Weibliche Beschneidung - Poyga und die alten Männer

Rakieta Poyga kämpft seit bald zwanzig Jahren erfolgreich gegen weibliche Genitalverstümmelung im Burkina Faso. Nun versucht sie an gesellschaftlichen Regeln wie der Zwangsheirat zu rütteln

Rakieta Poyga in Ougadougou
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Laetitia Grevers hat Geschichte in London studiert. Ihre Texte sind unter anderem im Magazin der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen.

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In einem Klassenzimmer in Ouagadougou, Burkina Faso, sitzen alte Männer stumm auf ihren Stühlen, die Hände auf den Schultischen. Sie blicken starr schweigend geradeaus. Rakieta Poyga steht kerzengerade im weißen Kleid vor der Tafel und wiederholt ihre Frage noch einmal: „Was genau ist weibliche Beschneidung?“. Poyga blickt die Dorfchefs aus den umliegenden Provinzen nacheinander wohlwollend an, wie Schüler, die noch ein bisschen Zeit zum Nachdenken brauchen. „Das ist Frauensache“, antwortet Einer schließlich. „Etwas wird bei der Frau abgeschnitten“, sagt ein Anderer.

Die Aussagen hätten von Schulkindern kommen können, sagt Poyga. Doch sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie weiß, dass die Sitzung mit den Dorfchefs für ihren Verein, der gegen weibliche Genitalverstümmelung agiert, bedeutsam ist. Überzeugt sie diese Männer, kann sie ihr Projekt endlich in die Wege leiten. Wenn sie spricht, gestikuliert sie viel, ohne theatralisch zu wirken. Poyga wird weitere fünfzehn Fragen stellen, bis einem Mann schließlich das Wort Klitoris über die Lippen kommt. Die Stelle, die bei einer weiblichen Beschneidung abgetrennt wird.

Momentan reist Poyga durch Deutschland, um über ihr Engagement zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung im Burkina Faso zu berichten. In einem Café in Berlin erzählt sie, wie sie sich in der Schule vor den alten Männern überwunden hat, das Thema anzusprechen. „Um über die Verstümmelung des weiblichen Körpers aufzuklären, muss man sich von jeglicher Scham befreien und die Thematik klinisch behandeln“. Sie geht mit Erwachsenen um wie mit Kindern, erklärt langsam und wartet geduldig auf Antworten und Nachfragen.

Wie die Mehrheit der beschnittenen Frauen erlitt Poyga furchtbare Qualen bei ihren Geburten
 

Die Dreiundfünfzigjährige ist in Ouagadougou zur Welt gekommen und hat in Ostberlin von 1985 bis 1989 an der Hochschule für Ökonomie sozialistische Betriebswirtschaft studiert. Dort stieß sie auf einen offeneren Umgang mit Sexualität, der sie zum Nachdenken brachte. 1990 zog sie nach Burkina Faso zurück. Seit über zehn Jahren setzt sich Poyga, die Gründerin und Leiterin von Bangr Nooma, für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung in Burkina Faso ein. Der Verein wurde 2001 als gemeinnützig anerkannt und zählt inzwischen über 300 Mitglieder. Rakieta Poyga wird von der Organisation Terre des Femmes unterstützt, die auch in Deutschland gegen weibliche Genitalverstümmelung agiert. 25.000 Frauen in Deutschland sind beschnitten und mindestens 2.500 Mädchen gefährdet. 

Selber genital beschnitten, hat Rakieta Poyga die qualvolle Erfahrung ihrer ersten Geburt dazu gebracht, gegen Verstümmelung zu handeln. Mit 37 Jahren hat Poyga ihr erstes Kind bekommen. Die Beschneidung hinterlässt eine Narbe. „Die Geburt meines ersten Kindes hat mich körperlich derartig angestrengt, dass ich vor Erschöpfung beinahe gestorben wäre“, sagt Poyga. Das Narbengewebe hatte die Scheidenöffnung stark verkleinert, sodass es bei der Geburt wieder aufgeschnitten werden musste. Anschließend nähte die Schwester die Wunden mit sieben Nahtstichen zu. „Da die offene Narbe von zwei Seiten wieder zugenäht wird, war es für sie lange Zeit praktisch unmöglich, sich ohne Schmerzen hinzusetzen oder hinzulegen. Sogar husten tat weh“.

Neben körperlichem Leid und einem erhöhten Letalitätsrisiko bei Geburten kann die weibliche Beschneidung auch zu Blutvergiftungen und schweren Infektionen führen, an deren Folgen viele Mädchen sterben. Nach den schmerzvollen Erfahrungen vor und nach ihrer Entbindung stand für Rakieta Poyga fest: „Künftigen Generationen von Frauen muss dieser verstümmelnde Eingriff erspart bleiben.“ Sie suchte nach Mitstreiterinnen und überzeugte vier Frauen in ihrem Viertel, sie zu unterstützen. Unter ihnen die Leiterin der Frauengruppe in der Moschee. Gemeinsam gingen sie direkt in die Wohnviertel, um mit Menschen zu sprechen. Samstags führten sie den Film „Duperie“ vor, der in drastischen Bildern zeigt, wie der Eingriff an kleinen Mädchen abläuft.
 

„Diese Konfrontation fanden wir wichtig, weil die Eltern ihre Mädchen einfach den Beschneiderinnen übergeben und bei dem Vorgang nicht dabei sein wollen“, sagt Poyga. Die Beschneidung wird im Burkina Faso als traditioneller Akt gesehen, der Mädchen im Alter zwischen drei und zehn Jahren in den Kreis der Frauen eintreten lässt. Seit 1996 ist Beschneidung im Burkina Faso zwar illegal, doch die Tradition ist sehr schwer zu brechen, da sie seit Generationen weitergegeben wird.

Die Alphabetisierung in Burkina Faso liegt bei nur 40 Prozent. Die Menschen übernehmen die mündlich überlieferten Informationen, weil ihnen andere Quellen nicht zugänglich sind. Hinzu kommen abschreckende Erzählungen über nicht beschnittene Frauen, die z.B. besagen, dass eine nicht beschnittene Frau untreu ist oder den Mann beim Geschlechtsverkehr impotent macht.

Um gegen diese Traditionen und Märchen vorzugehen, versucht Rakieta Poyga mit ihrem Verein zunächst, Dorfchefs zu gewinnen. Stehen diese dem Anliegen offen gegenüber, wird eine geeignete Person aus dem Dorf ausgewählt, die zum Animateur ausgebildet wird. Später beruft der Animateur eine Dorfversammlung ein, auf der öffentlich über genitale Verstümmelung diskutiert wird. In der nächsten Phase liegt der Schwerpunkt auf der Schulung von lokal einflussreichen Personen wie Lehrern, Polizisten, traditionellen Hebammen und Beschneiderinnen. Sie klären die Kinder auf und somit können junge Mädchen auch mit ihrer Familie über vaginale Verstümmelung und ihre Folgen sprechen.

Die Zusammenarbeit mit dem Dorfkomitee, Animateuren sowie den ehemaligen Beschneiderinnen bestimmt die dritte Phase: Gemeinsam wird eine Liste der bedrohten Mädchen erstellt und deren körperliche Unversehrtheit überwacht. Durch diese Maßnahmen hat die Nachfrage an Beschneidungen abgenommen. Seit Gründung von Bangr Nooma konnten 33.000 Mädchen vor Beschneidung bewahrt werden. 

Nun kämpft Poyga an neuen Fronten
 

„Die Frauen im Burkina Faso reden mehr über ihre Sexualität, seitdem sie offen über Beschneidung diskutiert haben“, sagt Poyga. Durch die Auseinandersetzung mit der Thematik habe eine Emanzipierung stattgefunden, die die Frauen selbstsicherer und gelassener mache. „Sie lassen sich nun nicht mehr alles von ihrem Mann diktieren“, sagt Poyga. Sie verhindern die Beschneidung ihrer Kinder und treffen auch sonst zunehmend eigenständige Entscheidungen. Sie verwalten ihr selbst verdientes Geld und bestehen darauf, ihre Töchter in Schulen zu schicken.  

Rakieta Poyga kämpft nun auch an neuen Fronten. So setzt sie sich für Kinder ein, die vergewaltigt und jung schwanger werden. Zudem engagiert sie sich gegen Zwangsheirat. Häufig werden junge Mädchen als Hexen verflucht, wenn sie schwanger sind. Sie schlucken Scherben und Gift um „abzutreiben“, weil die Abtreibung im Burkina Faso verboten ist. Manchmal wird auch die Mutter aus dem Haus verbannt, wenn der Vater herausfindet, dass die Tochter schwanger ist. Diese Traditionen und Regeln möchte Rakieta Poyga abschaffen. Zunächst will sie die betroffenen Frauen aber zusammenbringen, um sie über ihre Rechte aufzuklären.

Doch auch nach zwanzig Jahren steht der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung im Mittelpunkt. Menschen durch geduldiges Fragen und Aufklären weiterzubilden, eigene Werte und Traditionen in Frage zu stellen, darin liegt die besondere Stärke von Rakieta Poyga. Wie in dem Klassenzimmer in Ouagadougou. Irgendwann hätten die alten Männer an ihren Lippen gehangen, erzählt Poyga. Nachdem sie im Detail erklärt hatte, wie eine Beschneidung durchgeführt wird, begannen sie Fragen zu stellen und wollten schließlich gar nicht mehr damit aufhören.

 

 

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