Das Journal - Die Mitte ist ein Rätsel

In ihrem Gedichtband «Wilde Iris» lässt Louise Glück Menschen und Pflanzen miteinander um die Schöpfung streiten

Ein Garten: aufblühend, zum Ende spätsommerlich verblühend. Im Garten eine Frau, mehr Dichterin als Gärtnerin, zuweilen ist ein Mann bei ihr – die Amerikanerin Louise Glück, in ihrer Heimat längst als Major Poet gefeiert, hat für die Gedichte ihres jetzt in deutscher Sprache vorliegenden, 1993 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bandes «Wilde Iris» eine schöne und schlichte, gerade deshalb aber schwer zu bespielende Bühne gewählt. Ein idyllischer Sehnsuchtsort ist das, ein Ursprungsort à la Eden: Dergleichen reizt wohl nur noch die Sentimentalsten unter den Spätmodernen.

Doch diese Lyrik ist doppelbödig. Denn ei­nerseits ist Glück tatsächlich eine leise und sorgsame Meisterin der Naturbeobachtung; zudem führt sie, subtil und mit wenigen Ges­ten, noch einmal jenes erste aller Spiele zwischen Frau und Mann auf. Andererseits handelt es sich um eine späte Dichtung, die den Sinnschutt der Mythen und Bilder durch­sucht hat und darüber am Menschen verzweifelt ist.

So ist, was Spielfeld für ein naturlyrisches Rührstück sein könnte, vor allem das Schlachtfeld einer Disputatio, eines scharfzüngig geführten Streitgesprächs. Dessen poetische Personae verteilen sich hier auf die Garten-Szenerie: Für die Partei der Natur ziehen die Gewächse ins Feld, die Iris etwa oder der Klatschmohn. Aus den Witterungsphänomenen spricht das Göttliche. Dazwischen steht der Mensch – seine Sache wird hier verhandelt.


Der Gesang der Borstenhirse

Und diese Sache steht nicht zum Besten. «Als ich euch machte, liebte ich euch. / Nun bedaure ich euch. / (…) Eure Seelen sollten inzwischen unermesslich sein, / nicht so, wie sie sind, / kleine redende Dinger», spricht es mit demütigendem Mitleid aus dem «Abnehmenden Wind». «Ich kann euch löschen / als wärt ihr ein Entwurf, den man wegwirft», fügt der Gott später noch hinzu. Während es dergestalt herrisch vom Himmel tönt, spottet von der Erde ein Chor aus Blausternen: «Ihr seid uns einerlei, / einsam steht ihr über uns, plant / eure törichten Leben.» Und die Borstenhirse zieht den Menschen mit seiner Endlichkeit auf: «Ich war als Erste hier, / vor euch, lange bevor / ihr einen Garten anlegtet. / Und ich werde hier sein, wenn nur Sonne und Mond / übrig sind, und das Meer, und das weite Feld.»

Von Bildern der Auslöschung bedrängt, von Geist und Materie gleichermaßen gerichtet, irrt der Mensch durch den Garten, der seine Welt ist – und er redet, redet, vor allem zu Gott. «Metten» heißen diese Gedichte in der ersten, «Vespern» in der zweiten Hälfte des behutsam durchkomponierten Bandes. Dessen Mitte bilden drei Gedichte, die den Topos der Grenze umschreiben: als Horizont, als Türschwelle und als Mittsommer. Diese Grenzstellung aber ist es, an der der Mensch seine Eigenheit erkennt, an der er seinen Willen zur Selbstbehauptung gewinnt: «Die Extreme sind einfach. Lediglich / die Mitte ist ein Rätsel.»


Stille Größe des Einfachen

Das poetische Werkzeug, das diese rätselhafte Mitte Mensch zur Sprache bringt, ist das Rollengedicht. Dessen monologischen Charakter lädt Glück dialogisch auf: Stets richten sich ihre Sprecher an eine der anderen Figuren. Dadurch entsteht jeweils ein dreifaches Bild, perspektivisch gebrochen und durch Spiegelungs-Effekte mit seltsamer Tiefe versehen: das Bild eines Sprechen­den und eines Angesprochenen – und, da- raus erwachsend, das Bild einer Beziehung, die zur Verhandlung steht. Die Conditio humana wird somit weniger bestimmt durch das archetypische Inventar menschlicher Makel, als durch die rhetorische Kunst, die Sprachtricks, mit denen das «Wesen, dem Wesentliches mangelt» (Hans Blumenberg), sich selbst behauptet.

Ironisch trotzig, selbstherrlich, dann schmeichelnd oder demütig: die rhetorischen Register, die Glücks Sprecher ziehen, sind gerade in ihren Modulationen, im Kippen und Umschlagen der Sprechhaltungen beachtlich. Gefasst sind diese Haltungen in Verse, die – mitunter bis zur stechenden Klarheit ausgearbeitet – auf die stille Größe des Einfachen setzen. Dass jede der poetischen Personae in diesem für Glück charakteristischen Ton spricht, dass sich mithin hinter jeder Rolle die eine menschliche Stimme verbirgt, darin schließlich liegt die eigentliche Finte dieses Gedichtbandes. Als poetisches Experiment imaginiert er, was gesagt werden würde, wenn sich der Mensch vor Schöpfung und Schöpfer rechtfertigen müsste.

 

Louise Glück
Wilde Iris. Gedichte
Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner.
Luchterhand, München 2008. 133 S., 12 €

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.