68er-Debatte - „Abgeschlossen sind die Kämpfe noch lange nicht“

Die 68er-Bewegung nahm an den Universitäten ihren Anfang. Vieles wurde dort verändert, doch perfekt ist unser Bildungssystem keineswegs, schreibt Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann in ihrem Beitrag zur Cicero-Diskussion um die Studentenrevolte

Überfüllter Hörsaal der Uni Freiburg im Jahr 1969
Überfüllter Hörsaal der Uni Freiburg im Jahr 1969 / picture alliance

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Johanna Uekermann ist Bundesvorsitzende der Jungsozialisten (Jusos).

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Johanna Uekermann

Im Jahr 1968 war mein Vater gerade 20 Jahre alt. Er hat in Regensburg studiert und war Vorsitzender eines sozialistischen Studentenbunds. Sie haben den Regensburger Dom blockiert, Diskussionen geführt, protestiert. „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“ – man kennt das. Damals hat mein Vater für Bildungsgerechtigkeit, Mitbestimmung und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gestritten.

Die 68er-Generation hat vieles erkämpft – die Hochschulen haben sich geöffnet, das Bafög wurde eingeführt, die Aufarbeitung der Nazivergangenheit endlich angegangen. Die 68er haben die verkrustete Bundesrepublik aufgebrochen. Als ich knapp 40 Jahre später selbst einen Hörsaal im Zuge der Bildungsproteste besetzt habe, drängten sich natürlich Assoziationen zu den Protesten von damals auf. Denn abgeschlossen sind diese Kämpfe noch lange nicht. Auch heute noch ist Bildung stark abhängig vom Elternhaus, die große Mehrheit der Professoren sind Männer, und viele Studierende sind im Studium extremem Druck ausgesetzt. Die 68er haben gezeigt, dass sich das Bestehende verändern lässt – wenn man es gemeinsam politisch erkämpft.

Juni-Ausgabe

 

Dies ist ein Beitrag aus der Juni-Ausgabe des Cicero, in der Protagonisten, Gegenspieler, Abtrünnige und Nachgeborene ihr Urteil über die 68er-Generation fällen. Auch unsere Leser laden wir herzlich ein, an der Debatte teilzunehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ewald Knülle | Mo, 31. Juli 2017 - 16:12

"Die 68er-Generation hat vieles erkämpft – ... die Aufarbeitung der Nazivergangenheit endlich angegangen. Die 68er haben die verkrustete Bundesrepublik aufgebrochen."

Hochhuths "Stellvertreter", Ledigs "Stalinorgel", Filme wie "Blumen für den Staatsanwalt", noch mehr die Auschwitz-Prozesse ab Anfang der 60er sowie die Selbstentbräunung deutscher Redaktionen - u.a. der ZEIT - sind Indiz genug, festzustellen: Die "Aufarbeitung der Nazivergangenheit" wurde beileibe nicht zuerst von privilegierten Studenten mit Vorliebe für Drittweltdiktatoren angegangen.

Bernhard Kopp | Mo, 31. Juli 2017 - 17:19

Die Freiheit ist immer irgendwie bedroht und muss deshalb auch immer wieder ein Stück erkämpft werden. Sehr vieles, was vor 40-50 Jahren als Befreiung/Emanzipation daherkam, war es vielleicht auch 'im Prinzip', hat aber wieder neue Unfreiheiten/Abhängigkeiten hervorgebracht. Wir sind auf dem 'Weg zur Knechtschaft' (Hayek) sehr gut vorangekommen.

Auch in Deutschland haben wir weder "Freiheit" noch "Sozialismus", denn unsere sogenannte "Demokratie" ist eigentlich eine Schimäre.
So lange es keine Wirtschaftsdemokratie, also die wirkliche Mitbestimmung aller in Unternehmen und Betrieben, gibt, so lange bleibt unsere Demokratie unvollständig. Es kann und darf nicht sein, daß die große Mehrheit das Sozialprodukt erarbeitet, während eine kleine Minderheit, die Oberschicht, den Profit (Gewinn) für sich behält.
Von einem "Demokratischen Sozialismus", der ja demokratisch-selbstbestimmte Strukturen schaffen würde, sind wir immer noch meilenweit entfernt. Also0 muß der Kampf weitergehen, wobei die sich gerade die Jungsozialistinnen und Jungsozialisten als handzahm erweisen, also insbesondere eine Karriereorganisation der SPD verkörpern.
Schließlch war auch Gerhard Schröder einst ein wortgewaltiger Jungsozialist, später dann aber ein bekennender "Steigbügelhalter des Großkapitals". Schade.

Ruth Müller | Mo, 31. Juli 2017 - 18:42

...
zwischen denen die zahlen und denen die empfangen stimmt wird es auch Fortschritt geben - das ist nicht nur den Wünschen der auf Alimentierung hoffenden gezollt.

Politisch andere zu diskreditieren und Liebe erhoffen ist kein ehrenhaftes Spiel.

Peter Wagner | Mo, 31. Juli 2017 - 21:08

dass ein Student "Druck" ausgesetzt ist, dann frage ich mich, wie sich die Autorin ein angemessenes Studium vorstellt.
Vielleicht nachts dumme Sprüche auf Häuser anderer Leute sprühen, morgens lange ausschlafen, dann in die Mensa gehen. Nachmittags zehn Seiten Gendertexte lesen, die Seminararbeit aus dem Netz zusammenkopieren und abends Trommeln mit "Flüchtlingen".
Das reicht aus ihrer Sicht wohl zur Sicherung des Wohlstandes in unserem Land.

die Dame ist Juso-Vorsitzende und Berufsfunktionärin. Die leben n i c h t nach dem Motto "erstmal lernen wir etwas und danach schauen wir, ob in der Welt etwas zum Guten, zum Nutzen aller Menschen verändert werden muß und wenn ja, was und wo". Denn der jetzige Job hat den großen Vorteil, er wird von denen bezahlt, die man verändern will.

Haben Sie schon mal eine dieser Gestalten gesehen, die sich für Rechte von Frauen bei Muslimen einsetzen?

Die nach Afrika fahren - auf eigene Kosten - und gegen Beschneidungen kämpfen?

Die in Afrika Hilfe zur Selbsthilfe praktizieren?

Wie wir unser eigenes Land künftig finanzieren wollen, wenn der Bildungsstandard dank der Roten und der Grünen immer weiter absackt?

Das alles können die nämlich garnicht. Denn außer als Funktionär große Töne spucken und von Steuergeldern zu leben, können diese Herrschaften nichts.

helmut armbruster | Di, 1. August 2017 - 07:20

den Menschen dieser "verkrusteten" BRD ist es immerhin gelungen das total zerstörte Land wieder aufzubauen, zu Wohlstand zu gelangen und zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufzusteigen (aus Ruinen).
Ich sehe darin nach wie vor eine gewaltige Leistung dieser Generation.
Dagegen haben die 68iger nichts geleistet außer Verkrustungen aufbrechen, demonstrieren und Hörsäle besetzen.
Und vergessen wir nicht sie haben auch Haschisch konsumiert und Mao-Tse-Tung und Ho-Tschi-Minh verehrt.

Jens Rudolf | Di, 1. August 2017 - 13:08

... extremem Druck ausgesetzt". Echt? Da verlangt man von denen doch nicht etwa in der Regelstudienzeit abzuschließen oder sogar in der Vorlesung anwesend zu sein?

Marcus Hallmoser | Di, 1. August 2017 - 13:32

"Die 68er-Generation hat vieles erkämpft – die Hochschulen haben sich geöffnet, das Bafög wurde eingeführt [...]."

Die Bildungsexpansion der 1960er in der BRD war ein verspätetes Ergebnis des Sputnikschocks, des Vorbildes der DDR Bildung, des die Fachkräfte der DDR einkerkernden Mauerbaus, der theoretischen Begründung eines Bildungsrechts für alle seitens des Konservativen Georg Picht und des Liberalen Ralf Dahrendorf und der sozialliberalen Regierung Willy Brandts, die das BAföG einführte. Die sogenannten 68er waren Nutzniesser all dessen.

Hinterlassen haben die 68er ruinierte Unis, eine akademische Schmalspurausbildung [Bologna-Bachelor] und Gender-Studies. Na Bravo!

Karin Zeitz | Di, 1. August 2017 - 14:02

um die 68er, der heute offensichtlich immer noch anhält, nervt mich. Wir, als Jugendliche in der DDR Aufgewachsenen, haben die damaligen Studentenrevolten als BRD-Luxusproblem und als Zeichen für westliche Freiheit begriffen. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass es die Gesellschaft wirklich auf einen guten Weg gebracht hat.

Josef Garnweitner | Mi, 2. August 2017 - 13:19

In reply to by Karin Zeitz

Sie haben es auf den Punkt gebracht. Es war ein Luxusproblem, aber kein Zeichen westlicher Freiheit, sondern ein Zeichen von Dekadenz.

Unter den Folgen wird Deutschland noch lange leiden - wenn sich das überhaupt jemals reparieren läßt. Siehe Baden-Würtemberg, das seit Grün/Rot und jetzt Grün/Schwarz in Sachen Bildung immer weiter abwärts fährt.

Helmut Stadler | Di, 1. August 2017 - 14:33

Ich war selbst ein 68er (1950 geboren) und habe 1969 bis 1973 studiert. Ich war pflichtschuldigst Mitglied in der JuSo und im Asta.
Mein Fazit: die 68er haben NICHTS Positives bewirkt. Wir waren nur eine Horde ideologisch verblendeter Dummschwätzer und Wichtigtuer die zumindest eines geschafft haben: den öffentlichen Dienst mit Altkommunisten zu überschwemmen (Zug durch die Institutionen) und unser Bildungssystem restlos zu ruinieren. Herzlichen Dank an meine ehemaligen Kumpane aus der 68er Bewegung.

Konrad Kugler | Di, 1. August 2017 - 14:59

Ich war damals 25 und mir stellte sich die Frage: Was wollen die Deppen eigentlich?

In der Rückschau klar erkennbar: Demoralisierung, Abwirtschaften, Staat ruinieren.

Wolfgang Lang | Sa, 5. August 2017 - 01:20

In reply to by Konrad Kugler

Und sie sind in diesen Tagen praktisch am Ziel.

Ruth Falk | Di, 1. August 2017 - 16:58

eines fleissigen Studenten: Joschka Fischer! Keinen Schulabschluss, mal in Vorlesungen der Frankfurter Schule eingeschlichen, aber mit Rabbatz es zum Minister gebracht, etliche Ehen später dafür die Tantiemen eingesammelt, kurz, er lebt wie die Made im Speck, ohne jegliche Gegenleistung. Und sowas soll ein Vorbild sein?
Ich ziehe fleissige Studenten vor, die sich zum Bafög auch noch was dazuverdienen, die haben keine Zeit für Blödsinn, aber werden in Zukunft die Führungskräft sein auf fester Wissensbasis.

Hans Page | Fr, 4. August 2017 - 12:21

Diesen Begriff würde ich dann doch gerne definiert sehen. Was soll das genau heißen? Ich habe damals gelebt und studiert, und so "verkrustet" waren auch damals die Zeiten nicht. 69-72 waren Willy Brandt Jahre, die insgesamt als Aufbruch verstanden wurden, aber auch Willy Brandt (und Herbert Wehner) wollte mit Kommunisten nichts zu tun haben, ergo Radikalen-Erlass. Das große Problem damals war die deutsche Einheit und wie die Versöhnung mit Russland/Polen. Übrigens: die "68er" bekämpften auch Willy Brandt.

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