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Regisseur Ken Loach - „Die Priester predigten Hass und Verdammung“

Diese Woche kommt Ken Loachs neuster und womögich letzter Film „Jimmy´s Hall“ in die deutschen Kinos. Im Interview gibt sich der 78-jährige Regisseur kämpferisch wie eh und je

Autoreninfo

Simon Marti hat in Bern Geschichte und Politikwissenschaft studiert und die Ringier Journalistenschule absolviert. Er arbeitet für die Blick-Gruppe in der Schweiz.

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Vor acht Jahren gelang Regisseur Ken Loach und Drehbuchautor Paul Laverty mit dem Drama über zwei Brüder im irischen Bürgerkrieg ein Großerfolg: „The Wind That Shakes the Barley“ wurde von Kritikern gefeiert und gewann die Goldene Palme bei Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Nun kehren die beiden überzeugten Linken noch einmal auf die grüne Insel zurück. Ihr jüngster Film „Jimmy´s Hall" spielt zehn Jahre nach der irischen Unabhängigkeit und erzählt die wahre Geschichte des Kommunisten Jimmy Gralton, der in der irischen Proinz eine Tanzhalle betreibt.

Dort hören die Leute nicht nur die neusten Jazz-Platten, die einfache Blechhütte wird bald ein lokales Zentrum der politischen Debatte und damit zu einer Gefahr für die mächtige katholische Kirche und die reichen Landbesitzer. Auf deren Druck hin verweist die Dubliner Regierung Gralton schließlich 1932 ohne Gerichtsverhandlung des Landes. Er stirbt 1945 im amerikanischen Exil, ohne seine Heimat noch einmal betreten zu haben. Cicero Online hat den vielfach ausgezeichneten Regisseur zum Gespräch getroffen.

 

Nicht einmal in Irland ist Jimmy Graltons Geschichte richtig bekannt. Was hat Ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt?
Loach: Mich faszinierte, dass diese Geschichte so viel auf eine einfache, anschauliche Weise erzählt. Da ist diese Gruppe von Menschen, die sich ihren Freiraum schaffen wollen. Man hat sie und ihre Halle auf der einen und die Kirche und die Landbesitzer, die eben diesen Freiraum zerstören wollen, auf der anderen Seite. Dieser Mikrokosmos ist eine kleine Parabel. Denn das Prinzip ist überall das Gleiche: Egal ob die Zensur im Fall von Edward Snowden, der Islam, der den Menschen sagt, sie dürfen nicht tanzen oder die BBC, die erklärt, dass es nur einen Weg gibt die Wirtschaftskrise zu lösen. Es geht um die Kontrolle des Bewusstseins, um das, was du denkst. Das steckt in dieser Geschichte, es könnte nicht einfacher sein.

Aber vieles aus Jimmy Graltons Biografie mussten Sie erfinden. Über sein Privatleben ist kaum etwas bekannt. Ihr Film erzählt dennoch von seiner großen, enttäuschten Liebe.
Wir wissen nicht, ob er eine Freundin gehabt hat. Auch seine Verwandten wissen es nicht. Es sei zwar gut möglich, meinten sie, aber niemand hätte etwas davon gewusst. Wir wollten jedoch zeigen, dass Charaktere wie Jimmy, politische Aktivisten, Opfer bringen. Sie gehen von Ort zu Ort, nehmen in Kauf, keine Familie zu haben. Ihr Leben ist bestimmt von der Politik, es bleibt kaum Platz für etwas anderes. Aber auf der anderen Seite war Jimmy eben auch ein großzügiger, fröhlicher Mensch, so dass es schwerfiel, sich vorzustellen, dass er gar keine Beziehung gehabt hat.

[video:Trailer zum neuen Film von Ken Loach]

Haben Sie keine negativen Seiten an ihm entdeckt? In Ihrem Film erscheint er beinahe wie ein Heiliger.
Da bin ich mir nicht so sicher. Er stellt seine Mutter zurück, indem er sich wieder politisch engagiert. Das ist nicht unbedingt, was ich tun würde. Aber er ist ein Getriebener, der seine Freude aus der Freude anderer zieht. Leichen im Keller haben wir jedoch keine gefunden.   

Hat Ihr Film zu einem neuen Interesse an Gralton geführt?
Das hat es. Es wird sogar darüber diskutiert, die Halle wieder aufzubauen. Das wäre großartig. Für die Gegend, aus der Gralton stammt, das County of Leitrim, könnte die Erinnerung an ihn ein kleiner Auftrieb sein. Dort stehen im Moment zahlreiche Häuser leer. Viele Iren verlassen wegen der Wirtschaftskrise einmal mehr ihre Heimat.

Sie haben den Film in Graltons  Heimat gedreht. Wie wichtig war für Sie der Bezug zu den Originalschauplätzen?
Die Geschichte fühlt sich dort sehr präsent an. Wir haben die Filmkulisse zwar nicht am selben Fleck gebaut, wo einst das Original gestanden hat, aber tatsächlich in der gleichen Gegend. Bevor wir mit dem Dreh begannen, besuchten die Schauspieler die Ruinen und sprachen mit den Verwandten von Gralton. Sein Haus existiert immer noch, allerdings umgeben von Schlamm. Bei einem Besuch habe ich sogar meinen Schuh verloren.

Sie porträtieren eindringlich den Gemeinschaftssinn der Gruppe um Gralton. Haben Sie da an Erlebnisse aus Ihrem eigenen Leben, Ihrer eigenen Jugend angeknüpft?
Leider nein, wir hatten keine „Jimmy-Gralton-Halle“ in meiner Heimatstadt Nuneaton (lacht). Ich denke, da sind die katholischen Länder den protestantischen überlegen. Der Protestantismus ist engstirniger, gemeiner und individualistischer. Außerdem tanzen Schotten und Iren besser als wir Engländer. Was die Musik angeht, gibt es schon Parallelen: In den 1930er Jahren startete eine große Anti-Jazz-Kampagne in England, genauso wie es danach eine Anti-Rock´n´Roll-Kampagne gab. Später galt dann der Punk als Zusammenbruch aller Moral. Jede neue Musik zieht diese Feindschaft auf sich.

Lehnten die Arbeiterorganisationen und die republikanischen irischen Freiheitskämpfer den Jazz nicht ebenfalls ab?
Zum Teil ja. Manche warfen der Jazz-Musik vor, die Menschen von der irischen Kultur zu entfernen. Und da wird es interessant, denn die irische Kultur wurde stark mit dem Freiheitskampf identifiziert. Es gab eine ganze Bewegung zur Rettung der irischen Sprache. Das ist natürlich ein sehr enger, sehr nationalistischer Standpunkt, der einfach die Türen vor allen äußeren Einflüssen verschließen will. Doch zeigen sich hier die Priester im Film sehr clever, weil sie realisieren, dass sie damit ein „republikanisches“ Argument gegen Gralton verwenden können.

Haben Sie sich selbst ein wenig überrascht? Durch die Jazz-Musik kommt in einem Ihrer Filme doch tatsächlich einmal etwas Gutes aus Amerika.
Na ja, viele gute Dinge kommen aus Amerika (lacht). Die frühe Gewerkschaftsbewegung war herausragend. Und sie haben das Britische Empire abgeschüttelt, das sollte man auch nicht vergessen.

Aller Kritik an der Katholischen Kirche zum Trotz: Die Priester werden in Ihrem Film als komplexe Charaktere dargestellt. Pater Sheridan, der maßgeblich für Jimmys Ausweisung verantwortlich ist, bezeugt seinem Gegner offen Respekt. Gleiches gilt für den jungen Priester Seamus.
Die Priester dieser Zeit waren brutal, sie predigten Hass, Feuer und Verdammung. Aber um ein Drama zu realisieren, ist es nicht sehr spannend, diesen Ton die ganze Zeit über aufrechtzuhalten. Sheridan zeigt seinen Respekt für Gralton, vergleicht Jimmy sogar mit den frühen Christen. Gleichzeitig weiß er aber, dass er dessen Gruppe zerstören muss. Nicht zuletzt, weil die hohen Autoritäten der Kirche auf ihn blicken. Auf diese Art wurde Sheridan zu einem viel interessanteren Gegenspieler. Der junge Priester Seamus wiederum ist der Tony Blair dieser Geschichte: Er kastriert dich zwar, aber er lächelt dich an.

Gralton erlebt in seiner Zeit in den USA nicht nur den Jazz, sondern wird zeitgleich Zeuge des Börsencrashs und der Große Depression. Liegt hier eine Parallele Ihres Films zum Zustand mancher Länder in der heutigen Zeit?
Das ist offensichtlich. Der Kollaps des Finanzsystems, die Rückkehr der so genannten Wohlfahrtsprogramme, die Massenarbeitslosigkeit. Die 30er Jahre waren eine sehr stille Zeit, die zum Nährboden der Rechten wurde. Die Gewerkschaften regten sich kaum. Da gibt es sicher Parallelen. Das Erstarken der rechten Parteien in Europa ist erschreckend. Aber es gibt auch eine gegenteilige Entwicklung: Etwa den Erfolg von PODEMOS in Spanien, eine Partei, die aus der Protestbewegung hervorgegangen ist. In Griechenland ist Syriza stärker geworden und in Irland hat Sinn Féin gut abgeschnitten. Es ist nicht alles schwarz.

Aber in Ihrem Heimatland avancierte die rechte United Kingdom Independence Party (UKIP) zur Wahlsiegerin.
Ja und das macht Angst. Aber dieser Erfolg gründet auf keinem soliden Fundament, sondern greift bloß eine Stimmung auf: eine Mischung aus Desillusion und Zynismus. Das treibt die Konservative Partei stärker nach rechts. Die hat nun die Hälfte des UKIP-Programms übernommen, um nächstes Jahr die Wahlen zu gewinnen. Auf der anderen Seite schweigt die Labour Party und die Liberalen sind geschwächt. Die Leute sind sehr verwirrt und wenn dann eine Partei kommt und einfach nur ihre Vorurteile wiederholt, dann hat sie erst einmal Erfolg. Das ist es doch, was die Rechte macht: Sie gibt die Vorurteile oder die Verzweiflung wider. Ob das allerdings reicht, um im britischen Wahlsystem Sitze zu gewinnen, weiß ich nicht.

Man konnte lesen, dass dies möglicherweise Ihr letzter Film sei. War er derart anstrengend?
Nein, es ist einfach das Alter. Wie es weiter geht, weiß ich im Moment noch nicht, ich spreche noch mit Paul Laverty. Der Kapitän der englischen Fußballnationalmannschaft ist eben zurückgetreten, im Alter von 34 Jahren. Es gibt einen Moment, an dem du aufhören musst.

Mit The Spirit of '45” haben Sie im vergangenen Jahr einen Dokumentarfilm über das Großbritannien der Nachkriegszeit realisiert, basierend auf alten Aufnahmen und Interviews. Gibt es vielleicht Pläne, diese Arbeitsweise wieder aufzugreifen?
Eine gute Idee. Das wäre durchaus möglich, weil man dazu nicht mehr drehen müsste. Das ist eine gute Art zu gehen.

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