Bertha Benz: Die erste Frau am Steuer

Vor 125 Jahren entwickelte Carl Benz das erste Auto. Ohne seine Frau Bertha hätte er das nie geschafft. Sie war für ihn Investor, Motivator und kongenialer Tüftler in einem. Statt heute mit ihr als Vorbild für Frauen zu werben, präsentiert sich Daimler weiter als Männerkonzern.

Bertha Benz um 1871
() Bertha Benz um 1871
Sie hätte als höhere Tochter ein angenehmes Leben führen können. Mehr als die Ehe mit einem Herrn aus den besten Kreisen der Badener Gesellschaft wurde von ihr nicht erwartet. Doch das war Bertha Benz zu wenig. Stattdessen verliebt sie sich in den Tüftler Carl Benz, der viele Ideen im Kopf, aber keinen Taler in der Tasche hat, der besser über Technik als über Gefühle reden kann. Von Anfang an ist es mehr als Liebe, was beide verbindet und zu einer 60jährigen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft führen wird. Er hat, weil er studieren konnte, das Wissen. Doch sie wird die treibende Kraft bei der Erfindung des ersten Autos vor 125 Jahren. Wenn er verzweifelt, drängt sie vorwärts. Wenn sein Motor stockt, gibt sie Gas. In der Präsentation des heutigen Daimler-Konzerns spielt Bertha Benz, eine für ihre Zeit sehr moderne, ausgesprochen tatkräftige und risikobereite Frau, kaum eine Rolle. Dabei wäre sie eine ausgezeichnete Symbolfigur, um mehr Frauen ins Unternehmen zu locken. Ihr Anteil in der Belegschaft liegt gerade mal bei 13,1 Prozent. Ursprünglich wollte Daimler dieses Jahr bereits eine Quote von 15 Prozent erreichen. Dieses Ziel haben Vorstand und Betriebsrat nun auf 2015 verschoben. Immerhin scheint es Vorstandschef Dieter Zetsche mit der Frauenförderung ernst zu sein. Für den neuen Posten des Compliance-Vorstands sucht er offenbar eine Frau. Dass ihn das Thema beschäftigt, machte Zetsche kürzlich bei einem Vortrag in Berlin deutlich, als er einem überwiegend männlichen Publikum mitteilte: „Reine Gentlemenclubs sind in ehrgeizigen Unternehmen ein Auslaufmodell.“ Ein Satz, den auch Bertha Benz unterschrieben hätte, die als Bertha Ringer am 3. Mai 1849 in Pforzheim zur Welt kam. Ihr Vater, von Haus aus Zimmermann, hatte es mit Bauspekulationen zu Reichtum gebracht. Bei Berthas Geburt – es ist seine dritte Tochter – notiert er frustriert in der Familienbibel: „Leider wieder nur ein Mädchen.“ Den Eintrag entdeckt Bertha mit zehn Jahren. Es sind nur fünf Worte, für sie aber eine unvergessliche Kränkung. Ein Leben lang wird sie versuchen, den Makel des falschen Geschlechts wettzumachen. Das erklärt auch, warum Carl Benz’ ausgeprägte Leidenschaft für Werkbank und Schmiere sie nicht abstößt. Ganz im Gegenteil, genau das zieht sie an. Sie glaubt an seine Vision des selbst fahrenden Wagens. Er wiederum ist fasziniert von der wissensdurstigen jungen Dame, die so gar nicht in die Zeit passen will – eine Zeit, in der Professoren propagieren, das weibliche Gehirn wiege weniger als das männliche und sei deshalb fürs Nachdenken nicht geeignet, und zu viel Intellektualität blockiere die Gebärfähigkeit. Noch vor der Hochzeit im Juli 1872 bedrängt Bertha ihren Vater, ihr das Erbe vorzeitig auszuzahlen, damit sich Carl in Mannheim eine eigene Existenz aufbauen kann. Aber das Geschäft geht nur dürftig voran. Benz erfindet zwar geniale Maschinen, muss aber hören, dass Arbeiter billiger und leichter austauschbar sind. Gewerkschaften gibt es damals noch nicht. Immer wieder steht das Unternehmen kurz vor der Pleite. Erst rund 20 Jahre nach ihrer ersten Begegnung wird die einstige Vision Wirklichkeit, der Wagen straßentauglich. Fortan rumpeln Bertha und Carl begeistert über das Fabrikgelände. Auf der Straße sorgt das motorisierte Gefährt für Angst und Erschrecken. Statt einer Fahrgenehmigung verhängt die Behörde Verbote und Strafen, weil immer wieder Hühner oder Hunde unter die Räder kommen. Am 29. Januar 1886 erhält Carl Benz das Patent auf seinen durchkonstruierten Motorwagen, und seine geliebte Bertha sitzt als erste Frau am Steuer. Der Erfolg lässt auf sich warten. Zwei Jahre später haben sie noch keinen einzigen Wagen verkauft. Als das zuständige Ministerium am 1. August 1888 wieder nur eine eingeschränkte Fahrerlaubnis erteilt, wonach über Mannheim und Umgebung hinaus nicht gefahren werden darf, hat Bertha die Nase voll. Mit ihren Söhnen fährt sie über 100 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim. Es ist die erste Fernfahrt der Welt: verboten, lebensgefährlich und äußerst anstrengend. Bergauf muss geschoben werden. Und auch bergab wird es heikel, denn das erste Automobil ist dreirädrig, muss aber auf Wegen vorankommen, die für vierrädrige Pferdekutschen ausgefahren sind. Tankstellen gibt es noch nicht, alle 15 bis 20 Kilometer braucht es eine Apotheke, in der man hoffentlich ausreichend Waschbenzin vorrätig hält, das Hausfrauen gewöhnlich zur Fleckenentfernung verwenden. Doch das Blatt wendet sich, die Epoche des „höher, schneller, weiter“ beginnt.Das macht die Benzens zwar reich, gefällt ihnen aber nicht. Enttäuscht verlässt der Autoerfinder seine Firma in Mannheim. Der Avantgardist avanciert zum Bedenkenträger. Benz postuliert, mehr als 50 km/h brauche es nicht. Später baut er mit seinen Söhnen wieder Autos. Zuverlässige Wagen, die möglichst keine Reparatur nötig haben. Ein Image, von dem die Marke bis heute profitiert. Die Inflation vernichtet ihr Vermögen. Die einstigen Konkurrenten Daimler und Benz müssen 1926 fusionieren. Drei Jahre später stirbt Carl Benz. Aus dem Duett wird ein Solo. Bertha überlebt ihren Mann um 15 Jahre. Erschüttert erlebt sie, wie ihr Land im Dritten Reich in Schutt und Asche untergeht. An ihrem 95. Geburtstag wird ihr jedoch eine letzte Freude zuteil. Die Technische Hochschule Karlsruhe verleiht ihr als erster Frau die Würde einer Ehrensenatorin. Ihren Kampf, mehr als „leider nur ein Mädchen“ zu sein, hat sie damit gewonnen. Zwei Tage später stirbt sie.

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