn das Trauma seiner Kindheit wieder einholt. Er wird wegen einer Migräne stationär behandelt. In therapeutischen Gesprächen kommen Bilder aus seiner Zeit als Ministrant in der Katholischen Kirche hoch. Bilder von dem netten, jungen Pfarrer, der ihn zu sich nach Hause bestellt und ihm irgendwann unvermittelt in die Hose greift. 50 Mal, sagt der pensionierte Kriminalbeamte mit Tränen in den Augen, habe sich das in anderthalb Jahren wiederholt. 

Was macht sexueller Missbrauch mit den Opfern? Wie ist es möglich, dass sich Pfarrer jahrzehntelang an Kindern vergehen konnten und die Kirche Strafanzeigen ignoriert, Übergriffe vertuscht und die Beschuldigten lediglich versetzt hat? Und was muss sich ändern, damit Priester ihre eigene Sexualität nicht mehr leugnen und lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen? Davon erzählt die Doku „Schuld ohne Sühne“. 

Ein großer Schritt

Es ist ein bemerkenswerter Film und wohl kein Zufall, dass ihn die ARD drei Tage vor dem Beginn des internationalen Gipfeltreffens ausgestrahlt hat, das Papst Franziskus im Vatikan zu demselben Thema veranstaltet. Jürgen, einer der drei Protagonisten, kämpft seit 2006 darum, dass das Bistum Freiburg den mutmaßlichen Täter zur Verantwortung zieht – vergeblich. Dabei hat der Mann das Verbrechen gestanden. Er hat ihn in einem Brief um Verzeihung gebeten. Aber das Bistum wimmelt seine Anzeige mit fadenscheinigen Gründen ab. Auch ein Brief an den Vatikan bleibt folgenlos.

Der Pfarrer ist inzwischen verstorben, aber ermutigt durch die ARD-Filmemacher, hat Jürgen jetzt Strafanzeige beim Vatikan erstattet. Diesmal lädt man ihn nach Rom ein. Man hört sich an, was er zu sagen hat. Es ist ein großer Schritt für Jürgen – und auch für die anderen Opfern. Seit 1946 wurden 3.677 Fälle von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche angezeigt. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Wie Jürgen haben viele die Verbrechen jahrelang verdrängt. 

Tomas Poth | Mi, 20. Februar 2019 - 14:23

und Straftat ohne Strafverfolgung?
Wo bleiben die Anklagen gegen die Straftäter aus den kirchlichen Kreisen vor deutschen Gerichten der noch nicht verjährten Fälle?
Wird hier Schweigen und Aussitzen gespielt? Strafvereitelung durch kirchliche Würdenträger?
Ich könnte jetzt ganz viele Bibelzitate gegen die Kirche zitieren!

Nach meiner Auffassung, sollte die in den Artikeln des Grundgesetzes besondere Stellung der Kirchen aus dem Grundgesetz gestrichen werden.

Des weiteren sollten die Staatsverträge des Bundes und der Länder mit den beiden Kirchen gekündigt werden.

Die Kirchen müssen sich in dem gleichen Rahmen bewegen, wie andere Gesellschaftlichen Gruppen .

Man kann sich nicht erklären, welche Doppelmoral die Bundespolitiker/innen egal welcher Partei Sie angehören haben.

Sie sollten endlich ,der im Grundgesetz stehende Artikel umsetzen .

Christa Wallau | Mi, 20. Februar 2019 - 14:54

Ja, es ist gut und allerhöchste Zeit, daß dieses Thema aufgearbeitet wird. Das kann nur geschehen, indem das Verhältnis der Kirche zur Sexualität und zum Priesteramt grundsätzlich neu und offen diskutiert wird.
Männer, die Priester / Ordensleute und Frauen, die Nonnen werden wollen, dürfen nicht mehr in ihre Ämter gelangen, bevor nicht ihr eigener Umgang mit dem Thema Sexualität offengelegt ist. Wenn man feststellt, daß die Mehrzahl der potentiellen Priester Probleme mit einem Leben o h n e sexuelle Betätigung hat, dann wird die nächste Konsequenz eben die sein, daß man den Kandidaten die Freiheit gibt, zu heiraten.
Allerdings muß dies keineswegs bedeuten, daß man auch Homosexuellen, Bisexuellen und anderen Spielarten - vor allem natürlich nicht den
Pädophilen! - den Weg zum Priesteramt öffnet. Bibel und Naturgesetze sollten hier schon der Leitfaden bleiben. Es m u ß ja niemand unbedingt Priester werden.

Sie haben wie so oft all das geschrieben, wie ich es besser nicht kann. Die Kirchen brauchen sich nicht wundern, wenn ihnen die Mitglieder abhanden kommen. Jeder kann auch glauben, ohne der Kirche anzugehören. Das auch der Staat seit Jahren alles tut, um Verjährung eintreten zu lassen oder eben abzuwarten, bis die Täter sterben ist neben dem Missbrauch ein Skandal aller erster Güte. Solche Delikte sollten genauso wie Mord keiner Verjährungsfrist unterliegen. Ich sehe nur einen pragmatischen Weg der Kirche auf die Sprünge zu helfen. Dieser Weg geht über die Kirchensteuer, die als "Vereinsbeitrag" einzuziehen wäre und nicht über staatliche Institutionen. So traurig es ist, die Kirche wird nur über den Geldentzug lernen umzudenken. Generell gehört die kirchliche Sonderstellung in allen Bereichen auf den Prüfstand und geändert. LG Frau Wallau.

Es wird gerichtlich aufgearbeitet werden - aber erst am jüngsten Gericht ! Und bis dahin ist noch ein bischen Zeit , man wird mit hohlen Sprüchen und Absichtserklärungen, die einfältige Schafherde beruhigen. Nichts wird passieren, weder mit diesem Stellvertreter Gottes noch mit den nächsten.......selbsternannten Göttern in weiß !

helmut armbruster | Mi, 20. Februar 2019 - 16:28

"lui a avuto culo (= er hat einen Hintern gehabt)".
Der Ausdruck ist heute noch in Gebrauch und zeigt uns eindrucksvoll wer in Rom jahrhundertelang das Sagen hatte und wie es dabei zuging.
Tausende Pfaffen aller Dienstgrade - und alle in privilegierter Stellungen - standen einer ziemlich ärmlichen Stadtbevölkerung gegenüber.
Den ganz Armen blieb nichts übrig als sich an den Klerus zu verkaufen. Doch dieser hatte so große Auswahl, dass er nur diejenigen nahm, die einen wirklich aufreizenden Hintern hatten.
Daher der römische Ausdruck.
Was heute läuft ist also nichts Neues unter der Sonne und im Vatikan.

Heidemarie Heim | Mi, 20. Februar 2019 - 16:32

Weil die Kirchen und ihre Vertreter schon immer eine Sonderstellung hatten, eine Abschottung namens Kirchenrecht gegenüber dem Weltlichen,die von uns allen befördert und manifestiert wurde. Mit dieser von allen Gläubigen gelittenen Autokratie (Vatikanstaat)und der damit einhergehenden Autorität ihrer Prediger über ihre Schäfchen wird dem Missbrauch und dessen Vertuschung ganz zwangsläufig Vorschub geleistet. Am schlimmsten hierbei abermals die Tatsache, das es eine Vielzahl von Menschen gab, extern wie intern, die darüber Kenntnis hatten und angesichts der angewandt erfolgreichen "Vertuschungsmentalität" selten bis gar nicht den Versuch starteten gegen dieses Schweigekartell vorzugehen. Dazu muss man wohl auch die Eltern und das soziale Umfeld der Missbrauchten zählen. Denn ich kann mir bis heute
nicht vorstellen,das meine Eltern einen solchen Missbrauch weder bemerkt noch stillschweigend übergangen hätten. Dieses "Besser spät als nie"-Relativieren entschuldigt rein gar nichts! MfG

Jens Rotmann | Do, 21. Februar 2019 - 10:25

Die jüngeren Gläubigen die sich aktuell noch im Kreißsaal aufhalten oder an Flasche und Schnuller lutschen, werden vielleicht noch sowas wie eine "gelenkte Aufarbeitung" erleben, wo keiner der Akteure zu Schaden kommt. Wie lange wird jetzt eigentlich schon"aufgearbeitet" - außer "kostenlosen" Entschuldigungen ist nichts passiert.
Wahrscheinlich wartet man auf Aloisius - mit den göttlichen Ratschlägen. Aber der hockt im Münchner Hofbräuhaus ;-)

Ulrich Jarzina | Do, 21. Februar 2019 - 10:53

Glaubt man den Aussagen des Wiener Kardinal Schönborn, so soll die Konferenz zunächst einmal dazu dienen, einen "gemeinsamen Bewusstseinsstand" bezüglich sexuellen Missbrauchs in der Kirche herzustellen. Dieses Bewusstsein sei gegenwärtig nicht da.
In einem sehenswerten Gespräch Schönborns mit Doris Wagner kommt in diesem Zusammenhang auch ein anderer Aspekt der Missbrauchsdebatte zur Sprache. Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Ordensschwestern sind von Klerikern massiv sexuell missbraucht, mitunter sogar vergewaltigt worden.

Nach dieser Konferenz soll kein katholischer Bischof mehr sagen können, er habe von dem Ausmaß der Vorfälle nichts gewusst oder es sei alles nur eine mediale Schmutzkampagne mit dem Ziel der Kirche zu schaden. Ebenso dürfte nach der Konferenz klar sein, dass das Schweigen, das Täter und ihre Oberen geschützt hat, nicht nur von unten seitens der Opfer durchbrochen wird, sondern auch von oben, seitens des Papstes. Immerhin ein Anfang.