Ralf Stegner über den Tatort - „Schimanski war revolutionär“

Die Kieler Tatort-Ermittler sieht der schleswig-holsteinische SPD-Vorsitzende am liebsten: Ralf Stegner über seine große Tatort-Leidenschaft, darüber, ob die Folgen früher besser waren und was er von Til Schweiger als neuem Kommissar hält

Ralf Stegner,Schleswig-Holsteins SPD-Chef,Politiker mit Fliege
(picture alliance) Sonntags, 20.15 Uhr findet man Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner vermutlich vor dem Fernseher

Herr Stegner, Sie haben sie alle: 852 Filme, die Tatorte von 1970 bis 2012. Warum das?
Das ist sicherlich eine Marotte. Ich habe den Tatort von Beginn an erst bei meinen Eltern geguckt, später dann alleine und fand ihn immer klasse. Er hat mir deutlich besser gefallen als amerikanische oder andere Krimis. Dann habe ich angefangen alles aufzunehmen, mit den Wiederholungen mehr und mehr mein Repertoire ergänzt, irgendwann alles auf DVDs überspielt und einen Jägerehrgeiz entwickelt, so dass ich auch noch die restlichen Sammlerstücke besorgte.

 

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Welche waren am Schwersten zu bekommen?
Österreichische oder Schweizer Tatorte zum Beispiel. Die sind schwieriger zu besorgen als die vom NDR. Ich habe viel herumtelefoniert, meistens haben mir am Ende freundliche Damen geholfen und manchmal auch Aufzeichnungen besorgt obwohl sie das gar nicht durften. Da will ich jetzt lieber nicht jeden Weg beschreiben...

[gallery:Die 20 Cicero-Cover zum Tatort]

Unter vielen Tatortfans gehört es dazu, sich nach jeder Ausstrahlung darüber auszulassen, dass die Tatorte früher besser waren. Sie müssten es wissen, oder?
Ich  finde das nicht. Natürlich gibt es welche, die einem besser gefallen als andere. Nicht jedes Drehbuch, jede Geschichte, jedes Thema ist gleich gut oder reizt einen. Aber wenn man den Tatort mit anderen Serien vergleicht, ist er immer noch deutlich realistischer, vielfältiger und politischer. Ob Kindesmissbrauch, Asylrecht, Kriegseinsatz in Afghanistan, der Umgang mit Neuen Medien, die alternde Gesellschaft oder Fußball – was politisch relevant ist, kommt auch vor. Und zwar nicht nur in den schicken Münchener Gegenden, die man von Derrick kennt sondern in Ludwigshafen am Rhein, in Münster, Kiel, Berlin oder München. Das ist schon ziemlich konkurrenzlos.

Welches Bundesland kommt im Tatort am besten weg?
Schleswig-Holstein kommt natürlich sehr gut weg, mit seinen wundervollen Bildern, mit Kiel, dem Meer. Der Kommissar (Axel Milberg als Klaus Borowski, Anm. d. Red.) wird vielleicht noch ein bisschen grummeliger dargestellt als es die Norddeutschen sind, aber schlecht ist das auch nicht. Nordrheinwestfalen hat mit seinen vielen verschiedenen Regionen auch einiges zu bieten von Köln, dem Ruhrpott bis nach Münster. München oder Berlin werden auch anders dargestellt als in vielen anderen Serien. Frankfurt mit seinen guten Drehbüchern, mit Joachim Król und Ulrich Tukur ist natürlich erste Liga.

Ihr Lieblingskriminalist?
Ich fand den Finke (Kieler Kommissar aus den 70er Jahren, Anm. d. Red.) hervorragend. Aber passend zu meinem damaligen Alter hat mir natürlich auch Götz George als Schimanski sehr gut gefallen. Das war revolutionär, ein Stück Jugendkultur ins Fernsehen zu bringen, die man sonst nur aus Kinofilmen kannte.

Die schlimmste Personalentscheidung in Sachen Kommissarbesetzung? Til Schweiger hat ein ziemliches Raunen in der Tatort-Szene ausgelöst...
Ich bin auch nicht sicher, dass das klappt mit dieser Methode, sich einen Kinostar zu holen und zu glauben, dass er das mal so eben kann. Und dann kommt der auch gleich mit Vorschlägen, was man so alles anders machen muss – in der Regel geht so etwas daneben. Ein guter Schauspieler schlägt eben nicht immer ein. Trotzdem guck ich mir das an, mal schauen.

Seite 2: Ist Stegner beim Tatort-Gucken eher der gesellige Typ oder der ruhige?

Vermissen Sie auch noch Maren Eggert alias Frieda Jung an der Seite von Axel Milberg alias Borowski?
Die hat das richtig klasse gespielt, hat mir gut gefallen. Obwohl ich die Neubesetzung mit Sibel Kekilli als Sarah Brandt auch nicht schlecht finde. Vielleicht wollte man dem unterkühlten Part etwas entgegensetzen – das ist dann künstlerische Freiheit der Macher.

So abgebrüht sind Sie da als Tatort-Fan?
Naja, nicht immer. Natürlich gucke ich mir auch an, wie Politik dargestellt wird. Am Sonntag wird ein Tatort mit einem wohlhabenden Staatssekretär gezeigt und der ist korrupt. Da ich selber einmal Staatssekretär war, würde ich das nicht bestätigen wollen. Die meisten Staatssekretäre, die ich kenne, sind eher ordentliche Leute. Da ist das Milieu ein bisschen überzeichnet, gerade was das Materielle angeht. Das ist aber nicht tatorttypisch sondern typisch für die Darstellung von Politik in Fiktion.

Das bemängeln viele Berufsgruppen, etwa auch Staatsanwälte, die bei den Tatorten nicht gut weg kommen...
Andererseits werden grüne Polizisten heute nicht mehr als Deppen dargestellt, so wie früher. Mein Schwiegervater, der Polizist war, hat sich in den 70er Jahren darüber sehr aufgeregt.

Ihre Eltern zeigten bereits in den 70ern in ihrer eigenen Gastwirtschaft sonntagabends den Tatort. Was sind Sie für Typ: Haben Sie es gern gesellig zum Tatort oder muss im Wohnzimmer heilige Ruhe herrschen und niemand darf dazwischen quatschen?
Meistens guck ich schon zuhause und das auch am liebsten. Aber es kommt schon mal vor, dass ich eingeladen werde, weil sich meine Vorliebe herumspricht. Ich hab mir schon Premieren im Kino angesehen und ein paar der Tatortkommissare kennen gelernt. Zum Beispiel die Kölner, die Dresdener, Mario Kopper aus Ludwigshafen. Mit denen ein Bier zu trinken und festzustellen, dass die sich teilweise selbst spielen, ist schon witzig.

Was sagt es über ein Land aus, das alle gesellschaftlichen Fragen nur noch mithilfe eines Leichenfundes in den Wohnzimmern erörtert?
Ich sehe das gar nicht so kritisch. Es ist doch die alte Geschichte mit der gut gemachten Unterhaltung: Wenn es darum geht, wie sich unsere Soldaten in Afghanistan fühlen und diese Diskussion so in die Familien getragen wird, finde ich das richtig gut. Ich vermute, manche Leute denken über bestimmte Dinge wie Rassismus oder Zustände im Pflegeheimen sonst nicht nach. Und so bleibt vielleicht etwas hängen.

 

Das Interview führte Marie Amrhein

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