Akustische Verschmutzung - Kein Schutz gegen Lärm, nirgends

Für den österreichischen Komponisten Peter Androsch ist Demokratie ein Klangraum. Deshalb kämpft er gegen die akustische Umweltverschmutzung unserer Tage

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Lärm global als zweitgrößtes Gesundheitsrisiko ein
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Irene Bazinger ist Theaterjournalistin und lebt in Berlin. Zuletzt gab sie das Buch „Regie: Ruth Berghaus“ heraus (Rotbuch-Verlag)

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Wohl kein Sinnesorgan wird in der modernen Welt so beansprucht wie die Ohren – nicht nur wegen der Lautstärke des Verkehrs auf Straßen, Schienen, in der Luft, sondern auch wegen der permanenten Beschallung in Kaufhäusern, Fahrstühlen, als Klangteppich unter den Nachrichten, durch hochfrequente Geräusche elektronischer Geräte von der Lüftung bis zum Drucker. Die armen Ohren können sich nicht schützen wie die Augen, die sich einfach schließen lassen, sie sind Tag und Nacht in Betrieb.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt Lärm global als zweitgrößtes Gesundheitsrisiko an, erzählt der österreichische Komponist und Akustikexperte Peter Androsch – „und trotzdem gibt es kaum Resonanz darauf! Wenn man bedenkt, wie dagegen die Kampagne gegen das Rauchen durchgeboxt wurde“: Insofern sind Konsequenzen in Stadtplanung oder Architektur nicht zu erwarten, fürchtet er.

Da die Betroffenen der permanenten auditiven Überforderung aus allen Schichten stammen und keine homogene Gruppe sind, und da Akustik als Themenkomplex in diverse Bereiche wie Bauwesen, Stadtentwicklung, Medizin oder Arbeitsschutz hineinreicht, hat sich bislang keine Lobbyvertretung formiert. Auch politisch passiert wenig, zumal das Sujet einiges an Dynamit beinhaltet, rührt es doch „an die Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaft, die wie ein Drogenkranker an dem Suchtmittel Mobilität hängt. Und schon sind wir mittendrin in der Lärmmisere, denn Autos, selbst mit Elektromotor, machen ab einer bestimmten Geschwindigkeit unweigerlich Krach.“

Peter Androsch, 50 Jahre alt, ausgebildeter Jazzgitarrist, der es ein paar Semester lang mit dem Studium der Sozialwirtschafts- und Volkswirtschaftslehre versuchte, stützt sich in seinem Atelier in Linz an der Donau auf das Klavier, das ihm beim Komponieren hilft. Der Zusammenhang zwischen Politik und Kunst hat ihn, der Hanns Eisler und Luigi Nono als seine Vorbilder nennt, immer beschäftigt.

Darum hat er, als er das Musikprogramm für die Kulturhauptstadt Linz 2009 entwarf, den Akzent nicht auf Repräsentationskultur mit kostenintensiven Orchestergastspielen gelegt, sondern sich nachhaltigen Konzepten zugewandt: Wie lässt sich ein allgemeines Bewusstsein für akustische Herausforderungen schaffen? Was müssen Gebäude in der heutigen Situation akustisch leisten?

Nach wie vor treibt ihn diese Problematik um – auch bei der Internationalen Bauausstellung 2013 in Hamburg, wo er einen Klangplan mit „Hörenswürdigkeiten“ entwickelte. Wie viel Prozent Komponist ist er inzwischen noch, wie viel schon Aktivist? Peter Androsch überlegt keine Sekunde: „Beides zu 100 Prozent!“ Er ist ein wacher, schräger Vogel, der eigentlich längst über seine Linzer Provinz hinausgewachsen ist, aber keine Lust hat, sich dem Dickicht der Großstädte auszusetzen. Er will lieber die Offenheit des Denkens in Stadt und Land auf seine Art beeinflussen.

So arbeitet er mit internationalen Experten daran, dass sich sukzessive eine akustische Ökologie im Bauwesen herausbildet. Er hofft auf eine Akustik, die sich verstärkt an den Bedürfnissen des Menschen orientiert. Denn wenn ein Besprechungsraum, das Foyer einer Behörde, ein Klassenzimmer oder ein Schwimmbad geräuschtechnisch verträglich ausgestattet ist, fühlt man sich dort einfach wohler.

Damit meint er nicht bloß die Lautstärke, die „nicht per se böse“ sei, denn „reine Stille ist der Tod!“ Entscheidend sei die Balance zwischen phonetischen Belastungen und Entlastungen. Wird sie gestört, kann sogar leiser Lärm krank machen und Stresssymptome, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle hervorrufen. Die Akustik, sagt Peter Androsch, ist ein politisches Thema, weil sie ins Herzstück der demokratischen Grundordnung zielt, das da heißt: „Eine Stimme haben und gehört werden.“ Wenn das nicht klappt, ist Gefahr im Verzug.
Wohin das mitunter führen kann, zeigte er extrem zugespitzt in seiner Oper „Spiegelgrund“. Sie wurde zum diesjährigen Holocaust-Gedenktag im österreichischen Parlament in Wien uraufgeführt. In dem oratoriumsartigen Werk geht es um die rund 800 kranken oder behinderten Kinder und Jugendlichen, die zwischen 1940 und 1945 in der berüchtigten Wiener NS-Euthanasieklinik „Am Steinhof“ ermordet wurden.

Überlebende wurden vom Quietschen des Handkarrens verfolgt, das der Hausknecht erzeugte, wenn er wieder eine Ladung misshandelter, für medizinische Experimente missbrauchter Leichen abfuhr. Deren Farbe wurde als „Rotgrünblau“ beschrieben. Wie eine Erlösung wird diese Erinnerung, auf welche die gesamte Oper hinausläuft, am Ende ausgesprochen: „Kleine tote Kinder schimmern / Rotgrünblau.“ Berührend zeigt Peter Androsch zugleich seine Vision von engagierter Kunst: Den zum Schweigen Gebrachten eine Stimme zu geben und Gehör zu verschaffen.

 

 

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