Krimis - Deutschland ist das bessere Schweden

Ein deutscher Redakteur lässt in seinem Roman einen Kollegen sterben und wählt Schweden zum Ort des Geschehens. Jakob Arjouni verzichtet gänzlich darauf, seinen Detektiv im Land der Krimis ermitteln zu lassen, sondern wählt das Frankfurt der Gegenwart zum Schauplatz. Ein deutsch-schwedischer Wettstreit

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(picture alliance) Jakob Arjounis neuster Krimi „Bruder Kemal“ spielt in Frankfurt

Deutsche lieben Schweden, insbesondere jene Regionen, in denen die grässlichsten Serienmorde stattfinden – Schonen also, das Territorium von Kommissar Wallander, oder auch Stockholm, Arbeitsgebiet von Kommissar Beck. Manche Deutsche nun lieben Schweden so sehr, dass sie sich einen schwedischen Namen zulegen – Per Johansson etwa –, unter dem sie dann eine extra übel zugerichtete Leiche präsentieren, die auf einem Grundstück im schönen Schonen aufgefunden wird. Der Inhaber des arg gefledderten Körpers aber war auch schon im lebendigen Zustand eine widrige Erscheinung: ein deutscher Top-Journalist.

Die Posse um den Roman «Der Sturm» hat kürzlich das deutsche Feuilleton bewegt, nachdem ein Redakteur der «Welt» den akribischen Indizienbeweis geführt hatte, der Autor des Buches sei der Chef des Feuilletons der «Süddeutschen Zeitung», Thomas Steinfeld; und auch das fiktive Mordopfer bekam einen Klarnamen: Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Steinfelds literarische Meuchelung seines früheren Vorgesetzten folgte angeblich einem niederen Motiv – Rache, für vor über zehn Jahren erlittene Kränkungen. Kaum zu glauben.

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Den gemeinen Krimileser allerdings bewegt eher die Frage, ob es sich hier um einen guten Krimi handelt. Die Antwort lautet: Naja. Denn einerseits ist die Geschichte des abgetakelten Lokalreporters Ronny Gustavsson nicht ohne Reiz, wenn nach und nach ans Licht kommt, dass eine frühere Kommilitonin, mit der Ronny einst in Paris bei den größten Philosophen studierte, mit dem Mord im Zusammenhang steht. Und gar nicht übel ist es, wie sich hier die globale Finanzwelt mit derjenigen des Internet verschränkt, so dass die Ex-68er-Linke die System-Destabilisierung nun auf digitalem Weg betreibt. Schauplatz des Romans ist folglich nicht nur Schonen, sondern auch New York.

Aber dann gelingt es Johansson eben doch nicht, beide Sphären auf eine Weise zusammenzuspannen, dass einem der Verlauf der Handlung wirklich plausibel würde: Die Übeltäter wachsen sich beidseits des Atlantik zu dämonischen Wesen aus, die Natur gibt das Ihre schauerromanmäßig hinzu, und im Bestreben, die Leser für das Privatleben der Beteiligten zu interessieren, tut der Autor schließlich des Guten zu viel – das Persönliche überwuchert das Kriminelle, und am Ende wird alles noch recht rührselig. Und der tote Top-Journalist? Ist zwar ein Unsympath, doch war er auf der richtigen Spur – dies, nicht seine unbekömmliche Persönlichkeit hat ihn das Leben gekostet. Naja.

Ein tatsächlich schwedischer Krimi befindet sich bereits auf der Bestsellerliste ganz oben: «Die Frauen, die er kannte», verfasst vom Autorengespann Hjorth & Rosenfeldt, und darüber kann man sich nur wundern. Der zweite Fall um den aufgrund einer privaten Tragödie psychisch ziemlich entgleisten Kriminalpsychologen Sebastian Bergman bietet das beliebte Serienmord-Modell im Raum Stockholm, und da kommt nun alles zusammen: Vergewaltigungen mitsamt ritualisierter Ermordung des Opfers, ein schwer gestörter Mörder, der die Taten eines eingeknasteten sadistischen Superhirns imitiert. Und während der Psychologe seine uneheliche Tochter stalkt, wird allmählich deutlich, dass es einen direkten Kontakt zwischen dem Zuchthäusler und dem Nachahmungs-Täter geben muss. Das ist mitunter sehr spannend erzählt, wärmt jedoch letztlich nur uralte Muster auf, Klischees werden hier im Breitwandformat geliefert. Dass aber der fiese Psychologe schließlich Läuterung erfährt, ist wohl leider die Garantie dafür, dass es bald einen dritten Sebastian-Bergman-Band geben wird.

Einer aber kann’s wirklich, und der hat nicht nur den kürzesten dieser drei Romane geschrieben, sondern auch den intelligentesten – schlicht schon einmal dadurch, dass er das Krimi-Klischee zum Spielmaterial macht und Stil, Ton und Bauweise der Chandler- und Hammett-Krimis ins Frankfurt der Gegenwart verpflanzt: Was Jakob Arjouni in «Bruder Kemal» inszeniert, ist so spannend wie amüsant. Der türkischstämmige Detektiv Kayankaya wird hier von einer schönen und reichen Frau zu Hilfe gerufen, deren Tochter verschwunden ist; sie selbst hat offenbar den Kontakt zum Zuhälter und Drogendealer Abakay gestiftet, der das Mädchen an feiste alte Typen vermieten will. Viele Fäden hat der umherradelnde Aufklärer, der selbst mit einer ehemaligen Hure liiert ist, zu entwirren und zwischendurch noch einen Autor zu beschützen, der auf der Frankfurter Buchmesse lesen soll und schließlich selbst in den Fall verwickelt wird. Im reizarmen Frankfurt kann sich Arjouni alle Klischeeüberbietungen der schwedischen Serienkiller-Branche locker sparen und einfach eine gute Geschichte erzählen – mit einem literarischen Witz, dessen Ergebnis nicht nur Kayankayas Klienten, sondern auch den Lesesessel- Detektiv beglückt.

„Der Sturm“
Thomas Steinfeld, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2012, 335 Seiten, 18,99 Euro

Die Frauen, die er kannte
Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, Rowohlt Polaris, Reinbek 2012, 729 Seiten, 14,95 Euro

Bruder Kemal
Jakob Arjouni, Diogenes, Zürich 2012, 225 Seiten, 19,90 Euro

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