"Ich habe nichts einzuwenden!"

Eine Radioansprache nach der Bombardierung Lübecks

Deutsche Hörer!
Zum ersten Mal jährt sich der Tag der Zerstörung von Coventry durch Görings Flieger, – einer der schauderhaftesten Leistungen, mit denen Hitler-Deutschland die Welt belehrte, was der totale Krieg ist und wie man sich in ihm aufführt. In Spanien fing’s an, wo die Maschinisten des Todes diese nationalistisch erzogene Rasse mit den leeren, entmenschten Gesichtern, sich vorübten für den Krieg.

Welch ein Sport, wo es gar keine Gegenwehr gibt, im Tiefflug in flüchtende Zivilistenmassen hineinzupfeffern, – frisch und fröhlich! Das Gedenken an die Massakers in Polen ist auch unsterblich, – genau das, was man ein Ruhmesblatt nennt. Und Rotterdam, wo in zwanzig Minuten dreißigtausend Menschen den Tod fanden dank einer Bravour, die von moralischem Irresein zu unterscheiden nicht leichtfällt. Der Edle von Ribbentrop verhüllte sein Angesicht und schluchzte: „Das haben wir nicht gewollt!“ Es waren gute Zeiten, wo es nur zu schluchzen gab über das, was man andern zufügte. Die Zeit kommt und ist schon da, wo Deutschland zu schluchzen hat auch über das, was es erleidet, und dieses Rührungsmotiv wird überhandnehmen in dem Maß, wie eine Welt, die von solcher Art Dienst an der Menschheit nichts hatte wissen wollen und nicht darauf vorbereitet war, in ihre Verteidigungsaufgabe hineinwächst und den Lehrling abgibt, der den Meister überflügelt. Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben? Es hat kaum zu zahlen begonnen – über dem Kanal und in Rußland. Auch was die Royal Air Force in Köln, Düsseldorf, Essen, Hamburg und andern Städten bis heute zuwege gebracht hat, ist nur ein Anfang. Hitler prahlt, sein Reich sei bereit zu einem zehn-, ja zwanzigjährigen Kriege. Ich nehme an, daß ihr Deutsche euch euer Teil dabei denkt – zum Beispiel, daß in Deutschland nach einem Bruchteil dieser Zeit kein Stein mehr auf dem andern wäre.

Beim jüngsten britischen Raid über Hitlerland hat das alte Lübeck zu leiden gehabt. Das geht mich an, es ist meine Vaterstadt. Die Angriffe galten dem Hafen, den kriegsindustriellen Anlagen, aber es hat Brände gegeben in der Stadt, und lieb ist es mir nicht, zu denken, daß die Marienkirche, das herrliche Renaissance-Rathaus oder das Haus der Schiffer-Gesellschaft sollten Schaden gelitten haben. Aber ich denke an Coventry – und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß. Es wird mehr Lübecker geben, mehr Hamburger, Kölner und Düsseldorfer, die dagegen auch nichts einzuwenden haben und, wenn sie das Dröhnen der RAF über ihren Köpfen hören, ihr guten Erfolg wünschen.

Sogar könnte es sein, daß mein Sinn für Gerechtigkeit durch dies Bombardement noch auf eine besondere Probe gestellt wäre. Schwedische Blätter melden, und amerikanische fragen mich danach aus, daß das Haus meiner Großeltern, das sogenannte Buddenbrook-Haus in der Mengestraße, bei dem Raid zerstört sein soll. Ich weiß nicht, ob die Nachricht wahr ist. Für viele draußen ist durch meinen Jugendroman der Name Lübecks nun einmal mit dem Gedanken an dies Haus verbunden, und leicht kommt es ihnen in den Sinn, wenn Bomben auf Lübeck fallen. An Ort und Stelle freilich heißt es schon längst nicht mehr das „Buddenbrook-Haus“. Die Nazis, verärgert darüber, daß immer die Fremden noch danach fragten, hatten es umgetauft in „Wullenweber-Haus“. Das dumme Gesindel weiß nicht einmal, daß ein Haus, das den Stempel des achtzehnten Jahrhunderts an seinem Rokoko-Giebel trägt, nicht gut mit dem verwegenen Bürgermeister des sechzehnten etwas zu tun haben kann. Jürgen Wullenweber hat seiner Stadt durch den Krieg mit Dänemark viel Schaden zugefügt, und die Lübecker haben mit ihm getan, was die Deutschen denn doch vielleicht eines Tages mit denen tun werden, die sie in diesen Krieg geführt haben: sie haben ihn hingerichtet. Von den Bewohnern des Hauses, das man, um meinen Namen auszulöschen, nach dem seinen benannt hat, ist zu sagen, daß sie der Stadt immer nur Gutes getan haben, und auf meine Art bin sogar ich noch ihrem Beispiel gefolgt. Auf eigene Art einem Beispiel folgen, das ist Tradition. Das alte Bürgerhaus, von dem man nun sagt, daß es in Trümmern liege, war mir das Symbol der Überlieferung, aus der ich wirkte. Aber solche Trümmer schrecken nicht denjenigen, der nicht nur aus der Sympathie für die Vergangenheit, sondern auch aus der für die Zukunft lebt. Der Untergang eines Zeitalters braucht nicht der Untergang dessen zu sein, der in ihm wurzelt und der ihm entwuchs, indem er es schilderte.

Hitler-Deutschland hat weder Tradition noch Zukunft. Es kann nur zerstören, und Zerstörung wird es erleiden. Möge aus seinem Fall ein Deutschland erstehen, das gedenken und hoffen kann, dem Liebe gegeben ist rückwärts zum Gewesenen und vorwärts in die Zukunft der Menschheit hinaus. So wird es, statt tödlichen Hasses, die Liebe der Völker gewinnen.

Aus: „An die gesittete Welt“ – Politische Schriften und Reden im Exil

Thomas Mann (geboren 1875 in Lübeck, gestorben 1955 in Zürich) hielt diese Radioansprache aus dem Exil. Bereits 1929 erhielt Mann den Nobelpreis für Literatur

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.