Nina Hoss über Auschwitz-Gedenkfilm-„Phoenix“: - „Das Grauenvollste war diese Ordnung“

Nina Hoss spielt in Christian Petzolds Film „Phoenix“ die Jüdin Nelly, die 1945 aus Auschwitz zurück nach Berlin kommt, um an ihr altes Leben anzuknüpfen. Im Interview spricht sie über Demut am Set und über das Grauen auf der Leinwand

Nina Hoss
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Sarah Maria Deckert ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt u.a. für Cicero, Tagesspiegel und Emma.

So erreichen Sie Sarah Maria Deckert:

Frau Hoss, was ist Ihnen eigentlich lieber: die Bühne oder der Film?
Ich glaube, ich habe für beides die gleiche Leidenschaft. Wenn ich aber darüber nachdenke, was mir schwerer fallen würde, es sein zu lassen, wäre es wohl das Theater.

Warum?
Weil ich am Theater die Art der Auseinandersetzung so mag. Wenn man in einer Gruppe acht Wochen zusammensitzt und gemeinsam versucht, sich einem Autor oder den Figuren anzunähern, in sich zu gehen, auszuprobieren, zu scheitern, weiter zu kommen. Am Theater ist so vieles möglich, bis zu dem Punkt, wo man sich festlegen muss. Ich lerne viel, was mir dann wiederum für meine Filmarbeit hilft.

Sie meinen, das Theaterspielen bereitet Sie auf die Filmarbeit vor?
Ich spiele nicht Theater, um fit für den Film zu sein, aber irgendwie bedingt sich das. Ich entdecke viel auf dieser Reise in den Proben. Ich werde angeregt und habe dann das Gefühl, nicht kalt in einen Film zu starten, weil ich immer in Bewegung bin. Auch als Schauspieler muss man trainieren, sonst bekommt man Hemmungen. Oder anders gesagt: Die Vorbereitung beim Film ist einsam. Vielleicht hat man mal einen Coach oder jemanden, der mit einem das Drehbuch durchspricht. Manchmal kann man sich auch an den Regisseur wenden. Aber schlussendlich kommt man an das Set und muss wissen, was passiert.

Gibt es andersherum etwas, das Sie vom Film mit ins Theater nehmen?
Beim Film habe ich gelernt, dass, wenn ich genau weiß, wie eine Figur agiert, ich nichts verdeutlichen muss. Das funktioniert auch auf der Bühne. Man denkt immer, man müsse größer spielen, damit man es auch noch in der letzten Reihe versteht. Auf die Stimme trifft das sicher zu. Aber wenn ich in dem, was ich tue, klar bin, dann brauche ich keine großen Gesten.

Ihr neuer Film „Phoenix“ ist eine einzige große Geste. Sie spielen Nelly, die 1945 aus Auschwitz zurück nach Berlin kommt, um an ihr altes Leben anzuknüpfen. Was haben Sie aus diesem Film mitgenommen?
Dieser Film hat mich wieder einmal Demut gelehrt. Es ist nicht so einfach, zu sagen, jetzt müssen wir aber mal wieder nach vorne schauen. Das halte ich für falsch. Schon vor der Arbeit an diesem Film habe oft darüber nachgedacht, warum das gerade in diesem Land stattgefunden hat. Und ob das etwas damit zu tun hat, dass es in diesem Land stattgefunden hat. Ob es mit dem Charakteristikum dieses Landes zusammenhängt.

Welches Charakteristikum wäre das?
Der Gefallen am Gehorchen. Diese Autoritätshörigkeit, die hier irgendwie verankert zu sein scheint, mehr vielleicht als in anderen Ländern.

Ohne zynisch klingen zu wollen: Gehört eine gewisse bürokratische Ordnung nicht zu jedem halbwegs funktionierenden Staat, so wie die Obrigkeitshörigkeit zu militärischen Strukturen gehört, egal in welchem Land?
Ja. Aber das Unfassbare, das Grauenvollste überhaupt an dieser ganzen Sache war diese Ordnung. Damit komme ich einfach nicht zurecht. Das Planen, das Durchstrukturieren. Wenn man Claude Lanzmanns Doku „Shoah“ sieht, wenn man sich diese KZ-Wächter vorstellt, wie sie vor ihren Plänen stehen und stolz und kalt die Abläufe erklären. Hier werden die Köpfe geschoren, da werden sie in die Gaskammern geführt und da kann man die Leichen aufstapeln. Vorher gibt’s noch einen Kaffee. Diese Systematik. Ich weiß einfach nicht, wie das möglich war. Und das vor nicht einmal 100 Jahren. Deshalb sollte man gegen alle Strömungen gehen, die sagen: Jetzt müssen wir es aber auch mal gut sein lassen. Jetzt müssen wir auch mal wieder leben. Gegen Leben und Leichtigkeit spricht überhaupt nichts. Aber gegen das Vergessen. Wir müssen in die Welt treten und sagen: Es ist uns passiert, hier in diesem Land. Wir wissen, wie es passieren konnte und wir werden es nicht vergessen. Deshalb werden wir davon erzählen, damit so etwas nie wieder vorkommt.

Was hat Sie persönlich an dieser Geschichte interessiert?
Dass wir in die Stunde Null blicken. Wir erahnen den Wiederaufbau dieses Landes und gleichzeitig bahnt sich die Verdrängung ihren Weg. Überall kriecht sie hinein. Man fühlte sich betrogen, weil man an das Falsche geglaubt hat, obwohl es doch das Richtige war. Es war ja nicht so, dass nach 1945 alle Nazis plötzlich keine Nazis mehr waren. Das schwelte unten drunter ja immer noch. Und dann kam die Zeit der Sprachlosigkeit, in die Nelly trifft. Sie steht dort als lebendes Mahnmal.

Nelly sucht im Film nach ihrem Mann, nach ihrer großen Liebe Johnny. Die Zeit im Lager hat sie allerdings so verändert, dass er sie nicht wiedererkennt. Sie könnte ihm einfach sagen, wer sie ist, aber sie tut es nicht. Wie kann die Sprachlosigkeit größer sein, als der Wunsch nach Offenbarung?
Das Trauma hat von Nelly Besitz ergriffen. Deshalb lässt sie die Dinge mit sich geschehen. Sie kann nichts einordnen, weil sie nicht weiß, wer sie ist. Weil ihr das geraubt wurde: ihre Persönlichkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Würde. In den Lagern wurde man entmenschlicht. Man wurde wie Vieh behandelt, wie ein Tier, das wertlos ist, das nichts zählt und nicht anerkannt wird. Und dann kommt man in eine Welt, die von all dem nichts wissen will. Von einem Trauma geht es direkt in das nächste. Was hier also stattfindet, ist Verdrängung auf beiden Seiten. Deshalb erkannt man sich nicht.

Wir sind anspruchsvolle Rollen von Ihnen gewohnt. Doch wie porträtiert man eine Frau, die gerade mit dem Zug aus Auschwitz kommt?
Ich hatte großen Respekt davor. Ich habe mich angefüllt mit Dokumentationen, habe viel gelesen. Ich habe das Drehbuch genommen und sämtliche Fragen, die ich mir gestellt habe, aufgedröselt. Im Grunde habe ich versucht, es einfacher zu machen. Nicht zu viel reflektieren, sondern den Grundzustand dieser Figur auszuloten: ein Nichts. Ein Nichtvorhandensein im Vorhandensein. Man ist gierig nach allem, was einem von seinem alten Leben erzählt, nach allem, was Leben bedeutet. Für Nelly ist es die Liebe zu diesem Mann.

Nelly überlebt den Holocaust, paradoxerweise stirbt am Schluss jedoch die Liebe. Ein Leben ohne Liebe, ist das überhaupt lebenswert?
Nein. Leben ohne jegliche Form von Anerkennung, Zuneigung und Nähe? Ohne das geht es nicht. Aber für mich stirbt die Liebe am Schluss auch nicht. Die Liebe ist es, die Nelly am Leben erhalten hat. Und dieses Wissen um die Kraft der Liebe, das trägt sie weiter mit sich. Vielleicht sind Menschen wie Nelly nach ein paar Jahren an ihrem Schicksal verzweifelt. Aber in diesem Moment, so kurz nach dem Krieg, war man einzig und allein damit beschäftigt, am Leben zu bleiben. Das Grauen ist so groß, dass man nicht mal mehr weinen kann.

Die Frage, die sich der Film stellt, ist, ob man über den tiefen, nihilistischen Riss, den das Dritte Reich vollzogen hat, zurückspringen kann. Ob man etwas rekonstruieren kann, das für viele bereits verloren schien, wie das Gefühl, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Mitleid und nicht zuletzt: das Leben. Was denken Sie?
Ich glaube, man kann es nie vergessen. Aber ich glaube auch, dass die Menschen den Weg zur Vergebung gefunden haben. Und zwar deshalb, weil man gesehen hat, dass sich ein Land mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzt. Mit Rachegefühlen geht man schlecht durchs Leben. Man kann aber nur verzeihen, wenn der andere eine Arbeit leistet. Erst dann kommt man zur Ruhe.

[video:Christian Petzolds „Phoenix“: Trailer]

Sie sind Agnostikerin. Glauben Sie an so etwas wie Absolution?
Nein. Natürlich kann man sich in diesen Breitengraden der christlichen Religion nicht entziehen. Ich habe kein Problem mit den christlichen Grundsätzen, nur mit der Institution Kirche. Deshalb kann ich auch Worte wie Vergebung benutzen, ohne an die Kirche zu denken. Und Vergebung ist dann möglich, wenn jemand seine Schuld eingesteht und sagt: Ich habe etwas falsch gemacht, ich bitte um Entschuldigung. Ich glaube, das ist in Teilen geschehen.

Finden Sie es eigentlich schlimm, wenn man Sie in Bezug auf Ihre Filmfiguren auf das Bild der starken Frau „reduziert“?
Ich habe grundsätzlich ein Problem mit diesen Kategorien stark und schwach, weil das so viel Grauzone auslässt.

Wie würden Sie die Frauen denn selbst beschreiben, die Sie spielen?
Vielschichtig. (lacht) Das ist ein kleiner Schauspielerscherz: „Ich habe den Zwerg in der siebten Reihe gespielt.“ – „Und, wie hast du ihn angelegt?“ – „Hintergründig.“ Es ist eben alles komplizierter als stark und schwach. Ich würde meine Figuren als Frauen beschreiben, die sich den Dingen stellen. Mit aller Schwäche und aller Stärke. Weil man nie immer nur das eine oder das andere ist. Deshalb möchte ich, dass man auf die Nuancen achtet, dass man das nicht über einen Kamm schert – im Spiel, wie im Leben. So einfach ist es nicht.

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