Checkpoint Charlie - Touristenhölle mitten in Berlin

Im Kalten Krieg war er ein berüchtigtes Nadelöhr zwischen Ost und West. Heute ist der Checkpoint Charlie ein Rummelplatz mit Müllhalden-Charme. Das will der Berliner Senat ändern und legt ein überzeugendes Konzept für ein historisches Museum vor. Doch Kritiker sehen nur kapitalistische Motive

Checkpoint Charlie
Arm aber sexy? Der Checkpoint Charlie steht für Billigtourismus auf Ruinengrundstücken / picture alliance

Autoreninfo

Ernst Elitz ist Autor und Journalist. Bis 2009 war er erster Intendant des Deutschlandradios. Von 1969 bis 1974 war er Redakteur für Bildungspolitik beim „Spiegel“

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Ernst Elitz

Der Checkpoint Charlie ist ein ikonischer Ort. Zur Zeit des Kalten Krieges glich er einem streng bewachten Spalt im Eisernen Vorhang. Diesen nutzten Diplomaten aus Ost und West, russische und amerikanische Panzer standen sich hier gegenüber, Agenten wurden ausgetauscht, und so manche Flucht gelang mit gefälschten Pässen oder scheiterte tragisch im Kugelhagel.

Heute ist der Checkpoint Charlie ein Rummelplatz mit dem Charme einer innerstädtischen Müllhalde. Ein Currywurst-Museum lockt, Hütchenspieler zocken Touristen ab, GI-Darsteller lassen sich vor einer Kontrollbuden-Attrappe mit aufgeregten Berlin-Besuchern fotografieren. Gruseln vor der Mauer gehört zum Reiseprogramm. In den winkligen Zimmern eines privaten Mauermuseums drängelt sich das zahlende Publikum vorbei an Fluchtautos, Uniformresten, DDR-Wappen und Ronald Reagans Original-Motorsäge samt Büsten von Gandhi und Stalin. Dieses „Haus am Checkpoint Charlie“ ist Berlins größte Rumpelkammer. Seine Hausherrin Alexandra Hildebrandt, Witwe des Museumsgründers Rainer Hildebrandt, wurde von der West-Berliner CDU lange als alleinige Traditionswahrerin der Mauer-Geschichte gesehen. Da war ein neuer Blick auf diesen Ort nicht erwünscht.

Geschichtsvergessener Billigtourismus

Wie geschichtsvergessen Berlins politische Führung war – in welcher politischen Besetzung auch immer – zeigt die Geschichte des Checkpoints Charlie seit 1989. Während die Ehrenmale der Roten Armee am Brandenburger Tor und im Treptower Park auf Grundlage des Nachbarschaftsvertrages zwischen der Bundesrepublik und Russland mit Bundesgeld picobello gepflegt werden, wurde der Checkpoint Charlie der Verwahrlosung überlassen. Jetzt steht er für Billigtourismus auf Ruinengrundstücken.

Zwar hat sich der Senat immer wieder zu einer würdigen Gestaltung des Ortes bekannt, doch nichts geschah. Eine international hochrenommierte Initiative forderte die Errichtung eines „Museums des Kalten Krieges“ an diesem Hotspot der Geschichte. Zu den Initiatoren gehörten Historiker wie Timothy Garton Ash, Diplomaten wie der Ex-US-Außenminister James A. Baker oder Staatsoberhäupter wie der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwásniewski. Der Erfolg blieb aus. Der Platz verkam.

Eröffnung ein halbes Jahrhundert nach Mauerfall?

In der vergangenen Woche kam nach Jahrzehnten vergeblichen Forderns und Drängens überraschend Bewegung ins Spiel. Nachdem sich vier Investoren an der Bebauung des Areals verhoben hatten, einigte sich jetzt der Berliner Senat mit einem Immobilienentwickler auf ein Konzept, das Wohnungs- und Bürobau mit einer Fläche von 3.000 Quadratmetern für das Museumsprojekt verbindet. Das befreit den Ort damit von seiner Ruinenexistenz. Sieben namhafte Architekturbüros, darunter Chipperfield, Mayer und Graft, entwickelten Ideen für die Gestaltung des historischen Platzes, aus denen ein Gutachtergremium Anregungen für die Ausschreibung des eigentlichen Wettbewerbs gewinnen will.

Kaum war das Projekt öffentlich, erhob sich das übliche antikapitalistische Trara – mit der Forderung, der Senat solle ein „American Business Center 2.0“ verhindern und die Fläche aus Privathand erwerben, um es „zukunftsweisend neu zu definieren“. Als wäre der dreistellige Millionenbetrag so einfach locker zu machen aus der Staatskasse. Er würde für das Gelände und das Museum benötigt. Ein solcher Neustart, wie ihn sich die Kritiker wünschen, würde das Projekt noch einmal um ein Jahrzehnt, bei den Erfahrungen mit der Berliner Bürokratie aber um mindestens zwanzig Jahre nach hinten verschieben: Eröffnung ein halbes Jahrhundert nach dem Mauerfall.

Good Bye, Currywurst

Die Museumsinitiatoren jedoch sind mit dem Deal zwischen Senat und Projektentwickler zufrieden. Ihre Pläne für ein Museum, das Currywurst-Stimmung und sonstigen Berliner Lokalkolorit hinter sich lässt, ließen sich in diesem Gebäudekomplex gut verwirklichen. Für das internationale, meist jugendliche Publikum, das täglich herbeiströmt, würde die Funktion dieses historischen Orts auf der Weltkarte des Kalten Krieges – von Korea bis Kuba, geprägt von atomarem Wettrüsten und Propagandakriegen – erkennbar. Schon seit 2012 präsentieren die Initiatoren ihr grenzüberschreitendes Konzept in der provisorischen „Black Box – Cold War“. 1,7 Millionen Besucher zählen sie pro Jahr. Keine schlechten Aussichten für ein neues und einmaliges historisches Museum, das aus einer Touristenhölle einen internationalen Bildungs- und Erlebnisort macht. Nur die Hausherrin des Mauermuseums verteidigt noch ihren Platz als alleinige Interpretin des Gedenkens an diesem Ort. „An dieser Stelle wurde Blut vergossen“, wendet sie ein, „da wurde ein Flüchtling erschossen. Dort sollte man keine belanglosen Häuser bauen, sondern ein Denkmal errichten. Museen gibt es genug – auch uns.“

 

Fritz Gessler | Fr, 10. August 2018 - 11:24

sagte man mir einmal ebendort :))
touristenhölle ist sicher übertrieben. den checkpoint charlie aber extra noch mit einem der jetzt für berlin so typischen klotzbunkermonsterbau noch zusätzlich zu verstellen, liegt schon durchwegs auf linie des rot-rot-grünen senats: 'die stadt als beute'.
'denkmal der schande' - wenn das auf einen platz zutrifft, dann auf den checkpoint charlie.

ingrid Dietz | Fr, 10. August 2018 - 11:53

ist doch schon lange keine Reise mehr wert !

Dieter Hegger | Fr, 10. August 2018 - 12:19

7 Tage waren gebucht, nach 3 Tagen Abreise. Ohne meine Armbanduhr und die Geldbörse meiner Frau, anpöbeln, anbetteln, belästigen inklusive ! Nie mehr nach Berlin, hat es aber mit den meisten deutschen Großstädten gemeinsam.

Mathias Trostdorf | Fr, 10. August 2018 - 13:53

Ich finde es schade, daß sich "linke" Stadtpolitik so wenig von der ihrer Vorgänger unterscheidet, und man da wohl erkannt hat, daß ungeachtet linker Stadtbauträumereien auch Geld weiterhin die Welt reagieren wird. Natürlich siehts am Checkpoint alles andere als "städtebaulich wertvoll" aus, aber auch diese Sorte "windige Ecke" mit "Eventcharakter" gehört doch (zunehmend immer weniger) zu Berlin, und gefällt den jungen Touristen wahrscheinlich wesentlich besser als eine weiterer dieser unzähligen sterilen Wohn- und Geschäftskomplexe, von denen einer wie der andere aussieht. Irgendwann wird in jedem zweiten Berliner Haus ein "Künstleratelier" sein und in jedem dritten ein "Museum". Wollen die vielen jugendlichen Touristen dort wirklich durch ein weiteres schickes Museum schleichen, das wahrscheinlich Eintritt, und der Unterhalt die Stadt trotzdem noch viel (aus Bayern geschicktes) Geld kosten wird?
Berlin hat soviele ander Probleme, die es eher anzupacken ginge.

Willy Ehrlich | Fr, 10. August 2018 - 15:34

Das kann ja heiter werden. Der rot-rot-grüne Senat Berlins ergeht sich in Geschichtspolitik. Den beteiligten Investoren geht es um Unternehmensgewinne - und das ist auch gut so.

Wenn ich im Artikel von Herrn Elitz lese, was der gemeine Tourist angeblich alles NICHT will, dann steigern sich meine Bedenken.

Und dann die zu erwartende Geschichtsklitterung! Den kapitalistischen Schutzwall haben natürlich die Amerikaner gebaut und die Schüsse an der Mauer sollten die verdiente Freiheit der Menschen unterstützen.

Nein, danke! Leider habe ich im DHM die Geschichtsausstellung zur Deutschen Kolonialgeschichte angesehen. Erbärmlich und beschämend! Eben: Geschichtsklitterung.

Rolf Pohl | Fr, 10. August 2018 - 18:05

... zuviel Mauer und DDR Gedöns.
Weg mit dem Meisten davon und gut isses.

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