Helga Peskoller - Was die Berge aus Menschen machen

Niemand weiß besser, was es bedeutet, über dem Abgrund zu schweben, als die Professorin und Extrembergsteigerin Helga Peskoller. Zu Besuch in ihrer Bibliothek in Tirol.

Die Krinoline wurde ihr fast zum Verhängnis. Als die Schweizerin Félicité Carrel 1867 als erste Frau das Matterhorn bezwingen wollte, verfing sich der Sturm in ihrem Reifrock. Carrel drohte der Abgrund und sie musste umkehren. „Von der Krinoline zum sechsten Grad“ heißt der 100 Jahre später erschienene Bergsteigerinnen-Klassiker von Felicitas Reznicek, der von den Anfängen des Frauenkletterns erzählt und in dem auch diese berühmte Geschichte notiert ist. Helga Peskoller blättert versonnen in den verblichenen Seiten des blauen Bändchens, das fast auseinanderfällt. Die ältere Schwester hat es ihr zum 14. Geburtstag geschenkt.

Was machen die Berge aus Menschen, insbesondere aus den Frauen? Wie sprechen Frauen darüber? Machen sie ähnlich den Männern trotz aller Gefahren ein Heldenspiel daraus? Das alles habe sie bei Reznicek erfahren, erzählt die heute 54-jährige Professorin am Innsbrucker Institut für Erziehungswissenschaften. Die Faszination der Felsen hat sie seitdem nicht losgelassen. Die Suche nach der Erkenntnis hinter den extremen Erfahrungen seien „Selbstexperimente, in denen man erfährt, was in einem steckt und was nicht“, sagt sie. Sie klettert mit und manchmal auch ohne Seil. Bis in knapp 7000 Meter Höhe hat sie es bisher geschafft. Burschikos wirkt sie und drahtig mit ihren kurzen Haaren, zupackenden Händen und wachen Augen.

Extrem war auch der Ort, an dem sie zusammen mit den beiden Schwestern ihre Kindheit verbrachte. In 2000 Metern Höhe auf einer Schutzhütte des Alpenvereins, die von ihren Eltern bewirtschaftet wurde. Lange Zeit gab es nicht einmal eine Seilbahn. Nach allen Seiten ging es steil hinauf oder steil hinunter. Schon als Dreijährige habe sie auf der Stiege das Stürzen geübt. Mit 14 fing sie an zu klettern und bezwang die Südwand des ersten Sellaturms in den Dolomiten.

In den Bergen komme das Denken zur Ruhe, sagt Peskoller. Sie habe beim Klettern gelernt, sich „leeren zu müssen, um etwas aufnehmen zu können“. Ganz auf sich selbst konzentriert, aber „voll Adrenalin“. Beim Reden schließt sie immer wieder die Augen. So als müsse sie die Gedanken vorher in ihrem Kopf sortieren. Nebenbei geht sie in die offene Küche. Auf dem Herd brodelt die Suppe für die Speckknödel.

Der große zentrale Raum in ihrem ehemaligen Elternhaus im österreichischen Hall lebt von seiner Kargheit. Eine Bananenstaude, ein drei Meter langer alter Holztisch, ein großer gemauerter Quader als Kamin, grauer Steinfußboden, weiß gekalkte leere Wände. Lediglich das ebenerdige Regal an der Wand zieren ein paar Kunstbände: Picasso, Baselitz, Klee, Giacometti, Beuys. Dazwischen hat sich ein Trekking-Bergführer über den Kilimandscharo gemogelt.

Wo aber sind ihre Bücher? Die Bibliothek, von der sie am Telefon sagte, sie sei bescheiden. Und das, obwohl sich die Literaturverweise ihrer zahlreichen ­Publikationen lesen wie ein philosophisches Kompendium. Da wäre zum Beispiel ihr „BergDenken“, eine 350 Seiten umfassende Tour de Force durch die Kulturgeschichte der Höhe, die auf ihrer ursprünglich tausendseitigen Habilitationsschrift basiert: von Vilém Flusser bis Michel Foucault, von Dietmar Kamper bis zu Paul Virilio, die Berggänger Nietzsche und Heidegger nicht zu vergessen.

Der Weg zum Wissen ist mitunter beschwerlich. Wir müssen über eine steile Wendeltreppe in den ersten Stock hochsteigen. In ihre Arbeitskammer, die sie sich mit ihrem Lebensgefährten teilt, einem Schweizer Fotografen. Eigentlich habe sie drei Bibliotheken. „Man muss ja nicht alles zu Hause haben und nicht alles kaufen“, sagt sie. Die eine sei die wissenschaftliche in ihrem Büro am Institut. Da habe sie alles, „was man so braucht, für die Seminare und die Studierenden“. Die deckenhohe Regalwand hinter dem überdimensionalen Schreibtisch, vor dem wir stehen, sei die mittlere Bibliothek. Reihenweise Bücher, „die wüst aussehen“, weil sie intensiv damit arbeitet. Sie sind gespickt mit Post-its in allen Farben. Innen sind ganze Passagen gelb, grün und rot markiert.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Helga Peskoller zum Klettern antreibt.

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