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Island ist pleite. Der Teufelskreislauf von Firmenkonkursen, Entlassungen und Privatinsolvenzen ist im Gang. Und dennoch reagieren die Isländer relativ gelassen. Ein Besuch auf der Insel im hohen Norden.

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Links zum Thema: Cicero-Dossier: Wirtschaftskrise Bildergalerie: Finanzkrise Den Vortrag über den amerikanischen Energiemarkt hätte sich der Banker Alexander Richter sparen können. Er war am 6.Oktober früh aufgestanden, um in einem Casinohotel in Nevada Kunden für die Erdwärme-Projekte der isländischen Glitnir Bank zu gewinnen. Im Foyer saßen amerikanische Rentner mit Sauerstoffgeräten an den Spielautomaten, im Pressezentrum beendete Richter seine Präsentation, da flüsterte ihm jemand zu, dass sich in seiner Heimat etwas zusammenbraue. Richter und seine Kollegen gingen in ein Nebenzimmer. Einer von ihnen rief zu Hause an und stellte auf Lautsprecher, und so erfuhren die Banker über das Mobiltelefon auf dem Tisch, dass die isländischen Großbanken per Notstandsgesetzgebung verstaatlicht würden. Im schlimmsten Fall drohe der Staatskonkurs, sagte der inzwischen abgelöste isländische Premier Geir Haarde und endete seine Rede mit den bangen Worten: „Gott schütze Island.“ Die nächsten Tage saßen Richter und die anderen wie benommen an ihrem Messestand, dann warfen sie ihre Prospekte in den Müll und flogen nach Hause. „Als wir in die Business Class einstiegen, haben etliche von uns die Glitnir-Logos auf ihren Koffern verdeckt“, sagt Richter, so groß sei die Angst vor Häme gewesen. Richter, ein gebürtiger Dresdner, lebt seit acht Jahren in Island. Er hat sich in der Glitnir Bank emporgearbeitet, im April noch besuchte Al Gore seine Abteilung, die zuständig für die internationale Kreditvergabe im Bereich der Geothermie ist, dann kam der Kollaps. Als Richter aus Nevada in sein Büro zurückkehrte, war dort kaum etwas zu tun. Er schaute aus dem Fenster auf die schneebedeckten Berge und ging um vier Uhr nach Hause. So lief es drei Monate lang, keine Geschäftsreisen mehr, endlich Zeit für seine Frau und die zwei Kinder, dafür die ständige Angst, als Nächster entlassen zu werden. Doch Richter hat Glück gehabt, aus seinem Boomjob ist ein Bustjob geworden: Als Portfolio-Manager ist er mit der Abwicklung der Bank betraut und kontrolliert, welche Kredite noch ausstehen, welche abbezahlt worden sind. Mindestens zwei Jahre, so schätzt er, wird es dauern, bis die Bank ihr Kreditportfolio bereinigt hat. Und so ist Richter mittendrin in einem Prozess, der auf die eine oder andere Weise die Weltwirtschaft beschäftigt. Man kann Island als Sonderfall betrachten, als Versuch einer Nation von Fischern im Fast-Forward-Modus zum Global Player der Finanzmärkte zu werden, gestützt auf eine kleine Währung. Als um die Jahrtausendwende die isländischen Banken privatisiert wurden, stürzten sie sich auf das Geschäft im Ausland; ihr eigenes Land mit nur 320000 Einwohnern bot ihnen nicht genug Kunden. Die Isländer wiederum entdeckten den Konsum und finanzierten ihre Häuser, Jeeps und Flachbildfernseher mit ausländischem Geld, weil so die Zinsen niedriger waren. Als die isländischen Banken nach der Lehmann-Pleite ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten, zogen internationale Investoren die Gelder ab, die Krone fiel ins Bodenlose, und der Staat selbst musste vom Ausland vor dem Bankrott gerettet werden. Doch auch anderswo übernehmen Regierungen Banken mit faulen Krediten, geraten Währungen unter Druck, und selbst mächtige Staaten wie Großbritannien stehen vor dem Konkurs. Island kann also nicht mehr nur als kuriose Fußnote gelten, eher als Bote dessen, was anderen bevorstehen könnte: Firmenkonkurse, Entlassungen, Privatinsolvenzen, ein Teufelskreis, der nur eine letzte Instanz kennt – den Staat, der alles auffangen muss und selbst keinen unbegrenzten Spielraum hat. Um zehn Prozent soll die isländische Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen, die Arbeitslosenquote ist innerhalb einiger Monate von weniger als einem auf sechs Prozent gestiegen, und täglich verlieren mehr Menschen ihre Arbeit. Lara Omarsdottir war spät dran für einen Termin, die Firma, die sie porträtieren sollte, wartete bereits, da rief sie der Chef der Gratiszeitung, für die sie arbeitete, zu sich. „Brauchst nichts zu sagen“, sagte sie zu ihm. Sie hatte in den vergangenen Tagen genug Kollegen mit verweinten Augen aus seinem Büro kommen sehen. „Sag mir nur, ob ich den Tag zu Ende machen soll.“ Ihr Chef schüttelte den Kopf. Lara rief ihren Mann Haukur an. „Hol mich ab“, sagte sie. Zeit hatte Haukur Olavsson genug, der Webdesigner war zwei Tage vorher selbst gekündigt worden. Den fünf Kindern wagte das Paar erst zwei Wochen später zu erzählen, dass sie keine Arbeit mehr hatten. „Ihr werdet nicht hungern“, versprachen sie ihnen, mehr wussten sie nicht zu sagen. Lara, 38, und Haukur, 37, haben noch Glück – im Gegensatz zu vielen Isländern haben sie das Reihenhaus, das sie in einem Vorort Reykjaviks bewohnen, nur gemietet. Aber sie haben zwei Autos, einen Flachbildfernseher, einen Kühlschrank – und das alles ist auf Pump in ausländischer Währung gekauft. Durch den Verfall der Krone haben sie nun Schulden, die den Wert ihrer Anschaffungen bei weitem übersteigen. Auf ihrer Facebook-Seite beschreibt Lara, wie sie ihren Alltag mit wenig Geld meistert – so ist ein Ratgeber entstanden, den Tausende von Isländern lesen. Nur einmal pro Woche und nie ohne Liste einkaufen gehen, empfiehlt Lara beispielsweise, und vor allem: Die Kreditkarte zu Hause lassen. Auch gibt sie Tipps, wie man Spaß haben kann, der nichts kostet. Neulich hat sie in ihrer Wohnküche Tisch und Couch beiseitegeschoben, das Radio aufgedreht und mit ihren Kindern zu der Musik des US-Teenstars Cyrus Miley getanzt. Doch auch wenn das die Sorgen für eine Stunde vertreibt: Das Geld wird höchstens zwei Monate reichen, und nachts surft Haukur durch das Internet auf der Suche nach Jobs, die es nicht mehr gibt. „Eine gute Arbeitshaltung ist die Voraussetzung für eine blühende Berufstätigkeit“, steht auf dem Plakat im Arbeitsamt von Reykjavik, es erscheint wie ein Relikt. Unter den optimistischen Worten sitzen die Arbeitslosen dicht an dicht. „Wir trauen uns nicht mal, einen Kaffee holen zu gehen“, sagt Hugrun Johannesdottir, die Schlangen seien zu lang. Hugrun leitet das Arbeitsamt seit neun Jahren, ruhige Jahre waren das, bis zum vergangenen Oktober. Seitdem hat das Amt eine zweite Niederlassung aufgemacht, ein Psychologe wurde eingestellt, der derzeit meistbesuchte Kurs heißt „Ängste“. Ein anderer mit dem Titel „Job Club“ findet gerade im Keller statt, sein Anliegen beschreibt die Leiterin so: „Das Ziel ist es, wenigstens wieder ein Ziel zu haben.“ Einer der Teilnehmer hat eine Geschäftsidee entwickelt, sie hängt auf einem Blatt an der Wand, „Bestattungsinstitut Himmel und Hölle“ steht drauf. „Die Isländer lassen sich ihren Humor nicht nehmen“, sagt Hugrun und erzählt einen Witz, der in Island derzeit die Runde macht: Was sagte ein Mann vor der Krise, wenn er eine Frau abschleppen wollte? Antwort: Ich bin Banker. Und heute? Ich bin Beamter. Ganz wohl fühlt sich der Banker Alexander Richter nicht mehr, wenn er mit Anzug und Krawatte durch die Straßen zur Arbeit geht. „Die Banker sind zum Feindbild geworden“, sagt er. Dabei haben die Banken gerade eine Initiative gestartet und geben Räume in ihren Bürotürmen mietfrei an Arbeitslose ab, die sich selbstständig machen wollen. Auch sonst ist der Umgang der Isländer mit der Krise erstaunlich erfinderisch: Die Universität Island hatte zu Beginn dieses Semesters rund 1400 Neustudenten zu verzeichnen – die meisten sind Arbeitslose, die sich weiterbilden wollen –, im vergangenen Semester waren es nur 200 Immatrikulierte. „Unsere Uni explodiert“, sagt Magnus Baldursson vom Rektorat. Lara wiederum will sich als Krisenberaterin selbstständig machen, sie hat bereits zehn Vorträge im ganzen Land gehalten. Wenn alles andere nicht hilft, sagt sie, „müssen wir uns selbst helfen“. Doch so schön das klingt, ganz wahr ist es nicht: Die Isländer brauchen den Staat mehr denn je. Ohne ihn können die Unis die vielen Studenten nicht betreuen, muss das Arbeitsamt seine Leistungen kürzen, wird keine Institution Lara für einen Vortrag buchen. Wie die neue Links-Regierung, die nach Protesten des Volks an die Macht gekommen ist, diese Aufgaben bewältigen will, weiß niemand. Doch vielleicht ist Island für die Unsicherheit der kommenden Jahre besser gerüstet als andere Länder. Auf ihrer kleinen Insel, vom Meer umgeben, sagt Alexander Richter, seien die Isländer den offenen Horizont gewöhnt. Foto: Picture Alliance

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