„Slow Travel” - Die süße Kunst des Müßiggangs

Der Journalist Dan Kieran hat die süße Kunst des Nichtstuns gemeistert. In seinem Reisebuch „Slow Travel” vergleicht er Flugreisende mit Frachtgut und erzählt von den Nachmittagspaziergängen mit seiner eineinhalbjährigen Tochter. Ein Gespräch mit dem langsamten Reiseschriftsteller der Welt

„Wer am Boden bleibt, reist wirklich – und kommt nicht bloß irgendwo an.”
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Christophe Braun hat Philosophie in Mainz und St Andrews studiert.

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Zu viel Arbeit macht unglücklich, zu wenig Arbeit macht unglücklich, und das richtige Maß an Arbeit – dito.

Die Briten wissen das schon lange. Im Lauf der Jahrhunderte haben sie die süße Kunst des Nichtstuns perfektioniert. Mehr noch: Sie haben daraus ein eigenes literarisches Sujet gemacht. Unter anderem Samuel Johnson, Robert Louis Stevenson, Virginia Woolf und Bertrand Russell haben dem Müßiggang ebenso kluge wie unterhaltsame Essays gewidmet.

Angesichts dieser langen Tradition literarischer Faulenzereien ist es fast erstaunlich, dass „The Idler“ (Der Müßiggänger), die Zeitschrift für Nichtstun und Tagträumerei, erst zwanzig Jahre alt ist.

Deren Redakteur Dan Kieran hat einen der schönsten Jobs der Welt. Er schreibt übers Faulenzen und gibt Bücher heraus wie „Crap Holidays“ (Scheißferien), „Crap Towns“ (Scheißstädte) oder „Crap Jobs“ (Scheißjobs). Oder er schreibt lustige Reportagen, zum Beispiel über eine England-Reise in einem alten Milchwagen („Three Men in a Float“).

Womit wir beim Thema wären. Im vergangenen Jahr hat Kieran mit „The Idle Traveller“ eine tiefenentspannte Reflexion übers Reisen für Müßiggänger vorgelegt. Für die deutsche Version wurde der Originaltitel, man könnte sagen: übersetzt. „Slow Travel“, erschienen bei Rogner & Bernhard, möchte die Kunst des zwecklosen Reisens nun auch ins Land der Ballermänner bringen.

Den Umschlag ziert ein Chatwin-Zitat: „Tourismus ist Todsünde.“ Guter Satz. Sollte auf Flyer gedruckt und vor dem Brandenburger Tor verteilt werden. Eignet sich auch für die Einstiegsfrage.

[[{"fid":"53012","view_mode":"teaser","type":"media","attributes":{"height":220,"width":190,"style":"width: 120px; height: 139px; margin: 5px; float: left;","class":"media-element file-teaser"}}]]Mein Eindruck ist: Touristen müssen immer auch implizite Erwartungen erfüllen. Wer nach Paris fährt, muss den Eiffelturm besteigen; wer nach Venedig fährt, muss auf den Markusplatz, und so weiter. Und natürlich darf auch der Fotobeweis für die Daheimgebliebenen nicht fehlen.
Ja, definitiv. Man geht irgendwo hin und sucht nach etwas, von dem man längst weiß, dass es da ist. Das ist doch öde.  Deshalb sind touristische Erfahrungen häufig auch so unbefriedigend: Eigentlich möchtest Du ein Abenteuer erleben. Aber weil Du nervös bist, dass irgendwas schiefgehen könnte, machst Du einen Reiseplan. Das verdirbt alles. Du steckst Dich sozusagen selbst in eine Zwangsjacke.

Ertappt! Ich erinnere mich an eine Woche mit Bekannten in Paris: Toughe 10-Stunden-Tage, 45 Minuten Mittagspause nicht mitgezählt. Entspannung, Spaß? Nicht wirklich. Dafür stundenlanges Schlangestehen, ein Halbmarathon im Louvre und eine Panikattacke vor der Orangerie.

Wegen Ihrer Flugangst sind Sie seit zwanzig Jahren nicht mehr an Bord eines Flugzeugs gestiegen. Aber auch unabhängig davon lehnen Sie das Fliegen ab. Warum?
Das Problem mit Flugzeugen – so wunderbar und effizient sie sein mögen – ist, dass die Fliegerei einen völlig von der zurückgelegten Strecke abschneidet. Wer fliegt, ähnelt mehr einem Stück Frachtgut als einem freien Menschen. Wer am Boden bleibt, reist wirklich – und kommt nicht bloß irgendwo an.

Es geht Ihnen also ums „richtige“ Reisen?
Sagen wir: Ich möchte auf die Unterschiede zwischen Reisen und Urlaub machen hinweisen. Ich behaupte nicht, das eine sei falsch und das andere richtig. Aber ich befürchte, dass wir die Kunst des Reisens allmählich verlernen.

Die „Kunst des Reisens“ – das klingt nach Coleridge, Goethe, Casanova, Byron, nach livrierten Dienern und Privatkutschen und abenteuerlichen Alpenüberquerungen. Ob er das meint? Besser mal nachfragen:

Was meinen Sie?
Wir rasen ständig um die Welt. Alles soll schnell, einfach und billig sein.

Stattdessen werben Sie für langsames, zweckloses Reisen?
Ja; indem wir langsamer machen, können wir andere Erfahrungen machen, unsere Umwelt wirklich erleben.

Also: Zugfahren statt fliegen, laufen statt Autofahren?
(lacht) Ich bestreite nicht, dass das lahm, beschwerlich und manchmal auch teuer sein kann.

Zugegeben. Aber in Kierans Buch geht es nicht in erster Linie um Fernreisen, exotische Sandstrände, Yakmilch und Pyramiden. Eigentlich beschreibt er eine Geisteshaltung: Der eigenen Neugier folgen, sich treiben lassen, öfter mal den kleinen, scheinbar unwichtigen Details nachspüren.

Aha!, denkt jetzt der Bildungsbürger: Der Flaneur, Baudelaire! Knapp daneben. Kierans Lehrstunden sind die Spaziergänge mit seiner eineinhalbjährigen Tochter:   

Meine Tochter lässt sich einfach von ihrer Neugier treiben, und ich folge ihr. So möchte ich reisen. Diese entspannte Neugier, dieses Interesse an allem, ganz gleich, wie wichtig es ist – darum geht es. Das können wir von Kindern lernen. Dabei bemerkt man erst, wie sehr die eigene Perspektive im Laufe der Zeit verkümmert.

„Slow Travel“ ist kein Lehrbuch der Reise-, sondern vielmehr der Lebenskunst. Wäre das Wort nicht so abgedroschen, man müsste schreiben: Ein Leitfaden zur Entschleunigung. Aber dann klingt’s gleich wieder nach Esoterik-Regal.

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Das Gespräch führte Christophe Braun.