De-Villepin-Comic - Spötteln über Frankreichs Ex-Premier

Ein Comic über den ehemaligen französischen Premierminister Dominique de Villepin verkaufte sich in Frankreich bisher mehrere 100.000 Mal. Der Verfasser, Christophe Blain, zeichnet das Bild eines charismatischen Blenders

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(picture alliance) In „Quai d'Orsay“ heißt er Alexandre Taillard de Vorms: Dominique de Villepin, französischer Außenminister von 2002 bis 2004

Als der französische Comiczeichner Christophe Blain vor zwei Jahren den ersten Teil eines realistisch- satirischen Comicromans über die Vorgänge hinter den Kulissen des Pariser Außenministeriums am „Quai d’Orsay“ veröffentlichte, war das ein spektakulärer Wechsel des Genres – vergleichbar dem Neuanfang, den Joanne K. Rowling nach acht „Harry Potter“-Romanen mit ihrem ersten sozialkritischen Gesellschaftsroman wagte, aber künstlerisch erfolgreicher. Denn während Rowling von den Kritikern zerrissen wurde, feierte man „Quai d’Orsay“, das jetzt im Verlag Reprodukt auf Deutsch erschienen ist, in Frankreich als Offenbarung, als einen Meilenstein der satirischen Darstellung großer Politik.

Zuvor hatte Blain vor allem im Abenteuergenre Aufsehen erregt. Seine bekanntesten Schöpfungen sind das mehrteilige Seeräuberepos „Isaak der Pirat“ und die komische Cowboy-Serie „Gus“. In die Sphäre der Politik katapultierte den 42‑jährigen Blain die Begegnung mit Abel Lanzac. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich ein Pariser Intellektueller, der als junger Mann Anfang der Nullerjahre zum Berater und Redenschreiber des Außenministers Dominique de Villepin berufen wurde. „Quai d’Orsay“ beruht auf den Erlebnissen Lanzacs (in der Graphic Novel heißt er Arthur Vlaminck) in jener bewegten Zeit, als Villepin bestrebt war, den Krieg der USA gegen den Irak zu verhindern. In Frankreich ist es ganz selbstverständlich, dass in Comics politische Vorgänge dargestellt werden: „Quai d’Orsay“ stand auf den Bestsellerlisten direkt neben „Sarkozy et les Riches“, in dem Nicolas Sarkozy als Schoßhündchen der französischen Superreichen dargestellt wird.

Der Außenminister heißt im Comic Alexandre Taillard de Vorms: „Wir haben die Figur nicht ,Dominique de Villepin‘ genannt, weil es uns darum ging, eine gewisse künstlerische Freiheit zu bewahren“, berichtet Blain. „Aber alles Erzählte ist wahr, mit der kleinen Einschränkung, dass es in Wirklichkeit viel mehr Berater mit viel komplexeren Verzweigungen im Amt gibt. Einige Figuren sind also die Synthese aus mehreren real existierenden Personen.“ Nur die Person des Ministers selbst und der Beauftragte für den Nahen Osten seien „chemisch rein“.

Das Storygerüst, das Blain normalerweise selbst schreibt, verfasste er diesmal zusammen mit Abel Lanzac. Der holte sich die Erlaubnis seines ehemaligen Arbeitgebers: „Villepin sagte nur: ,Macht, was ihr wollt, ich bin nicht so leicht kaputt zu kriegen‘“, erzählt Blain. Mittlerweile signiert Villepin die „Quai d’Orsay“-Bände sogar, und „manchmal schreibt er Widmungen in das Buch“, hat Blain erfahren. Dabei wird Alexandre Taillard de Vorms in dem Comic keineswegs ein Denkmal errichtet: Der Minister ist als ein sprunghafter, von Eingebungen getriebener, intellektueller Blender dargestellt, der mit Lektürefundstücken um sich wirft. Aber eben auch als ein faszinierender Charismatiker mit großem persönlichen Mut. Einmal bringt er in Afrika einen wütenden Mob dazu, den Weg zum Flughafen frei zu geben, indem er sich direkt unter die Leute begibt und mit ihnen redet – während seine Bodyguards nervös schwitzen.

Seite 2: Eine Graphic Novel zur Seelenlage der Nation

Zum Comiczeichnen kam Christophe Blain nach einem Kunststudium in Cherbourg, als er Ende der neunziger Jahre in Paris der Gruppe um die Zeichner Lewis Trondheim, Joann Sfar, David B. und Emile Bravo begegnete. An der Fantasy-Parodie „Donjon“ arbeitete er gemeinsam mit Trondheim und Sfar. Mit der kafkaesken Geschichte „Das Getriebe“ über drei seekranke Matrosen auf einem Schlachtschiff verarbeitete er seine eigene Militärzeit auf der Fregatte „Tourville“. 2002 bekam er den großen Preis des Festivals in Angoulême für den ersten Band von „Isaak der Pirat". Spätestens damit war er als einer der Erneuerer der französischen „Bandes dessinées“ etabliert.

„Quai d’Orsay“ ist Blains größter kommerzieller Erfolg geworden. Die beiden Bände verkauften sich in Frankreich mehrere 100.000 Mal. Kenner des dortigen Literaturbetriebs erklären sich das nicht nur mit der Qualität des Werkes, sondern auch mit der Seelenlage der Nation: In der Endphase der Präsidentschaft Nicolas Sarkozys habe es eine nostalgische Sehnsucht nach nobleren Politikern gegeben. Bei allem Spott, den Blain und Lanzac über den Minister ausgießen, sei doch auch dessen Kampf vor der Uno gegen den Irakkrieg gewürdigt worden. Sarkozy selbst kommt im Buch zwar nicht vor, obwohl er als Innenminister ja Villepins Kabinettskollege war. Dafür hat der deutsche Außenminister Joschka Fischer einen kurzen Auftritt als Redner vor der Uno-Vollversammlung, und Italiens Ministerpräsident wird ganz lebensgetreu als Satyr gezeichnet: „Es stimmt tatsächlich, dass er die Frau von Abel Lanzac im Fahrstuhl angebaggert hat“, amüsiert sich Blain.

Gemeinsam mit Lanzac arbeitet er nun an einem Drehbuch für den „Quai d’Orsay“-Film, den Bertrand Tavernier drehen will. Danach planen die beiden möglicherweise eine Art Fortsetzung unter dem Arbeitstitel „Matignon“ – benannt nach dem Hôtel de Matignon in Paris, wo Villepin 2005 bis 2007 als Premierminister amtierte: „Das politische Milieu ist wie eine Droge. Wer einmal dazugehörte, hat Schwierigkeiten, sich davon loszumachen“, kommentiert der Zeichner. Das gilt für Villepin genauso wie für Blains Partner Lanzac.

Quai d'Orsay: Hinter den Kulissen der Macht. Reprodukt Verlag, Berlin 2012, 200 Seiten, 36,00 EUR

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