Flüchtlingskrise - Der christliche Kampf ums Abendland

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Der innerchristliche Kampf ums Abendland ist in vollem Gange. Wer sind die echten Christen in Europa? Merkel, Seehofer, Orbán?

Da gehts lang! Oder doch nicht?
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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Den Islam gibt es nicht. So formulieren meist liberale Muslime, um herauszustellen, dass Islamisten nicht für den Islam stehen. Spätestens seit Zehntausende Flüchtende in Europa Asyl suchen, wissen wir: Das Christentum gibt es irgendwie auch nicht. Christen streiten mit Christen um die Hoheit christlicher Glaubenspraxis. In Deutschland. In Europa. Nächstenliebe wird zur Auslegungssache. Wer verkörpert das wahre Christentum? Merkel, Marx, Orbán, Seehofer?

Angela Merkel hat eine Koordinate in diesem Hoheitskampf ums christliche Erbe gepflanzt: Ihr „Wir schaffen das“ war in den Ohren anderer Abendland-Apologeten ein fürchterlich unchristlicher Satz. Weil die Dublin-Kanzlerin ihr eigenes System zumindest für den einen Moment lang in Frage stellte und die Grenzen öffnete.

Eine andere Formulierung verhagelte christlich Konservativen dann endgültig die Voradventsstimmung: „Wenn wir uns jetzt noch entschuldigen müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Bums. Wir notieren: Es bedurfte zehn Jahre Merkel-Lethargie, um eine solch unzweideutige Aussage zu treffen. Ausgerechnet jene Frau, die doch selten konkret wird, formuliert in unwiderruflicher Wenn-Dann-Logik.

Sie artikulierte so unmissverständlich, weil ihrem „Wenn“ etwas sehr Reales vorausging: Die Tatsache nämlich, dass Terrorismus nicht erst importiert werden muss, sondern hier bereits ein Zuhause hat: Tagtägliche Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, Drohungen gegen Politiker, Verwaltungsmitarbeiter, ehrenamtliche Helfer, Journalisten und Polizisten.

FAZ-Journalist Patrick Bahners twitterte: „Da trifft Frau Merkel einmal eine Notstandsentscheidung aus genuiner Staatsräson – und schon setzt rechts das große Flennen ein.“

Rechte Kritiker zerlegten Merkel, blieben aber eine Antwort schuldig. Man kritisierte Merkels Alternativlosigkeit, ohne selbst eine Alternative zu formulieren. Das machten dann andere. Viktor Orbán zum Beispiel. Der lieferte seinen christlichen Gegenentwurf:  NATO-Draht, Grenze dicht, Knüppel raus.

Für die christliche Unterfütterung sorgte Orbáns rechte Hand. Bischof László Kiss-Rigó.

Muslime seien eine Gefahr für Europas „universelle christliche Werte“, sagte er der Washington Post. „Das sind keine Flüchtlinge. Das ist eine Invasion… Sie wollen die Kontrolle übernehmen.“

Angela Merkels christlicher Kronzeuge wiederum hieß Kardinal Marx: „Wenn wir Menschen in Not an unseren Grenzen sterben lassen, dann pfeife ich auf die christliche Identität.“ Wieder so eine Wenn-Dann-Formulierung. Ein erstaunlich deutlicher Satz ohne Hintertür.

Geradeaus kann die Gegenseite aber auch. Nicht nur im Süden. Auch im hohen Norden will einer ein bisschen Orbán spielen: „Wir brauchen auch eine Verabschiedungskultur“, sagte der Chef der CDU Schleswig-Holstein, Ingbert Liebing, und forderte „öffentlich sichtbare Zeichen der Abschiebung“.

Orbán war also für die andere Koordinate auf der Kampfachse ums christliche Erbe zuständig. Und wer noch immer nicht verstanden hat, wen sich Horst Seehofer da als leuchtendes Beispiel eines christlichen Europas nach Hause eingeladen hat, dem sei die Lektüre der Rede ans Herz gelegt, in der Orbán seine Rechtsaußenversion einer illiberalen Demokratie mit sozialistischen Einschlag ausmalt.

Darin formuliert Orbán sehr deutlich seine Abkehr von einer parlamentarischen Demokratie nach westlichem Muster: „Mit den liberalen Prinzipien und Methoden der Organisierung einer Gesellschaft und überhaupt mit dem liberalen Verständnis von Gesellschaft müssen wir brechen. (…)“

Und:

„Die ungarische Nation ist nicht eine schiere Anhäufung von Individuen, sondern eine Gemeinschaft, die organisiert, gestärkt und aufgebaut werden muss. In diesem Sinn ist der neue Staat, den wir in Ungarn aufbauen, ein illiberaler Staat, kein liberaler Staat.“

Und:

„Den Westen nachzuahmen, ist provinziell. Das ist zu überwinden, denn es bringt uns um.“

Wer ein solches Bild eines christlichen Abendlandes teilt, der muss wahrlich keine Angst davor haben, dass Muslime Deutschland, Europa oder gleich den ganzen Westen abschaffen. Der sorgt nämlich selbst dafür.

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