Homophobie - Warum sich Matussek beim Papst entschuldigen muss

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Für Matthias Matussek ist die schwule Liebe defizitär, weil sie keinen Nachwuchs generiert. Aber ist die Liebe zu Gott dann nicht auch defizitär?

Matthias Matussek
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Der ehemalige Spiegelautor und jetzige Weltpublizist Matthias Matussek sei wahrscheinlich homophob und das sei auch gut so. Sagt? Matussek höchst selbst. Dieser Offenbarung ist im Grunde nichts mehr hinzuzufügen – bis auf einen winzigen Zusatz: Lieber Herr Matussek, Sie sind nicht wahrscheinlich homophob, Sie sind es ganz offensichtlich – nach Abzug aller Wahrscheinlichkeiten.

Eigentlich muss man ihm fast schon danken, für seinen freimütigen Groll, seine offene Verachtung. Das beiläufig Ausweichende „Ich habe nichts gegen Schwule, aber…“ braucht er nicht. Sein Aber hat keine Nebensatzqualität. Sein Aber ist Kernbotschaft. Ein Zwischen den Zeilen gibt es nicht. Bei Matussek.

Er schreibt: „Was für ein Eiertanz um die einfache Tatsache, dass die schwule Liebe selbstverständlich eine defizitäre ist, weil sie ohne Kinder bleibt.“ Und: „Ich glaube nicht, dass die Ehe zwischen Männern oder Frauen gleichen Geschlechts derjenigen zwischen Mann und Frau gleichwertig ist. Punkt.“

Die Defizit-These: Goodbye Logik
 

Matussek springt in seinem Beitrag seinem Freund, Hartmut Steeb, zur Seite: Der hatte bei Maischberger Homosexualität für nicht gleichwertig erklärt und auf die Frage, ob er nicht der Meinung sei, dass seine Aussagen für Schwule kränkend sein könnten, erwidert: „Wahrscheinlich darf ich jetzt auch in Gegenwart eines Rollstuhlfahrers nicht mehr von meinem Wanderurlaub erzählen, weil das kränkend sein könnte.“

Muss sich hier der Rollstuhlfahrer eigentlich jetzt darüber ärgern, dass er mit einem Homosexuellen, also einer defizitären Lebensform gleichgestellt wird, oder der Homosexuelle, weil seine sexuelle Orientierung als eine Art Behinderung gilt?

Und warum glauben Prediger wie Matussek eigentlich, man könne den Wert von Familie nur vermitteln und schützen, in dem man Homosexuellen erklärt, dass sie weniger wert seien? Vermutlich weil immer dort, wo die Argumentation brüchig wird, wo Zusammenhänge konstruiert werden, also dort, wo die Beweisführung die Logik verlässt, ein Scharnier zur Hilfe kommen muss. Ein Drehgelenk des Absoluten. Das nennt man landläufig auch Ideologie. Heißt: Matussek vertritt ein ganz bestimmtes Weltbild, dass nur totale Wahrheiten kennt. Es kann nicht sein, weil es nicht sein darf und deswegen muss es so sein. Auf einem solchen Fundament aber lässt sich keine Debatte führen.

Spannend auch, dass Matussek Aristoteles, Robert Spaemann und die Natur bemüht, um seine Defizit-These zu belegen. Doch wenn ein Hardcore-Katholik auf natürlichem Wege Erklärungen sucht, wird’s zwangsläufig wild. Das Natürliche sei auch moralisches Maß für die Beurteilung von Defekten, heißt es dann. Derartig rhetorische Verrenkungen auf derart dünnem Eis sind zumindest mal erstaunlich und vor dem Hintergrund, dass die Natur die Kategorie Fehler gar nicht kennt, allein im Ansatz schon unverschämt. Dass Homosexualität keine Haltung, keine Entscheidung ist, sondern nun mal ist und bleibt, das zu vermitteln, ist auf dieser Grundlage schlicht nicht möglich.

Matthias Matusseks krudes Demokratieverständnis
 

Wenn Demokratie darauf beruht, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, dann ist Matussek nicht nur sehr wahrscheinlich homophob, sondern besitzt auch ein recht unwahrscheinliches Demokratieverständnis. Denn: Es geht nicht darum, wie die Matusseks dieser Republik immer wieder beklagen, alle Menschen gleich zu machen, sondern allein um den demokratischen Grundsatz, dass Homosexuellen vor dem Gesetz ein Recht auf Gleichbehandlung zugebilligt wird.

Im Übrigen: Dass man die Art und Weise, wie Sexualität und vor allem wann sie im Unterricht vermittelt werden soll, diskutieren muss, ist das eigentlich wichtige Thema. Sophie Dannenberg hat dazu einen klugen und streitbaren Beitrag verfasst. Dass aber im Zuge einer solchen Diskussion allen Ernstes heute noch Homosexualität in ein künstliches, widernatürliches Licht gestellt wird, und dass das dann auch noch im Netz abgefeiert wird, ist doch mehr als erschreckend.

Was ist eigentlich die Konsequenz eines solchen Denkens? Was machen wir mit den Homosexuellen, sofern wir sie erst einmal für defizitär erklärt haben? Das würde mich wirklich interessieren. Wegsperren? Umerziehen? Und was ist eigentlich mit den defizitär heterosexuellen Paaren, die keine Kinder kriegen können?

Der Katholik Matussek ist Blasphemiker
 

Der Soziologe Ulrich Klocke beschrieb kürzlich in einem Beitrag für Die Zeit die Faktoren, die die Entstehung von Homophobie beeinflussen: rigide Geschlechternormen, eine fundamentalistische Religiosität und Unkenntnis. Quod erat demonstrandum, Herr Matussek.

Darüber hinaus, so Klocke, zeigen Experimente, dass sich durch Homosexualität besonders jene bedroht und angegriffen fühlten, die sich zwar als heterosexuell definieren, aber dennoch von Männern sexuell erregt würden. Die Erklärung: Die Homophobie speise sich aus einer Angst vor der eigenen homosexuellen Anziehung. Heterosexuelle Männer fühlten sich dadurch in ihrer Männlichkeit bedroht.

Folgen wir einmal Matusseks Logik, wonach schwule Liebe deshalb defizitär sei, weil sie ohne Kinder bleibt. Wie verhält es sich dann eigentlich mit der Liebe zu Gott, die ja bekanntlich –  zumindest ist mir (bis auf eine Ausnahme) nichts anderes bekannt – auch keine weltlich vorzeigbaren Früchte trägt.

Hieße nach Definition Matusseks: die Liebe zu Gott ist eine defizitäre Liebe. Erst recht, wenn man dann auch noch in Anlehnung an Spaemann und Aristoteles das Natürliche als moralisches Maß für die Beurteilung von Defekten heranzieht. Insofern hat Matusseks Argumentation einen zutiefst blasphemischen Kern.

Nach Matusseks Logik ist selbst der Papst defizitär. So ganz ohne Nachwuchs. Spätestens dann also, wenn der ganze unchristliche Kern in Matusseks Denken den letzten Hirten erreicht hat, wird er sich bei allen Gläubigen entschuldigen müssen. Sonst droht ihm, wie er sagt, wirklich die Inquisition.

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