Ahmad Mohammad al-Tayyeb, Großimam von Kairo, nahm an einer Religionskonferenz in Münster teil
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Imam al-Tayyeb - Kein glaubwürdiger Dialogpartner

Der konservative Kairoer Großimam Ahmad Mohammad al-Tayyeb gilt einigen als wichtiger Dialogpartner im Kampf gegen den Terror, gerade nach den Anschlägen von Brüssel. Hamed Abdel-Samad jedoch sieht in den Toleranzpredigten des Scheichs nur leere Worthülsen

Autoreninfo

Hamed Abdel-Samad ist ein deutsch-ägyptischer Politikwissenschaftler, Historiker und Autor.

So erreichen Sie Hamed Abdel-Samad:

Vor drei Jahren war ich bei einer Dialogveranstaltung in Wien eingeladen. Einer der Organisatoren der Veranstaltung war das König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog (CAICIID) mit Sitz in der österreichischen Hauptstadt. Ich habe mich über diese Einladung sehr gewundert, denn meine Gesprächspartner waren ranghohe Theologen: Der Oberrabbiner von Wien, ein katholischer und ein evangelischer Würdenträger, und Thema des Abends war „Die Ringparabel“ von Lessing.

Jeder der eingeladenen Gäste sollte über das Friedenspotenzial und die Ansätze der Toleranz in der eigenen Religion referieren. Alle drei Redner hielten eloquente Vorträge und zeigten, wie tolerant ihre jeweilige Konfession ist. Dann war ich als Vertreter des Islam dran. Ich begrüßte das Publikum, bedankte mich bei den Organisatoren für die Einladung und begann meinen Vortrag mit dem Satz: „Ich hoffe, Sie haben mich gegoogelt, bevor Sie mich eingeladen haben“. Denn ich bin weder Theologe, noch war ich imstande, den Islam dort zu vertreten. „Meine Damen und Herren, ich kann nicht über die Toleranz im Islam sprechen. Schlimmer noch: Ich halte nicht viel von Nathan der Weise. Genauer gesagt: Ich halte ihn für ein Auslaufmodell“. Große Augen im Publikum, Todesstille.

Islam hat eine defizitäre Beziehung zur säkularen Welt
 

Und dennoch habe ich zum Thema Dialog etwas gesagt. Ein wahrer Dialog muss ehrlich und aufrichtig sein, gelegentlich auch schmerzhaft. Gegenseitiges Lob und Ausführungen über gemeinsame Feste und ähnliche Rituale helfen niemandem. Respekt bedeutet nicht, meinen Dialogpartner von Kritik zu verschonen, sondern ihm zuzutrauen, dass er meine Kritik gut einsteckt und darüber nachdenkt. So gesehen ist die Ringparabel nicht das, was wir heute brauchen, denn es geht nicht darum, dass alle drei Weltreligionen Recht haben, sondern es geht um das Unrecht, das weltweit im Namen der Religion geschieht.

Außerdem besteht die Welt nicht nur aus den drei abrahamitischen Religionen. Also bestimmt nicht ihre Beziehung zueinander das, was in der Welt geschieht, sondern ihre Beziehung zur säkularen Welt. Und da hat der Islam klare Defizite. Diese Defizite kann man nicht durch einige Passagen aus dem Koran beseitigen, die für Frieden und Toleranz werben. „Nein, der Islam ist keine tolerante Religion, und da, wo der Islam politisch das Sagen hat, leben die Menschen in Freiluftgefängnissen, wie zum Beispiel in Saudi-Arabien“.

In Saudi-Arabien werden Christen und Schiiten unterdrückt
 

Mir war klar, dass ich die Gastgeber mit dieser Äußerung verärgere und den gesamten Sinn dieses Abends zunichtemache. „Warum engagiert sich Saudi-Arabien im Dialog mit dem Christentum in Europa, während das Tragen eines Kreuzes oder einer Bibel im Land selbst strafbar ist? Warum beginnt das Land nicht einen Dialog mit der schiitischen Minderheit dort, statt Schiiten massenhaft ins Gefängnis zu treffen? Was für einen Sinn macht ein Dialog hier in Wien, wenn die saudischen Schulbücher immer noch voller Hass auf Juden, Christen, Schiiten, Atheisten sind?“

Es hätte das endgültige Ende des Abends sein können. Doch dank dem Oberrabbiner von Wien war ein heiterer Dialog danach noch möglich. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie den Islam kritisieren würden, hätte ich auch das Judentum kritisiert. Da ist auch eine Menge, was man bemängeln kann“, sagte er. 

Imam al-Tayyeb setzt sich für Einführung der Scharia ein
            

An diese Veranstaltung von Wien dachte ich, als der Großscheich von Al-Azhar Mitte März im deutschen Bundestag eine Rede hielt und dort behauptete, der Islam sei eine friedliche Religion, bei der die Gleichberechtigung von Mann und Frau verankert sei. Ein Beweis für die Toleranz des Islam sei, dass Atheisten in Ägypten frei leben können und keine Verfolgung befürchten. Bei keiner dieser Behauptungen sagte der höchste Imam der Sunniten die Wahrheit. Und hier werde ich keine Passagen aus dem Koran zitieren, die die Aussagen des Scheichs wiederlegen, sondern die Haltung der Al-Azhar selbst zum Christentum, zur Freiheit, zur Religionskritik diskutieren.    

Im November hielt der Großscheich eine Rede bei einer internationalen Konferenz der sunnitischen Prediger in Luxor. Dort sagte er, der Westen musste im Mittelalter, als er eine starke Bindung zum Christentum hatte, zerfallen. Er prosperierte erst, als er sich gegen das Christentum wandte. Dagegen seien Muslime kreativ und auf allen Feldern der Wissenschaften produktiv gewesen, als sie eine Bindung zum Text des Korans hatten, und erst schwach würden, als sie sich von den Fundamenten des Islams entfernten. Das ist auch der Grund, warum der Imam und seine Institution sich für die Einführung der Scharia inklusive Körperstrafe und für die Wiederherstellung des islamischen Kalifats einsetzen.   

Ägyptische Islam-Kritiker werden mit Haftstrafen mundtot gemacht
 

Der Imam liegt mit seiner Einschätzung nicht nur falsch, sondern wiederholt die gleiche verkürzte Narrative von Osama Bin Laden und Abu Bakr Al-Baghdadi.

Al-Azhar hat sich immer dafür stark gemacht, dass jede Kritik am Islam juristisch verfolgt wird? Es waren Fatwas der Al-Azhar-Gelehrten, die zur Hinrichtung des sudanesischen  Religionsreformer Mahmoud Taha im Jahre 1985 führten. Sein Verbrechen war, dass er die Gewaltpassagen im Koran als nicht mehr gültig erklärte. Ähnliche Fatwas aus Al-Azhar waren ebenfalls für die Ermordung des ägyptischen Denkers Farag Fouda in 1992 in Kairo verantwortlich. Allein in den letzten drei Monaten mussten zahlreiche Ägypter wegen Kritik an islamischen Gelehrten ins Gefängnis, darunter die Dichterin Fatma Naout und der Religionsreformer Islam El-Beheri. Vier minderjährige Kopten wurden in Südägypten zu fünf Jahren Haft verurteilt, nur weil sie IS-Kämpfer beim Gebet nachahmten.

Dialogindustrie setzt weniger auf Inhalte als auf großspurige Veranstaltungstitel
 

Was verändert sich also, wenn ein Großscheich eine Rede im Bundestag hält und ein Bild des Islam präsentiert, das nirgendwo in der islamischen Welt eine Realität ist und das dem Bild des Islam in den Lehrbüchern der Azhar deutlich widerspricht? Was bringt es, wenn der katholische Papst Würdenträger aus den unterschiedlichen Religionen zu einem netten Abendessen einlädt? Was hilft ein House of One in Berlin, wo Angehörige der drei Religionen in einem Haus beten?

Es gibt mittlerweile eine ausgeklügelte Dialogindustrie. Wichtig dabei sind weder die Inhalte noch die Ergebnisse. Wichtig sind der Titel der Veranstaltung und die Steuergelder, die solche Friede-Freude-Eierkuchen-Begegnungen fördern.

Dialog funktioniert nur auf einer Ebene des beidseitigen Respekts
 

Ein wirklicher Dialog sollte von den religiösen Fragen fern bleiben und nach praktischen Wegen des Zusammenlebens suchen. Der Dialog kann aber nicht fruchten, wenn eine Seite auf die Unantastbarkeit der eigenen Religion oder Gruppe beharrt. Es ist, als würden zwei Fußballmannschaften aufeinander treffen und die eine vor der Partie eine Bedingung für den Anpfiff nennen, nämlich dass die andere Mannschaft ihr Tor niemals schießen darf!

Das klingt komisch, aber so wird der Dialog oft geführt. Fährt eine europäische Politikerin in den Iran, trägt sie ein Kopftuch, um Respekt gegenüber dem Gastgeber zu zeigen. Und wenn der iranische Präsident nach Rom kommt, werden die nackten Statuen in Rom bedeckt als Zeichen des Respekts gegenüber dem Gast. In beiden Fällen hat das mit Respekt nichts zu tun, sondern mit Standpunktlosigkeit und Selbstaufgabe!   

Albert Denter | Mi, 1. November 2017 - 06:43

Gottseidank/Allah sei Dank
Er ist einer der wenigen Menschen , die den Islam sehen,wie er in Wirklichkeit ist. Er spricht ja aus eigener Erfahrung.
(Sein Werk muss man lesen.)

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