Nachruf - Amy Winehouse und die Seelenpein des Soul

Amy Winehouses Erscheinung bot ein schillerndes Trauerspiel. Nun ist die Sängerin tot. Über den unauflösbaren Zusammenhang von Genie, Rausch und Wahn und warum wir unsere Heldenbilder überdenken sollten. Ein Nachruf

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(ky olsen) Amy Winehouse – Genie zwischen Rausch und Wahn

Heute ist die Welt ein bisschen ärmer. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Wochenende die Nachricht, dass Amy Winehouse in ihrem Londoner Apartment tot aufgefunden wurde. 27 Jahre wurde sie alt und reiht sich damit ein in eine Galerie von zweifelhaftem Ruhm, dem Klub 27. Er liest sich wie das traurige Resümee popkultureller Größen, die alle im Alter von 27 Jahren und damit viel zu früh aus dieser Welt schieden. Sie alle teilten ein ähnliches Schicksal, geprägt durch die schmähliche Phrase des „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“ und gekrönt durch ihr jähes Ende.

Unter ihnen findet sich Brian Jones, der unter mysteriösen Umständen und wohl unter Alkohol- und Drogeneinfluss 1968 in seinem Swimmingpool ertrank. Jimi Hendrix starb 1970 an einer Überdosis Schlaftabletten. Janis Joplin erlag im selben Jahr ihrer Heroinsucht. Jim Morrison versagte 1971 offiziell das Herz. Kurt Cobain soll sich 1994 erschossen haben. Nun also auch Amy Winehouse – Todesursache bis auf weiteres ungeklärt.

Die Stimmung ist gedrückt an diesem Montag in der Redaktion. Nach den grausamen Anschlägen von Norwegen und den Bildern von hungernden Menschen in Afrika, die einem vor geschlossenen Augen entgegenflimmern, wagt man kaum den Mund zu öffnen und sein Bedauern über den Tod einer Frau ausdrücken, die sich durch ihre langjährigen Alkohol- und Drogeneskapaden wohl letzten Endes selbst zugrunde richtete. Und doch ist es deshalb nicht weniger wahr, nicht weniger traurig: Die Welt dreht sich weiter, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, um ein Genie ärmer zu sein.

Amy Winehouses Erscheinung bot ein schillerndes Trauerspiel: Der hagere Körper ausgemergelt, die Kleidung scheint nur mit Mühe daran zu haften. Die Arme von Tätowierungen und Schnittnarben gleichermaßen übersäht und es ist nicht auszumachen, wo der Körperschmuck endet und die Selbstverletzung beginnt. Die Zähne durch bulimisches Ess-Brech-Verhalten und Crack-Konsum geschädigt. Die Augen, versteckt hinter einem dicken schwarzen Lidstrich, während sich die Haare auf dem kleinen Köpfchen zu einem Monstrum von Frisur auftürmen, einem schwarzen Bienennest, dem Beehive, eine Ode an die Mode der 1960er Jahre. Ihre Stimme war zweifelsohne eine Ausnahmeerscheinung, ein Stück Soulgeschichte, die ihr nicht umsonst fünf Mal den Grammy einbrachte. Eine kräftige, sirenenhafte Stimme, die auf so seltsame Weise ihre fragile Hülle verließ.

Musikalisch bewegte sich Amy Winehouse zwischen Sarah Vaughan und Billie Holliday, sie wandelte auf den Spuren der Mod-Kultur, der Modernists, einer britischen Subkultur der frühen und mittleren 1960er Jahre, die sich vornehmlich aus Elementen afroamerikanischer Musik speiste, aus Soul, R&B, Jazz, Blues und Ska und damit eine Form von Subversion, von Eskapismus bediente. So lebte auch Amy Winehouses Soul im wahrsten Sinne des Wortes von der Seelenpein, aus der es mit den Mitteln der Kunst auszubrechen galt. Dieses bisschen Seele entfaltete sich im Exzess, eng gekoppelt an ekstatische Rauschzustände und endete wie bei ihren Vorgängern im Schwanengesang, dieser einen letzten Melodie, die der Sage nach vor dem Tode noch einmal schmerzlich schön angestimmt wird.

Der nicht aufzulösende Zusammenhang zwischen Rausch, Wahn und Genie ist so alt wie das Leben selbst. So alt wie die orgiastischen Weinfeste des antiken Bacchus oder die Opiumhöhlen des 19. Jahrhunderts: Ein Zeremoniell des menschlichen Bewusstseins, der Musik, der Kunst, die sich im Rausch mit dem Wahnhaften verschränkt und hier Geniales gebiert – und das mit einem hohen Preis bezahlt wird.

Immer wieder hörte man Society-Experten prophetisch zu Protokoll geben, wir würden Amy Winehouse gerade beim Sterben zusehen. Die Tragik ihres Todes liegt aber doch nicht in ihrem Sterben, sondern in der allgemeinen Ohnmacht, mit der die Welt währenddessen an ihrer Seite stand. Nun liest man von Winehouse als einem weiteren Opfer des Systems, das in dem Räderwerk der Musikindustrie zugrunde ging. Von stillen Hilferufen ist die Rede, die die Sängerin beispielsweise in ihrem Song „Rehab“ (2006), in dem sie ihre eigene Drogensucht thematisiert und sich gleichzeitig gegen eine Therapie wehrt, herausgeschrieen haben soll. Tatsächlich ist die Ironie, die sich hier spiegelt, nicht zu leugnen und ihre Worte „They tried to make me go to rehab / But I said no, no, no“ bleiben einem trocken im Halse stecken.

Vielleicht ist Amy Winehouse aber auch „nur“ ihrem eigenen Unvermögen erlegen, sich in dieser Welt zurechtzufinden und so zum Opfer ihres selbstzerstörerischen Charakters geworden, wie so viele vor ihr. Doch davon will niemand etwas wissen. Warum? Weil wir in unseren Helden einfach lieber den tapferen Märtyrer als den gescheiterten Anarchisten sehen wollen. Der Mystifizierung tut das jedoch keinen Abbruch. In diesem Sinne: „I cheated myself / like I knew I would / I told you I was trouble / You know that I’m no good.” („You know I’m no good”, 2006).

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