"Revolutionäre Romantik"

Bahman Nirumand war als Autor des Bestsellers „Persien, Modell eines Entwicklungslandes“ ein Vorreiter der APO. Das ist über 30 Jahre her. Bettina Röhl traf den Exil-Iraner, einst mit ihrer Mutter befreundet, zu einem Gespräch über die 68er und den Iran.

Bahman Nirumand in seiner Berliner Wohnung
() Bahman Nirumand in seiner Berliner Wohnung
Lesen Sie hier die ungekürzte Fassung des Interviews mit Bahman Nirumand aus der Cicero Januar-Ausgabe 2005. Das Interview führte Bettina Röhl. Du stammst aus einer wohlhabenden Teheraner Beamtenfamilie, die schon sehr früh, sehr gute Beziehungen nach Deutschland hatte. Dein Onkel war vor dem 2. Weltkrieg persischer Konsul in Berlin. Er nahm seine deutsche Frau und auch seine Schwiegermutter, die du als Kind Mutti genannt hast, mit nach Teheran, als die iranischen Beziehungen zu Hitlerdeutschland sich ungünstig entwickelt hatten. Noch ein zweiter Onkel von dir kehrte damals mit seiner deutschen Frau zurück in die iranische Hauptstadt. Du selber bist 1952 mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Du hast dann in Deutschland auf einer Waldorfschule Abitur gemacht. Anfang der sechziger bist du als promovierter Literaturwissenschaftler nach Teheran zurückgekehrt. Dein Vater war ein enger Mitarbeiter des alten Schah und er war ein überzeugter Monarchist. Du selber bist noch während deiner Studienzeit in Deutschland zu einem engagierten Opponenten gegen den damals noch jungen Schah Reza Pahlewi geworden? Warum? 1953 war ich während der Sommerferien in Teheran und habe den Putsch gegen Mossadegh miterlebt. Mossadegh. war der einzige, demokratische Ministerpräsident, den wir in der jüngsten iranischen Geschichte kennen. Das große Vorbild… Ja. Die CIA hat gegen ihn putschen lassen. Sie unterstützte den für kurze Zeit nach Rom geflüchteten Schah und deswegen war ich schon sehr früh in meinem Leben gegen den Schah. Dann wurde mit Hilfe der Amerikaner ein Militärregime aufgebaut, es entstand eine buchstabengetreue Diktatur im Iran. Der Schah hat versucht die iranische Gesellschaft zu verwestlichen, aber die Verwestlichung war nicht die Adaption der demokratischen Ideen, was für mich die westlichen Werte ausmacht, sondern der Schah und die iranische Oberschicht nahmen nur die primitive Oberfläche, ich würde sogar sagen den Abschaum aus dem Westen an. Ich bin zum Beispiel zu Gesellschaften eingeladen worden, da waren alle Leute nackt. So etwas habe ich in Deutschland nicht erlebt. In Teheran gab es Familien, die sich auf Englisch oder Französisch unterhielten und sie nannten ihre Kinder Ann und Jack, die fanden alles Persische primitiv und wollten die Amerikaner und die Europäer nachahmen. Das fand ich grässlich. Das hat mir den Antrieb gegeben, dieses Regime bis an die Wurzeln zu bekämpfen. Unsere Gesellschaft wurde zersetzt und stattdessen kam keine Kultur, sondern eine Unkultur. Durch diese Politik des Schah ist es überhaupt möglich geworden, dass später die Islamisten an die Macht kamen. Es gab unter dem Schahregime eine Gesellschaft, die sich völlig nach dem Westen orientierte, die sogar wusste, wann die angesagten Filme in Paris, London oder New York liefen, aber über das eigene Land wussten sie nichts. Die zweite Gesellschaft, die breite Masse, war religiös, unwissend, die meisten waren Analphabeten. Diese beiden Gesellschaften standen sich völlig fremd gegenüber. Schon Ende der fünfziger Jahre hast du dich in Deutschland mit anderen iranischen Studenten gegen das Regime in Teheran geschlossen. Ich habe die Entwicklungen im Iran von meinem Studium in Deutschland aus mitverfolgt und wir Iraner, die hier im Ausland studierten, haben schon Ende der fünfziger Jahre eine iranische Studentenopposition gegründet. Die Person, an der wir uns orientierten war Mossadegh. Es waren auch welche beeinflusst vom sowjetischen Sozialismus, vom algerischen Befreiungskampf, von lateinamerikanischen Revolutionen. Es gab in Deutschland einige tausend Iraner, mit denen ich Kontakt hatte, wir haben uns organisiert, und 1960, bevor ich nach meinem Studium wieder zurück in den Iran ging, haben wir die Konföderation Iranischer Studenten (CIS/NU) in Heidelberg gegründet. Dann bekam ich sehr bald durch Beziehungen, die ich schon von Deutschland aus angeknüpft hatte – im Iran lief alles über Beziehungen – eine Dozentenstelle an der Teheraner Universität für das Fach Vergleichende Literaturwissenschaft. Ich versuchte ein fortschrittlicher Dozent zu sein und die Studenten zum selbstständigen Denken anzuregen, wie ich es aus Deutschland kannte. Das kam bei den Studenten an, aber nicht bei der Obrigkeit. Schließlich bekam ich ein Schreiben vom Militär und das hing ganz sicher mit meiner Arbeit zusammen. Ich musste eineinhalb Jahre Militärdienst tun und das waren die schlimmsten Jahre meines Lebens. Danach nahm mich die Universität nicht wieder als Dozent an. Ich war damals als Oppositioneller unbekannt, aber jedes kritische Wort galt dem Regime als Gefahr. So kam ich zu einer Stelle im Goethe-Institut in Teheran. Mitte der sechziger Jahre kam der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in den Iran. Wie war die erste Begegnung? Anfang 1965 war Hans Magnus Enzensberger im Goethe-Institut in Teheran als Gast eingeladen und es war meine Aufgabe ihn bei seiner Lesung mit einigen Worten einzuführen. Es war für mich eine Ehre. Auf einer anschließenden Cocktailparty kam Enzensberger auf mich zu. Er bedankte sich für meine Einführung und wollte mich gern richtig kennen lernen. Wir sind dann klammheimlich abgehauen und haben uns bis zum nächsten Morgen unterhalten. Ich erzählte ihm, was im Iran vor sich geht und er erzählte mir ganz viel von Deutschland. Es war sehr schön, unsere Unterhaltung begeisterte uns beide. Enzensberger wurde zu einer Schlüsselfigur für dich, wie kam es dazu? Er reiste für drei Tage nach Isfahan und sagte: Ich fliege da hin und ich würde mich riesig freuen, wenn Sie kommen würden, ich wohne in dem und dem Hotel, aber ich sagte, ich glaube nicht, dass ich kommen kann, weil ich unterrichten musste. Dann habe ich es doch so arrangiert, bin mit dem Auto nach Isfahan gefahren, das sind 400 Kilometer. Ich habe an seine Hoteltür geklopft und da hat er gesagt: Herr Nirumand, kommen Sie rein. Er wusste, dass ich es war. Wir haben uns zwei Tage lang Isfahan angesehen und dann ist er mit mir zusammen mit dem Auto zurück gefahren. Der Weg führt ein Stück durch die Wüste und irgendwann, es dämmerte, da sagte er plötzlich zu mir: Halt mal an! Inzwischen duzten wir uns auch schon. Dann ist er ausgestiegen, ging von der Straße weg, hat sich irgendwo hingesetzt und hat wie ein Wolf geheult. Das fand ich so toll, das ist mir sehr in Erinnerung geblieben. Und dann hat er mir gesagt, ich solle ein Buch schreiben, über den Iran. Sammle mal Unterlagen und bringe die nach Deutschland, ich suche für Dich einen Verlag, sagte er. Das hast du dann gemacht. Mit deinem ziemlich revolutionären Buch „Persien, Modell eines Entwicklungslandes“ bist du historisch punktgenau im linken, deutschen Medienestablishment gelandet. Enzensberger hat das Nachwort „Nacherinnerung“ zu deinem Buch geschrieben und sich mit dem Gedanken der Revolution in Persien und in Deutschland auseinander gesetzt. Ich habe ein Stipendium von der Alexander von Humboldt-Stiftung bekommen genau in dieser Zeit habe ich auch erfahren, dass eventuell eine Verhaftung von mir im Iran bevorstand und dann bin ich noch Ende 1965 schnell raus mit den Unterlagen, die ich hatte und erst dann hat Enzensberger für mich einen Verlag gesucht. Damals war Fritz J. Raddatz Lektor bei Rowohlt aktuell und dann habe ich angefangen das Buch zu schreiben. Durch Zufall ist dieses Buch dann wenige Wochen vor dem damals offiziellen Schahbesuch in Deutschland erschienen, im Frühjahr 1967. So habe ich auch Deine Mutter kennen gelernt. Ich war zu einem Vortrag in Hamburg eingeladen, um mein Buch über Persien vorzustellen, und als der Vortrag zu Ende war, kam Freimut Duve, der mich begleitet hatte, zu mir und sagte: „Ich will Dich mit Ulrike Meinhof bekannt machen“. Sie war damals eine Journalistin bei „konkret“. Freimut lud uns zu sich nach Hause zum Essen ein und Ulrike und ich haben dann die ganze Nacht im Wohnzimmer diskutiert. Freimut und seine Frau Gulna sind ins Bett gegangen und wir haben weiter geredet und als sie morgens aufstanden, saßen Ulrike und ich immer noch zusammen. Da haben wir alle zusammen gefrühstückt. Wenig später schrieb sie ihren Artikel über Persien, ihren „Offenen Brief an Farah Diba“, an die Frau des Schah in „konkret“. Dein Buch wurde ein Bestseller. Der Schah von Persien kam nach Deutschland, am 2. Juni bei den großen Anti-Schah-Demonstrationen in Berlin wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen. Du warst plötzlich mittendrin in der deutschen 68er-Bewegung und mit deinem Buch über Persien einer der geistigen Vorreiter der APO. Der erste Zufall war der, dass der Schah wenige Wochen nach Erscheinen meines Buches nach Deutschland kam. Der zweite Zufall war, dass die Freie Universität Berlin mich eingeladen hatte am Vorabend des Schahbesuchs einen Vortrag über den Iran zu halten. Das wurde angekündigt und sobald das angekündigt war, hat sich die iranische Botschaft an das Auswärtige Amt gewandt und gesagt, das geht nicht, dass am Vorabend des Schahbesuches in Berlin ein Oppositioneller redet. Der Berliner Senat wollte meinen Vortrag verbieten. Aber die Universität sagte, wir sind eine souveräne Einrichtung, wir lassen uns das nicht gefallen. Dadurch eskalierte alles. Die Zeitungen waren jeden Tag voll von Nachrichten: Kommt der Schah, kommt er nicht? Die Botschaft drohte mit einer Absage des Schah-Besuches. Dadurch wurde das Thema in den Medien hoch gekocht und das Ganze war die beste Werbung für mein Buch. Ich habe 150000-180000 Exemplare innerhalb weniger Monate verkauft. Der Artikel von Ulrike Meinhof mit dem „Offenen Brief an Farah Diba“, in dem sie sehr kritisch das Regime in Persien beschrieb, wurde an diesem Abend des 1. Juni an der Uni verteilt. Das Audimax war brechend voll, es war die größte Versammlung, die es bis dahin an der Universität gegeben hat. Man musste meinen Vortrag nach draußen übertragen, es waren 3000-4000 Leute. Ich treffe heute noch Leute, die mir sagen, sie sind erst durch dieses Buch politisiert worden. Welche Rolle spielte die iranische Konföderation, die du Ende der fünfziger Jahre mitgegründet hattest? Wir, also die iranische Konföderation, waren jetzt alle aktiv und wir hatten überall Demonstrationen organisiert, wo der Schah hinkam, in Hamburg, Bonn, Berlin und dabei halfen uns auch der SDS mit Rudi Dutschke und viele andere linke Gruppierungen. Es gab einen fünfköpfigen Vorstand der Konföderation iranischer Studenten, in den ich jetzt hinein gewählt wurde und durch diese Organisation konnten wir, egal wo auf der Welt - wir waren im ganzen Westen in Amerika, Japan, Indien, Frankreich, England vertreten - innerhalb von 48 Stunden demonstrieren, Aktionen, zum Beispiel Hungerstreiks durchführen, Botschaften besetzen. Der 2. Juni gilt als ein erster Kulminationspunkt der Studentenbewegung von 68, die sich mit dem persischen Volk solidarisierte. Konnte die iranische Konföderation dem Schah gefährlich werden? Wir waren eine Kraft, die der Schah als gefährlich registrierte. Unsere Möglichkeit bestand zwar nicht darin, im Iran selber eine Revolution zu machen, oder den Widerstand im Iran zu organisieren. Aber wir konnten die Wahrheit über den Schah und sein Regime verbreiten. Da er ein Diktator war, der völlig abhängig von seinem Image im Ausland war, war jede Kritik von uns ein Stich gegen sein Regime. Ohne diese Auslandsopposition wäre er auch nicht so leicht gestürzt. Bis dahin gab es in der Springer-Presse das Bild des Schahs zwischen Modernisierer und 1001 Nacht. Wir haben dieses Bild buchstäblich abgebaut und das war für ihn das Schlimmste. Er hat uns durch seinen Geheimdienst verfolgen lassen. Auch auf mich war ein Killer angesetzt, es war sehr gefährlich. War deine Familie in Teheran in Mitleidenschaft gezogen? Mein Vater war ein Adjutant des alten Schah, eine Zeitlang war er sogar Direktor des Gefängnisses unter dem alten Schah in den dreißiger und vierziger Jahren gewesen. Mein Vater liebte die Monarchie, er liebte zwar nicht den neuen Schah, dem warf er Unfähigkeit vor. Aber er war für die Monarchie und dann habe ich mit ihm eine phantastische Geschichte erlebt: Als ich als ein führender Oppositioneller im Ausland bekannt wurde, wurde mein Vater des Öfteren zum Geheimdienst bestellt und man sagte ihm, er sollte mir schreiben, ich sei nicht mehr sein Sohn. Und er hat sich immer geweigert. Und dann hat er mir doch eines Tages einen Brief geschrieben und darin stand: Du weißt, dass ich ein Monarchist bin und ich weiß, dass Du gegen die Monarchie bist, ich bin gegen Deine Ansichten, aber wehe Dir, wenn Du Deine Meinung eines Tages verrätst und Dich kaufen lässt, dann wärest Du nicht mehr mein Sohn. Dies war eine große Geste von meinem Vater, die mich sehr glücklich gemacht hat. Du wurdest in Deutschland plötzlich hofiert, über Nacht warst du eine bekannte Persönlichkeit, einer der Köpfe der APO-Bewegung. Rudi Dutschke pries in "konkret" drei Kult-Bücher an, die man, wenn man der Bewegung angehören wollte, gelesen haben musste: 1. Die Mao-Bibel, 2. dein Buch Persien- Modell eines Entwicklungslandes und 3. das bekannte Buch über Vietnam von Jürgen Horlemann und Peter Gäng. Auch die Medien, das Establishment kamen auf dich zu, wollten den persischen Intellektuellen kennen lernen. Der Spiegel, die ZEIT, die Gräfin Dönhoff und viele andere sprachen mich an, ich wurde herumgereicht. Dann hat der Spiegel im Herbst 1967 eine schlimme Titelgeschichte über mich gemacht. Ich ging gerade zu einer Versammlung, da kam mir Wolfgang Neuss entgegen und sagte: Bahman, eine Katastrophe! Der bekam den Spiegel immer sonntags. Und er sagte: die haben eine Titelgeschichte gemacht, total gegen Dich. Und da stand: Ich hätte alles verzerrt und falsch dargestellt und im Iran wäre es nicht so, wie ich es beschrieben hätte, ich wäre nie Dozent gewesen. Also der Spiegel versuchte mich unglaubwürdig zu machen, das war natürlich ein Schlag. Es gab dann aber andere, wie Ulrike in "konkret" und auch von der Frankfurter Rundschau, die schrieben dagegen und forderten Rudolf Augstein öffentlich auf, sich zu entschuldigen. Und einige Monate später traf ich Augstein bei einer Veranstaltung und da kam er zu mir und sagte: Ich stehe tief in Ihrer Schuld. Ich sagte: Das sagen Sie jetzt? Und ich fragte ihn auch: Hat der Savak mitgespielt? Da sagte er: Kein Kommentar, aber ich möchte mich bei Ihnen ganz offiziell entschuldigen. Damals identifizierten sich viele deutsche Studenten aus der APO-Bewegung mit den Befreiungsbewegungen der dritten Welt. Viele redeten davon, jetzt Befreiungskämpfer sein zu wollen, man wollte Palästina unterstützen, und in Deutschland eine Stadtguerilla aufbauen… Diese Leute haben eigentlich nur eine bestimmte revolutionäre Romantik gehabt, ohne die Länder zu kennen und ohne die inneren Strukturen dieser Befreiungsbewegungen in der dritten Welt zu verstehen. Diese Befreiungsbewegungen waren undemokratisch und arbeiteten mit inhumanen Methoden. Ich glaube, das haben die deutschen Idealisten erst gemerkt, als sie nach Palästina gegangen sind. Sie haben gedacht, dass sind alles Revolutionäre, die nur die Freiheit wollen und dann wollten sie das hier kopieren. Das war völlig idiotisch, denn hier in Deutschland, im Westen, herrschten ganz andere Strukturen, hier sind sehr wichtige Errungenschaften längst durchgesetzt, die ungeheuer viel wert sind und die man nicht hoch genug schätzen kann, aber man merkt das nur, wenn man aus einer anderen Welt kommt. Erst dann versteht man, was freie Meinungsäußerung bedeutet, was Freizügigkeit bedeutet, was es heißt, dass man sich einen Beruf frei wählen kann, was Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen bedeutet. Auch ich habe gemerkt, als ich später, 1979, wieder zurückging in den Iran, wie sehr mir diese Werte fehlen, die mir in Deutschland auch schon selbstverständlich geworden waren. Und dann habe ich gemerkt, das ist ja ein himmelweiter Unterschied. Allein das Recht auf Leben ist ein zentrales Recht. Dass es ein Gesetz gibt, das Recht und nicht Willkür herrscht, das alles ist ungeheuer viel wert. Das Recht auf Leben ist das Zentrum der Demokratie. Wenn ich weiß, niemand kann über mein Leben oder meinen Tod entscheiden, gibt mir das ein Selbstbewusstsein, das ich den Weg in die Freiheit überhaupt beschreiten kann. Das Recht auf Leben ist eine Errungenschaft, die im Westen schon durchgesetzt ist. Alle anderen Rechte des Individuums folgen aus diesem ersten Recht. Ich will damit nicht sagen, dass diese westlichen Gesellschaften weder in den sechziger Jahren noch heute, nicht kritisierbar sind, im Gegenteil, ich habe sehr viel Kritik. Es ist längst nicht alles Gold, was glänzt, aber man kann nicht ein Land wie Deutschland mit einem unterentwickelten Land wie Irak, Iran oder Pakistan gleichsetzen und dann die Methoden der dortigen Befreiungsbewegungen kopieren und in diese Gesellschaften, die ganz andere Möglichkeiten des Kampfes und der Kritik haben, anwenden wollen. Bei uns konnte unter dem Schah, und auch später, niemand offen Kritik üben, ohne nicht befürchten zu müssen, dass er eingekerkert oder gar hingerichtet wird, deshalb sind die Methoden des Kampfes hier, wo du alles sagen kannst, natürlich ganz andere, demokratischere. Und das war mein Streit zum Beispiel mit Ulrike bis 1970, bis sie in den Untergrund ging. Ulrike und ich haben uns in den Jahren von 1968-1970, als sie nach ihrer Scheidung in Berlin lebte, fast täglich gesehen, wir mochten uns sehr gerne. Auch Du und Deine Schwester wart sehr oft mit dabei. Und ich sagte ihr in dieser Zeit immer: Mensch Du hast doch die besten Möglichkeiten hier Deine sehr wichtige Kritik zu publizieren und Anhänger zu finden. Was hast Du davon, wenn Du Terrorakte machst, dann säst du nur Hass und Angst und dann erzeugst Du doch nur Widerwillen. Ulrike war sehr populär, sehr anerkannt und es ist schade, dass sie diese Möglichkeit zu arbeiten verlassen hat. Das zeigt den Denkfehler von damals, dass man einfach aus anderen Gesellschaften Kampfmethoden übernommen hat, ohne die eigene Gesellschaft zu analysieren und zu wissen, welche Kampfmethoden hier angebracht sind, um diese Gesellschaft weiter zu entwickeln. Was das Recht auf Leben bedeutet, hast du am eigenen Leibe erfahren, als du 1979 für dreieinhalb Jahre in den Iran zurückgegangen bist. Wieder bist du genau zur Revolution nach Teheran gekommen, kurz bevor der Schah endgültig das Land verlassen musste… Ich bin als der Volksaufstand begann und als sich dann abzeichnete, dass dieser Aufstand nicht mehr zu unterdrücken ist, das erste Mal seit 1965, in den Iran zurückgekehrt. Da konnte mich niemand mehr zurückhalten, obwohl es noch gefährlich war. Ich habe gedacht, jetzt will ich das miterleben. Wenige Wochen vor dem Sturz des Schah, der Schah hat am 18. Februar 1979 das Land verlassen, bin ich am 2. Januar in Teheran angekommen. Es war eine unglaublich beglückende Zeit für mich. Immer wieder hatte ich davon geträumt einmal in Teheran zu sein und dass ich dann festgenommen, gefoltert und was weiß ich werde. Und dann war ich tatsächlich da und ich lief durch die Straßen und konnte machen, was ich wollte, der Schah war dabei entmachtet zu werden, Khomeini war noch nicht da. Wir hatten sechs Monate lang die freieste Zeit, die der Iran je erlebt hatte, weil es keine Herrschaft gab. Polizei und Militär hielten sich zurück und das Volk hat so gut funktioniert in dieser Zeit. Alle waren solidarisch, es herrschte eine freundliche und schöne Atmosphäre, und ich fühlte mich wie im Paradies, die ganze Sehnsucht wurde erfüllt und ich hoffte auf eine demokratische Gesellschaft. Ich war wieder zu Hause bei meinen Eltern, Geschwistern und Freunden und alles war wunderbar. Aber diese Zeit ging bald zu Ende und schon als die Hinrichtungen der Schahanhänger begannen, da habe ich gedacht, um Gottes Willen. Und dann begann der absolute Horror. Mädchen mussten verschleiert herumlaufen, Hinrichtungen begannen, Restriktionen. Wie hast du reagiert? Ich habe damals sofort mit ein paar Freunden eine nationaldemokratische Front auf die Beine gestellt, das war die erste Opposition gegen die neue Macht. Und um dir zu sagen, wie groß die war: An unserer Gründungsveranstaltung, die in dem Dorf stattfand, wo Mossadegh begraben ist, um uns auf ihn zu berufen, da sind über eine Million Menschen gekommen und plötzlich haben die neuen Machthaber gemerkt, dass da eine Opposition entsteht und die Ayatollahs kamen mit Hubschraubern und wollten an unserer Veranstaltung teilnehmen. Wir haben das nicht zugelassen. Wir haben Demonstrationen gemacht, als die erste Zeitung verboten wurde, und wir waren die erste Organisation, die Khomeini verboten hat. Ich musste in den Untergrund, aber nach eineinhalb Jahren drängten mich meine Freunde, als es sehr gefährlich wurde, den Iran wieder zu verlassen. Ich wollte nicht gehen, ich habe an der Grenze geweint, aber es ging nicht anders. Es war zu gefährlich für mich. Dann waren wir ein Jahr in Paris, mit dem Volksmodjahedin und da war auch der erste Staatspräsident Banisadr, der in Ungnade gefallen war, der ebenfalls abhauen musste und wir bildeten einen Rat als Alternative zu dem Regime, aber nach einem Jahr Paris wollte ich zurück nach Deutschland, da alles in Paris zusammenbrach. Es war kurz vor Weihnachten und ich sehnte mich nach Deutschland. Der Grenzübergang gestaltete sich wohl etwas schwierig… Ich hatte ein Visum, aber der Grenzbeamte sagte: Sie sind in Deutschland unerwünscht. Ich wurde von den deutschen und den französischen Grenzern hin und her geschickt, obwohl ich ein Visum für beide Länder hatte. Schließlich rief ich Otto Schily an. Der sagte: Du bleibst, wo Du bist, ich rede mit dem Gerhard Baum. (FDP-Bundesinnenminister unter Kanzler Helmut Schmidt). Ich war in einem kleinen grenznahen Hotel und nach drei Tagen konnte ich dann in die Bundesrepublik einreisen, was da passiert war, konnte der Baum auch nicht erklären. Wie ging es dir damals? Nach meiner Rückkehr aus Teheran Anfang der achtziger Jahre war ich sehr niedergeschlagen. Alle Hoffnungen waren zerstört. Khomeini baute ein Regime auf, das noch diktatorischer war, als das des Schah. Ich konnte nicht wieder zurück in den Iran und kann es bis heute nicht. In dieser Zeit, die sehr schwer für mich war, habe ich dann wie durch ein Wunder meine jetzige Frau kennen gelernt, sie ist auch eine Iranerin und hatte hier in Deutschland Medizin studiert. Heute arbeitet sie als Ärztin in Berlin. Die große Liebe zu ihr hat mir wieder Mut gegeben zu einem neuen Leben, das ich zu meinem großen Glück mit ihr teilen durfte. Wie beschreibst du den Einfluss von Khomeini auf die iranische Gesellschaft im heutigen Rückblick? Dass die Islamisten an die Macht kommen würden, hat zu Beginn des Volksaufstands niemand geglaubt. Für diese unerwartete Wende in der iranischen Geschichte gibt es zwar historische Gründe, man kann das alles im Nachhinein analysieren, aber es spielten auch viele Zufälle eine Rolle. Khomeini sagte damals: wir wollen keine demokratische Republik haben, auch keinen liberalen Staat, wir wollen eine islamische Republik. Was unter diesem Begriff zu verstehen war, konnte kaum jemand sagen. Und die breiten Massen, wussten es am allerwenigsten. Auch die Intellektuellen fragten sich: was ist ein islamischer Staat? Vielleicht, dass die Leute die Moral wieder beachten? Na ja gut, das ist ja nichts Schlimmes und Republik ist auch gut, dachten viele. Aber nach und nach wurde klar, dass die Islamisten die ganze Gesellschaft islamisieren wollten, die gesamte Kultur, die Erziehung, dass sie Frauen, die ohnehin von einer Gleichberechtigung weit entfernt waren, noch weitere Einschränkungen, wie zum Beispiel den Kleidungszwang, Schleier und Kopftuch, auferlegen wollten. Das alles kam nicht auf einmal, sondern nach und nach. Khomeini hatte sich zuvor von Paris aus sehr demokratisch geäußert. Er war ein sehr kluger Stratege, er hat alles sehr klug organisiert und seine Macht langsam aufgebaut, so dass es lange dauerte, bis die Leute registrierten, was mit dem Iran passierte. Noch schlimmer war, dass nach wenigen Monaten ein achtjähriger Krieg gegen den Irak begann und dieser Krieg war für Khomeini, was er auch selbst gesagt hat, ein Geschenk des Himmels, weil er jede Opposition als Landesverrat ahnden konnte und weil er das Nationalgefühl mit dem Islam und mit dem Märtyrertum verbinden konnte. Durch den Krieg gegen den Irak konnte er das Volk, die Massen mobilisieren und bei der Stange halten, acht Jahre lang. Dieser Krieg hat das Land verwandelt, die Islamisten hatten durch ihn die Möglichkeit, richtig hinein zu dringen in die Gesellschaft.

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