Der Philosoph Peter Sloterdijk sitzt am 21.05.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei der Vorstellung seines Romans "Das Schelling-Projekt" im Rahmen des Philosophie-Festivals phil.cologne auf dem Podium.
Peter Sloterdijk wird heute 70 Jahre alt / picture alliance

Peter Sloterdijk - „Das kann nicht gut gehen“

Peter Sloterdijk, der philosophische Meisterlehrer, wird 70 Jahre alt. Im Februar 2016 haben wir uns mit ihm über Angela Merkel, Migration und das Regiment der Furcht unterhalten. Das Interview machte Furore, zu seinem Geburtstag veröffentlichen wir es hier noch einmal

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Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Christoph Schwennicke war bis 2020 Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Herr Sloterdijk, in Ihrem Buch über „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ steht der Satz, Macht sei „das Vermögen, die Tatsachen in die Flucht zu schlagen“. Ist es falsch, bei dieser Definition an die Kanzlerin zu denken und ihre Flüchtlingspolitik?
Peter Sloterdijk: Derzeit melden sich die Tatsachen energisch zurück. Die Macht scheint auf der Flucht vor ihnen. Die Tatsachen sind die Jäger und die Mächtigen die Gejagten. Auf der Flucht waren in der Silvesternacht in Köln Frauen. Sie wurden, wie es die Polizei formuliert, von „nordafrikanischen Straftätern“ belästigt, die ihrerseits Flüchtlinge und Asylbewerber waren. Ich hielt die Vorkommnisse zunächst für einen interkulturellen Silvesterscherz. Es ist nicht unüblich, an Silvester wildfremde Menschen zu umarmen und zu küssen. Einige Ausländer wollten davon profitieren – dachte ich zuerst. Silvester ist ein Tag, an dem man bei uns mit Freundlichkeiten gegen Unbekannte unsortiert umgeht. Wer nicht hier zuhause ist, könnte glauben, Europäerinnen seien niedrigschwellig zugänglich.

Es kam zu Vergewaltigungen.
Die Dynamik der Kölner Szene kam mir, wie den meisten, erst nachträglich vor Augen. Sie ist objektiv noch immer nicht ganz geklärt. Zuerst lag die Zahl der Anzeigen in der Größenordnung von einigen Dutzend, aufgrund von abscheulichen Szenen, ohne Zweifel. Die ersten Opfer haben die Vorfälle kurzfristig zur Anzeige gebracht. Der Schock reichte so tief, weil emanzipierte Frauen in die Situation von Freiwild zurückversetzt wurden, wie nach einem verlorenen Krieg. Freunde aus Osteuropa, die mit Bandenüberfällen Erfahrungen gemacht haben, schilderten mir, wie grauenvoll es ist, wenn man von Kriminellen eingekreist wird. Verabredete Bedränger aus Nordafrika haben unzweifelhaft die gleiche schockierende Wirkung. Einige Dutzend Frauen auf dem Vorfeld des Kölner Doms gaben Zeugnis vom Terror solcher Umkreisungen. Wenn inzwischen circa 700 Anzeigen eingegangen sind, gibt es Grund, über die Dynamik der Verzögerung nachzudenken.

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