Schlusslicht - Als Tasmania Berlin den FC Bayern schlug

Die meisten Negativ-Rekorde, die Tasmania Berlin 1965/66 zur schlechtesten Mannschaft in 50 Jahren Bundesliga machten, scheinen für die Ewigkeit bestimmt zu sein. Dabei waren die Berliner nicht immer die historische Schießbude. 1964 schlugen sie sogar den FC Bayern um Beckenbauer und Maier

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Julian Graeber hat Sportwissenschaft und Italienisch in Berlin und Perugia studiert.

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Heute könnte der Klassenunterschied zwischen dem FC Bayern München und Tasmania Berlin nicht größer sein. Rekordmeister und Erster der ewigen Bundesligatabelle auf der einen Seite, schlechtester Bundesligist aller Zeiten und abstiegsgefährdeter Sechstligist auf der anderen Seite.

Dass die Schicksale beider Vereine doch enger verbunden sind, als es scheint, zeigt ein Blick in die Annalen der ersten Bundesliga-Jahre. Denn der SC Tasmania 1900, damals noch vor Hertha BSC die Nummer eins im West-Berliner Fußball, war beileibe nicht immer als Schießbude der Bundesliga bekannt.

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1963 war der Frust in beiden Vereinen groß, als Hertha BSC und 1860 München für die erste Spielzeit der Bundesliga auserkoren wurden. Da der Deutsche Fußball-Bund vorerst nur einen Verein pro Stadt in der höchsten Spielklasse sehen wollte, blieben Bayern und Tasmania auf der Strecke. Nur ein Jahr später trafen beide Mannschaften in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga aufeinander. Vor 40.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion setzten sich die Berliner durch zwei Tore von Heinz Fischer und einen Treffer von Helmut Fiebach klar mit 3:0 durch. Schon im Hinspiel hatte Tasmania den Bayern in München ein Unentschieden abgerungen. Immer dabei in den erfolgreichen Jahren von Tasmania war Torwart Klaus Basikow, die „Katze von Neukölln“. „Bei Bayern spielten schon Sepp Maier und Franz Beckenbauer. Trotzdem waren wir damals der Favorit“, erzählt der heute 75-jährige Rentner stolz. Für den Aufstieg reichte es in jenem Jahr aber weder für die Tasmanen aus dem Arbeiterbezirk Neukölln noch für die zu der Zeit gar nicht so großen Bayern.

[[{"fid":"52944","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":196,"style":"width: 130px; height: 146px; float: left; margin: 5px;","class":"media-element file-teaser"}}]]Ein Jahr später, die Neuköllner waren nur Dritter der zweitklassigen Berliner Regionalliga geworden, klappte es doch noch mit dem großen Traum Bundesliga. Da Hertha BSC seinen Spielern zu hohe Prämien gezahlt und dafür die Bilanzen gefälscht haben soll, wurde der Verein in die Regionalliga strafversetzt. Um der Bundesliga ein Stück West-Berlin zu erhalten, rückte Tasmania kurzfristig nach.

Die Neuköllner waren jedoch nicht mehr das erfolgreiche Team der vergangenen Jahre. Einige Spieler hatten den Zenit bereits überschritten, Stürmer Heinz Fischer war nach Gelsenkirchen abgewandert und die Mannschaft körperlich nicht in guter Form. Zudem erreichte die Nachricht von der überraschenden Berufung in die Bundesliga die Spieler äußerst kurzfristig. Zwei Wochen vor dem ersten Spieltag der Saison 1965/66 befanden sich die meisten Tasmanen noch im Urlaub. „Ich war mit meiner Frau gerade am Gardasee. In meinem VW-Bus hatte ich eine Matratze und so haben wir dort gecampt, als ich im Radio den Aufruf an alle Tasmania-Spieler hörte, unverzüglich zurückzukommen. Da haben wir die Sachen gepackt und sind zurück nach Berlin“, schildert Basikow die chaotische Sommerpause.

Da der Transfermarkt kurz vor Beginn der Spielzeit wie leer gefegt war, blieb die Verpflichtung eines neuen Torjäger aus. Statt dessen sicherte sich Tas Nationalspieler Horst Szymaniak, der aus Italien verpflichtet wurde. „Szymaniak war ein super Junge. Wir brauchten aber unbedingt einen Stürmer. Im Mittelfeld waren wir schon gut besetzt“, erklärt der ehemalige Torwart die verfehlte Transferpolitik.

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Der Saisonstart war trotz aller Widrigkeiten ein riesiger Erfolg, sollte aber bis heute der größte Tag der Vereinsgeschichte bleiben. Vor mehr als 80.000 Zuschauern im Olympiastadion schlugen die gerade aus dem Urlaub zurückgekommenen Tasmanen den Karlsruher SC mit 2:0. Der Start auf der ganz großen Fußballbühne hätte gar nicht besser laufen können. Die Euphorie hielt allerdings nicht lange an. Schon eine Woche später kassierten die Neuköllner bei Borussia Mönchengladbach eine empfindliche 0:5-Niederlage. Gegen die Fohlen-Elf um Berti Vogts, Günther Netzer und Jupp Heynckes war die Mannschaft ebenso auf verlorenem Posten wie gegen die meisten anderen Gegner. „Nach dem Gladbach-Spiel haben wir schon gemerkt, dass wir eigentlich keine Chance hatten. Wir waren ja keine Fantasten“, bemerkt Basikow, der sich beim Warmmachen einen schlimmen Hexenschuss zuzog, der ihn die gesamte Saison einschränkte und kurz darauf zum frühen Karriereende zwang.

Die Stimmung ließen sich die chancenlosen Berliner aber auch von 31 Spielen ohne Sieg nicht vermiesen. Schließlich waren nur die wenigsten der 24 eingesetzten Spieler echte Profis und die Trainingsbedingungen hatten kaum etwas mit Bundesliga zu tun. „Vormittags habe ich in einem Sportgeschäft am Kottbusser Damm gearbeitet und bin dann zum Training. Sobald ein Tropfen Regen vom Himmel fiel, wurde der Rasen gesperrt und wir mussten auf dem Schlackeplatz im Matsch trainieren“, erinnert sich Basikow. Dennoch verlor die Mannschaft nie den Spaß am Fußball und nahm die Rolle als Schießbude der Liga mit Humor: „Wir haben immer gesagt: ,Wir sind zwar nicht die beste Mannschaft, aber ganz bestimmt die lustigste.‘ Und unser Bier nach dem Training haben wir uns auch nicht nehmen lassen.“

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Die Zuschauer erlebten die Pleitenserie nicht so gelassen. Mit jeder Niederlage wurde das große Rund des Olympiastadions leerer, bis sich an einem kalten Januartag gegen Gladbach nur noch 827 Zuschauer auf die Tribüne verirrten. Das ist bis heute ebenso Bundesliga-Rekord, wie die meisten Spiele ohne Sieg in Folge (31), die meisten Gegentore (108), die wenigsten Punkte (8) usw. Was Bayern München für die positiven Bestmarken der 50-jährigen Ligageschichte ist, ist der SC Tasmania 1900 für die negativen. „Wir können damit leben, der schlechteste Bundesligist zu sein. Wie viele Fußballer können denn überhaupt von sich behaupten, einmal in der ersten Liga gespielt zu haben? Zumindest haben wir eine gewisse Popularität erreicht“, erzählt Basikow selbstbewusst. Die Niederlagen haben das Team zusammengeschweißt.

Bis heute treffen sich die alten Mitspieler jedes Jahr am 11.11. um 11 Uhr 11 in Berlin und erinnern sich an gemeinsame Zeiten – damals vor fast 50 Jahren, als der beinharte Verteidiger Herbert Finken seine Gegenspieler mit dem Spruch „Mein Name ist Finken und du wirst gleich hinken“  begrüßte und Hans-Jürgen Bäsler seinem erfolglosen Trainer zu Weihnachten ein Fußballlehrbuch versprach.

Nach dem Abstieg in die Regionalliga spielte Tasmania noch einige Jahre eine gute Rolle und verpasste den Wiederaufstieg mehrfach nur knapp. Die finanzielle Last der einjährigen Erstklassigkeit wog aber schwer und so ging der Verein 1973 bankrott. Gleichzeitig gründeten Jugend- und Amateurspieler des Neuköllner Traditionsvereins den inoffiziellen Nachfolgeclub SV Tasmania 73.

Als Neuling musste Tas nun in der niedrigsten Spielklasse antreten. Auch ohne viel Geld ging es jedoch relativ schnell nach oben. Kurzzeitig spielten die Neuköllner wieder in der damals drittklassigen Oberliga, wurden aber bald zu einem Fahrstuhlclub. Heute kämpft der Verein in der sechstklassigen Berlin-Liga gegen den Abstieg.

Die Ansprüche sind kleiner geworden in Neukölln, das Publikum auch. 827 Zuschauer übertrifft der Verein nur noch, wenn man alle Heimspiele einer Spielzeit zusammenzählt. Vor zwei Wochen stand das Highlight der Saison an. Im Viertelfinale des Berliner Pokals traten die Neuköllner als krasser Außenseiter bei Oberligist Lichtenberg 47 an und unterlagen chancenlos mit 1:3. Unter den 149 Zuschauern auf einem kleinen Kunstrasenplatz in Lichtenberg waren auch etwa 30 Tasmania-Fans. Einige von ihnen haben schon die großen Zeiten des schlechtesten Bundesligisten aller Zeiten live miterlebt. Vor 49 Jahren, als Tasmania den großen FC Bayern schlug.

Fotos: Mannschaftsbild: picture alliance, Porträt Klaus Basikow: Julian Graeber.

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