Rumänischer Berlinale-Sieger - Viel mehr als ein Porno

Bei der digitalen Berlinale ist die rumänische Satire „Bad Luck Banging or Loony Porn“ mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden. Ein würdiger Gewinner - aber die hitzigen Diskussionen über das Werk werden hoffentlich nachgeholt.

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Katia Pascariu als Emi in „Bad Luck Banging or Loony Porn“ / picture alliance/dpa/microFilm/Berlinale | Silviu Ghetie

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Jens Hinrichsen ist Redakteur bei „Monopol“ 

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Die ersten zehn Minuten sind krass, nämlich einfach ein billiger, expliziter Porno. Würde „Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“ (Übersetzungsversuch: „Unglückliches Bumsen oder verrückter Porno“) in diesem Exploitation-Modus bleiben, müsste man sich schon sehr über den Bärensieg des rumänischen Beitrags wundern. Aber Radu Jude, der Regisseur des Films, hat es natürlich faustdick hinter den Ohren. Wer sich hier aufregt und nicht rausgeht – in dieser Covid-Notberlinale: das Streaming stoppt – muss sich Heuchelei vorwerfen lassen.

Die weitere Geschichte geht so: Auf dem Sexvideo, das unbedacht hochgeladen wird und dann viral geht, sind eine Lehrerin und ihr Mann zu sehen. Emi (stark: Katia Pascariu) versucht vor dem unausweichlichen Elternabend noch verzweifelt, die Verbreitung des Pornos zu stoppen. Die Abendveranstaltung in der Schule wird zum Tribunal mit vorwiegend entrüsteten Eltern, die über Emis berufliche Zukunft abstimmen. Eigentlich handelt es sich um mehrere Filme in einem. Jude zeigt zunächst Straßenszenen aus Bukarest im vergangenen Corona-Sommer. Gesichtsmasken, Alltag, Hektik, viel Aggression und blanker Hass. Dazwischen eine genervte Emi, die per Handy Schadensbegrenzung versucht. 

„Das Kino ist Athenas poliertes Schild“

Anschließend schiebt Jude einen Bilderbogen „Short dictionary of anecdotes, signs, and wonders“ dazwischen, eine Montage, in der es scheinbar um ganz andere Dinge geht, um Geschichte und Symbole. Aber auch um Medusa und ihren tödlichen Blick, Medusa, die von Perseus nur deshalb besiegt werden konnte, weil er das Monstrum nur indirekt, im reflektierenden Schild der Göttin Athene ansah. „Das Kino ist Athenas poliertes Schild“, sagt ein Zwischentitel: Wir können den wahren Horror, die auf uns zurollende wirkliche Gefahr, nur indirekt erkennen – auf der Leinwand.

Dieses Credo des rumänischen Filmemachers muss man im Hinterkopf behalten, wenn sich die Eltern im dritten, als theatralische Farce inszenierten Teil die Köpfe über Emi heiß reden, als wären die Lehrerin und ihr versehentlich in Schülerhände gelangtes Privatvideo ein echtes Problem. Die tiefergehenden Schieflagen, die dahinter versteckt sind, macht „Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“ en passant sichtbar, indem er uns eine aus dem Ruder geratende postsozialistische Gesellschaft zeigt, in der Konsumismus und reaktionäre Haltungen auf merkwürdige Weise koexistieren.

Das Werk ist ein kühner Mix aus Spielhandlung und Dokumentation, Essayfilm und Satire, ein würdiger Gewinner einer Berlinale ohne Publikum. Wären die Säle voll gewesen, hätte es gewiss hitzige Diskussionen über diesen Film gegeben. Hoffentlich lässt sich das im Sommer nachholen.

Dieser Text erschien zuerst im Monopol Magazin.


Weitere Gewinner der digitalen Berlinale:

Silberner Bär, Großer Preis der Jury: Guzen to sozo“ (Wheel of Fortune and Fantasy) von Ryusuke Hamaguchi

Silberner Bär, Preis der Jury: Herr Bachmann und seine Klasse von Maria Speth

Silberner Bär für die beste Regie: Dénes Nagy für Természetes fény (Natural Light)

Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Maren Eggert in Ich bin dein Mensch von Maria Schrader (eine Rezension lesen Sie hier)

Silberner Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Lilla Kizlinger in Rengeteg – mindenhol látlak (Forest – I See You Everywhere) von Bence Fliegauf

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Hong Sangsoo für Inteurodeoksyeon (Introduction)

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Yibrán Asuad für die Montage von Una película de policías (A Cop Movie) von Alonso Ruizpalacios

Walter Bühler | So, 7. März 2021 - 14:22

Irgendwie ist es süß und naiv, zu glauben, nackte Haut und nackter Sex hätten heutzutage noch irgendetwas provozierendes an sich.

Geil-??, und: Ach, wie aufregend!!!!! - Sex als Zwischenwelt zwischen Schülern und Lehrern. Da kann man doch nur noch gähnen.

Es soll auch heute noch Theater- und Opernregisseure geben, die das immer noch glauben, und die aller-diversesten Nackedeis hübsch aufgeregt durch die Gegend hopsen lassen.
Total öde und langweilig.

Nein, nach dieser Kritik verzichte ich trotz goldenem Bär auf den Film, und lobe mir meinen Barneby am Montag Abend, da ist wenigstens wirklich was los. Oder einen ordentlichen Western aus der Mediathek.

schön, dass wir solche Sender wie ZDF-Neo und die ganzen öffentlichen Mediatheken haben.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Sie bei den Privaten extra blechen müssen, wenn Sie dort eine Wiederholung schauen möchten?
Da lobe ich mir doch die Öffentlichen!

Allerdings, was Barnaby angeht - der ist ja nett anzuschauen, aber mittlerweile übertreibt es das ZDF ziemlich mit den Wiederholungen...
Da weiss man ja schon, wer der Täter ist, wenn man nur den Titel ließt..

... stimmt, wird sehr oft wiederholt. Ach, da kann man ruhig sein überlastetes Gedächtnis etwas rasten lassen, und sich einfach an den Gärten, an den europäischen Wäldern ohne Wölfe, den alten Wirtshäusern, und vor allem an gut gekleideten und mit Sprachwitz begabten Ermittlern erfreuen. Früher war ich mal begeisterter Tatort-Fan, aber die haben sich für meinen Geschmack längst tot modernisiert und inzwischen jeden Humor und jede Zuversicht verloren.

Geblecht habe ich noch nie, ich sehe kein Privat-Fernsehen. Das überlasse ich den nächsten Generationen. Und natürlich - ich verstehe in Wahrheit auch nichts von Filmen. Insofern wäre mir ein gut arbeitender ÖRR am liebsten.

Kurt Kuhn | Mo, 8. März 2021 - 17:00

„Barbarealǎ“ bedeutet so etwas wie Barbarei.
„(cu) balamuc“ bedeutet (mit) Narren-Irren-Tollhaus, Klappsmühle, für`s Narrenhaus reif sein, wüstes Durcheinander.
„(sau) bucluc“ bedeutet (oder) Verdruss, Ärger, Verwicklung, Patsche, Klemme.
Eigentlich 'Durch primitives Handeln in Teufels Küche geraten oder Porno mit ärgerlichen Folgen'.
Rumänien ist immer für ein postsozialistisches Beispiel gut: Menschenhandel, Zwangsprostitution, schwere Einbrüche und Diebstahl in Westeuropa, Betrugsformen aller Art, Kleinkriminalität, Tierquälerei, Umweltverpestung, extreme Korruption, billiges Politiktheater, usw...
Das einfache Volk geht heute vielen Betrügern auf den Leim, arbeitet in Schlachthäusern, auf Baustellen, Äckern und in Bordellen in Westeuropa oder versinkt vor Ort in Rumänien im Elend.