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(picture alliance) Eigenheime sind das Statussymbol der Mittelschicht. Deren Existenz ist nun bedroht - und mit ihr die Stabilität der Demokratie.

Francis Fukuyama - Rettet die Mittelschicht!

Die Stabilität der Demokratie war bislang immer an die Größe der Mittelschicht geknüpft. Diese wird angesichts der globalen Finanzkrise nun massiv unterhölt. Wie muss die Politik antworten? Nach dem Ende der Geschichte folgt ihre Zukunft – ein Manifest

Es ist schon merkwürdig: Die globale Finanzkrise und die europäische Schuldenkrise sind das Produkt des kaum mehr regulierten Finanzkapitalismus, wie er sich vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt hat. Über die milliardenschweren Rettungsaktionen für die Wall Street gab es überall viel Wut, aber das große Aufbegehren der amerikanischen Linken ist bisher ausgeblieben. Vielleicht gewinnt die Occupy-Wall-Street-Bewegung noch an Zugkraft.

Doch die dynamischste populistische Bewegung in letzter Zeit war die erzkonservative Tea-Party-Bewegung, deren großes Feindbild der Regulierungsstaat ist, der die einfachen Bürger vor Spekulanten schützen soll. In Europa ist es ähnlich: Die Linke ist anämisch, während Rechtspopulisten immer mehr an Zulauf gewinnen.

Es gibt viele Gründe für den Mangel an Mobilisierung bei der Linken; der wichtigste ist die Abwesenheit von Ideen. In den vergangenen Jahrzehnten lag das ideologisch-intellektuelle Monopol bei der libertären Rechten. Der Linken ist es nicht gelungen, für mehr zu stehen als für eine bloße Rückkehr zu einer hoffnungslos veralteten und vor allem unbezahlbaren Spielart der Sozialdemokratie. Dieses Fehlen eines realistischen und progressiven Gegenentwurfs ist ungesund. Wettbewerb ist nicht nur für das wirtschaftliche Fortkommen, sondern auch für die intellektuelle Debatte notwendig. Mehr denn je brauchen wir heute eine echte intellektuelle Aus­einandersetzung, denn der globalisierte Kapitalismus unterwandert die sozialen Fundamente unserer Mittelschichten, auf denen die liberale Demokratie ruht.

Soziale Umstände bringen nicht „einfach so“ Ideologien hervor, wie Karl Marx einst behauptete. Ideen können nur mächtig werden, wenn sie die Nöte und Sorgen einer großen Anzahl von Bürgern aufgreifen. In weiten Teilen der Welt haben wir heute liberale Demokratien, weil sie auf bestimmte sozioökonomische Strukturen Antworten geben und erst durch diese Strukturen ermöglicht werden. Verändern sich die Strukturen, verändert sich auch die Ideologie. Umgekehrt haben ideologische Veränderungen sozioökonomische Konsequenzen.

Fast alle einflussreichen Ideen, die unsere Gesellschaften bis vor etwa 300 Jahren prägten, waren religiös, mit der wichtigen Ausnahme des Konfuzianismus in China. Die erste große säkulare Ideologie mit weltweitem und anhaltendem Einfluss war der Liberalismus, eine Doktrin, die im 17. Jahrhundert mit dem Aufstieg einer kommerziellen und später industriellen Mittelschicht in Teilen Europas einherging. (Unter „Mittelschicht“ verstehe ich jene, die weder an der Spitze noch am unteren Ende des Einkommensspektrums in ihren jeweiligen Gesellschaften stehen, die mindestens eine Sekundarschule besucht haben und denen entweder eine Immobilie oder ein Grundstück, Kapitalgüter oder ein eigenes Unternehmen gehören.)

Liberalismus, so klassische Denker wie Locke, Montesquieu und Mill, setzt voraus, dass der Staat seine Legitimität daraus bezieht, dass er die Rechte seiner Bürger schützt und seine eigene Macht durch Gesetze beschränkt wird. Ein grundlegendes Recht ist das Recht auf Privateigentum. Englands glorreiche Revolution (1688 bis 1689) war entscheidend für die Entwicklung des modernen Liberalismus, denn mit ihr wurde erstmals das verfassungsmäßige Prinzip festgeschrieben, dass der Staat seine Bürger nur mit deren Einverständnis legitim besteuern darf.

Liberalismus bedeutete zunächst nicht zwangsläufig Demokratie. Die Whigs, die die Einigung von 1689 unterstützten, gehörten zu den reichsten Landbesitzern Englands. Das Parlament repräsentierte nicht einmal 10 Prozent der Bevölkerung. Viele klassische Liberale, darunter auch Mill, standen der Demokratie zutiefst skeptisch gegenüber. Sie glaubten, dass eine verantwortungsvolle politische Partizipation Bildung und ein spezielles gesellschaftliches Interesse voraussetzt, etwa Privateigentum beziehungsweise Landbesitz. Das Wahlrecht war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fast überall in Europa durch Bestimmungen über ein Mindestmaß an Besitz und Bildung eingeschränkt. Andrew Jacksons Wahl zum US-Präsidenten 1828 und die Abschaffung der Eigentumsklausel im US-Wahlrecht – zumindest für männliche Weiße – war deshalb ein Meilenstein für die Entwicklung belastbarer demokratischer Prinzipien.

Lesen Sie auf der nächsten Seite vom Aufstieg des Marxismus, seinen Bedingungen und Folgen.

In Europa ermöglichten der Ausschluss weiter Bevölkerungsteile von der politischen Macht und die Entstehung einer industriellen Arbeiterklasse den Aufstieg des Marxismus. Das „Kommunistische Manifest“ wurde 1848 veröffentlicht, in jenem Jahr, in dem sich in allen europäischen Ländern Revolutionen ausbreiteten, mit Ausnahme Großbritanniens. Es begann ein Jahrhundert des Wettbewerbs um die Vorherrschaft innerhalb der demokratischen Bewegung: Auf der einen Seite die Kommunisten, die bereit waren, die prozedurale Demokratie (Wahlen, Mehrparteiensystem) zu opfern, weil sie substanzielle Demokratie wollten (ökonomische Umverteilung) – oder zumindest das, was sie dafür hielten. Und auf der anderen Seite die liberalen Demokraten, die mehr politische Partizipation forderten, aber am gesetzlichen Schutz der Bürger vor dem Staat festhielten, also auch am Recht auf Privateigentum.

In diesem Wettbewerb ging es vor allem um die Gefolgschaft der neuen industriellen Arbeiterklasse. Die frühen Marxisten glaubten, sie könnten den Kampf mithilfe der Massen gewinnen: Als Ende des 19. Jahrhunderts das Wahlrecht ausgeweitet wurde, stieg die Unterstützung für Parteien wie die britische Labour Party und die deutschen Sozialdemokraten sprunghaft an und bedrohte die Hegemonie der Konservativen wie auch der Liberalen. Der Aufstieg der Arbeiterklasse stieß auf heftigen, oft mit nichtdemokratischen Mitteln ausgetragenen Widerstand; die Kommunisten und viele Sozialisten wiederum gaben die formale Demokratie auf, sie wollten die Macht direkt übernehmen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es bei der progressiven Linken einen starken Konsens, dass irgendeine Form von Sozialismus – also einer staatlichen Kontrolle der wichtigsten wirtschaftlichen Schaltstellen, um eine gerechte Verteilung des Wohlstands zu gewährleisten – für alle Industrieländer unumgänglich sei. Der Sozialismus, so glaubte man, repräsentierte den Willen und die Interessen der Mehrheit in der modernen Gesellschaft.

Die großen ideologischen Konflikte des 20. Jahrhunderts spielten sich auf politischer und militärischer Ebene ab, doch auch auf der sozialen Ebene bahnten sich einschneidende Veränderungen an, die das marxistische Szenario unterhöhlen sollten. Erstens stieg der Lebensstandard der industriellen Arbeiterklasse, und zwar so stark, dass viele Arbeiter beziehungsweise deren Kinder in die Mittelschicht aufstiegen. Zweitens hörte die Arbeiterklasse auf zu wachsen, sie schrumpfte sogar, vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Dienstleistungen die Fertigungswirtschaft zunehmend verdrängten und den Beginn der sogenannten „postindustriellen“ Ära einläuteten. Und schließlich entstand unterhalb der industriellen Arbeiterklasse eine neue gesellschaftliche Unterschicht, eine bunte Mischung aus Armen und Benachteiligten, ethnischen Minderheiten, Einwanderern und sozial Ausgegrenzten, zum Beispiel Frauen, Homosexuelle und Behinderte. In den entwickelten Gesellschaften wurde die alte Arbeiterklasse zu einer weiteren von vielen Interessengruppen und begann, die politische Macht der Gewerkschaften zu nutzen, um die hart erkämpften Errungenschaften früherer Tage zu verteidigen.

Bald stellte sich heraus, dass die ökonomische Klasse kein gutes Banner war, unter dem man die Bevölkerung versammeln und zu politischem Handeln mobilisieren konnte. Die Zweite Internationale erhielt 1914 einen rüden Weckruf, als die europäische Arbeiterklasse den Klassenkampf aufgab und sich hinter die konservativen Anführer und ihre nationalistischen Slogans stellte – ein Phänomen, das es bis heute gibt.

Viele Marxisten versuchten, es mit Ernest Gellners „Theorie des falschen Adressaten“ zu erklären: So, wie schiitische Muslime überzeugt sind, dass Erzengel Gabriel ein Fehler unterlief, als er Mohammed anstelle von Ali die Offenbarung verkündete, so glauben viele Marxisten, dass dem Weltgeist ein schrecklicher Irrtum unterlaufen ist. Die Erweckungsbotschaft war für die Klassen gedacht, aber durch einen ärgerlichen Patzer wurde sie den Nationen verkündet.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Mittelschicht und Demokratie sich gegenseitig Beförderun - und warum beides bedroht ist.

Marx ging davon aus, dass die Mittelschicht, oder zumindest der kapitalbesitzende Teil der Mittelschicht, den er „Bourgeoisie“ nannte, immer eine kleine und privilegierte Minderheit in der modernen Gesellschaft bleiben würde. Stattdessen bildeten Bourgeoisie und Mittelschicht irgendwann die große Mehrheit in den entwickelten Ländern. Das stellte den Sozialismus vor immense Schwierigkeiten. Seit Aristoteles ist man überzeugt, dass stabile Demokratien auf dem Fundament einer breiten Mittelschicht ruhen und dass Gesellschaften mit extremem Wohlstand und extremer Armut anfälliger sind für oligarchische Herrschaft und Volksaufstände. Als sich in den Gesellschaften der entwickelten Welt breite Mittelschichten bildeten, verblasste die Leuchtkraft des Marxismus. Die einzigen Orte, an denen die radikale Linke als politisch einflussreiche Kraft überlebt hat, sind die von tiefer Ungleichheit geprägten Weltgegenden wie Teile Lateinamerikas, Nepal oder die verarmten Regionen Ostindiens.

Die „Dritte Welle“ der weltweiten Demokratisierung, die in den Siebzigern in Südeuropa anrollte und 1989 mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa ihren Höhepunkt erreichte, hat dem Politikwissenschaftler Samuel Huntington zufolge die Zahl der Wahldemokratien auf der Welt von 45 im Jahre 1970 auf 120 Ende der Neunziger erhöht. Mit dem Wirtschaftswachstum sind in Ländern wie Brasilien, Indien, Indonesien, Südafrika und der Türkei neue Mittelschichten entstanden. Der Ökonom Moisés Naím hat gezeigt, dass diese Mittelschichten relativ gut ausgebildet sind, Eigentum besitzen und technologisch mit der Außenwelt gut vernetzt sind. Sie stellen Forderungen an ihre Regierungen und sind dank ihrer Vernetzung leicht mobilisierbar. Es ist nicht überraschend, dass die wichtigsten Anführer des arabischen Frühlings gut ausgebildete Tunesier und Ägypter waren, deren berufliche Perspektiven und politische Partizipation von den Diktaturen, unter denen sie lebten, eingeschränkt waren.

Die Angehörigen der Mittelschicht sind nicht per se Demokraten: Wie alle anderen sind auch sie Akteure mit eigenen Interessen, die ihren Status und Besitz verteidigen wollen. In Ländern wie China und Thailand fühlt sich die Mittelschicht von dem Ruf der Armen nach Umverteilung bedroht und stützt deshalb autoritäre Regime, die ihre Klasseninteressen wahren. Demokratien erfüllen nicht automatisch die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Mittelschichten, und wenn sie es nicht tun, können diese Mittelschichten ziemlich aufmüpfig werden.

Über die Legitimität der liberalen Demokratie gibt es heute, zumindest im Prinzip, einen breiten globalen Konsens. Der Ökonom Amartya Sen drückt es so aus: „Die Demokratie wird noch nicht universell praktiziert, noch nicht einmal überall akzeptiert. Doch die demokratische Herrschaftsform gilt im Klima der Weltöffentlichkeit im Großen und Ganzen als richtig.“ Die Demokratie stößt in Ländern, die ein gewisses Wohlstandsniveau erreicht haben und deren Bürger sich der Mittelschicht zugehörig fühlen, auf breite Akzeptanz. Es gibt deshalb einen klaren Zusammenhang zwischen einem hohen Entwicklungsniveau und einer stabilen Demokratie. Da ist es auch kein Widerspruch, dass manche Gesellschaften, wie der Iran und Saudi-Arabien, die liberale Demokratie ablehnen und eine Form von islamischer Theokratie bevorzugen. Denn aus entwicklungsökonomischer Sicht sind diese Systeme Sackgassen, die nur überleben, weil sie auf riesigen Ölreserven sitzen.

Die größte Herausforderung für die liberale Demokratie heute kommt aus China, das ein autoritäres Herrschaftsmodell mit einem teilweise marktwirtschaftlichen Wirtschaftssystem verbindet. Das heutige China steht in einer langen und stolzen 2000-jährigen Tradition von bürokratischer Herrschaft. Seine Politiker haben den hochkomplexen Übergang von einer zentralisierten Planwirtschaft im Sowjetstil zu einer dynamischen, offenen Wirtschaft bewältigt, und das mit bemerkenswertem Geschick – ehrlich gesagt, mit mehr Geschick, als viele amerikanische Politiker in letzter Zeit bei ihrer eigenen makroökonomischen Politik gezeigt haben. Viele Menschen bewundern das chinesische System – nicht nur wegen seiner ökonomischen Leistungen, sondern auch, weil es weitreichende, komplexe Entscheidungen schnell zu treffen vermag, verglichen mit den quälenden politischen Blockaden der vergangenen Jahre in den USA und in Europa.

Dieses Modell wird aber außerhalb Asiens kaum zur ernsthaften Konkurrenz für die liberale Demokratie. Erstens ist es kulturspezifisch: Die chinesische Regierung blickt zurück auf eine lange Tradition der Meritokratie, Beamtenprüfung, betont guter Ausbildung und großer Ehrfurcht vor technokratischer Autorität. Es gibt kaum Entwicklungsländer, die dieses Modell nachahmen könnten. Diejenigen, die es einmal getan haben, Singapur zum Beispiel oder Südkorea, befinden sich in der gleichen Kulturzone wie China. Die Chinesen selbst bezweifeln, dass ihr Modell exportierbar ist; der sogenannte „Peking-Konsens“ ist eine Erfindung des Westens, keine chinesische. Unklar ist auch, wie nachhaltig das chinesische Modell ist. Weder das exportgestützte Wachstum noch der Top-Down-Ansatz bei Entscheidungen werden immer zu bestmöglichen Resultaten führen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum die Welt in 50 Jahren nicht wie das heutige China aussehen wird.

Schließlich hat sich China auch moralisch angreifbar gemacht. Die chinesische Regierung sorgt nicht dafür, dass ihre Beamten die Würde ihrer Bürger achten. Jede Woche gibt es neue Proteste wegen Enteignung, Umweltzerstörung und eklatanter Korruption in der öffentlichen Verwaltung. Solange die Wirtschaft rapide wächst, können diese Missstände unter den Teppich gekehrt werden. Doch das schnelle Wachstum wird nicht ewig anhalten, und dann wird die Regierung den Preis der angestauten Wut in der Bevölkerung zahlen müssen. Das Regime hat kein leitendes Ideal mehr, um das herum es sich organisieren kann. China wird von einer kommunistischen Partei geführt, die vermeintlich für Gleichheit steht. In Wirklichkeit aber ist die Gesellschaft von immer größerer und dramatischerer Ungleichheit geprägt.

Die Stabilität des chinesischen Systems ist also nicht selbstverständlich. Die Regierung verweist gerne darauf, dass ihre Bürger kulturell anders sind und eine gütige, wachstumsfreundliche Diktatur stets einer chaotischen Demokratie vorziehen würden, in der die soziale Stabilität gefährdet wäre. Doch es ist unwahrscheinlich, dass sich die wachsende chinesische Mittelschicht derart anders verhalten wird als Mittelschichten in anderen Teilen der Welt. Andere autoritäre Regime mögen versuchen, Chinas Erfolg nachzuahmen. Doch es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass die Welt in 50 Jahren so aussehen wird wie das China von heute.

Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum, sozialem Wandel und der Hegemonie der liberaldemokratischen Ideologie in der heutigen Welt. Es gibt zurzeit keinen überzeugenden Gegenentwurf. Allerdings gibt es ein paar höchst problematische ökonomische und soziale Trends, die, wenn sie anhalten, sowohl die Stabilität unserer liberalen Demokratien bedrohen als auch die demokratische Ideologie, wie wir sie heute kennen, von ihrem Spitzenplatz verdrängen werden.

Die Marxisten haben ihr kommunistisches Utopia nicht errichten können, weil der späte Kapitalismus Mittelstandsgesellschaften anstatt Arbeitergesellschaften hervorgebracht hat. Doch was, wenn Technologie und Globalisierung diese Mittelschichten unterhöhlen? Was, wenn es für immer mehr Menschen in den entwickelten Ländern unmöglich wird, in die Mittelschicht aufzusteigen?

Es gibt reichlich Anzeichen dafür, dass diese Entwicklung längst begonnen hat. In den USA stagniert der Mittelwert der Reallöhne seit den Siebzigern. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Stagnation sind bis zu einem gewissen Grad abgefedert worden, weil sich die meisten amerikanischen Haushalte seitdem von Einfach- zu Doppelverdienerhaushalten entwickelt haben. Außerdem, so der Ökonom Raghuram Rajan, haben die USA eine höchst riskante und ineffiziente Form der Umverteilung praktiziert, indem sie die Hauskredite von Niedriglohnhaushalten massiv subventioniert haben – auch, weil die Amerikaner jeder Form von direkter Umverteilung äußerst misstrauisch gegenüberstehen.

Dieser Trend, verstärkt durch eine Flut von Geld aus China und anderen Ländern, hat vielen einfachen Amerikanern suggeriert, ihr Lebensstandard sei in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. So gesehen war das Zerplatzen der Immobilienblase 2008/2009 nur eine grausame Rückkehr zum Echtzustand. Die Amerikaner mögen heute von billigen Handys, billiger Kleidung oder von Facebook profitieren, doch sie können sich immer weniger ihre Häuser, Krankenversicherungen und Renten leisten.

Ein weiteres besorgniserregendes Phänomen ist die ungleiche Verteilung der Segnungen von technologischer Innovation: Sie fallen disproportional den talentiertesten und bestausgebildeten gesellschaftlichen Gruppen zu. Dieses Phänomen hat in den vergangenen Jahren den massiven Anstieg der Ungleichheit in den USA befördert. 1974 entfielen auf das reichste Prozent der Haushalte 9 Prozent des BIP; 2007 waren es schon 23,5 Prozent.

Die Handels- und Steuerpolitik mögen diesen Trend verstärkt haben, doch der wahre Schuldige ist die technologische Entwicklung. In früheren Phasen der Industrialisierung – im Zeitalter der Textil-, Kohle- und Stahlwirtschaft und des Verbrennungsmotors – verteilten sich die Gewinne von technologischer Innovation fast immer auf breite Gesellschaftsschichten, etwa in Form von Arbeitsplätzen. Doch das ist kein Naturgesetz. Wir leben heute, wie es die Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff ausgedrückt hat, im „Zeitalter der schlauen Maschinen“ (In the Age of the Smart Machine), in dem Technologie immer mehr und immer anspruchsvollere menschliche Tätigkeiten ausführen kann. Jede technologische Innovation in Silicon Valley bedeutet anderswo im Wirtschaftssystem den Verlust von niedrigqualifizierten Arbeitsplätzen, ein Trend, der sich wohl fortsetzen wird.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Politik die Unterhöhlung von Mittelschicht und politischer Stabilität aufhalten kann.

Ungleichheit gab es immer schon, als Ergebnis von unterschiedlichem Talent und Charakter. Doch in der heutigen technologischen Welt haben sich diese Unterschiede vervielfacht. In den Agrargesellschaften des 19. Jahrhunderts hatten Menschen mit starker mathematischer Begabung nicht viele Möglichkeiten, Kapital aus ihrem Talent zu schlagen. Heute können sie als Finanzjongleure an die Börse gehen oder Software-Ingenieur werden und immer größere Anteile des nationalen Wohlstands abräumen.

Der andere Faktor, der den Wohlstand der Mittelschicht in den entwickelten Ländern schmälert, ist die Globalisierung. Die Transport- und Kommunikationskosten sind gesunken, und Millionen neuer Arbeitskräfte aus den Entwicklungsländern sind in den globalen Arbeitsmarkt eingetreten. Die Art von Arbeit, die bisher vom Mittelstand der entwickelten Länder erledigt wurde, kann jetzt woanders viel billiger getan werden. In einem ökonomischen System, in dem es vorrangig um die Maximierung des Volkseinkommens geht, ist es unvermeidlich, dass Jobs ausgelagert werden.

Eine klügere und kreativere Politik könnte den Schaden begrenzen. Deutschland hat es geschafft, einen großen Teil seiner Fertigungswirtschaft und Industriearbeiterschaft zu halten und gleichzeitig mit seinen Unternehmen international konkurrenzfähig zu bleiben. Die USA und Großbritannien dagegen haben den Übergang in die postindustrielle Dienstleistungswirtschaft mit offenen Armen empfangen. Freihandel geriet weniger zur Theorie als zur Ideologie.

Es gab viele schöne Worte über die Segnungen der Wissensgesellschaft: Dank ihr würden die schmutzigen, gefährlichen Arbeitsplätze der Fertigungsindustrie unweigerlich durch hochqualifizierte Jobs ersetzt, in denen man kreative und interessante Dinge tun könnte. Das war eine hauchdünne Schicht Zuckerguss, mit der man die harten Fakten der Deindustrialisierung zu kaschieren versuchte. Dabei wurde verschwiegen, dass die Segnungen der neuen Ordnung überproportional einer winzigen Schicht zufallen würden, vornehmlich Menschen aus der Finanz- und Hochtechnologiebranche, deren Interessen in den Medien und im politischen Diskurs vorherrschen.

Eines der erstaunlichsten Merkmale der Welt nach der Finanzkrise ist, dass der Populismus bisher als Rechtspopulismus (siehe die Tea-Party-Bewegung) daherkommt, nicht als Linkspopulismus. Der wahre Grund, warum es bisher keine breite linkspopulistische Bewegung gibt, ist ein intellektueller. Es ist schon Jahrzehnte her, dass die Linke zuletzt eine kohärente Analyse dessen vorgelegt hat, was mit entwickelten Gesellschaften geschieht, die einem ökonomischen Wandel unterliegen. Auch fehlt ein realistisches Programm, wie sich die Mittelstandsgesellschaft retten ließe.

Das linke Denken war, was den konzeptuellen Rahmen und die Fähigkeit zur Mobilisierung angeht, in den vergangenen Jahrzehnten eine echte Katastrophe. Der Marxismus ist seit vielen Jahren tot, seine wenigen verbleibenden Anhänger gehen heute ins Altersheim. Die akademische Linke hat den Marxismus durch Postmodernismus, Multikulturalismus, Feminismus, Kritische Theorie und eine Reihe weiterer fragmentierter intellektueller Trends ersetzt, die sich eher auf das Kulturelle als auf das Ökonomische konzentrieren. Der Postmodernismus geht davon aus, dass es so etwas wie ein historisches oder gesellschaftliches Großnarrativ überhaupt nicht gibt. Damit unterwandert er seine eigene Autorität, für die Mehrheit der Bürger zu sprechen, die sich von ihren Eliten verraten fühlen. Der Multikulturalismus rechtfertigt den Opferstatus nahezu jeder Randgruppe. Es ist unmöglich, auf Grundlage einer so bunt zusammengewürfelten Koalition eine progressive Massenbewegung zu mobilisieren. Die meisten der solcherart vom System zu Opfern gemachten Bürger aus der Arbeiter- und Mittelschicht sind kulturell konservativ und wären eher peinlich berührt, sich in diese bunte Schar einzureihen.

Wie auch immer die theoretische Rechtfertigung der Linken lautet, ihr größtes Problem ist ihr Mangel an Glaubwürdigkeit. In den vergangenen Jahrzehnten ist die linke Hauptströmung dem sozialdemokratischen Programm gefolgt, das sich auf die staatliche Bereitstellung bestimmter Leistungen konzentriert, zum Beispiel Renten, Gesundheitsversorgung, Bildung. Dieses Modell ist jetzt an seine Grenzen gekommen: Der Wohlfahrtsstaat ist aufgebläht, bürokratisch und unflexibel. Er ist zur Geisel jener Organisationen geworden, die ihn verwalten, etwa der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes. Vor allem ist er angesichts einer überall in der entwickelten Welt alternden Bevölkerung unbezahlbar geworden. Wenn sozialdemokratische Parteien an die Macht kommen, haben sie nicht mehr den Anspruch, mehr oder etwas anderes zu sein als bloße Wächter eines in die Jahre gekommenen Wohlfahrtsstaats. Niemand hat ein neues, aufregendes Programm, mit dem sich die Massen mobilisieren ließen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie das Programm für die Zukunft auszusehen hat, das einen realistischen Weg zu gesunden Mittelstandsgesellschaften und robusten Demokratien aufzeigt.

Wie aber sähe ein Programm für die Zukunft aus, die einen realistischen Weg zu gesunden Mittelstandsgesellschaften und robusten Demokratien aufzeigt? Es müsste mindestens zwei Komponenten enthalten, eine politische und eine ökonomische. Es müsste die Vorherrschaft der Demokratie über die Ökonomie wieder geltend machen und Regierungen wieder als Vertreter des öffentlichen Interesses legitimieren. Doch ein Programm, das sich aus diese Forderungen ableitet und das sich den Schutz der Mittel­schicht auf die Fahnen schreibt, könnte sich nicht einfach auf den bestehenden Mechanismen des Wohlfahrtstaats ausruhen. Es müsste den öffentlichen Sektor völlig umgestalten und neue, technologiebasierte Ansätze für die Bereitstellung sozialer Dienstleistungen finden. Es müsste freimütig für mehr Umverteilung plädieren und realistische Wege aufzeigen, wie sich die Vorherrschaft der Interessen- und Lobbygruppen in der Politik beenden ließe.

Wirtschaftlich könnte diese Ideologie nicht bei der Denunziation des Kapitalismus als solchem ansetzen, als ob der Sozialismus alter Schule noch eine realistische Alternative wäre. Es geht vielmehr um verschiedene Spielarten des Kapitalismus und um den Grad an staatlicher Einmischung, die der Gesellschaft helfen soll, sich an den Wandel anzupassen. Wir sollten die Globalisierung nicht als unerbittliche Tatsache verstehen, sondern als Herausforderung und Chance, die politisch umsichtig reguliert werden muss. In dieser neuen Ideologie wären Märkte kein Ziel an sich. Handel und Investitionen wären in dem Maße wünschenswert, in dem sie zum Wohlstand des Mittelstands beitragen, und nicht einfach als Mittel zur Maximierung des nationalen Wohlstands.

Doch das gelingt nur, wenn wir uns an eine ernsthafte und nachhaltige Kritik an den Grundfesten der modernen neoklassischen Ökonomie wagen – angefangen bei den Annahmen, dass individuelle Präferenzen souverän sind und dass das Volkseinkommen eine geeignete Maßeinheit des nationalen Wohlstands ist. Diese Kritik müsste auch zu der Einsicht kommen, dass das Einkommen eines Menschen nicht notwendigerweise seinen wahren gesellschaftlichen Beitrag repräsentiert. Sie müsste aber noch weiter gehen: Selbst wenn der Arbeitsmarkt vollkommen effizient wäre, bliebe die natürliche Verteilung von Begabung unfair. Individuen sind keine souveränen Einheiten, sondern Lebewesen, die stark von ihrem gesellschaftlichen Umfeld geprägt sind.

Die meisten dieser Ideen sind nicht neu, sie liegen in Fragmenten schon länger vor. Sie müssten nur zu einem triftigen Ganzen zusammengefügt werden. Dazu müsste die Globalisierungskritik an einen gewissen Patriotismus als Strategie der Mobilisierung gekoppelt werden. Das Ergebnis wäre eine Synthese von linken und rechten Ideen, losgelöst von den Forderungen bestimmter Interessengruppen, aus denen die progressive Bewegung derzeit besteht. Eine solche Ideologie wäre populistisch. Ihre Botschaft begänne mit einer Kritik der Eliten, die zugelassen haben, dass der Gewinn der vielen dem Gewinn der wenigen geopfert wurde, und einer Kritik der Finanzpolitik in Washington, die übermäßig die Reichen begünstigt.

Die Gefahren einer solchen Bewegung liegen auf der Hand: Wenn sich die USA als Anwalt eines offenen globalen Systems zurückziehen, riefe das anderswo protektionistische Reaktionen hervor. In vielerlei Hinsicht ist es im Zuge der Reagan-Thatcher-Revolution gelungen, eine wettbewerbsfreundlichere, globalisierte und reibungsfreiere Welt zu schaffen. Das hat immensen Wohlstand generiert, überall in den Entwicklungsländern entstanden Mittelschichten, und in ihrem Kielwasser breitete sich die Demokratie aus. Gut möglich, dass die entwickelte Welt kurz vor technologischen Durchbrüchen steht, die nicht nur die Produktivität steigern, sondern vielen Angehörigen der Mittelschicht auch sinnhafte Beschäftigung bringen werden.

Doch das ist eine Glaubensfrage, kein Spiegel der empirischen Realität der vergangenen 30 Jahre, die in eine ganz andere Richtung deutet. Es gibt in Wirklichkeit allen Grund zu glauben, dass sich die Ungleichheit zuspitzen wird. Die Konzentration des Wohlstands in den USA ist jetzt schon selbstverstärkend: Der Finanzsektor, so der Ökonom Simon Johnson, nutzt seine Lobbymacht dazu, jede lästige Form von Regulierung zu verhindern. Den Schulen der Reichen geht es prächtig, denen der breiten Bevölkerung immer schlechter. Die Eliten in allen entwickelten Gesellschaften nutzen ihren hervorragenden Zugang zum politischen System dazu, ihre Interessen durchzusetzen, und eine demokratische Gegenbewegung, die das ausgleichen könnte, ist nicht in Sicht.

Es wird keine Mobilisierung geben, solange sich die Mittelschichten von dem Märchen früherer Generationen fesseln lassen: Dass immer freiere Märkte und immer weniger staatliche Regulierung ihren Interessen am besten dienen. Es gibt eine alternative Erzählung, ein Gegennarrativ. Es ist da draußen. Es muss nur aufgeschrieben werden.

Francis Fukuyama ist Senior Fellow am Center on Democracy, Development, and the Rule of Law an der Universität Stanford. 2011 ist von ihm „The Origins of Political Order: From Prehuman Times to the French Revolution“ erschienen. Übersetzung: Luisa Seeling

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