Zu Besuch bei Anne-Sophie Mutter - "Ich mag starke Frauenfiguren"

Sie ist eine der wichtigsten Geigerinnen der Gegenwart. Seit Herbert von Karajan sie als Wunderkind präsentierte, hat sie eine beispiellose Karriere aufgebaut. Was liest ein Star, der die meiste Zeit im Jahr durch die Welt reist? Ein Bibliotheksbesuch bei Anne-Sophie Mutter.

Anne-Sophie Mutter
(picture alliance) Anne-Sophie Mutter

Sie ist eine zierliche, auffallend schöne Frau. Schmal und eher klein. Wenn sie jedoch auf einer Konzertbühne steht, in einem ihrer bodenlangen Galliano-Abendkleider, die Augen geschlossen, den Kopf anmutig geneigt, wirkt sie mit einem Mal erstaunlich groß. Die Stradivari "Dunn-Raven" aus dem Jahr 1710 liegt dann auf ihrer nackten Schulter, und der unverwechselbare Klang, die legendäre Präzision reißen ihre Zuhörerschaft in Europa, in Asien, in Amerika auf abenteuerliche Höhenflüge mit.

Von ihren Konzert-Tourneen kehrt Anne-Sophie Mutter nach München, in ihre luftige Villa in Bogenhausen zurück, zu den beiden Kindern, die sie nach dem Tod ihres ersten Mannes allein großgezogen hat. Dort, unter dem ausgebauten Giebeldach, befindet sich der Ort, an dem sie übt, beinahe jeden Tag, immer wieder auf- und abschreitend, mehrere Stunden lang. Sofas stehen zwischen Holzbalken und Klavier. Es ist ein Refugium der besonderen Art, ein länglicher Raum, der eine ruhige Atmosphäre ausstrahlt und wo sie am liebsten liest.

Die Bücher sind über das ganze Haus verteilt. Natürlich existiert auch eine Bibliothek im klassischen Sinne, im Wohnzimmer unten, dort, wo der große Flügel steht: Enzyklopädien, Wörterbücher, Musikgeschichte. Aber der wirkliche Leseraum befindet sich im ausgebauten Dachboden.

Ich erzähle vom Antiquariat "Libris", das meine beiden Onkel einst in London besaßen: das größte Lager deutschsprachiger Bücher in ganz England. Ein dreistöckiges Gebäude, vom Keller bis zum Dach gefüllt mit Büchern. Trotzdem las ich nicht. Oder kaum. Mein Vater war verzweifelt: Du musst aber lesen!, insistierte er. Ohne Erfolg. Lediglich ein paar Bände Karl May nahm ich dann doch zur Hand, "Winnetou", "Der Schatz im Silbersee", "Der Schut". Aber sonst? Nur Fix und Foxi, Superman und Micky Maus.

"Oh Gott, Karl May – das war einmal meine Lieblingslektüre: Ich habe alles von ihm gelesen!", erklärt Anne-Sophie Mutter. "Alles? Sie meinen – achtzig Bände oder mehr?", frage ich nach. Sie lacht, nein, das natürlich nicht, aber fünfzehn seien es sicherlich gewesen: "Ich war hingerissen. Die wunderbarste Welt. Eine so schöne Flucht aus dem Alltag." Zwischen zehn und elf war sie damals, und Alltag bedeutete ein Leben fern der Familie, in Winterthur, im Haus ihrer strengen Geigenlehrerin Aida Stucki. Am Konservatorium studierte sie daneben Theorie und Klavier, Privatlehrer vermittelten ihr den Stoff der staatlichen Schulen. Laufend musste sie Prüfungen ablegen. ­Dennoch blieb immer Zeit zu lesen. Auf die Karl-May-Phase folgte die Begeisterung für Hermann Hesse: "Narziss und Goldmund" kannte sie beinahe auswendig. "Ich habe Hesse wirklich heiß geliebt." Vor zehn, fünfzehn Jahren sah sie sich seine Bücher wieder an – und konnte auf ein Mal gar nichts mehr mit ihnen anfangen.

Noch lange vor May und Hesse entdeckte sie die Kinderbücher von Janosch. "Meine Mutter ist künstlerisch sehr begabt und hat meinen beiden Brüdern und mir sehr früh das Lesen und Schreiben beigebracht", erzählt sie. Ihre Stimme klingt sehr jung, beinahe mädchenhaft. Und im Hintergrund schwingt melodiös ein alemannischer Akzent mit. "Bereits als Fünfjährige haben wir sehr gerne gelesen." Eines ihrer liebsten Bücher aus jener Zeit hieß: "Der Josa mit der Zauberfidel" von Janosch. Ein Omen für ihre Lebensgeschichte? "Es erzählt von einem kleinen Köhlerjungen. Ich fand das so rührend – er ist weder stark noch groß, die Schande seines Vaters. Aber: Er kann mit seiner Geige zaubern. Das hat mich als Sechsjährige ungemein fasziniert. Denn wenn Josa schnell vorwärtsspielte, dann wurde alles größer. Wenn er aber rückwärtsfidelte, dann wurde alles kleiner! Dank Josas Zauberfidel wird ein schrecklicher Diktator klein wie eine Laus."

Damals hatte sie bereits seit einem halben Jahr Geigenunterricht und konnte sich mit dem kleinen Helden bestens identifizieren. Hat sie Janosch von ihrer Begeisterung für seine Werke je erzählt? "Ich bin ihm nie begegnet. Dabei bin ich sein größter Bewunderer. Seine Kinderbücher gehören zu den schönsten, die je existiert haben. Ich kenne fast alles von ihm. Und verschenke den 'Josa' so oft wie möglich. Leider bekommt man das Buch nur noch antiquarisch. Es ist einfach zu gut, zu wenig plakativ."

Als Kind durfte Anne-Sophie Mutter nur ganz selten fernsehen: "Es gab zwar irgendwann dann doch einen Apparat zu Hause, der stand aber oben auf dem Speicher und wurde höchstens alle heiligen Zeiten eingestellt, aber auch nur für 'Tom und Jerry'."

In den Teenagerjahren wandte sie sich Zola, Flaubert, Sartre zu. Und Proust. "Als ich Zolas ‚Nana‘ las, war ich zutiefst erschüttert, auch über die Härte der Sprache. Ich kann Zola immer wieder lesen, mit der gleichen Begeisterung. Auch ‚Thérèse Raquin‘ hat mich aufgewühlt, die Geschichte einer Ehebrecherin und Mörderin. Ich war fasziniert, wie das überlebende Paar den Gedanken an den Toten nicht mehr los wird. Während der Flitterwochen mit meinem ersten Mann Detlef Wunderlich sagte ich immer wieder: ‚Du musst das lesen!‘ Er fand meinen Wunsch eher befremdlich, weil es nicht unbedingt die romantischste Honeymoon-Lektüre war, aber wir haben einander den Roman tatsächlich auf den Bahamas gegenseitig vorgelesen! Mich zieht das Thema Liebe mit allen möglichen Facetten, Konsequenzen, gesellschaftlichen Reibungen." Gabriel García Márquez’ ‚Die Liebe in Zeiten der Cholera‘ sei deshalb ein sehr wichtiges Buch für sie. Vielleicht sogar ihr wichtigstes.

Gibt es Vorbilder, Helden, Heldinnen der Weltliteratur, die Anne-Sophie Mutters Leben begleitet haben? "Nach ‚Narziss und Goldmund‘ kamen die Griechen: Odysseus und Herakles", erwidert sie. "Philemon und Baucis wurden mir zum Lebensmodell, das sehr lange angehalten hat. Danach waren es die starken Frauenfiguren, die mich besonders anzogen, auch die mit dem schlechten Lebenswandel, wie Zolas Nana, Flauberts Madame Bovary oder Fontanes Effi Briest." Nach kurzer Pause fügt sie lachend hinzu: "Doktor Freud freut sich!"

Bleibt in einem Leben zwischen Üben, Tourneen, Konzertauftritten, Proben und dem Einstudieren neuer Werke genügend Zeit, um in aller Ruhe ein Buch zu lesen? "Natürlich, auf den Reisen! Bedenken Sie allein das lange Warten auf den Flughäfen. Wenn ich unterwegs bin und keine Freunde treffen kann, komme ich zum Lesen. Nachts stundenlang auszugehen, ist dem Beruf ohnehin nicht gerade zuträglich. Immer wenn ich allein reise, werden Bücher zu meinen Kompagnons. Dann umgebe ich mein ganzes Bett mit Büchern."

Trennt sie sich auch von Zeit zu Zeit von Büchern? Im Leseraum unter dem Dach fallen überall Buchstapel ins Auge, in den Nischen, an den Wänden, unter den Mauervorsprüngen. "Bis vor kurzem habe ich alle Bücher gehortet. Bis es einfach zu viele wurden. Was hier nicht Platz hatte, brachte ich in mein Landhaus in Kitzbühel, viele der Kinderbücher verschenkte ich in letzter Zeit an Kindergärten. Aber ein Buch, das mir wichtig ist, würde ich niemals weggeben oder gar wegwerfen! Meine Taschenbücher von Agatha Christie, Conan Doyle oder Raymond Chandler habe ich ausgemustert, weil ich weiß, dass ich sie nie wieder lesen werde und weil ich Platz brauche für neue Bücher. Zum Beispiel für dieses hier, das ich gerade lese: eine großartige Biografie über Felix Mendelssohn-Bartholdy von Arnd Richter. Ich wusste so gut wie gar nichts über diesen unglaublich vielseitigen Komponisten, da sein Violinkonzert eine problematische Geschichte für mich hat. Ich spielte es früh, in meiner Sturm-und-Drang-Phase. Als ich es später in einer eher klassischen Interpretation aufnehmen sollte, sperrte sich alles in mir dagegen. Eine Wolke legte sich über mein Mendelssohn-Bild. Rund zwanzig Jahre rührte ich das Stück nicht mehr an. Erst zu Maestro Kurt Masurs achtzigstem Geburtstag im vergangenen Jahr studierte ich das Werk neu ein. Jetzt spiele ich es mit dieser jugendlichen Ungeduld, wie ich es ursprünglich geplant hatte. Gerade bekam ich die Aufnahme zugesandt, bin aber noch viel zu aufgeregt, um sie mir anzuhören. Ich muss noch ein paar Tage vergehen lassen."

Mein Blick fällt auf den Roman "Lea" von Pascal Mercier. Den Schutzum- schlag ziert die Silhouette einer Geigerin. Sie hat meinen Blick bemerkt. "Eine interessante Beziehungsstudie zwischen einer berühmten Violinistin und ihrem Vater. Offensichtlich hat er dabei an mich gedacht, obwohl es keine Ähnlichkeit zu meinem Vater gibt, absolut nicht."

"Wussten Sie", frage ich, "dass Armin Mueller-Stahl, übrigens ein ausgebildeter Konzertgeiger, auch einen Roman über eine Violinistin geschrieben hat? Über eine junge Frau namens Hannah, die sich Ihre Aufnahmen zum Vorbild nimmt?"

Sie wirkt verwundert. "Nein! Und was bewirkt das bei ihr? Den totalen Wahn?" Bevor ich noch antworten kann, bricht Anne-Sophie Mutter in schallendes Gelächter aus. Das ist eine der größten Überraschungen im Umgang mit ihr: So diszipliniert sie in der Arbeit auch sein mag, so distanziert sie wirkt, wenn sie auf einer Konzertbühne steht, so unvermittelt kann sie sich in die Leichtigkeit des Seins fallen lassen. Zumindest bis zur nächsten Probe, bis zum nächsten Konzert.

Die Cicero-Bibliotheksporträts sind jetzt auch als Buch zu haben: ein intellektuell-unterhaltsamer Streifzug durch die Bibliotheken berühmter Zeitgenossen. "Von Bücherlust und Leseglück" ist im Knesebeck Verlag erschienen

Foto: Picture Alliance

Lesen Sie mehr über Pascal Merciers Musiker-Roman "Lea" unter "Ich wollte nie Kinder"

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