Augstein-Debatte - Antisemitismus beginnt nicht mit dem Holocaust

In der Debatte um Jakob Augsteins Aussagen über Israel geht es nicht um die Frage, ob dieser Antisemit ist. Es geht darum, wann Israelkritik antisemitisch wird.

Jakob Augstein und die Israel-Kritk.
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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„Am Beispiel von @Bushido78 sieht man mal wieder, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland beim Thema Israel aufhört. Ihr Heuchler!“ twittert dieser Tage ein Bushido-Sympathisant. Und predigt ganz israeldebattentypisch das gängige Gleichnis von der Unmöglichkeit, Israel in Deutschland kritisieren zu dürfen. Eine Reaktion, die übersieht – oder nicht sehen will, dass kaum ein Land so häufig und obsessiv kritisiert wird wie das kleine Land in Nahost. Jeder Politikredakteur, der etwas auf sich hält und jeder deutsche Feuilletonist hat zu Israel eine Meinung. Nicht nur Jakob Augstein.

Was war geschehen? Bushido, der 2011 noch mit einem Bambi für „gelungene Integration“ ausgezeichnet wurde, hatte sein Twitterprofil kurzerhand zur Israel-freien Zone erklärt und mit einer Karte bestückt, die ein freies Palästina zeigt – ohne Israel. Die Reaktionen: Der Innenminister schaltet sich ein, Klarstellungen werden gefordert, es wird zurechtgewiesen, Unverständnis und Zorn zum Ausdruck gebracht. Zu recht.

Natürlich lässt es sich leicht über jemanden empören, dessen ‚künstlerisches‘ Werk sich bisher vor allem durch Sexismus und Homophobie auszeichnete, über einen Musiker, der vor allem ein fades, reaktionäres Gesellschaftsbild transportiert. Bei Bushido verläuft der Empörungsdiskurs somit völlig anders als bei dem Journalisten Jakob Augstein.

Während bei Bushido alles ganz klar scheint, die Zeichen auf Antisemit stehen, fallen die Reaktionen im Falle Augsteins differenzierter aus. Jakob Augstein erhält Unterstützung, parteiübergreifend steht ihm eine breite Front zur Seite: Von Gysi bis Klöckner, von Leitartiklern bis zum deutschen Journalistenverband.

Zweifelsohne ist es leichter, einen eh schon schurkigen Rüpel-Rapper als das zu bezeichnen, was er ist, als einen anerkannten als seriös geltenden Journalisten mit antijüdischen Ressentiments in Verbindung zu bringen.

Die Fallhöhe ist eine andere. Nicht nur, weil Bushido anders als Augstein in aller Deutlichkeit die Existenz Israels in Frage stellt. Sondern auch deshalb, weil Augsteins Israelkritik einen bestimmten Mainstream bedient. Denn wie bei Augstein, wird in Deutschland seit langem über Israel diskutiert und geschrieben. Umso überraschender ist es nun, für alle Kritiker und ihre Sympathisanten, wenn diese Art der Kritik plötzlich das Etikett Antisemitismus bekommt. Umso unverstandener fühlen sich die Ertappten und umso energischer und breiter wird sich solidarisiert.

Kein Wunder also, dass die Debatte von Irrungen und Wirrungen, von Personalisierungen, Beleidigungen gekennzeichnet ist. Eitelkeiten treffen aufeinander. Die Folge: Die Protagonisten lassen ihre Truppen los. Attacke statt Diskurs.

Dabei litt die Diskussion von Anfang an unter Verknappung und Verkürzung: Alles drehte sich um die Frage: Ist Jakob Augstein Antisemit?  Doch um diese Frage geht es nicht! Es geht nicht um Augstein. Schon gar nicht um Broder. Es geht um den Inhalt, das Gesagte, es geht um die Art und Weise wie scheinbar handelsübliche „Israelkritik“ antisemitische Stereotype transportiert. Es geht also im Kern um die Frage, wann Israelkritik in ein antisemitisches Fahrwasser gerät, wann Israelkritik antisemitisch wird?

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Der Antisemitismus hat sich gewandelt. Heute arbeitet er sich vor allem an Israel ab. Heute versteckt er sich vor allem im Gewand des Antizionismus. Heute wirft er Israel Rassismus vor, setzt die israelische Politik mit Nationalsozialismus gleich, verharmlost antisemitische,  terroristische Organisationen wie Hamas oder Hisbollah, ruft zum Boykott gegen israelische Waren auf, verklärt Israel zum Aggressor und Palästinenser zum friedliebenden Volk.

Um das zu erkennen, fehlt Jakob Augsteins Texten offensichtlich die Sensibilität. Augsteins Israelkritik überschreitet Grenzen und ist somit anschlussfähig für antisemitische Ressentiments.

So schrieb Augstein in seiner Kolumne auf Spiegel Online: „Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs.” An anderer Stelle heißt es: „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“ Zum antisemitischen Stereotyp von der jüdischen Weltverschwörung ist es argumentativ dann nur noch ein kleiner Sprung.

In einem anderen Text setzt Augstein die orthodoxen Juden mit Terroristen gleich: „Diese Leute [ultraorthodoxe Juden] sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie ihre islamistischen Gegner. Sie folgen dem Gesetz der Rache.” Und bedient, ob bewusst oder unbewusst, die antisemitische Metapher vom Gesetz der Rache, vom Judentum als Vergeltungsreligion.

An anderer Stelle nennt Jakob Augstein Gaza „Gefängnis“ und „Lager“ (mittlerweile hat er sich von dieser Äußerung distanziert, bezichtigt aber gleichzeitig Israel der Apartheid) – eine Lagerrhetorik, die, gewollt oder nicht, Vernichtungslager in Erinnerung ruft. Was in der Wortwahl wenigstens unsensibel ist, bleibt in der Sache mindestens falsch. Denn wie immer man auch den Zustand in Gaza beschreiben will, ein Gefängnis oder gar Lager ist Gaza nicht.

Zudem glaubte Augstein dem Schriftsteller Günter Grass beipflichten zu müssen. Dieser hatte Israel unterstellt, es gefährde den Weltfrieden. Grass Zeilen „bezeichnen eine Zäsur“, schrieb Augstein. Es sei „dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.‘ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. Und weil ein Deutscher ihn sagt, ein Schriftsteller, ein Nobelpreisträger, weil Günter Grass ihn sagt. Darin liegt ein Einschnitt. Dafür muss man Grass danken. Er hat es auf sich genommen, diesen Satz für uns alle auszusprechen.“

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Warum aber ist es laut Augstein so wichtig, dass gerade „ein Deutscher“ Israel zum potentiellen Welt-Brandstifter erklärt? Will er die Entlastung von deutscher Schuld? Diese Lesart lässt er zumindest zu, wenn er die Revision der deutschen Israelpolitik fordert: „Es muss uns endlich einer aus dem Schatten der Worte Angela Merkels holen“, schreibt er und kritisiert Merkels Mantra von der Staatsräson. Israels Sicherheit dürfe also nicht mehr mit der deutschen verknüpft werden. Es gehe heute „nicht um die Geschichte Deutschlands. Sondern um die Gegenwart der Welt“, schreibt er. Will uns Augstein hier von der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels und am Ende gar von der Last der deutschen Geschichte erlösen? Seine Argumentation ähnelt hier der klassischen Forderung nach einem Schlussstrich.

Der Kardinalfehler Augsteins ist, zu glauben, er könne über die gegenwärtige Politik Israels reden, ohne die historische Dimension im Blick haben zu müssen. Und um nach dieser Logik argumentieren zu können, muss er Israel von Auschwitz trennen. Wie viele Israelkritiker (gerade von links) argumentiert er sich – in dem Glauben ganz unbefangen und frei von deutscher Geschichte schlussfolgern zu können – um Kopf und Kragen.

Augstein gerät in eine „moralische Asymmetrie“, wie es Dieter Graumann jüngst im Spiegel beschrieb, wird obsessiv und beginnt ein Bild von Israel zu zeichnen, das wenig über die tatsächliche Situation in Nahost verrät, aber vieles über den Erzählenden selbst.

Der Fall Augstein lehrt uns, genauer hinzuschauen, sensibel zu sein für Argumentationsmuster, an dessen Ende dass Ressentiment leichtfertig Anschluss findet. Im Schatten der Debatte fühlen sich schon jetzt jene gestärkt, die es immer schon wussten und unverblümten Antiisraelismus predigen. Bereits jetzt eröffnet Augsteins Rechtfertigungsversuch Tür und Tor für all jene, deren Sätze mit „man wird doch mal sagen dürfen“ beginnen und im Ressentiment enden.

Wenn die Verteidiger Augsteins jetzt ins Felde führen, der Antisemitismusvorwurf relativiere, verharmlose echten Antisemitismus, dann übersehen sie, dass Antisemitismus nicht mit dem Holocaust beginnt (und vor allem dort nicht endet). Und noch wichtiger, sie verkennen, dass Antisemitismus – nach Auschwitz – subtiler auftritt, mit Codes und Chiffren arbeitet, dass er wandelbar und tief in der Mitte der Gesellschaft verankert ist.

In diesem Sinne hätte auch die Liste des Simon Wiesenthal Center (SWC) gelesen werden müssen. „2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ – heißt sie im Original. Denn ihr Zweck war nie, und auch dies wurde verkürzt wiedergegeben, eine Most-Wanted-Liste der zehn schlimmsten Antisemiten zu sein. Ziel war es vielmehr, für antiisraelische und antisemitische Ausfälle jenseits des Rechtsextremismus zu sensibilisieren. Die Liste sollte verdeutlichen, wo sich – und dass sich – heute antisemitische Bilder, in allen politischen Lagern einnisten. Sie sollte darauf aufmerksam machen, wann Israelkritik die Grenze zum Antisemitismus überschreitet.

Bleibt zu hoffen, dass eben diese Diskussion nun, nachdem der Rauch um Personen und Polemik langsam zu verfliegen scheint, beginnt. Dass wir den Fokus auf jene Israelkritik legen, die ihre Unschuld in dem Moment verliert, da sie Anschluss zum Ressentiment sucht oder billigend in Kauf nimmt.

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