Was tat Putin in Dresden?

Nicht in Moskau, in Dresden begann die Karriere Wladimir Putins. Als Agent des KGB war er bis zum Zusammenbruch des Honecker-Regimes in der DDR stationiert. Fünf geheimnisvolle Jahre, um die sich bis heute wüste Spekulationen ranken.

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Es ist eine ziemlich desillusionierte Runde, die an diesem Wintertag zu einem mehr oder weniger konspirativen Treffen in einer Dresdner Plattenbauwohnung zusammengekommen ist. Zwei Offiziere des KGB haben das Treffen hektisch organisiert, dazugestoßen sind ein Mitarbeiter der K1, der politischen Polizei der DDR, der jedoch seit vielen Jahren im Dienst des sowjetischen Geheimdienstes steht, sowie ein Auslandsaufklärer des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Eine friedliche Revolution hat ihn gerade um Job und Auftrag gebracht. Es ist der 16. Januar 1990. Eine Flasche Sekt steht auf dem Tisch. Westsekt. Dabei gibt es eigentlich nichts zu feiern. Die DDR ist am Ende, ihr Geheimdienst auch. Die Dresdener Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit wurde in der Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1989 gestürmt, die Akten von einem Bürgerkomitee gesichert. Auch der KGB, der auf Perestroika in der DDR gesetzt hatte, ist damit gescheitert. Was noch schwerer wiegt: Der Geheimdienst ist in der DDR nicht mehr arbeitsfähig. Ohne sozialistische Bruderhilfe gibt es keine abhörsicheren Leitungen mehr, keine operativen Maßnahmen oder gefälschten Pässe. Es ist ein Desaster. Also beraten die vier Herren darüber, was noch zu retten ist, wie nun Teile des DDR-Agentennetzes in den KGB überführt werden können. Moskaus Agenten stehen unter immensem Druck. „Intensivst“ sollen sich diese „um neue Kundschafter bemühen“, so lautet die Anweisung an die Tschekisten in der DDR. So groß scheint der Druck auf die beiden KGB-Offiziere, dass bei diesem Treffen selbst Grundregeln des Gewerbes nicht mehr recht beachtet werden. Oder ist den beiden Spionen aus der Sowjetunion bereits alles egal? Ahnen sie schon, dass der Kalte Krieg verloren ist und auch daheim revolutionäre Umwälzungen bevorstehen? Während des Gesprächs wird Kaffee serviert, Kinder tollen herum. Obwohl die beiden Agenten wissen müssten, dass der Klassenfeind die Personalakten aller DDR-Spione inzwischen kennt, läuft der Ex-Aufklärer mit dem Decknamen „Klaus Zaundick“ an diesem Tag zum KGB über. Die Gläser klirren, die vier Männer geloben gute Zusammenarbeit und trinken auf eine demokratisch-sozialistische DDR. Es war nichts mehr zu retten. Vierzehn Jahre später arbeitet Klaus Zaundick als Caterer. Georg S., der ehemalige Kriminalist im Dienste des KGB, lebt von Sozialhilfe. Die Spur des einen KGB-Offiziers hat sich verloren. Nur der KGB-Oberstleutnant, der an diesem Tag das Gespräch führt, der Klaus Zaundick anwirbt und Georg S. seinen „besten Mann“ nennt, hat eine erstaunliche und zu diesem Zeitpunkt völlig unvorstellbare Karriere gemacht. Es ist Wladimir Wladimirowitsch Putin, heute Präsident Russlands. Viereinhalb Jahre, vom August 1985 bis zum Januar oder Februar 1990, verbrachte Wladimir Putin in Dresden. Kaum jemand in der Elbestadt erinnerte sich jedoch an den kleinen Russen, als dieser am 31. Dezember 1999 von Boris Jelzin überraschend zu seinem Nachfolger ernannt wurde. Viel ist seitdem über Putins fünf Dresdener Jahre spekuliert worden. Hat Wolodja dort den Grundstein für seinen steilen Aufstieg im postsozialistischen Russland gelegt? Hat er in Dresden sein Netzwerk geschmiedet? War er gar Teil der Operation Lutsch, mit der der KGB die SED ausspionierte? War er ein Meisterspion des Kalten Krieges oder nur ein durchschnittlicher Agent in der DDR-Provinz?

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