Itten und Klee - Farbe und Form verbindet die Künstler

Johannes Itten und Paul Klee waren nie besonders befreundet. Vieles haben sie aber gemeinsam. Beide wuchsen im schweizerischen Kanton Bern auf, beide Künstler beschäftigen sich mit Farben und Formen. Die stehen auch im Mittelpunkte der im Berliner Martin-Gropius-Bau eröffneten Ausstellung „Itten - Klee. Kosmos Farbe“ 

Paul Klee: Nach Regeln zu pflanzen
Martin-Gropius-Bau

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Lilith Frey war Moderedakteurin bei Annabelle und Cash und wurde mit dem Ringier-Journalistenpreis ausgezeichnet. Heute arbeitet sie als freie Journalistin in Berlin.

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Es ist nicht der rote Pullover, sondern das Rot des Pullovers. Es könnte auch das Rot eines Steins oder einer Badewanne sein. Mittelpunkt der soeben in Berlin eröffneten Ausstellung „Itten - Klee. Kosmos Farbe“ sind die Farbe und die Form - nur nicht der Gegenstand, den wir Pullover, Stein oder Badewanne nennen.

Der Schweizer Johannes Itten (1888-1967) aus bäuerlichem Umfeld im Berner Oberland, gilt als Begründer der Farbtypenlehre. Er erkannte: „Ohne Farbe keine Form, ohne Form keine Farbe. Form und Farbe sind eins.“ 1919 berief Walter Gropius ihn zum Lehrer an das Bauhaus in Weimar. Ittens Hinwendung zur internationalen Mazdaznan-Tempelgesellschaft schloss ihn 1923 aus der Bauhausgemeinschaft aus. [[nid:54331]]

Der Deutsche Paul Klee (1879-1940), aufgewachsen in Bern, stammt aus bürgerlichen Verhältnissen. Die Systematik der Farbe studierte er erst am Bauhaus. Auf Empfehlung Ittens holte ihn Gropius 1923 als Meister. Die Farbe als eigenständige Kraft hatte Klee schon 1914 erfahren. Auf seiner Tunisreise gewahrte er das Licht des Südens als Offenbarung „die Farbe hat mich... das ist der glücklichen Stunde Sinn...ich und die Farbe sind eins...ich bin Maler.“

Die Wege, die Klee und Itten fanden, um Farbe und Form aus dem Korsett der Begriffe zu lösen, ihnen Raum zu geben und sie lebendig zu machen, lassen sich in der Ausstellung „Itten-Klee. Kosmos Farbe“ mit Genuss verfolgen. Skizzen, Papierarbeiten, Gemälde und Handschriften erzählen die Geschichte von der Befreiung der Abbildung zur Abstraktion.

Die Farben und Formen marschieren, laufen oder wirbeln in engster Umarmung. Niedliche Farbkästchen, verschlungene Farbstraßen, gezirkelte Farbreihen. Im Gegensatz zu den abstrakten Bildern sind die Titel konkret. „Clown“ von Itten ist ein wildes Strich- und Farbgewitter. In Klees „Schlucht in den Alpen“ türmen sich pastellfarbene Quader zur Steilwand. Ittens „Figur im Garten“ versammelt die Großfamilie der grünen Töne. Paul Klees „Harmonie der nördlichen Flora“ würde als Malkasten für Augenschatten Dior oder YSL alle Ehre machen.

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Ittens Farbenlehre lebt fort in den Kunstschulen. Die Industrie hat sie sich zunutze gemacht. Kosmetikbranche, Textilbranche und professionelle Trendscouts bedienen sich seiner Lehre. Sie basiert auf sieben Farbgesetzen, im Ursprung von seinem Lehrer Adolf Hölzel formuliert. Dabei spielen Gegensätze wie Kalt und warm, Hell und dunkel, Quantität und Intensität eine Rolle.

Paul Klee zählt mit Picasso zu den Grossen der klassischen Moderne. Seine Gemälde, Graphiken, Zeichnungen erzielen auf Auktionen Höchstpreise. Auf den ersten Blick wirken sie manchmal naiv, fast kindlich. Bei genauerem Betrachten erkennt man die ausgefeilte Technik und spürt die intensive Gedankenarbeit.

Johannes Itten und Paul Klee wuchsen beide im Kanton Bern auf. Beide wirkten in Deutschland bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Itten geht nach Zürich, wird Direktor des Kunstgewerbemuseums und der Kunstgewerbeschule, heute Zürcher Hochschule der Künste. Von 1952 bis 1956 leitet er das Rietberg Museum. 1964 erhält Itten eine Retrospektive im Zürcher Kunsthaus. 1966 vertritt der die Schweiz zusammen mit dem Bildhauer Walter Linck bei der 33. Biennale in Venedig. 1967 stirbt er in Zürich.[[nid:54331]]

Paul Klee, Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, emigriert 1933 nach Bern. 1935 ehrt ihn das Berner Kunstmuseum mit einer Retrospektive. Zwei Jahre später zeigt die Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 17 Werke von Klee. Schwer erkrankt an Sklerodermie, erholt sich Klee jedoch und es gelingt ihm 1939 die enorme Zahl von 1253 Werken schaffen. Er beantragt die Schweizer Staatsbürgerschaft. 1940 richtet ihm das Zürcher Kunsthaus eine Retrospektive aus. Im gleichen Jahr stirbt Paul Klee in Locarno, Schweizer Staatsangehöriger war er nicht mehr geworden.

Eine Freundschaft zwischen Itten und Klee gab es nicht. Ihre Wege kreuzten sich nur kurz. Verbunden hat sie die Befreiung der Farbe und der Form.

Martin-Gropius-Bau „Itten. Klee. Kosmos Farbe“, bis 29. Juli. Katalog 20 Euro.

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