Saudi-Arabiens erste Chefredakteurin - Eine Frau kämpft gegen die Religionspolizei

Frauen in Saudi-Arabien dürfen nicht Autofahren und ohne schriftliche Genehmigung des Mannes nicht verreisen. Eine hat es trotzdem nach oben geschafft: Somayya Jabarti ist die erste und einzige Chefredakteurin des Landes und zwingt so manchen Sittenwächter in die Knie

Im Beruf Chef und zuhause ohne Rechte – Somayya Jabarti
Katharina Eglau

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Martin Gehlen ist Journalist und berichtet aus der arabischen Welt.

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Das wackelige Handyvideo dauert ganze zwei Sekunden: Mit göttlichem Furor hechtete der fromme Moralwächter vom Autodach auf seinen Kontrahenten. Dessen Frau in schwarzer Abaya versuchte verzweifelt, den Wüstling zurückzuschlagen, bis Umstehende dazwischen gingen. Die skurrile Stuntszene der saudischen Religionspolizei, die auf den ersten Blick aussieht wie eine verworrene Parkplatzrangelei, bewegte anschließend tagelang das gesamte Königreich. Fast jeder in Saudi-Arabien kennt jetzt das Ehepaar aus Riyadh, den zum Islam konvertierten Briten Peter und seine Frau Abeer. „Abeer, ich bin an deiner Seite“ twitterten tausende junger Frauen. Andere verspotteten den Täter als „fliegenden Haia“, wie die Religionspolizei im Volksmund heißt.

„Die Leute haben die Nase gestrichen voll von solchen Benehmen. So etwas schadet nur unserem Land“, schimpft Somayya Jabarti. Sie weiß, wovon sie spricht. Die 44-Jährige hat viel von der Welt gesehen und ist seit gut sechs Monaten die erste Chefredakteurin in der Geschichte Saudi-Arabiens. In ihrer Zeitung „Saudi Gazette“ ließ sie den bizarren Zwischenfall prominent auf Seite eins platzieren, den außerhalb Saudi-Arabiens, geschweige denn im Rest der Welt eigentlich niemand kapiert. Der Attackierte hatte in einem Danube-Supermarkt nicht bei einem Kassierer, sondern einer Kassiererin bezahlt, die erst seit kurzem durch das Dekret von König Abdullah überhaupt dort arbeiten dürfen. Für die drei beteiligten Zeloten der Schariapolizei war das ein unerhörter Kontakt der Geschlechter zwischen Nicht-Verheirateten. Eine ganze Stunde musste sich das Ehepaar nach der Attacke in seinem Auto verbarrikadieren, die Polizei weigerte sich einzugreifen, bis schließlich Sicherheitskräfte der britischen Botschaft im gepanzerten Jeep sie aus den Klauen der religiösen Eiferer befreite.

Twittersturm im Gottesstaat zeigt Wirkung
 

„Der Wandel in Saudi-Arabien ist zu langsam und zu zaghaft“, kritisiert Somayya Jabarti, die zu den ganz wenigen Vorzeigefrauen des Königreichs gehört. „Viel mehr muss sich ändern, sonst nehmen die Menschen die Dinge selbst in die Hand.“ Und tatsächlich, der Zeitungs- und Twittersturm zeigte Wirkung. Zwei Tage später erlebte der Scharia-feste Gottesstaat sein kleines Wunder. Die allmächtige Religionspolizei musste sich öffentlich entschuldigen für den Kampfsprung ihres übereifrigen Aufsehers, das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Allahs Sittenwächter eine so spektakuläre Niederlage erlitten.

Denn spätestens seit dem Auftauchen der ISIS-Barbaren im Nachbarland Irak wollen viele Saudis dem Treiben der ultrakonservativen Fundamentalisten auf der Arabischen Halbinsel nicht mehr länger tatenlos und eingeschüchtert zuschauen. Die Emire und Monarchen der Golfstaaten mit Saudi-Arabien an der Spitze wirken angesichts der Bestialität und Dynamik der Gotteskrieger ratlos und gelähmt. Ihre Untertanen dagegen debattieren so offen wie noch nie zuvor, ob nicht etwas grundsätzlich schief gelaufen ist mit der Rolle von Religion in ihrer Gesellschaft. „ISIS ist eine Frucht, die hier genährt wurde“, sagt die Ausnahme-Journalistin. Mehrmals schon ließ sie in der „Saudi Gazette“ Fotos von ISIS-Graffitis mit deren Slogan „Islamischer Staat, wir bleiben hier und wir wachsen hier“ an Schulmauern drucken.

„Die Extremisten sind in der Minderheit, doch diese Minderheit kann die schweigende Mehrheit übertönen – wir müssen uns diesem Treiben mit aller Entschiedenheit entgegen stemmen.“ Man wedele gern mit dem Banner des Islam herum, doch die spirituelle Botschaft des Islam fehle. Der Islam sei eine Religion der Mäßigung und Bescheidenheit, nicht des Extremismus. „Wir brauchen einen Paradigmenwandel, um zum maßvollen Islam zurückzukehren.“ Dazu aber müssten vor allem die Schulerziehung, das Justizsystem und der rechtliche Status von Frauen grundlegend modernisiert werden.

Saudische Frauen ohne Rechte
 

„In meiner Zeitung bin ich als Chefin für alles verantwortlich, zuhause dagegen habe ich den rechtlichen Status eines Kindes“, sagt sie, die in beißenden Editorials immer wieder die Demütigungen und Zumutungen anprangert, denen saudische Frauen in ihrem Alltag ausgesetzt sind. Somayya Jabarti darf nicht Auto fahren. Will sie verreisen, braucht sie die schriftliche Genehmigung ihres Mannes. Auch die Chefetagen in der Medienwelt am Golf sind nach wie vor reine Männerbastionen, entsprechend hielt sich der Beifall für die selbstbewusste Erfolgsfrau in engen Grenzen. „Nur ein einziger saudischer Kollege hat mir persönlich gratuliert“, erzählt sie schmunzelnd, deren Mutter vor dreißig Jahren als erste Frau in Saudi-Arabien und mit eisernem Willen ihren Doktor in Mathematik machte.

„Sie hat mich immer ermutigt, den Mund aufzumachen“, erinnert sich die Journalistin. Bei der feierlichen Amtseinführung in der „Saudi Gazette“ nahm Somayya Jabarti dann auch ihre eigene 20-jährige Tochter Sawsan für einen Augenblick beiseite. „Viele brüsten sich jetzt, mir geholfen zu haben. Nichts davon ist wahr. Lass dich nicht täuschen von Lobreden, Lächeln und Händeschütteln der Männer, so lange sich an den Strukturen nichts ändert“, gab sie ihr als Mahnung mit auf den Weg. „Meine Beförderung ist ein erster Riss in der gläsernen Decke“, urteilt die Medienpionierin, die eine Porzellankopie eines Berliner Mauerstücks mit dem Foto jubelnder Menschen auf ihrem Schreibtisch stehen hat. „Und ich hoffe, dass dieser Riss eines Tages zum Durchbruch wird.“

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Inzwischen schreiben unter ihrer Regie 15 junge Reporterinnen, aber nur noch drei männliche Journalisten. „Viele Männer haben eine schlechte Arbeitsmoral. Bei Bewerbungsgesprächen lassen sie von vorneherein durchblicken, dass sie eigentlich nichts tun wollen.“ Der Ölreichtum habe die Mentalität des Landes korrumpiert. Die Leute hätten nie gelernt, dass man sich seinen Wohlstand hart erarbeiten müsse, sagt die Blattmacherin, die in ihrer Zeitung auch den Schlendrian vieler Ministerien offen anprangern lässt. „Wer ist dafür verantwortlich?“, steht unter einem Foto, das einen riesigen Krater in einer Durchgangsstraße zeigt.

„Wir müssen endlich lernen, Leute zur Verantwortung zu ziehen und zu feuern, wenn sie nicht richtig arbeiten.“ Vor allem das Wohnungsbauministerium lenkt momentan den Zorn vieler Saudis auf sich. Seit fünf Jahren existiert die Behörde, ausgestattet mit einem Budget von 50 Milliarden Euro für 600.000 Wohnungen, ohne dass bisher ein einziges neues Haus fertig geworden ist. Stattdessen wurden kürzlich in einer nationalen Lotterie mit großem Pomp die virtuellen Apartments verlost. „Schaut euch dieses Ministerium an, wie es operiert. Glaubt ihr wirklich, ihr werdet diese Wohnungen jemals sehen“, fragt die „Saudi Gazette“ in sarkastischem Ton ihre Leser.

Somayya, die Hochgelobte
 

Geboren in Saudi-Arabien, wuchs Somayya Jabarti als Kind in den Vereinigten Staaten auf. Arabisch lernte sie erst als Neunjährige. Ihre erste Begegnung mit dem Journalismus hatte die junge Frau durch ein Praktikum bei der „Salt Lake Tribune“ im US-Bundestaat Utah. In Saudi-Arabien studierte sie an der Universität von Riyadh Englisch und Literatur. Zunächst arbeitete sie als freie Journalistin und Englischlehrerin. Dann folgten einige Jahre bei der „Arab News“ in Dschidda. 2003 wechselte sie zur Konkurrenz, der „Saudi Gazette“, die eine Auflage von 47.000 Exemplaren hat. Seit Mitte Februar steht sie nun an der Spitze des überregionalen Blattes, das für saudische Verhältnisse einen relativ kritischen Ton anschlägt.

Ihr Vorgänger und Mentor Khaled Almaeena, der die Redaktion mehr als zehn Jahre führte, schrieb in einem Brief an die Leser, es mache ihn stolz, eine Frau als Nachfolgerin präsentieren zu können. Ihr Erfolg sei nicht Ergebnis einer Frauenquote, sondern Ergebnis von Leistung, mit der sich Somayya Jabarti diese Chance erarbeitet habe. „Wir müssen kühn agieren, dann können wir vielleicht weitere Türen aufstoßen. Aber vor uns liegt ein steiler, dorniger Weg“, retourniert die Hochgelobte nüchtern. „Um Wandel herbeizuführen, brauchen wir eine große gesellschaftliche Anstrengung, und die wird nicht ohne Turbulenzen vonstatten gehen“, sagt sie. Mitten auf ihrem Schreibtisch hat sie einen hölzernen Hammer liegen, wie ihn Richter und Auktionatoren benutzen, um sich Gehör zu verschaffen. „Das Boot muss schaukeln, das Boot muss fahren“, lacht sie. „Denn Leben, das ist Bewegung“.

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