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Kino - Der Zeitgeist diktiert den Untergang

Spätestens seit dem Klassiker „Planet der Affen“ hat das Kinopublikum seine Faszniation für den inszenierten Weltuntergang entdeckt. Die pure Lust am Grauen treibt immer neue Blüten. 2013 scheint bis jetzt das Jahr der Alieninvasionen zu sein

Autoreninfo

Studiert Politikwissenschaften in Hamburg und hat unter anderem für die Süddeutsche Zeitung geschrieben.

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Es kribbelt im ganzen Körper, die feinen Härchen auf den Armen stellen sich auf. Adrenalin schießt durch die Blutbahn. Das ohrenbetäubende Getöse schwillt zu einem letzten Fortissimo an, dann prallt die Erde mit einem verirrten Planeten zusammen und geht binnen Sekunden in einem gigantischen Feuerball auf. Ungünstig für die Protagonisten, die sich nicht rechtzeitig nach einer neuen Bleibe umgesehen haben, anregend fürs Kinopublikum. Die Apokalypse lässt das Herz rasen, verursacht ein wohliges Grausen, einen angenehmen Schauder.

Die Faszination für das klassische Endzeitszenario im Film funktioniert immer aufs Neue, auch wenn die Erde schon gefühlte Hundert Male das Zeitliche gesegnet hat. So vielfältig die Auslöser, so selbsterklärend sind sie: eine Alieninvasionen, der ökologische Super-GAU, eine nicht weiter in Frage gestellte Prophezeiung, ein tödliches Virus oder die klassische Horde bluttriefender Zombies, die um die Häuser zieht, um allem Lebendigen den Garaus zu machen. Die Muster wiederholen sich meist. Erst ein kurzer Vorspann, der sich auf der emotionalen Eben bewegt, dann baut sich eine bedrohliche Atmosphäre auf. Entweder verheißen blinkende Pünktchen auf Radarschirmen nichts Gutes, Grundschüler notieren gefährlich lange Zahlenkombinationen oder es wird einfach verdammt heiß. Wahlweise auch kalt, nass oder stürmisch. Das große Finale findet statt, wenn Kometen-Schauer am Horizont oder UFO-Flotten über amerikanischen Metropolen auftauchen, wenn die Erdkruste aufbricht, Lava sprudelt, Mobiliar herumfliegt und Untote geifern.

Rein logisch wäre spätestens nach dem letzten Aufbäumen der Zivilisation Schluss. Paradoxerweise folgt dem Weltuntergang aber keine absolutes Ende, stattdessen geht die Welt nach ihrer Vernichtung in der Regel in einer neuen Daseinsform auf. In dieser beliebigen postapokalyptischen Konstellation machen sich Helden aus der Hollywood-Retorte schließlich auf den Weg, Heilmittel gegen Zombiegene zu finden (Will Smith als martialischer Haudegen in „I am Legend“), laufen permanent vor Untoten davon (die versammelte Crew von „28 Days Later“ und „28 Weeks Later“), oder machen sich zu neuen Gefilden auf (die beiden Kinder in „Knowing“, die als einzige Erdbewohner einen neuen Planeten besiedeln dürfen). Das scheint beim passionierten Kinogänger gut anzukommen, weil eine ordentliche Portion Hoffnung mitschwingt, dass am Ende doch nicht alles vorbei ist. Idealerweise begleiten ganz viel Emotionen und Herzschmerz den Horror.

Weltuntergänge sind aber nicht nur da, um die Lust am Grauen zu befriedigen, sondern spiegeln immer auch ein wenig den Zeitgeist wider. In den 80er Jahren gab es beispielsweise eine ganze Flut von Filmen, die das atomare Endzeitspektakel thematisierten, passend zur politischen Situation des Kalten Krieges und dem Unbehagen gegenüber der noch relativ jungen Form der Energiegewinnung. Streifen wie „The Aftermath“, „The Day After“ oder „Die letzte Kolonie“ behandeln den Kampf ums Überleben in einer Welt nach der nuklearen Katastrophe. Nachdem sich dieses Panikszenario allerdings etwas abgeschwächt hatte, bekamen andere Genres Hochkonjunktur, etwa der Öko-Thriller im Sinne von „The Happening“ oder „The Day After Tomorrow“, der nur im Zuge des gestiegenen Umweltbewusstseins an den Geschmack des Publikums andocken konnte.

Ein absoluter Glücksfall für das Untergangskino ist es natürlich, wenn konkrete Auslöser gute Geschichten liefern. Der elfte September war so ein Plot, danach florierten vor allem in den USA die Terrorspektakel. Oder die Maya-Apokalypse, die Roland Emmerich 2009 in geradezu enttäuschender Weise umgesetzt hat. „2012“ gab uns einen bombastisch-überfrachteten Ausblick auf den 21. Dezember und befeuerte damit die Massenhysterie um einen indigenen Stamm, der, bevor er seinen Kalender für die nächsten Tausend Jahre weiterführen konnte, selbst ausgestorben ist.

2013 ist nun, das verrät ein flüchtiger Blick ins Kinoprogramm, das Jahr der unfassbar flachen Alieninvasionen. Ganz so, als hätten sich sämtliche Hollywood-Regisseure abgesprochen, flimmern fast zeitgleich millionenschwere, aber vollkommen krude Untergangsszenarien mit einem hohen Staraufgebot über die Leinwand. Eine kleine Auswahl: In „Oblivion“ hat sich die Menschheit nach einem Gemetzel zwischen Erdbewohnern und Extraterrestriern auf einen anderen Planeten zurückgezogen und wird regelmäßig von Drohnen attackiert. Im Will Smith-Spektakel „After Earth“ wurde die Erde von Naturkatastrophen heimgesucht, die Fliehenden werden von Aliens heimgesucht. „Pacific Rim“ beschwört riesige Monster. Und „World War Z“ lässt Brad Pitt als kampferprobten UN-Mann eine Zombie-Pandemie verhindern. Der jüngste künstlerische Erguss, „Elysium“, vom südafrikanischen Regisseur Neill Blomkamp, ist seit Donnerstag in den deutschen Kinos zu sehen und verspricht, kurz gesagt, auch nichts Neues.

Wenn wir uns cineastisch momentan in einer aliengeprägten postapokalyptischen Zweiklassengesellschaft mit Untotenproblematik bewegen, welche Art von Zeitgeist durchströmt uns dann gerade? Die Angst vor dem Fremden (Zombie-Migranten), vor außerstaatlicher Einwirkung (Aliens, Terror) oder vor der Erosion des Wohlfahrtsstaates (futuristische Zweiklassengesellschaft, wie es schon Fritz Langs „Metropolis“ von 1928 voraussah)? Vermutlich ein bisschen was von allem.

Wirklich beeindruckende Werke wie Lars von Triers Wagner-unterfüttertes „Melancholia“, in dem  oben beschriebener Planet auf geradezu poetische Weise kurzen Prozess mit der Erde macht, werden zwar mit Preisen überschüttet, sprechen das breite Publikum aber nicht in dem Maße an, wie es die auf Hochglanz polierten Millionenproduktionen aus den USA tun, die hartnäckig das Kino dominieren. Vielleicht ist es auch schlichtweg einfacher, viel Geld auszugeben, als sich einen vernünftigen Plot auszudenken.

Ein anderes Problem ist, dass Filme ohne die profane Ereigniskette – Vorgeschichte – Apokalypse – postapokalyptische Gesellschaft – eben zutiefst unbefriedigend sind für den auf Eskapismus getrimmten Kinogänger. Lars von Trier schert sich wenig um Hoffnung und die Aussicht auf Erlösung, gleiches gilt für Jeff Nichols‘ „Take Shelter“. Es gibt keinen Ausweg, kein postapokalyptisches Dasein, keine Alternative. In „Take Shelter“ kommt das Ende sogar noch vor der Katastrophe, die der Protagonist schon lange vorausgesehen hat. Für den seichten Kinogenuss eignet sich das nicht, denn solche Filme können einem noch tagelang im Magen liegen. Weil kein gestählter Will Smith da ist, um seine Schäfchen wieder einzusammeln. Die Hollywood-Retorte wird also weiterhin munter Millionenproduktionen ausspucken und wir dürfen uns getrost auf unzählige actiongeladene Alien-Kinoabende freuen – solange, bis sich der Zeitgeist wieder etwas Neues ausdenkt.  

 

 

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