Vor den US-Wahlen - Hasta la vista, Trump?

Die Latinos könnten bei den Präsidentschaftswahlen in den USA erstmals eine entscheidende Rolle spielen. Und die Republikaner fürchten auch ausgerechnet einen erzkonservativen Mormonen. Viel spricht vor der Wahlnacht für Hillary Clinton, doch den Umfragen kann man nur bedingt vertrauen

Einwanderer protestieren mit Pinata-Figuren von Donald Trump gegen den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner bei den US-Wahlen
55 Millionen Amerikaner sind lateinamerikanischer Abstammung, und die meisten gegen Donald Trump / picture alliance

Autoreninfo

Eva C. Schweitzer arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen in New York und Berlin. Ihr neuestes Buch ist "Europa im Visier der USA"

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Hängt die Präsidentschaftswahl in Amerika von einem Mormonen ab? Den Muslimen? Den Mexikanischstämmigen? Den Exilkubanern? In den  USA spielt der ethnische und religiöse Hintergrund der Wähler stets eine große Rolle. Während Weiße, deren Vorfahren aus dem protestantischen Nordeuropa stammen, den Republikaner zuneigen, wählen Afro-Amerikaner, Latinos, Ureinwohner, Juden und andere Minderheiten eher demokratisch. Auch die heterogene Gruppe der Asiaten neigt in dieser Wahl den Demokraten zu. Das Gleiche gilt für Muslime, die zu den Zeiten von Ronald Reagan und George Bush Senior noch mehrheitlich republikanisch wählten. Nun haben in den vergangenen Wochen muslimische Gemeinden in umkämpften Staaten wie Ohio und Florida so viele Mitglieder wie möglich registriert, um Donald Trump zu verhindern.

Die Wildcard aus Utah

Eine „Wildcard“, die sich entscheidend auf die Wahlen auswirken könnte ist Evan McMullin. Er ist ein früherer CIA-Offizier und Mormone. McMullin kandidiert gegen Trump als Unabhängiger. Dabei  ist McMullin eigentlich konservativ. Er mag Clinton nicht, die er für korrupt hält, Trump aber auch nicht. Letzterer zerreiße mit seinen rassistischen Sprüchen das Land und sei eine Gefahr, sagt McMullin. Eigentlich war Utah immer eine Bastion der Republikaner, denn die Mormonen – die in dem entlegenen Staat am Rande der Rocky Mountains die Mehrheit stellen – sind erzkonservativ. Sie sind zum Beispiel strikt gegen die Homosexuellen-Ehe. Trump allerdings lehnen sie ab, wegen seinen sexistischen Bemerkungen gegenüber Frauen, und weil er gegen Minderheiten hetzt.

Schließlich sind die Mormonen auch eine Minderheit. Utahs Gouverneur Gary Herbert bezeichnete Trump als „beleidigend und abstoßend“. Die kircheneigene Zeitung Deseret News rief dazu auf, gegen Trump zu stimmen. Mitt Romney, der Mormone, der 2012 gegen Barack Obama kandidierte, nannte Trump „falsch“ und einen „Gauner“. Selbst Glenn Beck, ein früherer Star des konservativen Fernsehsenders Fox News, sprach sich gegen Trump aus.

Da McMullin spät angetreten ist, steht er nur in elf Staaten auf dem Wahlzettel. In Utah aber hat er einen Heimvorteil. Wenn er hier die relative Mehrheit holen würde, bekäme er alle sechs Stimmen des Electoral College, die das Wahlmännergremium in Utah hat. Das könnte bei einer knappen Wahl Trump und Clinton den Sieg verhageln. Der siegreiche Kandidat muss nämlich insgesamt 270 Wahlmänner auf sich vereinen. Es gibt sogar Spekulationen, wonach McMullin Präsident werden könnte. Denn wenn weder Trump noch Clinton die 270 Stimmen erhielten, gäbe es keine Nachwahl, der Kongress würde zwischen den drei führenden Kandidaten entscheiden. Dass dies passiert, ist allerdings ebenso wahrscheinlich wie ein Asteroideneinschlag ins Weiße Haus am Wahlabend. 

Das Land ist gespalten

Die McMullin-Kandidatur zeigt nicht nur, wie gespalten das Land ist, sondern auch, wie sehr sich politische Ausrichtung entlang der Stammeszugehörigkeit orientiert. Dass die Republikaner die alteingesessenen Amerikaner vertreten, die Demokraten hingegen die Neuankömmlinge, ist Tradition. Schon Andrew Jackson, der erste Präsident der Demokraten, verstand sich als Interessenvertreter derer, die um 1830 frisch vom Boot kamen, überwiegend aus Schottland. Und noch heute übernehmen in New York, Los Angeles und Chicago immer neue Einwandergruppen den politischen Staffelstab – erst die Iren, dann die Italiener und die Juden, bald die Latinos. Das heißt: je mehr Einwanderer zuziehen, desto besser geht es den Demokraten.

Das macht auch die Großstädte, die ethnisch diverser sind als ländliche Gegenden oder Suburbs, zu Bastionen der Demokraten. In Swing States wie Pennsylvania und Ohio wird Clinton wohl die Großstädte Philadelphia und Cleveland gewinnen, wo die Weißen in der Minderheit sind. Bei Afro-Amerikanern liegt Trump sogar nur im einstelligen Bereich. Die Kleinstädte aber gehen wohl an Trump. Ähnlich sieht es im Staat New York aus, mit der multiethnischen Großstadt New York City und den ländlichen, weißen Refugien der Republikaner auf Long Island. Dass die Weißen dort Trump zuneigen, sei letztlich „Rassismus“, meint Steven Romalewski, der im Auftrag der City University in New York eine Studie veröffentlichte. „Viele Weiße haben das Gefühl, dass Schwarze und Latinos von ihren Steuergeldern leben, und Trump bedient diesen Neid. Deshalb wählen sie ihn.“ 

Nur 15 Prozent der Latinos für Trump

Doch letztlich wird wohl zum ersten Mal in der Geschichte der USA den Latinos eine entscheidende Rolle zukommen. Es sind 55 Millionen von insgesamt 330 Millionen Amerikanern. Trump vereint nur etwa 15 Prozent der Latino-Stimmen auf sich, kein Wunder, denn die von ihm propagierte Mauer zwischen den USA und Mexiko ist bei ihnen alles andere als populär. Vor allem Mexikaner stellen in manchen Staaten die Mehrheit oder eine starke Minderheit der Bevölkerung – in Kalifornien und New Mexico sind es rund die Hälfte, rund 40 Prozent in Texas oder Arizona. Clinton dürfte Kalifornien gewinnen und hat auch in New Mexiko und Arizona gute Karten.

In Florida, mit 29 Wahlmännern der wichtigste Swing State der USA, führt Clinton in den Umfragen hauchdünn. Hier ist bereits ein Viertel der Bevölkerung lateinamerikanischer Abstammung. Darunter sind zwar viele Exilkubaner, die lange den Republikanern verbunden waren. Heute aber lässt das nach, insbesondere unter jüngeren Wählern. In Florida sollen mehr als doppelt so viele Latinos in der Frühwahl ihre Stimme abgegeben haben wie vor vier Jahren. Das dürfte Hillary Clinton freuen.

Bei den jüdischen Wählern in Florida, ebenfalls eine substanzielle Minderheit, führt Clinton mit einer satten Mehrheit von zwei Dritteln. Und seit Trump Werbespots mit antisemitischen Untertönen schaltet, in  denen er eine globale Elite von Juden wie der Investor George Soros, Janet Yellen, Chefin der Zentralbank, und Goldmann-Sachs-Chef Lloyd Blankfein für den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse verantwortlich macht, hat Clinton diesen Vorsprung noch ausgebaut.

Umfragen nicht zuverlässig

Aber woher wissen die Wahlforscher überhaupt, wer welcher ethnischen Gruppe angehört? Immerhin werden die Umfragen per Telefon erhoben. „Die rufen nicht per Zufall an, die stellen ausgewogene Gruppen zusammen, deren Daten sie mit offiziellen Verzeichnissen und kommerziellen Datenbanken abgleichen“, sagt Steven Romalewski von der City-Universität. Doch die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ist zweifelhaft. Inzwischen lassen sich nur noch zehn Prozent der Amerikaner dazu bewegen, etwas zu ihrem Wahlverhalten zu sagen  –  in den besten Zeiten waren es noch mehr als 60 Prozent. Die Umfragen sind zudem zugunsten von Leuten verzerrt, die einen Festnetzanschluss haben –  vorwiegend ältere Menschen –, während jüngere Leute oft nur über Handys verfügen, die nicht gelistet sind. „Es wird immer schwieriger, robuste Umfrage-Ergebnisse zu erzielen“, räumt Romalewski ein. Dazu könnte noch ein „Trump-Effekt“ kommen: Es gebe Wähler, die für Trump stimmen, das aber nicht zugeben wollen. So wird die Wahl doch noch bis zum Ende spannend bleiben.

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Eine Analyse der Außenpolitik einer möglichen Präsidentin Hillary Clinton

Ob man Donald Trump hassen muss

Was der Wahlkampf in den USA für unsere Gesellschaft bedeuten könnte

 

Zu diesem Artikel gibt es eine Umfrage
Cicero arbeitet mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Civey erstellt repräsentative Umfragen im Netz und basiert auf einer neu entwickelte statistischen Methode. Wie das genau funktioniert, kann man hier nachlesen. Sie können abstimmen, ohne sich vorher anzumelden.
Wenn Sie allerdings  direkt die repräsentativen Ergebnisse – inklusive Zeitverlauf und statistische Qualität – einsehen möchten, ist eine Anmeldung notwendig. Dabei werden Daten wie Geburtsjahr, Geschlecht, Nationalität, E-Mailadresse und Postleitzahl abgefragt. Diese Daten werden vertraulich behandelt, sie sind lediglich notwendig, um Repräsentativität zu gewährleisten. Civey arbeitet mit der Hochschule Rhein-Waal zusammen.

Jay Smith | Di, 8. November 2016 - 18:29

*
Frau Schweitzer,

Der „Trump-Effekt“ ist schon lange da.

Allerdings nicht wie es sich Trump's "weisse Schreihälse" erträumten.
Es ist genau das Gegenteil eingetreten.

Latinos wurden durch Trump's Rethorik aufgeschreckt und gingen an die Wahlurnen in noch nie vorher gesehenen Zahlen.
Selbst weisse Republikaner mit College Degree wählten überwältigend für Clinton.
Bemerkenswert ist auch das die gesamte Bush Familie, mit einer Ausnahme, für Clinton ist.

Es sieht nach "ernüchterndem Schock" für die Trump Fanatiker aus.

Am schlimmsten ist der Fakt, das die Republikaner nun komplett alle ethnischen Wählergruppen verloren haben.

Das läutet wohl auch das Ende der GOP Mehrheit im House der Representanten ein.
Wenn auch nicht in dieser Wahl....doch es bröckelt gewaltig.

Trump hat den Republikanern absolut keinen Gefallen getan....wohl aber deren Untergang beschleunigt.

Trump ist das "Trojanische Pferd" im selbsterschaffenen GOP Chaos.

Schmerzlichst...

Samuel von Wauwereit | Mi, 9. November 2016 - 13:56

In reply to by Jay Smith

Zur US-Präsidentenwahl 2016 hier ein Kommentar von Robert Zimmerman aus Duluth, Minnesota:
"Come writers and critics who prophesize with your pen,.....
Don't critisize what you can't understand,
Don't speak too soon, for the wheel's still in spin,....
For the loser now will be later to win.
For the times they are a-changing "

Wilhelm Maier | Di, 8. November 2016 - 19:30

und noch mal Danke Fr. Schweitzer
für den Bericht, der uns in das Finsternis hinter die Kulissen des Theaterstück führt.
„Die rufen nicht per Zufall an, die stellen ausgewogene Gruppen zusammen, deren Daten sie mit offiziellen Verzeichnissen und kommerziellen Datenbanken abgleichen“
„Die Umfragen sind zudem zugunsten von Leuten verzerrt, die einen Festnetzanschluss haben –  vorwiegend ältere Menschen ..“
Umfragen sind bei uns, nicht wie dort drüben, doch „Hoechst zuverlässig“!.
Und was den Wahlkampf möglich bestimmt ist auch eine gute ausrede bei Abwahl:
http://www.n-tv.de/politik/Moskauer-Eingriff-in-den-Wahlkampf-moeglich-…
„Bundeskanzlerin Angela Merkel schließt nicht aus, dass Russland in den Bundestagswahlkampf eingreift.“ ,
Kein Kommentar mehr. Mir fehlen die Worte.

Wilhelm Maier | Di, 8. November 2016 - 19:39

"Abhören unter Freunden, das geht gar nicht", so die empörte Reaktion von Angela Merkel auf das Abhören ihres Handys durch den US-Geheimdienst NSA. Unter Freunden? Geht gar nicht? Hätte die Kanzlerin das Material der Autorin Eva Schweitzer gekannt, wüsste sie, was unter den deutsch-amerikanischen Freunden alles möglich ist. Der Schattenkrieg zwischen Deutschland und den USA ist seit hundert Jahren im Gang, durch zwei Weltkriege und den Kalten Krieg bis heute befeuert durch Spionage und Propaganda. CIA-Agenten betreiben Zeitungen in Berlin, lancieren Nachrichten, um Deutschland auf Linie zu halten, schnüffeln die Forschungsabteilungen deutscher Firmen aus, und das .... Die Akteure sind bekannt, ihre Spionage-und Propaganda-Aktionen weniger:
https://www.amazon.de/Amerikas-Schattenkrieger-Jahrzehnten-ausspioniere…

Arndt Reichstätter | Di, 8. November 2016 - 20:23

So viel übrigens zur angeblichen weißen Priviligiertheit...

Samuel von Wauwereit | Di, 8. November 2016 - 21:28

Als Andrew Jackson 1830 Präsident wurde gab es die republikanische Partei noch gar nicht. Die wurde nämlich erst 1854 gegründet. und die Schwarzen waren früher eher Wähler der Republikaner, die mit Abraham Lincoln, dem ersten republikanischen Präsidenten, die Sklaverei abgeschafft haben. Die Demokraten aus den Südstaaten, auch Dixiecrats genannt, waren Rassisten und unterstützten den Ku-Klux-Klan, erliessen Jim-Crow-Gesetze um die Schwarzen von der politischen Macht fernzuhalten. Erst Anfang der 60er Jahre, als die Demokraten sich unter Kennedy und Johnson an die Minderheiten anranzten sind die Republikaner durch die sogenannte "Southern Strategy" unter Nixon und Goldwater zur bevorzugten Partei der konservativen Südstaatler geworden. Sollte man als USA-Chefkorrespondentin eigentlich wissen.

Romuald Veselic | Mi, 9. November 2016 - 07:44

dass das Wunschdenken kein Ende nimmt, da lachen die Antimainstreamler. Man weiß sogar, dass die Clinton Anhänger vorwiegend die SUVs fahren und die Trump Anhänger wiederum die Pick ups.

Bernd Fischer | Mi, 9. November 2016 - 08:42

Was für ein Schlag , und Niederlage, für das dumme unsachliche Wunschdenken der deutschen Mainstream-Presse .

So, nun pflegt euren ( linken ) Wundschmerz.

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