Wildes Denken - Chopins Ohrwurm am Amazonas

Geistes-Aristokrat im Urwald, Ökologe der ersten Stunde: Zum 100. Geburtstag des Ethnologen Claude Lévi-Strauss

The pants or the books?», Hosen oder Bücher, das wurde der französische Gastprofessor in den achtziger Jahren einmal von einem kalifornischen Kellner gefragt, der immerhin gebildet genug war, um überhaupt die beiden Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Der Professor – er machte in Büchern – hieß Claude Lévi-Strauss und hatte einen Tisch auf seinen Namen bestellen wollen. Die Namensgleichheit mit einem weltbekannten Hosenfabrikanten verfolgte den Ethnologen bereits seit Jahrzehnten wie ein Fluch. Schon während des Zweiten Weltkriegs, als er im amerikanischen Exil an der New School for Social Research in New York unterrichtete, riet man ihm, fortan den Namen Claude L. Strauss zu verwenden, um modisch bewanderten Studenten eine unnötige Irritation zu ersparen. Seitdem, so berichtet Lévi-Strauss in seiner Autobiografie «Das Nahe und das Ferne», sei kaum ein Jahr vergangen, in dem ihn nicht zumindest einmal eine Jeans-Bestellung erreicht habe, meist aus Afrika.

Dass dieser Mann, der im Übrigen stets tadellos sitzende Anzüge der klassischen Art trug, noch lebt, grenzt an ein biologisches Wunder. Claude Lévi-Strauss wird am 28. November 100 Jahre alt und hat seine wissenschaftlichen Weggefährten längst überlebt. So ist sein Generationsgenosse Sartre, Frankreichs Intellektueller schlechthin, schon seit bald dreißig Jahren tot. Aber auch die Nachkommen der folgenden Generation – darunter Gilles Deleuze, Jacques Derrida, Jean Baudrillard, Jean-François Lyotard oder Michel Foucault, die prominentesten französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts – können ihm nicht mehr persönlich gratulieren. Es ist einsam geworden um diesen Jahrhundertdenker. Er ist für niemanden zu sprechen und hat seine Pariser Wohnung im 16. Arrondis­sement in letzter Zeit nicht mehr verlassen.


Die Kopfgeburt eines Herzlosen?

Claude Lévi-Strauss kann als größter Ethnologe der Gegenwart gelten. Wie sehr sein Werk aber die Grenzen dieser wissenschaftlichen Fachdisziplin sprengt, davon zeugt «Traurige Tropen» (1955), sein vielleicht berühmtestes Buch, aber auch «Der Blick aus der Ferne» (1983); diese Titel legt sein deutscher Verlag aus Anlass des Jubiläums nun neu auf. Zudem belegt der Sammelband «Wirkungen des wilden Denkens» die Vielgestaltigkeit der Rezeptionsgeschichte. In Frankreich erhielt Lévi-Strauss sein schönstes Geburtstagsgeschenk bereits im Sommer: Der Verlag Gallimard brachte eine repräsentative Auswahl seines Werks in der «Bibliothèque de la Pléiade» heraus – eine Edition, in die kaum ein Autor schon zu Lebzeiten aufgenommen wird.

Claude Lévi-Strauss, das zeigt die heutige Lektüre, ist ein Denker von großer aktueller Bedeutung und muss noch immer gegen einige hartnäckige Vorurteile verteidigt werden. Der von ihm erfundene Strukturalismus, so heißt es häufig, sei nicht nur geschichtsfeindlich, sondern auch vergeistigt und kalt – und am Ende sogar auf die Abschaffung des Menschen bedacht. Lévi-Strauss, der sich bei Roman Jakobson in linguistischer Systematik geschult hatte und seit den 50er Jahren mit den Theorien der frühen Kybernetiker auseinandersetzte, ist nicht zuletzt von rivalisierenden Ethnologen unter den Verdacht eines generellen Empathie-Defizits gestellt worden.

Treffen solche Vorbehalte zu? Sind zum Beispiel die «Traurigen Tropen» die Kopfgeburt eines womöglich herzlosen Hermetikers? Unübersehbar versteht sich der Strukturalismus, den der Autor in diesem schönsten seiner Bücher deutlich wie nirgendwo anders definiert hat, als ein umfassendes Erkenntnissystem: «Die Gesamtheit der Bräuche eines Volkes», stellt Lévi-Strauss fest, «ist stets durch einen Stil gekennzeichnet; sie bilden Systeme. Ich bin davon überzeugt, dass die Anzahl dieser Systeme begrenzt ist und dass die menschlichen Gesellschaften genau wie die Individuen – in ihren Spielen, ihren Träumen, ihrem Wahn – niemals absolut Neues schaffen, sondern sich darauf beschränken, bestimmte Kombinationen aus einem idealen Repertoire auszuwählen, das sich rekonstruieren ließe.»

Der Werkzeugkasten, mit dem Lévi-Strauss sich an die Rekonstruktion solcher Systeme machte, enthielt ein aufgeräumtes Sortiment immer wiederkehrender Begriffe: Zeichen, Code, Transformation, Opposition, Kommunikation, Metapher und Metonymie – mit solchen Strukturmomenten erklärte der Ethnologe sein Material. Zirkulärer Frauentausch, Totemismus, Heiratsregeln, Verwandtschaftsverhältnisse und Ursprungsmythen wurden so zu Elementen eines einzigen Großen und Ganzen.


Pflanzen wie Tänzerinnen

Die systematische Strenge dieses Denkens erklärt aber nicht den ungeheuren Erfolg, den der Autor mit seinen «Tristes Tropiques» auch bei einem breiteren Publikum feierte. Offenbar kann man bis heute – das zeigte gerade erst eine umfassende Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau – von den Tropen nicht sprechen und dabei von Lévi-Strauss schweigen. Dass seine Beschwörung unserer elementaren Formen und kulturellen Ursprünge im schwülen Dickicht des Regenwalds so sehr verfängt, hat wohl auch mit dem unterschwelligen Pathos dieses zuweilen höchst literarischen Autors zu tun: «Eine Pflanzenschar gleich einer Truppe riesengroßer Tänzerinnen, von denen jede ihre Bewegung in der sinnfälligsten Gebärde hatte erstarren lassen, wie um eine Absicht zu verdeutlichen, die offenkundiger wäre, hätte sie vom Leben nichts mehr zu befürchten; ein regloses Ballett, einzig vom mineralischen Beben der Quellen durchzittert …» Lévi-Strauss hat die Tropen und zugleich die gesamte Ethnologie der Gegenwart auf einen elegischen Grundton gestimmt.

Das Buch entstand auch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs und noch frischer Erinnerungen an Vertreibung und Exil. Er habe sich «als gehetztes Wild, auf der Flucht vor dem Konzentrationslager» gefühlt, so beschreibt Lévi-Strauss zu Beginn des ersten Kapitels den Moment vor seiner Ausschiffung nach New York 1941. Als Sohn französisch-jüdischer Eltern – sein Großvater war Rabbiner in Versailles – hatte er bei Kriegsbeginn zunächst in der Armee gedient und dann versucht, als Philosophie­lehrer zu arbeiten. Das Vichy-Regime lehnte sein Gesuch ab, und dank eines Plans der Rockefeller Foundation zur Rettung europäischer Gelehrter gelang ihm die Flucht in die Vereinigten Staaten. «Traurige Tropen», dieser (wie der Kunsthistoriker Werner Spies einmal formulierte) «europäische Katastrophenbericht», erzählt implizit von einem generellen Misstrauen in die Zukunftsversprechen der westlichen Moderne. Wo der Verlust von Urtümlichkeit droht, scheinen Lévi-Strauss auch die Errungenschaften der bürgerlichen Hochkultur in ihren Grundfesten gefährdet. Seine Auffassung eines nahtlos zusammenhängenden Formengebildes bedeutet, dass bereits im Rudimentären und Anfänglichen alles Weitere enthalten ist. Fortschritt gibt es nicht; «der Mensch hat sich seit Jahrtausenden immer nur wiederholt».


Eine unwillkürliche Erinnerung

So berichtet Lévi-Strauss, der noch im Zuge seiner exotischen Feldforschung am Amazonas stets ein durch und durch gebildeter Geistesaristokrat und Europäer blieb, von seltsam verschalteten Wahrnehmungen. «In dem Maße, in dem die Menschen und Landschaften, die zu erobern ich ausgezogen war, die erhoffte Bedeutung verloren, sobald ich sie vor mir sah, traten an die Stelle dieser enttäuschenden, wie auch immer präsenten Bilder andere, die meine Vergangenheit vorrätig hielt und denen ich keinerlei Wert beigemessen hatte, solange sie noch zu der Realität gehörten, die mich umgab.»

Nicht nur, dass ihm in den abgelegenen Winkeln Lateinamerikas im Stile einer Proust’schen mémoire involontaire plötzlich südfranzösische Landschaften vors innere Auge treten – während der Wanderung durch eine brasilianische Hochebene muss er feststellen, dass ihn ein Ohrwurm, genauer gesagt die Etüde op. 10, Nr. 3 von Chopin, nicht mehr loslässt. Hatte er aber nicht gerade diese Melodie wegen ihrer offenkundigen Banalität bislang gehasst und generell dem kompositorisch komplexeren Debussy den Vorzug vor Chopin gegeben?

Angesichts einer Landschaft, in der kein Mensch außer ihm je auch nur ein Klavier zu Gesicht bekommen hatte, erschließt sich dem Reisenden plötzlich der Wert des einfacheren Musikstücks: «Die Genüsse, um derentwillen ich Debussy den Vorzug gab, fand ich nun bei Chopin, jedoch gleichsam als Andeutungen, in noch unsicherer und so verhaltener Form, dass ich sie anfangs nicht bemerkt hatte und direkt zu ihrem sichtbarsten Ausdruck weitergegangen war. Nun vollzog ich einen doppelten Fortschritt: indem ich mich in das Werk des älteren Komponisten vertiefte, enthüllte es mir Schönheiten, die jenem verborgen bleiben müssen, der nicht zuerst Debussy gekannt hat.»

In Miniaturen wie dieser ist wie in einer prismatischen Bündelung das gesamte Denksystem des Ethnologen enthalten. Lévi-Strauss erscheinen Natur und Kultur ebenso unmittelbar miteinander verknüpft wie die Gegenwart mit einer unvordenklichen Vergangenheit. So erklärt sich auch der Doppelsinn seines 1962 in Frankreich erschienenen Buches «La Pensée Sauvage». Während in deutscher oder englischer Übersetzung nur das «Wilde Denken» übrig blieb und so ein Stück Natur aus dem Reich der ethnologischen Reflexion verschwand, verstanden frankophone Leser, warum eine Blumendarstellung den Buchumschlag der Originalausgabe zierte: pensée sauvage heißt auch «wildes Stiefmütterchen».

Wohl weil Claude Lévi-Strauss in der Natur die Grammatik einer Ordnung aller Dinge erkannte, reagierte er so sensibel auf die frühen Anzeichen ihrer Zerstörung. «Wir tragen», so mahnte er vor mehr als fünfzig Jahren, «die Verantwortung für das Verbrechen, die Neue Welt, die nicht die unsrige war, zu zerstören. Es wird keine andere Welt mehr geben.» Wo er sich bitter über verschandelte Küstenstreifen und über die menschenverschuldete Erosion im Amazonasbecken beklagt, ist Lévi-Strauss, der in Kultur- und Geschmacksfragen ansonsten konservative Aristokrat, ein Ökologe der ersten Stunde. In dieser Hinsicht ist sein Werk leider aktueller denn je. Lévi-Strauss hat vieles vorweggenommen, was später die Studenten- und Ökologiebewegung auf die politische Agenda setzte. Viele dieser Leute trugen Bluejeans. Mit denen aber hatte der Universaldenker und Buchautor nichts zu tun.

 

Stefanie Peter, Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin, lebt als freie Autorin in Berlin. 2007 erschien «Alphabet der polnischen Wunder. Ein Wörterbuch»

 

Claude Lévi-Strauss
Traurige Tropen
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Mit Bildern von Mimmo Paladino.
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 541 S., 38 €

Der Blick aus der Ferne
Aus dem Französischen von Hans-Horst Henschen und Joseph Vogl. Mit Bildern von Anita Albus. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 429 S., 15 €

Mythologica
4 Bände. Aus dem Franzö­si­schen von Eva Moldenhauer.
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 2545 S., 68 €

Michael Kauppert, Dorett Funcke
Wirkungen des wilden Denkens. Zur strukturalen Anthro­pologie von Claude Lévi-Strauss
Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 446 S., 14 €

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