Wolfgang Beltracchi - „Der Kunstbetrieb ist kartellartig organisiert“

Für Gemälde berühmter Künstler wie Leonardo Da Vinci werden auf dem Kunstmarkt Millionen gezahlt. Das nutzte Wolfgang Beltracchi aus, indem er selbst gefälschte Gemälde teuer verkaufte. Im Interview mit der NZZ kritisiert Beltracchi jetzt genau dieses System. Ein Fundstück

Der Maler Wolfgang Beltracchi steht am 24.08.2017 in München (Bayern) vor seinem Gemälde "Gruppenbild der blauen Reiter", an dem er zur Zeit arbeitet.
Mittlerweile verkauft Wolfgang Belltracchi Gemälde unter seinem Namen / picture alliance

Autoreninfo

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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450,3 Millionen Dollar für ein Gemälde von Leonardo Da Vinci, 250 Millionen Dollar für Paul Cézanne und 179,4 Dollar für Pablo Picasso. Die Preise auf dem Kunstmarkt sind exorbitant hoch. Das lockt Fälscher an. Einer der Bekanntesten ist Wolfgang Beltracchi. 2011 wurde er verurteilt. Bis heute ist nicht klar, welche Bilder noch Fälschungen von Beltracchi sind. 

Im lesenswerten Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung kritisiert Beltracchi das System des Kunstmarkts, welches er jahrzehntelang selbst ausgenutzt hat. Der aktuelle Kunstbetrieb sei ausschließlich marktgetrieben: „Es gibt dieses ‚Art Review‘-Power-100-Ranking mit den wichtigsten Protagonisten der zeitgenössischen Kunstszene. Es sind immer dieselben Namen, die sich da tummeln. Und die obersten Ränge werden nicht von Künstlern besetzt, sondern von Kunstmachern. Die brauchen die Künstler, die en vogue sind, um den Markt am Laufen zu halten. Diese Kunstmacher entscheiden, was Kunst ist und was nicht, was wertvoll ist und was nicht, was an den Auktionen verkauft wird und was nicht. Sie bilden das Nadelöhr. Der Kunstbetrieb ist stark kartellartig organisiert.“

Mathias Trostdorf | Mi, 4. Juli 2018 - 19:53

Ich mag Beltracchi.
Ist irgendwie ein cooler Typ, kann super malen, und es war natürlich der Knaller, wie der mit seinen grandiosen Fälschungen den über(s)teuerten Kunstmarkt gefoppt und aufgemischt hat. Auch die Sendungen mit ihm, in denen er immer einen mehr oder weniger prominenten Mitbürger in einem bestimmten Mal-Stil porträtiert hat, fand ich sehr unterhaltsam und sein Können bewundernswert.

Was er über den Kunstmarkt sagt, ist nichts Neues. Daß es da eine Auswahl von Galeristen und Kunsthändlern gibt, die das alles in der Hand haben, ist nicht verwunderlich und für mich auch vollkommen in Ordnung. Es ist ja ein "freier Markt". Das Geschäft läuft natürlich nur, weil es genügend potente Käufer gibt, die oft nicht mal Ahnung von Kunst haben, und sich von den Kunsthändlern überreden lassen, diese Umsummen auszugeben. Gäbs diese Bereitschaft der Superreichen zum ungezügelten Geldausgeben nicht, gäbs auch keine Kunstmafia, die sich daran dumm und dämlich verdient.

Fritz Gessler | Mi, 4. Juli 2018 - 20:35

paradoxerweise ist street-art, graffiti und schaufensterdekoration derzeit die einzige echte kunstform. alles andre ist nur auf verwertbarkeit hin inszeniert.

Ulrich Jarzina | Mi, 4. Juli 2018 - 20:45

Beltracchi kritisiert ja nicht nur die Kartellhaftigkeit der Kunstszene (zurecht, wie ich finde). Durch seine handwerklich hervorragenden Arbeiten hat er zudem die "Experten" der Szene massiv diskreditiert, die trotz ihres vermeintlichen Fachwissens nicht in der Lage waren, einen Beltracchi von einem Klimt zu unterscheiden.

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Beltracchi der Ansicht ist, Kunst solle schön sein und von handwerklichem Können zeugen. Unerhört so was! Damit hat er's sich, neben den Galeristen und Experten, auch noch mit den Künstlern verdorben.

Trotzdem, oder gerade deswegen, halte ich Beltracchi für einen der größten Künstler unserer Zeit. Wer es nicht glaubt, mag sich ja einmal eine Folge von "Der Meisterfälscher" anschauen. Dann kann man quasi live sehen: Der Mann hat's drauf.

Dimitri Gales | Mi, 4. Juli 2018 - 21:08

System, das hauptsächlich aus Galerien, Aktionshäuser und Spekulanten/Sammler besteht. Die Preise für die Kunstwerke (manche sind auch Machwerke) werden hochgeschaukelt, auch die Auktionshäuser wollen ans grosse Geld - mit Kunst hat das Ganze nicht mehr viel zu tun. Man kauft und verkauft vor allem berühmte Künstler-Namen - nomen est omen trifft in diesem Fall ganz besonders zu, es geht dabei immer um viel Geld. Es ist zur Zeit viel Liquidität im Umlauf, den Kunstmarkt haben längst Spekulanten besetzt.
Ich verstehe den ehemaligen Fälscher. Er hat den verrückt gewordenen Kunstmarkt gefoppt, Experten blamiert, aber schöne Werke geschaffen. Er kann was, das muss man ihm lassen.

Michaela Diederichs | Do, 5. Juli 2018 - 16:31

In Deutschland scheint - nicht nur die Kunst - kartellartig organisiert. Beltracchi führt das Kunstkartell vor. Gut so.

Joost Verveen | Mo, 9. Juli 2018 - 06:03

Die moderne Kunst ist eine Erfindung von Kunsthistorikern. Dahinter steckt nichts. Der blaue Reiter, die Brücke, ja selbst die Künstlerkolonie Worpswede waren Veranstaltungen gelangweilter reicher Leute die glaubten Künstler müssten Missionare einer besseren Welt sein. Diese Attitüde definiert die moderne Kunst. Sie ist Meinung anstelle von Handwerk.

Deshalb ist moderne Kunst so einfach zu fälschen. Für einen guten Handwerker wie Beltracchi kein grosses Problem. Noch mehr als für die Malerei gilt das für die Bildhauerei. Wieviele gefälschte Plastiken moderner Kunst unterwegs sind, kann man nicht mal schätzen. Da warten noch so einige Fälscher auf Entdeckung.