Musiker unter Drogen - „Ich übe auch besoffen“ 

Robert Schumann war beinahe täglich „katzenjammervoll“, auch Johannes Brahms wusste einen guten Tropfen zu schätzen, und 30 Prozent der Mitglieder amerikanischer Orchester nehmen heute Betablocker. Alkohol, Tabletten und Drogen sind in der klassischen Musik ebenso verbreitet wie im Pop. Es redet nur niemand darüber
 

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Musik und Alkohol - das geht schon seit Jahrhunderten zusammen / Illustration Anja Stiehler

"Katzenjammervoll!“ So kurz und knapp pflegte Robert Schumann den Zustand zu beschreiben, den er in jungen Jahren beinahe täglich erlebte. Abends Kneipe mit reichlich Bier und vielen Zigarren, am nächsten Morgen Katerstimmung. Aber das war noch nicht alles. „Wenn ich betrunken bin oder mich erbrochen habe, so war am andren Tag die Fantasie schwebender und erhobener.“

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Heute variiert die Art von Drogen, aber das Problem ist geblieben. Die große Mehrheit der Musiker kommt ohne Drogen aus und spricht auch dem Alkohol nur in unbedenklichen Mengen zu. Aber natürlich waren schon immer Mittel im Umlauf, denen neben der berauschenden Wirkung auch die Steigerung der Kreativität oder hilfreiche Effekte gegen Lampenfieber und Versagensängste zugeschrieben werden. Künstler waren natürlich nie die Einzigen, die sie ausprobiert und in einzelnen Fällen häufiger angewendet haben. Doch zweifellos sind sie mehr als andere in Gefahr, von Aufputschmitteln aller Art abhängig zu werden.

Die Auswahl an Stoffen, denen bewusstseinserweiternde Wirkung nachgesagt wird, ist groß. Sie reicht vom legendären „Künstlergetränk“ Absinth bis zu synthetischen Substanzen. Bedenkt man, wie knallhart und oft sogar brutal es in der Musikbranche zugeht, kann man sich über den dortigen Tabletten- und Drogenkonsum kaum wundern. Ebenso wenig wie über die Flucht in den Alkohol, die so mancher Musiker für den einzigen Ausweg aus Stress und extremem Leistungsdruck hält. In Amerika wurden vor kurzem 2000 Orchestermitglieder zu dem Thema befragt. Fast 30 Prozent von ihnen sagten, dass sie regelmäßig Betablocker nehmen. Jeder fünfte bekannte sich zu einem Alkoholproblem. Von Sängern hat man Ähnliches gehört: Steroide, die angeblich die Stimme verbessern, gehören an einigen Bühnen zum Alltag.

Für die Öffentlichkeit ist das Thema weitgehend tabu. Daran, dass Popmusiker gelegentlich zugedröhnt auf die Bühne kommen, hat sie sich gewöhnt. Millionen nehmen begeistert Anteil daran, wenn Stars auf den Sockel gehoben werden, und genauso intensiv verfolgen sie den Absturz in die private Katastrophe. Ob Amy Winehouse oder Whitney Houston – Glanz und Elend der Idole liegen dicht beieinander. Das Publikum will beides möglichst hautnah miterleben.

Bei Mozart und Beethoven möchte die Öffentlichkeit nichts davon wissen. Wahrscheinlich, weil die klassische Musik immer noch von einer Aura des Edlen, Wahren und Reinen umgeben ist, in der es für Suff und Sucht, psychische Probleme und Angstzustände keinen Platz gibt. Von Johannes Brahms etwa weiß man, dass er einen guten Tropfen durchaus zu schätzen wusste. Auch Antonin Dvořák war ein paar Schnäpsen alles andere als abgeneigt – so berichtet jedenfalls der amerikanische Musikkritiker James Huneker, der mit dem tschechischen Meister während dessen New Yorker Jahren freundschaftlich verbunden war. Bei einer gemeinsamen Kneipentour durch die New Yorker Durstmeile brachten es die beiden einmal auf jeweils 19 Cocktails.

Im Gedächtnis geblieben ist mir auch die Geschichte von einem Konzert des BBC Symphony Orchestra in London. Als ein großes Cellosolo nahte, geriet Dirigent Sir Colin Davis in leichte Panik, denn der damalige Solocellist war offensichtlich eingeschlafen. Der Mann stand in dem Ruf, dem Alkohol häufiger und intensiver zuzusprechen, als ihm guttat, und schien auch jetzt unter der Wirkung hochgeistiger Getränke sanft in Morpheus’ Arme gesunken zu sein. Alle Versuche seines Pultnachbarn, ihn wachzurütteln, blieben erfolglos. Davis gab daraufhin einem anderen Cellisten im Orchester das Zeichen, er solle einspringen. Doch im selben Moment schlug der Solocellist die Augen auf, blickte zum Dirigenten, wartete auf seinen Einsatz und begann souverän, ohne mit der Wimper zu zucken, mit seinem Part. Pierre Boulez, der frühere Chef des BBC-Orchesters, saß im Publikum und eilte nach dem Konzert zu dem Solocellisten in die Garderobe. „Wie schaffen Sie es bloß, besoffen so schön zu spielen?“, fragte er ihn. Die Antwort: „Ganz einfach, Pierre. Ich übe auch besoffen.“

 

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