Türkische Wahlen in Deutschland - Erdogan zieht nicht

Erstmals dürfen türkische Staatsbürger im Ausland den Staatspräsidenten mitwählen. Das Berliner Olympiastadion sollte zur Bühne werden für Erdogans Machtanspruch. Bloß: Das Interesse der Türken in Deutschland an der Wahl ist gering

Das Berliner Olympiastadion unter türkischer Flagge
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Simon Marti hat in Bern Geschichte und Politikwissenschaft studiert und die Ringier Journalistenschule absolviert. Er arbeitet für die Blick-Gruppe in der Schweiz.

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Deutschlands größtes Wahllokal steht in Berlin, genauer, im Olympiastadion. Keine Angst, die nächste Bundestagswahl ist noch weit entfernt, es muss nicht über Wohl und Wehe von SPD und Union oder über die Wiederbelebung der FDP entschieden werden. Nein, das politische Berlin hat sich längst in den Sommerschlaf verabschiedet.

Stattdessen schreibt die Türkei derzeit in der deutschen Hauptstadt Geschichte. 140 000 türkische Wahlberechtigte aus den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen wurden aufgerufen, in dieser Wahlkabine der Superlative den neuen türkischen Staatspräsidenten zu wählen.

Erstmals können Türken bei einer Wahl auch im Ausland ihre Stimme abgeben. Die türkische Präsidentschaftswahl ist also eine wahrlich historische Wahl. Eine Wahl, der eine grandiose Kulisse wie das Olympiastadion gebührt. 75 000 Menschen finden auf den Rängen Platz. Welch eine Bühne zur Inszenierung. Und nichts liegt dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der bei dieser Wahl Staatspräsident werden will, näher, als der ganz große Auftritt. Nur kurz sei an das gigantische Hologram erinnert, mit dem Erdogan Anfang des Jahres in Izmir seine Anhänger verzückte. Eine überlebensgroße Projektion seiner selbst - nie war die Hybris dieses Mannes so deutlich sichtbar wie in diesem Moment. Und mit der Ausdehnung der Wahl auf das Ausland, tritt dieser Hang zum Pomp nun auch in Deutschland hervor.

Große Wahl ganz klein
 

Vier Tage lang wird die riesige Berliner Sportstätte zum Schauplatz der türkischen Demokratie. Oder auch nicht. Denn in Wahrheit gerät der Urnengang im Ausland für die türkische Regierung zur peinlichen Enttäuschung, zum Desaster. Der Großandrang, der einen Gigantismus wie im Berliner Olympiastadion rechtfertigen würde, bleibt aus.

Bei bestem Fußballwetter und passend türkisch beflaggt, präsentierte sich die Arena am Donnerstag zum Wahlauftakt. Insgesamt 51 Wahlurnen sollen sich in den Logen des Stadions befinden, erklärt ein Angestellter der angeheuerten Sicherheitsfirma. Genaueres lässt sich nicht in Erfahrung bringen, Journalisten bleibt der Zutritt zu dem Wahllokal verwehrt.

Umso klarer scheint bereits das Ergebnis: Erdogan, selbstherrlicher Führer seiner Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP), wird seinem Parteifreund Abdullah Gül ins höchste Amt des Staates nachfolgen. Jüngsten Umfragen zufolge scheint es möglich,  dass ihm dies bereits im ersten Wahlgang gelingen könnte. Seine beiden Konkurrenten liegen deutlich zurück.

Erdogan, dem die Verfassung eine erneute Kandidatur als Ministerpräsident verbietet, hat bereits im Vorfeld der Wahlen vollmundig verkündet, das eher symbolische Amt zur politischen Machtentfaltung nutzen zu wollen. Ein Manöver, dass die Welt von Wladimir Putin kennt. Erdogan will der starke Mann der Türkei bleiben – und für ein solches Ego scheint das Olympiastadion gerade noch groß genug.

Vergleicht man allerdings die Mobilisierung, die Erdogan bei seinem letzten Deutschland-Besuch unter seinen Befürwortern, und unter seinen Gegnern, ausgelöst hat, nimmt sich der Andrang im Olympiastadion äußerst bescheiden aus. Die Zahl der abgegebenen Wahlzettel dürften am ersten Wahltag die Anzahl der Urnen nur knapp übertroffen haben: Die hier versammelten Wähler hätten ihre Stimmen auch bequem in einem Schulhaus in Charlottenburg oder in einer Kreuzberger Turnhalle abgeben können.

Nur 7547 Menschen haben sich für die Wahl in Berlin registriert, wie die Bild-Zeitung meldet. Und wer sich nicht vorher angemeldet hat, darf bei der Wahl, die noch bis Sonntag dauert, auch nicht abstimmen.

Der Stimmung im eher überschaubaren Wahlvölkchen tut dies freilich keinen Abbruch. Bestens gelaunt geben sie ihre Stimmen ab. So auch ein junges Ehepaar aus Berlin, er im weißen T-Shirt, sie mit Kopftuch und geschlossenen Oberteil. Beide nehmen zum ersten Mal an einer türkischen Wahl teil. Bedächtig erklären sie ihre politischen Überzeugungen. Beide hätten sie für die AKP gestimmt, erklärt der Mann. Es sei gut, dass die Wahl nun auch hier möglich sei. „Leider aber gibt es in der Türkei keine richtige Opposition, keine wirkliche politische Konkurrenz wie in Deutschland“, fügt er an. So sei der Wahlkampf in eine Schmutzkampagne unter den Kandidaten ausgeartet.

Auch ein Doppelbürger Mitte vierzig im weiten weißen Hemd sagt, er nehme das erste Mal an einer türkischen Wahl teil. Er hat ebenfalls für den AKP-Chef gestimmt. „Erdogan hat gesagt: integriert euch, lernt die deutsche Sprache aber assimiliert euch nicht“, sagt er.  Diese Haltung habe ihm gefallen. Denn in Deutschland herrsche bei der Integration eine Doppelmoral. Offen verlange niemand, dass die Einwanderer ihre kulturellen Wurzeln verleugnen sollen. „ Doch den Druck, sich ganz zu assimilieren, spürt man dennoch immer wieder“, fügt er an. Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine da und es ist diese selbstbewusste Haltung Erdogans, die viele Türken in Deutschland an ihrem Staatschef schätzen.

Zu gut integriert?
 

Selbstverständlich wählen nicht alle in Berlin die AKP. Eine zierliche Frau, die von ihrer jungen Tochter um mehr als einen Kopf überragt wird, hofft noch immer, dass „irgendjemand, außer Erdogan“ das Rennen machen wird. Die geringen Chancen der anderen Kandidaten quittiert sie mit einem fröhlichen Lächeln. Doch die türkische Botschaft beschwichtigt: „Viele Menschen sind derzeit in der Türkei im Urlaub und werden dort zur Wahl gehen“, teilt die Pressestelle mit.

Die Meldungen über die geringe Wahlbeteiligung will diese nicht bestätigen. Genaue Angaben über die Registrierung lägen erst am Sonntag vor. Dabei ist die Anmeldefrist zur Wahl bereits am 11. Juli - also vor drei Wochen - abgelaufen ist. In der Botschaft dürfte man also ganz genau wissen, wie niedrig die Wahlbeteiligung tatsächlich ausfällt. Bis das Wahlergebnis feststeht, müssen sich die deutsch-türkischen Wähler allerdings noch etwas gedulden, in der Türkei findet die Wahl erst in der kommenden Woche statt. Für Deutschland wiederum bedeutet eine schlechte Wahlbeteiligung vielleicht etwas Gutes. Denn möglicherweise, so könnte ein erstes Fazit lauten, sind die meisten türkischen Mitbürger einfach zu gut integriert für Präsident Erdogan.

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