Sexy Mütter - Der Siegeszug der MILF

Von den Pornoseiten über die Spielplätze in die Chefinnen-Etagen: Ein fragwürdiges Kompliment findet Eingang in die Sprache: Milf – „Mother I’d Like to Fuck“

Die Ur-Milf: Mrs. Robinson aus „Die Reifeprüfung“, gespielt von Anne Bancroft, hier als Montage. Im Film sieht man sie nicht nackt
Anne Bancroft fantasy artwork / © Ision-Fakes.com

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Bergmann, Lena

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Vor der Sicherheitskontrolle am New Yorker Flughafen ist eine Frau mittleren Alters damit beschäftigt, hektisch ihre Flasche Saft auszutrinken. Auf dieser steht in großer schwarzer Schrift: „MILF“. Und daneben, etwas kleiner: „11 Dollar“. Die Frau – blond, modisch gekleidet – hat sich den Drink etwas kosten lassen. Anscheinend ist sie auf psychologisch raffiniertes Marketing reingefallen. Denn Milf bedeutet „Mother I’d Like to Fuck“, zu Deutsch ungefähr: „Mutter, mit der ich schlafen möchte“.

Zwei fröhliche Sicherheitsbeamtinnen beobachten die Frau: „Schau mal, wie der Drink heißt!“, feixt die eine. Beide kichern. „Passt zu der Milf, die ihn trinkt!“ In Amerika weiß jeder, was eine Milf ist. Längst gibt es dort ein Milf-Genre in der Pornoindustrie, Milf-Diäten und Milf-T-Shirts.

Statistiken des Online-Porno-Giganten Pornhub zufolge gehören „Teen“ und „Milf“ bei amerikanischen Nutzern der Seite zu den drei häufigsten Suchbegriffen – den dritten möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Aber es ist doch bemerkenswert, dass sich zum Männerfantasie-Klassiker des Teenagermädchens nun auch deren sexy Mutter gesellt hat.

Mrs. Robinson ist eigentlich ein Cougar

Seinen Ursprung hatte der Begriff in der Pornografie. In die Popkultur eingeführt wurde er durch den lustig-primitiven Pubertäts-Blockbuster „American Pie“ von 1999, in dem die verführerische Mutter eines Schülers seinen Freunden die Köpfe verdreht. Inzwischen benutzen ihn in den USA sogar Mütter selbst, um sich Komplimente zu machen. Was sich in den USA ausbreitet, ist häufig kurz danach auch in Europa ein Begriff.

Zur nachträglichen Ehren-Ur-Milf wurde schnell Mrs. Robinson gekürt, die 1967 im Oscar-prämierten Skandalfilm „Die Reifeprüfung“ von Anne Bancroft dargestellt wurde. Terminologisch im Übrigen nicht ganz korrekt: Aufgrund der offensiven Art, mit der sie den College-Absolventen Benjamin in ihr Bett drängt, wunderbar passiv gespielt von Dustin Hoffman, würde man sie heute eher als „Cougar“ bezeichnen. Englisch für „Puma“, steht dieser Begriff wiederum für die Frau im fortgeschrittenen Alter, die aktiv Jagd auf junge Männer macht. Die Milf hingegen hat es als souveränes Objekt der Begierde nicht nötig, auf die Jagd zu gehen. Sie kann ganz entspannt entscheiden, wer in ihr Bett darf.

In Deutschland ist der Terminus Milf auch schon angekommen, allerdings noch nicht in der Breite. Auf dem neuen Album der Sängerin und Mutter Judith Holofernes heißt ein Lied „M.I.L.F.“, in einem Video-Autotest auf der Website der Welt wird der neue Range Rover als „die ultimative Milf-Karre“ angepriesen, und der Moderator Jan Böhmermann lässt auf ZDF Neo als Aprilscherz den Schlagerbarden Guildo Horn als „Milf-Bachelor“ auf Mütter los. Die meistgesuchte Kategorie der deutschen Pornhub-Nutzer hingegen lautet – neben dem obligatorischen „Teen“ – „German“. Beim schnellen Date mit sich selbst ergötzt sich der deutsche Mann vor dem Bildschirm also bevorzugt an heimischen Teenagern. Mütter als erotische Fantasie haben sich hierzulande noch nicht durchgesetzt.

Schmeichelhafte Objektifizierung

Dies erstaunt, da das öffentliche Leben in Deutschland aus Männerperspektive doch eine Vielzahl an Milf-Fantasien zu bieten hat. Angefangen bei Manuela Schwesig, 40, als Polit-Milf, über die nach all den Jahren auf dem Feld der Musik-Milfs immer noch führende Nena, 54, bis hin zur Tatort-Milf Simone Thomalla, 49. Nicht zu vergessen natürlich auch die vierfache Mutter und transatlantische Elite-Milf Heidi Klum, 40, derzeit mit dem Künstlersohn Vito Schnabel, 27, liiert. Klum ist zwar nicht gerade das beste Aushängeschild für das Land der Dichter und Denker, aber es geht ja auch nur um das Eine.

Paradox ist, dass im Zeitalter politischer Korrektheit niemand Anstoß an diesem doch recht anzüglichen „Kompliment“ zu nehmen scheint. Sind Mütter so glücklich darüber, auch mit Kinderwagen oder gar VW Touran noch als begehrenswert wahrgenommen zu werden, dass sie über die im Grunde ja unverschämte Objektifizierung hinwegsehen, die dem Begriff der Milf innewohnt? Machen Mütter die Folgen des Alters und der Schwerkraft so große Angst, dass sie sich über Komplimente freuen, die sie früher als Affront empfunden hätten? Oder sind berufstätige Mütter heute so selbstbewusst, dass sie sich diese irgendwie doch schmeichelhafte Objektifizierung einfach gönnen können?

Vielleicht bewerten manche es doch als positiv, dass im Zeitalter des Jugendwahns auch die reife Frau die Fantasien der männlichen Internetnutzer beflügelt. Womöglich deswegen, weil junge Männer gleichaltrige Frauen heute zu sehr als Konkurrentinnen wahrnehmen. Oder äußert sich hier eine Art Fan-Phänomen? Eine Hommage an die moderne Frau: Nicht nur im Beruf, sondern auch im familiären Leben ist sie ein souveränes Überwesen, das in der Vielseitigkeit ein zeitgenössisches Leistungsideal erfüllt – und dabei auch noch sexy aussieht. Wir bleiben für Sie dran.

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