Hannah Herzsprung - „Jeder Mensch liebt anders“

In „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf spielt sich Hannah Herzsprung durch das Liebesgewirr rund um Dichterschöngeist Friedrich Schiller. Im Interview spricht sie über freie Liebe, überholte Gedanken und ganz viel Kostüm

Hannah Herzsprung bei der Filmpremier von „Die geliebten Schwestern“
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Sarah Maria Deckert ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt u.a. für Cicero, Tagesspiegel und Emma.

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Frau Herzsprung, schreiben Sie eigentlich noch Briefe?
Ja, das tue ich. Immer schon, am liebsten kleine Grüße. Sehr analog. Das ist irgendwie meins.

Warum?
Weil man sich Zeit nimmt. In einem Brief sammeln sich Emotionen, Sinnlichkeit und Impulsivität. Wenn ich heute bei Whatsapp eine Nachricht verschicken will, bekomme ich ja meistens schon eine Antwort, während ich noch die Frage tippe. Da läuft doch irgendwas verkehrt, wenn sich die Gedanken überholen.

Die Schnelligkeit der Sprache hat zugenommen. Und damit zwangsläufig auch ihre Verknappung. Bei Ihnen als Schauspielerin gehört die Sprache zum Kerngeschäft. Was bedeutet sie Ihnen heute noch in Zeiten von Kürzeln und Emoticons?
Ich arbeite gerne mit einem Text. Figuren lassen sich gut über die Sprache charakterisieren, auch wenn es manchmal Überwindung kostet.

In Ihrem neuen Film „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf entblättert sich das Liebesgewirr zwischen Friedrich Schiller und zwei Schwestern in hunderten von Briefen, die zwischen den drei hin- und hergeschrieben werden, was unendlich poetisch wirkt. Dabei geht es gar nicht so sehr um das viel gerühmte Werk des deutschen Vorzeigedichters, sondern um das pure Gefühl. Warum also diese historische Komponente auftun? Zieht Schiller als Marke heute überhaupt noch?
In der Vorbereitung habe ich alles Mögliche über Friedrich Schiller gelesen, aber das hat die Distanz zu unserem Nationalhelden nur noch größer gemacht. Ich wollte ihn als Menschen fassen. Durch das Drehbuch von Dominik Graf ist das auch gelungen.

Sie haben die Sissi in „Ludwig II.“ gespielt und wurden postwendend nicht nur mit der österreichischen Kaiserin, sondern natürlich auch mit Romy Schneider verglichen, die im deutschen Filmkosmos untrennbar mit der historischen Figur verbunden ist. Nun spielen Sie Caroline von Beulwitz und es gibt wieder sehr viel Kostüm. Macht es das für Sie schwieriger, sich die Figur als ihre anzueignen, weil es weniger Freiheit im Spiel gibt?
Wenn ich im Kostüm stecke, mit der Perücke auf dem Kopf und der Kulisse hinter mir, dann kann ich gar nicht anders, als zu spielen. Anders ist es in den Proben, wenn man die Perücke schon aufhat und sonst nur Jeans und T-Shirt trägt. Da soll man dann auf einmal 18. Jahrhundert spielen, große Historie. Sehr schwierig. In solchen Fällen werfe ich mir einfach schnell einen Rock über und sofort spielt man anders.

Weil das Kleid den Menschen macht?
Schon irgendwie. Das Kostüm macht etwas mit dir. Das geht einem ja schon im Alltag so. Die Hose am Morgen und das Kleid am Abend – das sind zwei verschiedene Ichs, weil man eine ganze andere Haltung bekommt. Beim Kostümfilm macht es natürlich besonders viel Spaß, die großen Szenen, die Komparsen, die Reifröcke. Diese Inszenierung, diese Komposition! Das ergibt eine ganze andere Welt. Fast ist es dann schon schade, wenn man wieder in die Wirklichkeit zurück muss. Und manchmal frage ich mich, warum gibt sich eigentlich nicht jeder viel mehr Mühe, sich schön anzuziehen?

Glauben Sie, dass Sie eine gute Schauspielerin sind?
Ich gebe der Figur mein Gesicht, meinen Raum, ich lasse sie leben. Manche mögen das, manche nicht. Ich will mich eigentlich davon frei machen, zu überlegen, ob den anderen gefällt, was sie dann auf der großen Leinwand sehen. Sonst würde ich ja ständig versuchen, irgendwas richtig machen zu wollen. Du kannst aber nichts richtig und auch nichts falsch machen. Du kannst einfach nur machen.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?
Dass, wenn alle zusammenarbeiten dieses Miteinander entsteht. Das steht und fällt mit der Magie am Set. Das kann man natürlich nicht beeinflussen, aber umso schöner ist es, wenn sie einfach da ist. Und dann ist es großartig!

Gibt es dafür bei Ihnen irgendeinen Initiationsritus?
Nicht wirklich. Manchmal trage ich spezielle Kopfhörer am Set, die sämtliche Geräusche ausblenden. Dann ist völlige Stille, weil ich immer volle Konzentration brauche. Ich lasse mich leicht ablenken. Dominik Graf hat es jedenfalls geschafft, eine Atmosphäre am Set zu schaffen, einen Raum, der, bevor du ihn betrittst, so leise ist, dass du eine Stecknadel fallen hören könntest. Dann gibt er die Bühne frei und bleibt Beobachter. Er lässt einen einfach laufen, weil er merkt, dass da gerade etwas am Entstehen ist. Vielleicht ist das sein magischer Ritus.

Das Liebeskonzept, das im Film vorgestellt wird, ist ein interessantes: drei Personen, die sich die Liebe zueinander teilen. Jeder, wie er kann. Ein sehr moderner Ansatz, wenn man bedenkt, dass das romantische Liebesideal zu zweit immer häufiger in Frage gestellt wird. Polygame Lebens- und Liebesentwürfe bahnen sich den Weg in die Mitte unserer Gesellschaft. Was kann uns diese Geschichte, die über 200 Jahre zurückliegt, heute noch über die Liebe erzählen?
Ich habe es zwar selbst noch nie so erlebt und ich bin dem auch noch nie nahe gekommen, aber ich glaube, dass jede Form der Liebe möglich ist. Jeder Mensch lebt anders, jeder liebt anders. Das ist ja auch das Schöne, diese Freiheit, zu entscheiden, wen und wie und wie viele wir lieben. Was uns die Geschichte sagt, ist vielleicht, dass die Liebe Räume braucht und wir müssen sie ihr schaffen.

Im Film heißt es an einer Stelle: „Es ist wichtig, wenn man liebt, dass es Hindernisse gibt, die überwunden werden müssen.“ Muss Liebe anstrengend sein, damit sie dauert?
Bis zu einem gewissen Grad: ja. Eine Beziehung basiert auf Kommunikation und Austausch. Das heißt ja nichts anderes, als dass wir jeden Tag aufeinander zugehen sollen und uns konfrontieren – auch mit Hindernissen. Das Leben besteht nun mal aus Hindernissen, die es zu überwinden gilt. Das macht uns doch stärker. Und wenn man das schafft, dann heißt das doch was.

Das Gespräch führte Sarah-Maria Deckert.

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