Carlos Fuentes - Das Recht auf Zweifel

Er ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas, seit einiger Zeit wird er als Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt: Der Mexikaner Carlos Fuentes ist ein grandioser Erzähler, ein kritischer Chronist seines Heimatlandes – und ein hochpolitischer Autor.

Herr Fuentes, in einem Essay über das Verhältnis zwischen den USA und Mexiko haben Sie von einer „gläsernen Grenze“ gesprochen. Formieren sich im Zeitalter des Terrorismus neue unsichtbare Grenzen?
Es ist schwer zu sagen, wie die Grenzen der Zukunft aussehen werden, weil es weniger geografische als kulturelle Grenzen sein werden, die mitten durch Gesellschaften gehen, oft nur auf den zweiten Blick sichtbar. Wir leben in einer gleichermaßen komplexen wie vernetzten Welt, aber ich hoffe auf eine Welt der Solidarität, in der wir nach Gemeinsamkeiten suchen, unabhängig von nationalen Zugehörigkeiten.

Das ist eine schöne Vision – sehen Sie eine Chance, dass sie jemals umgesetzt werden wird?
Der Hurrikan „Katrina“ hat gezeigt, wie solch eine solidarische Welt aussehen könnte. Wenn man sich vorstellt, dass arme Länder wie Sri Lanka jetzt Hilfeleistungen in die überschwemmten Gebiete der USA schicken – ist das nicht großartig? Die Vereinigten Staaten haben bisher in einer Welt der Arroganz gelebt, sie glaubten, die absolute Macht zu haben, alles zu können und mit allem fertig zu werden. Aber es ist offenbar geworden, dass wir alle auf Solidarität angewiesen sind. Kein Land kann ohne diese Solidarität überleben. Das ist auch der Schlüssel für die Bekämpfung des Terrorismus: Bisher hat die Bush-Regierung so getan, als könnte sie die Probleme des Terrorismus allein lösen, doch gelingen kann das nur durch die Solidarität aller Nationen.

Mexiko war lange ein Zufluchtsland politisch Verfolgter – zunächst während des Spanischen Bürgerkrieges, später in der McCarthy-Ära. Hat das Ihr politisches Bewusstein geprägt?
Oh ja, sehr stark sogar. Viele meiner wichtigsten Lehrer an der philosophischen und an der juristischen Fakultät der Universität von Mexiko-City waren politische Flüchtlinge aus dem Spanien Francos, zum Beispiel der Philosoph José Gaos. Außerdem kamen berühmte Künstler wie der Regisseur Luis Buñuel zu uns. Und auch die Exilanten während der McCarthy-Ära haben mich stark beeinflusst. Alle diese Leute ermutigten meine Generation, weil sie unbeirrt Bücher schrieben und Filme machten, obwohl sie verfolgt worden waren. Wir haben – so bedauerlich das auch für diese Flüchtlinge war – von ihrem Unglück profitiert. Denn sie haben uns hautnah vermittelt, dass die großen künstlerischen Ideen wie Schönheit oder Freiheit sich auch dann noch behaupten, wenn totalitäre Regimes sie zu unterdrücken versuchen.

Zunächst hatten Sie die diplomatische Laufbahn eingeschlagen und waren in den siebziger Jahren Botschafter Mexikos in Paris. Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, in die Politik zurückzukehren?
Oh nein, streng genommen war ich auch kein Politiker, ich habe nur die Interessen meines Landes vertreten und mich nie darauf eingelassen, bestimmte politische Strömungen zu vertreten. Ich habe mich als Diener meines Landes empfunden, mehr nicht.

Dennoch waren Sie auch als Autor immer ein Homo politicus – finden Sie, dass Schriftsteller in der politischen Öffentlichkeit eine exponiertere Rolle spielen sollten?
Jeder Schriftsteller spricht zunächst einmal für sich selbst, und das kann er nur, wenn er für sich völlige innere Freiheit reklamiert. Die Verbindung von Kunst und Politik kann durchaus heikel sein, weil Politik oft mit Ideologie verwechselt wird. Ein Autor sollte sich daher keine politischen Fesseln anlegen, er darf niemals Sprachrohr oder Propagandist politischer Systeme sein. Seine Freiheit besteht darin, nicht letzte Wahrheiten behaupten zu müssen, sondern viele Facetten von Wirklichkeit und Wahrheit zuzulassen. Seine Freiheit ist das Recht auf den Zweifel. Im Laufe der Zeit wird sich dann schon erweisen, ob er besteht, auch in seiner politischen Wirkung – ob seine Stimme gehört wird oder ob er in Bedeutungslosigkeit versinkt. Der Autor selbst kann und sollte seine politische Rolle nicht selbst forcieren, er ist nur seiner Vorstellungskraft und seiner Sprache verpflichtet. Er muss sich selbst genügen, er baut ein eigenes poetisches System auf, und das wird dann aus sich selbst überzeugen und wirken oder nicht.

In Ihrer Rede beim Internationalen Berliner Literaturfestival haben Sie zwischen „Bestsellern“ und „Longsellern“ unterschieden und angemerkt, dass in der Literaturgeschichte die wenigsten Bücher, die zu ihrer Zeit erfolgreich waren, in den Kanon der Weltliteratur aufgenommen wurden. Sind die Rituale des heutigen Literaturbetriebs dann ephemer – Buchmessen beispielsweise?
Nein, überhaupt nicht. Buchmessen stellen eine Kontinuität her, durch sie werden immer wieder neue Leser erzeugt: Letztlich sind sie Werbeveranstaltungen für das Buch an sich. Und auch der persönliche Austausch zwischen Autoren, Herausgebern und Verlagen ist nicht zu unterschätzen – viele wichtige Projekte wären nie entstanden, wenn sich die Protagonisten des Buchmarkts nicht auf einer Buchmesse getroffen hätten.

Sie sind in einer Kultur aufgewachsen, in der das Erzählen eine große Rolle spielt. Ist diese Tradition bedroht durch die Mediatisierung des Erzählens via Kino und Fernsehen?
Meine eigene Großmutter hat mir noch hunderte von Geschichten erzählt, es waren die mythischen Geschichten meiner Familie, etwa, wie meine unerschrockene Urgroßmutter einmal einem Posträuber mit der Machete vier Finger abgehackt hat. Manchmal hat man in der Tat den Eindruck, dass die mündliche Überlieferung heute bedroht ist durch die starke Konkurrenz der Medien. Das ist verhängnisvoll, denn Imagination und Gedächtnis bedingen einander. Dennoch bin ich zuversichtlich: Solange es Großmütter gibt, werden sie ihren Enkeln Geschichten erzählen, und die Enkel werden dadurch ein Bewusstsein für ihre Herkunft und ihre Kultur entwickeln.

In Ihrem Werk wechseln sich Romane und Essays ab, das Erzählende und das Analytische. Was macht für Sie den Reiz des Erzählens aus?
Wenn ich Romane schreibe, bin ich gleichsam der Chronist meines Unterbewusstseins. Daher entwickeln sich meine Romane nicht rational und schon gar nicht linear, sondern völlig ungeplant – jeder Tag kann neue, unerwartete Wendungen bringen. Das hängt von ganz anderen Dingen ab als von Verstand oder Intellekt. Es geht um die Frage: Wovon träume ich? Welche Prozesse spielen sich unbewusst ab? Das ist ein äußerst mysteriöser Vorgang, über den ich ehrlich gesagt gar nicht genauer nachdenken will, ich möchte nicht an dem Zauber rühren. Die Magie des Schreibens liegt darin, dass man niemals voraussagen kann, was sich auf der nächsten Seite ereignen wird.

Sie selbst sind als junger Mann einem Meister des Romans begegnet: Thomas Mann.
Man kann kaum von einer Begegnung sprechen, und doch werde ich dieses gleichermaßen zufällige wie magische Zusammentreffen niemals vergessen. Ich war zum ersten Mal in Europa und ging in Zürich in die „Bar au lac“, um zu Abend zu essen. Plötzlich sah ich, dass am Nebentisch Thomas Mann saß, zusammen mit drei älteren Damen. Ich war sprachlos: Da saß der Schöpfer des „Zauberbergs“! Leibhaftig, direkt neben mir! Niemals hätte ich gewagt, ihn anzusprechen – ich war gerade mal zwanzig Jahre alt und fühlte mich äußerst bedeutungslos. Mit einem Wort: Ich erstarb vor Bewunderung – und wer weiß, vielleicht beschloss ich in diesem Moment wirklich ernsthaft, ein Schriftsteller zu werden.

Das Gespräch führte Christine Eichel

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