Transatlantische Beziehungen - Die Amerikaner verehren Deutschland

Die Deutschen stehen den USA immer kritischer gegenüber. Vor allem die junge Generation geht auf Distanz. Auf der Gegenseite verhält es sich ganz anders: Washington ist begeistert von den Deutschen – meint damit aber deren Regierung

Ein Soldat der US-Army, dessen Gesicht mit den Farben der US-Fahne verziert ist, hält sich eine deutsche Flagge vor die Augen
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Werner Sonne, langjähriger ARD-Korrespondent in Washington, ist der Autor mehrerer Bücher zu diesem Thema, u.a.  „Leben mit der Bombe“, sowie des jüngst erschienenen Romans „Die Rache des Falken“. 

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Seien wir ehrlich: Mit den Amis haben wir es nicht mehr so. Zumindest, wenn wir irgendwann nach 1980 geboren sind. Luftbrücke, Kuba-Krise, Angst vor dem Atomkrieg, Mauer und Stacheldraht, all die Krisen, in denen der Große Bruder USA die verlässliche Schutzmacht war – die jungen Menschen haben keine oder kaum noch eine aktive Erinnerung daran. Ein Fall für die Geschichtsbücher. Im kollektiven Gedächtnis sind allenfalls Stichworte wie der Irak-Krieg, Guantanamo, die NSA, und natürlich das Chlorhühnchen. Die Menschen fürchten, dass die Standards im Verbraucher- und Wirtschaftsbereich absinken, mehr noch: Sie haben eine völlig irrationale Angst vor einer amerikanischen Dominanz in ihrem Leben. Gut 200.000 Anti-TTIP-Demonstranten in Berlin können doch nicht irren!

Bundespräsident Joachim Gauck beurteilte es bei seinem USA-Besuch im Herbst so: „Wir haben das transatlantische Verhältnis nicht so sorgsam behandelt, wie es notwendig ist.“ Ihn beunruhige, wie sich das Amerika-Bild in Teilen Europas und auch in Deutschland entwickle.

Latenter Antiamerikanismus


Wissenschaftlich nüchtern beschreibt es der Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS), Karl-Heinz Kamp, in einem Strategiepapier: „Einen latenten Antiamerikanismus hat es in Deutschland – auch im bürgerlichen Spektrum – seit jeher gegeben. Seit der Irak-Krise pendelt das Ansehen der USA in Deutschland auf niedrigem Niveau, wobei die NSA-Affäre der amerikanischen Reputation nochmals erheblichen Schaden zugefügt hat“.

Auch mit dem Mann, auf den sich nach dem als schießwütigen Cowboy empfundenen George W. Busch alle Hoffnungen auf einen Neubeginn gerichtet haben – Barack Obama – fremdeln die Deutschen irgendwie.

Dabei war er doch ihr Hoffnungsträger schlechthin, als er 2008 als erster schwarzer Präsident ins Weiße Haus gewählt wurde. Aber nein, auch er erreichte die hohe Messlatte deutscher Gutmenschen nicht. Er lief aus ihrer Sicht drunter durch.

Barack Obama findet keine Gnade


Sicher: Guantanamo ist immer noch nicht geschlossen. Obama ließ Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden töten. Und der Kampf gegen den Terrorismus geht entschlossen weiter, Drohnenkrieg inklusive.

Wahr ist aber auch: Wie wenige Präsidenten vor ihm hat Obama versucht, die Rolle des gewalttätigen Weltpolizisten abzulegen, der zuerst feuert und dann die Fragen stellt. Er hat seine Wahlversprechen gegenüber den kriegsmüden Amerikanern eingelöst und die US-Kampftruppen aus Afghanistan sowie dem Irak abgezogen. Zugleich hat er dem Militär ein strenges Sparprogramm verordnet. Die Folgen: Im Mittleren Osten hat der Islamische Staat das Machtvakuum gefüllt, ein umso entschlossener Wladimir Putin wurde zur Annexion der Krim und der Unterdrückung der Ost-Ukraine ermutigt, und in der südchinesischen See fordert Peking Washington immer mehr auch militärisch heraus.

Zum Jahreswechsel 2016 ist die Welt von zahlreichen geopolitischen Krisen geprägt – in der Ukraine, in Syrien und in der Türkei, die am Rande eines Bürgerkrieges steht. Der Flüchtlingszuzug hat alte Gewissheiten aufgelöst und die nationalen Egoismen in Europa verschärft.

Ausgerechnet die Amerikaner, denen wir innerlich so kritisch gegenüberstehen, sehen in dieser Welt voller Krisen die deutsche Kanzlerin als Stabilitätsanker. Das Time Magazine kürte Angela Merkel zur Person des Jahres. Beinahe überschäumend wird sie gefeiert als „Kanzlerin der freien Welt“ und als „de facto Anführerin der Europäischen Union“, unter anderem, weil sie sich „der Tyrannei entgegenstellt… und weil sie in einer Welt eine unerschütterliche moralische Führung gibt, in der es daran mangelt“.

USA verehren Angela Merkel wie eine Heilige


Kommen wir nach so viel Euphorie auf den Teppich zurück und überprüfen das in der politischen Realität. Wir stellen fest: Trotz aller unbestreitbaren Entfremdungstendenzen funktioniert das deutsch-amerikanische Verhältnis im täglichen Praxistest so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Wer in diesen Tagen in den Hallen der Macht in Washington anklopft, im Kongress, in der Regierung, bei Diplomaten oder bei den einflussreichen Think Tanks, überall schlägt einem dieselbe Einschätzung entgegen, die selbst in der schwärmerischen Tonart kaum von Time abweicht: „ I have never seen it better – ich hab´s noch nie besser gesehen“, sagt ein hoher Beamter im US-Außenministerium und verweist auf die ständigen, intensiven Telefonkontakte zwischen Obama und Merkel und parallel dazu die sehr engen Beziehungen zwischen US-Außenminister John Kerry und seinem deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier zu den Krisen dieser Welt.

Merkels Einfluss, so der Analyst des einflussreichen Think Tanks CSIS, sei „absolut gestaltend für die Zukunft“. Er weist Deutschland eine „zentrale Rolle“ zu, etwa in Europa, der NATO, der OSZE. Ein anderer Diplomat toppt das noch mit der Beobachtung: „Merkel hat hier schon fast Heiligenstatus.“

Gewürdigt wird vor allem die eindeutige deutsche Haltung gegenüber Putins Russland: „Ohne die enge deutsch-amerikanische Zusammenarbeit hätte es keine Sanktionen gegeben.“ Obama habe sich in der Ukraine-Krise auf Merkel verlassen. Auch bei den erfolgreichen Atomverhandlungen mit Iran sei der deutsche Beitrag wichtig gewesen. Insgesamt sei es dabei so: „Da passte kein Blatt Papier dazwischen“.

Es sei Merkel gewesen, und nicht etwa umgekehrt Obama, die den US-Präsidenten bewogen habe, die US-Präsenz in Afghanistan zu erhalten und vor allem zu verlängern. Denn: „Afghanistan war für Obama eine schwere Entscheidung“, sagte der Informant. Das führte auch auf deutscher Seite dazu, sich wieder stärker am Hindukusch zu engagieren.

Lange Zeit musste Washington auf militärische Unterstützung aus Deutschland verzichten – sagte die Bundesrepublik doch „Nein“ zum Irak-Krieg und zur Beteiligung in Libyen. Umso größer ist jetzt die Anerkennung für den Einsatz deutscher Soldaten in Mali, für die Unterstützung der Peschmerga-Kurden im Irak und nun auch für den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien. Die deutschen Aufklärungs-Tornados sind vor allem Dienstleister für die US-Hauptquartiere in Tampa, Florida und Katar, von wo aus die Einsätze koordiniert werden.

Doch trotz allen Respekts: Eine heile Welt ist es in diesen Krisenzeiten nach wie vor nicht. Im Kongress rumort es, was die Finanzierung der US-Truppen in Europa angeht. Angesichts der Sparrunden für das Militär steht die Obama-Regierung unter Druck, von den Europäern mehr Einsatz zu verlangen. Wieder und wieder wird auf die Forderung verwiesen, die Nato-Mitgliedsstaaten sollten finanziell mehr leisten und endlich zwei Prozent ihres Bruttosozialprodukts für die Verteidigung ausgeben. Obwohl die Merkel-Regierung tatsächlich wieder mehr Geld für die Verteidigung ausgeben wird, bleibt sie von diesem Ziel weit entfernt.

NSA-Affäre ist abgehakt


Kaum waren die ersten deutschen Tornados in der Türkei für den Syrien-Einsatz gelandet, ging bei Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein Brief ihres US-Kollegen Ashton Carter ein, der einen noch größeren Einsatz in diesem Konflikt einforderte. Es war allerdings ein Rundschreiben, das nicht nur bei den deutschen Verbündeten ankam, sondern offensichtlich das Ziel hatte, dem eigenen Kongress zu zeigen: wir tun was, um die Alliierten zu größerer Lastenteilung anzutreiben.

Mit der deutschen Regierung teilt die Obama-Administration nach wie vor die Entschlossenheit, sich nicht mit regulären Kampftruppen am Boden zu engagieren – weder in Syrien noch im Irak oder in Afghanistan. US-Spezialeinheiten sollen hier die Ausnahme von dieser Regel bleiben.

Auffallend ist, dass in Washington fast niemand die erheblichen Verstimmungen wegen der NSA-Lauschaktionen anspricht. Das Thema ist in der Realität längst abgehakt. Die Zusammenarbeit der Geheimdienste, so bestätigt man im Kanzleramt, ist in Zeiten der verstärkten Terrorgefahr längst wieder so eng wie lange nicht mehr.

Auch wenn es in der Amerika-skeptischen deutschen Bevölkerung noch nicht angekommen ist: Im Alltag der Regierungskontakte laufen die Beziehungen rund.

Deutschland braucht Amerika


Jenseits aller Wohlfühl- Rhetorik wie in der Time zu Merkel-Super-Woman ist dies eine längst überfällige Entwicklung – im Interesse beider Seiten. Denn angesichts der Krisen in der Welt kann Deutschland die Herausforderungen nicht alleine schultern. Das Verhältnis zum großen Nachbarn Russland wird auf lange Zeit zerrüttet bleiben. Der Ukraine-Konflikt ist keineswegs beigelegt, er wird bestenfalls ein eingefrorener Konflikt bleiben, den Moskau nach Belieben ab- und andrehen kann. Die Zentrifugalkräfte in der EU beschleunigen sich. Die Flüchtlingskrise hat die Rückkehr zu nationalen Egoismen auf dramatische Weise deutlich gemacht.

Deutschland wird verstärkt auf seinen Partner USA angewiesen sein und darauf hoffen müssen, dass Washington alles daran setzt, Europa zusammenzuhalten. Denn umgekehrt weiß man auch dort genau: Die Weltmacht braucht ein halbwegs einiges Europa. Das kann sie nur erreichen, wenn Deutschland die Führungsrolle beibehält. Joachim Gauck hat dies zu Recht angemahnt: „Vor allem brauchen wir in Europa eines: Wir brauchen beständiges amerikanische Engagement.“

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