Leben in Deutschland - Uns geht es gut!

Kaum wurde Joachim Gauck nominiert, brach eine Gerechtigkeits-Debatte los: Was will er mit seinem „Freiheitspathos“? Und warum lieben wir es, im eingebildeten Unglück zu leben? Was wissen wir von wahrer Armut? Ein Aufruf zur Vernunft

Monika Maron, Deutschland, Joachim Gauck, Hartz IV, Occupy Bewegung
(picture alliance) Für Schriftstellerin Maron gehört zur Freiheit auch Verantwortung.

Ich stelle mir vor, ich wäre heute jung; die pubertäre Revolte noch im Leibe, aber doch schon erwachsen, und suchte tastend, lesend, surfend und stolpernd meinen Standort in der Welt. Die erste Empörung, die alle Menschen jenseits der Kindheit ergreifen muss, ist wohl die Erkenntnis oder das Gefühl, dass die Welt, in der sie nun ihr Leben verbringen sollen, durch und durch geregelt ist. Niemand hat sie gefragt, ob ihnen diese Regeln gefallen und ob sie sie überhaupt für sinnvoll halten. So oder so werden sie sich an die Regeln halten müssen, das haben sie gelernt, bei den Eltern, im Kindergarten, in der Schule.

Aber jetzt sind sie erwachsen, jetzt, denken sie, dürfen sie die Regeln überprüfen. Je nach Temperament und Erziehung werden sie sich fügen oder sich dem festgezurrten Regelwerk ohne großes Aufsehen so weit wie möglich entziehen. Oder sie finden die vorgefundene Ordnung unzumutbar, die Regeln idiotisch, sogar gefährlich, und bestehen auf dem Recht ihrer Generation, sie zu ändern. Ich gehörte zu denen, die das Vorgefundene idiotisch fanden, und das nicht nur, weil ich in einem autoritären Staat lebte, dessen Gesetze anzuerkennen den meisten schwerfiel. Ich konnte ganz grundsätzlich nicht verstehen, warum Vögel über alle Grenzen fliegen, Rehe, Wildschweine und Hasen über alle Grenzen laufen durften, die Menschen aber, auch an Grenzen ohne Selbstschussanlagen und Stacheldraht, dafür Visa und Ausweise brauchten, obwohl sie doch ebenso auf die Welt geworfene Geschöpfe waren wie die Tiere.

Ich verstand auch nicht, warum die Arbeit eines Akademikers höher geachtet war als die eines Arbeiters oder Bauern, auf die man im Ernstfall doch schwerer hätte verzichten können (das verstehe ich allerdings bis heute nicht). Mit anderen Worten: Ich habe für jugendliche Revolten viel Verständnis und Sympathie.

Natürlich musste ich wie fast alle Menschen über fünfzig, sofern sie in ihrer Jugend überhaupt Ideale und Überzeugungen hatten, erfahren, dass man zwar aus guten Gründen falsche Überzeugungen haben kann, dass aber alle Veränderungen Nebenwirkungen haben, die man vorher nicht bedacht hat, vielleicht auch nicht bedenken wollte. Darum wägt man mit zunehmendem Alter auch ab, was die der erwünschten Erneuerung folgenden Folgen sein könnten. Manchmal, wenn meine altersgleichen Freunde und ich – früher alle Marxisten, Maoisten, Kommunisten, Anarchisten, auf jeden Fall Linke – wieder einmal die Lage der Welt zu ordnen versuchen und dabei radikale Pläne zu ihrer Verbesserung angesichts der absehbaren Folgekosten einhellig verwerfen, lächeln wir uns ein bisschen verlegen und selbstverächtlich an, murmeln etwas von alterskonservativ und denken wehmütig an die Zeit, in der wir noch furchtlos waren und genau wussten, was zu tun war.

Selbst wir, ihre mentalen und politischen Vorfahren, sehen die Occupy-Aktivisten mit dem zwar wohlwollenden, aber überlegenen Lächeln derer, die jetzt schon zu wissen glauben, in welche Sackgassen ihre Demonstrationen sich verlaufen werden und welche Einsichten ihnen bevorstehen, wenn sie selbst bewerkstelligen sollen, was sie jetzt fordern. Nicht, dass wir ihre Empörung über die Macht der Finanzmärkte, die Ökonomisierung unseres Lebens, die angeblich unabwendbaren Grausamkeiten der Globalisierung nicht teilten, aber wir sind belehrt durch unsere Irrtümer und Niederlagen. Nicht einmal unsere Leidenschaft ist verbraucht, aber wir sind jetzt leidenschaftlich ratlos oder leidenschaftlich resigniert, manchmal sogar noch leidenschaftlich wütend.

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So oder ähnlich standen sich die jungen und alten Generationen zwar seit jeher gegenüber, nur sind wir jetzt so viele, und wir werden so alt.

Wer durch die Straßen von Mexiko Stadt, Buenos Aires oder Istanbul flaniert, wird die ungewohnten Farben, den Rhythmus, das Temperament begeistert oder irritiert bestaunen, bis ihm irgendwann aufgeht, dass nicht alles Ungewohnte der kulturellen Andersartigkeit zuzuschreiben ist, sondern einer Ansammlung von Jugend, die auf deutschen Straßen nur noch bei Demonstrationen gegen Acta, auf Kirchentagen, in vornehmlich von Immigranten bewohnten Stadtteilen oder eben in Occupy-Camps zu finden ist.

Ich stelle mir also vor, ich wäre heute jung und würde in der Zeitung lesen, was meinen Wert für Staat und Gesellschaft ausmacht. Vor allem müsste ich die Renten für die vielen alten und immer älter werdenden Menschen verdienen. Ich sollte, weil ich eine Frau bin, mindestens zwei Kinder gebären, anschließend, um den staatlichen Aufwand für die Altenpflege zu verringern, meine Eltern und Schwiegereltern pflegen.

Wenn ich Glück hätte, wäre keiner von ihnen dement, obwohl mit so viel Glück nicht zu rechnen ist, wenn man die Prognosen für die Zunahme der Altersdemenz liest. Gleichzeitig müsste ich zur Kenntnis nehmen, dass ich den falschen Berufswunsch habe, weil ich nicht Ingenieurin oder Altenpflegerin werden will, dass an meiner Ausbildung, medizinischen Versorgung und meinen eigenen Rentenansprüchen gespart werden muss, damit ich am Ende rentabel gewesen sein werde.

Ich kann mir vorstellen, dass in mir angesichts der anwachsenden Rollatorenflotte auf den Straßen eine heimliche, mich selbst beschämende Wut aufkommen würde auf diese zunehmend dominierende, besitzstandsversessene, meine Lebenskraft fordernde Generation (wenn ich jung wäre, wüsste ich ja noch nicht, wie schnell es geht, dass man selbst dazugehört). Und ich würde mich fragen, wo zwischen all den Statistiken, in denen ich nur als positiver oder negativer Kostenfaktor vorkomme, eigentlich der Sinn meines einzigartigen, kostbaren Lebens stecken sollte, und was das Land, zu dem ich gehöre, zusammenhält außer dem alle Lebensbereiche bestimmenden Geld. Dann würde ich vielleicht ins Occupy-Camp ziehen oder es mit einem Kirchentag versuchen, in Attac eintreten oder Piratin werden, wer weiß.

Was ist Anstand, und was hat er mit Geld zu tun?

Aber ich bin nicht jung, trete in keine Partei oder Kirche ein, frage mich aber auch, was uns – verschiedene Generationen, Männer und Frauen, Akademiker und Nichtakademiker, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Windradbetreiber und Landschaftsliebhaber, Fleischesser und Vegetarier – was uns zusammenhält, was wir alle gemeinsam für unverzichtbar halten außer dem Geld.

In den vergangenen Monaten, als die Öffentlichkeit über das anrüchige Geschäftsgebaren des ehemaligen Bundespräsidenten diskutierte, ging es auch um Geld, genauer um die fehlende Distanz zu Geld und Geldgebern, um das moralische Verhalten zum Geld. In den Blogs der Online-Zeitungen ergoss sich im Schutz der Anonymität hämischer Volkszorn über den „Schnäppchenjäger“, und man konnte sich fragen, ob sich dahinter nicht der Ekel vor der eigenen Schnäppchenjägerei und den Geiz-ist-geil-Parolen verbarg und ein Verlangen, das Geld dem Anstand wieder unterzuordnen.

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Anstand ist keine politische Kategorie. Anstand gehört in den Bereich des moralischen Empfindens. Moral aber ist wandelbar, im Privaten wie auch im Politischen. Was gestern noch als unmoralisch galt, kann heute als normal oder sogar moralisch angesehen werden, und umgekehrt. Uneheliche Kinder, Scheidungen, homosexuelle Partnerschaften sind, von der katholischen Kirche abgesehen, inzwischen normal. Ein Mitarbeiter der Stasi, der sich, solange die DDR existierte, als heldenhafter Kämpfer an der unsichtbaren Front gefühlt haben mag, war über Nacht ein moralisch Verfemter.

Trotzdem gibt es ein Gefühl für Gut und Böse, Recht und Unrecht, das dem Menschen angeboren oder genetisch überliefert ist und die meisten von uns als zuverlässiger Kompass durch ihr kleines, überschaubares Leben führt. Über die Verfehlungen von Christian Wulff, seine Halbwahrheiten und Schummeleien, die sich jeder in sein eigenes Leben übersetzen und entsprechend bewerten konnte, war sich die Öffentlichkeit einig. Das gehört sich nicht, das tut man nicht – das sind die von Großmüttern und Müttern überlieferten Sätze für solche Fälle.

Aber was ist, wenn wir uns über die großen, das private Leben sprengenden Begriffe einigen müssen, über unser Verständnis von Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit? Mit Joachim Gauck, dem von den meisten Deutschen gewünschten Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten, ist das Freiheitspathos in die öffentliche Rede eingezogen und sofort auf Widerstand gestoßen. Pathos an sich weckt in Deutschland schnell Skepsis, jedenfalls wenn es sich nicht auf die Rettung von Breitflügelfledermäusen, Bäumen oder Bahnhöfen bezieht.

Das liegt, wie vieles im deutschen Selbstverständnis, in der nationalsozialistischen Vergangenheit und der daraus resultierenden Furcht vor der eigenen Verführbarkeit, was zwar ehrbar ist, aber dauerhaft zu kollektiven emotionalen Verklemmungen führt. Es sind die pathetischen Gesten und Sätze, die in Erinnerung bleiben; Martin Luther Kings „Ich habe einen Traum“, Kennedys „Ich bin ein Berliner“, Willy Brandts Kniefall in Warschau und der Satz „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“.

Gaucks pathetisches Bekenntnis zur Freiheit entspringt seinem Erleben von Unfreiheit und der Erfahrung, dass die Freiheit „als Wirklichkeit nicht nur Glück, sondern auch Beschwernis“ ist, dass Freiheit auch heißt, „die Verantwortung für die Freiheit unserer Entscheidungen zu leben“. Gaucks auf Immanuel Kant gründendes Verständnis von Freiheit fordert die Kritiker heraus, weil es sich nicht ausdrücklich an die soziale Gerechtigkeit bindet. (Die Polemik der SED-Nachfahren, Gauck sei ein „Präsident der kalten Herzen“, verwundert nicht und kann vernachlässigt werden.) Oder noch heftiger: weil er der sozialen Gerechtigkeit nicht den Vorrang gibt. Wer von sozialer Gerechtigkeit spricht, meint meistens Geld. Geld, das falsch verteilt ist, von dem es da zu viel und hier zu wenig gibt, Geld, ohne das Freiheit angeblich nicht zu haben ist. Freiheit aber, sofern man sie nicht nur als die Freiheit zum Konsum versteht, gibt dem Menschen die Würde, über sein Leben zu entscheiden, auch Gerechtigkeit einzufordern, wo sie ihm vorenthalten wird.

„Freiheit wird nie geschenkt, immer nur gewonnen“, hat Heinrich Böll gesagt.

Dürfen wir von Hartz-IV-Empfängern Selbstverantwortung fordern?

Was meinen wir überhaupt, wenn wir von sozialer Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit sprechen? Synonyme für soziale Ungerechtigkeit sind Hartz IV und Bankerboni. Niemand außer den Nutznießern bestreitet, dass Millionenboni für Manager bankrotter, von Steuergeldern geretteter Banken absurd, ungerecht und unmoralisch sind und dass viele Managergehälter das Maß sozialer Verträglichkeit übersteigen. Überhaupt ist sich die öffentliche Meinung schnell darüber einig, wer zu viel bekommt.

Aber schon an den Hartz-IV-Bezügen bricht das Einvernehmen. Wäre es nicht ein Gebot der Gerechtigkeit, die Menschen, die Jahrzehnte gearbeitet haben und nur, weil sie zu alt sind oder in einer hoffnungslosen Gegend wohnen, keine Arbeit mehr finden, aus der verbalen und materiellen, nur für die Bürokratie sinnvollen Gemeinschaft mit denen zu befreien, die noch nie gearbeitet haben? Wären 100 Euro mehr für Hartz-IV-Empfänger gerechter? Oder ungerechter im Vergleich zu den Arbeitenden? Ist es gerecht, wenn Verkäuferinnen, Busfahrer und Krankenschwestern junge, kräftige Männer alimentieren, die in der Schule nicht lesen und schrei­ben gelernt haben und darum keine Arbeit finden? Und wären die so Alimentierten nicht glücklicher, wenn sie ihr Leben selbst bestreiten könnten?

Aber allein die Meinung, ein Teil der Verantwortung läge auch bei ihnen selbst, ruft schon wütenden Protest und den Vorwurf sozialer Kälte hervor.

Was ist das eigentlich für ein Menschenbild, das den Schwachen in seiner Schwäche bestärkt, statt ihn zur Stärke zu ermutigen, das ihn zum Mündel der eigenen Interessen und Ideologie macht, statt ihn über seine Verantwortung, zuerst die für sich selbst, aufzuklären und sie ihm auch abzuverlangen? Wer die Schule schwänzt, um sie dann irgendwann als nicht ausbildungsfähiger Abbrecher zu verlassen, ist dafür auch selbst verantwortlich, und ihm ist nicht geholfen, wenn man ihm seine unterprivilegierte Herkunft, die allgemeine Hartherzigkeit oder die mangelnde „Willkommenskultur“ der Deutschen wie ein Almosen als Entschuldigung anbietet.

Der behauptete zwingende Zusammenhang von materieller Bedürftigkeit und geistiger Armut suggeriert den Betroffenen ihre Chancenlosigkeit, als hätten wir nicht ein kostenloses Bildungssystem, zahllose Hilfs- und Fördereinrichtungen, Leihbibliotheken und Sozialarbeiter. Und als wäre die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung nicht geprägt von einer ungeheuren Bildungsanstrengung unter ungleich schlechteren Bedingungen. Auch Gerechtigkeit wird nie geschenkt, sondern immer nur gewonnen.

Wir sind trotz aller Klagen über fehlende Gelder ein solidarisches Land, das die Hälfte der erbrachten Steuern für soziale Leistungen ausgibt.

Kürzlich hat mein Kollege Ingo Schulze in der Süddeutschen Zeitung einen verzweifelten Aufsatz über den Zustand unserer postdemokratischen, von einer deregulierten Finanzwirtschaft ausgeplünderten Gesellschaft, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die Privatisierung der Gewinne und Vergesellschaftung der Verluste, den Ruin des Sozialstaats und andere Katastrophen veröffentlicht.

In vielem kann und will ich ihm gar nicht widersprechen. Nur ist mein Fazit ein anderes. Wir leben in einer Zeit unermesslicher Umbrüche, deren Folgen wir nur allmählich zu ahnen beginnen. Die Globalisierung der Wirtschaft, die unaufhaltsame Völkerwanderung in Richtung Europa und die sich ständig selbst überholenden Kommunikations- und Informationsströme verändern nicht nur das Wirtschaftsgefüge der Welt; auch unser Gerechtigkeitsbegriff, unser Verständnis von Wohlstand, Armut und Solidarität werden sich globalisieren. Arbeitsplätze und Kapital wandern von Europa nach Indien, China oder Südamerika ab. Der ärmere Teil der Welt wird reicher werden und wir vielleicht ein bisschen ärmer. Auch das ist ein Ergebnis des eigennützigen Strebens von Wirtschaft und Kapital nach Profit, und ich kann darin nicht nur Ungerechtigkeit erkennen. Dass sich die Industrialisierung in der armen Welt ähnlich brutal vollzieht wie im Europa des Manchesterkapitalismus, fällt auch in unsere Verantwortung. In der Gier des Kapitals spiegelt sich unsere eigene Gier als Nutznießer der billigen Löhne, der oft verheerenden Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit.

Ich habe nicht viel von der Welt gesehen, aber genug um zu wissen, dass wir, gemessen an den Zuständen außerhalb Westeuropas, immer noch in den zwar sehr unvollkommenen und gefährdeten, aber glücklichsten Verhältnissen leben, die die Menschheitsgeschichte zu bieten hat. Wenn wir in Deutschland von Armut sprechen, meinen wir nicht den Mangel an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. In Deutschland gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens hat. Wir sollten, wenn wir von Armut sprechen, wenigstens bedenken, was Armut in der Welt wirklich bedeutet.

Zur Freiheit gehört die Verantwortung, auch zur Freiheit der Rede im Internet

Als die Piraten-Partei, noch ein bisschen befremdlich und ungelenk, in das Berliner Parlament einzog, und als die Occupy-Aktivisten plötzlich die Weltbühne betraten, war ich ganz glücklich, weil ich schon befürchtete, die junge Generation würde sich zwar um das Klima, die schändliche Tierhaltung und Atomkraftwerke sorgen, aber nicht um die politische Beschaffenheit der Gesellschaft, in der sie leben wird. Ausgerechnet von dieser lebendigsten Gruppe unter den Jungen waren plötzlich heftige Attacken gegen den Beschwörer der Freiheit und Verantwortung Joachim Gauck zu lesen.

Alte Reden wurden nach verdächtigen oder nur unsympathischen Sätzen durchsucht, die verstümmelt getwittert und skandalisiert wurden, als enthielte die Diskussion über die Verfehlungen des abgetretenen Bundespräsidenten den Auftrag, den nächsten auch gleich zu demontieren. Dabei erschreckt die Maßlosigkeit der Kritiker, der Dogmatismus der Argumente, die Sprachzensur vor allem, für die das Wort „fremd“ schon verdächtig ist, als gehörte die Unterscheidung von Fremdem und Eigenem nicht zu unserer lebenswichtigen anthropologischen Grundausstattung.
Das Internet hat unsere Vorstellung von demokratischer Mitsprache, Transparenz und Offenheit in der Politik verändert. Fakten und Meinungen verbreiten sich über Facebook, Twitter und diverse Blogs mit der Macht und Geschwindigkeit von Flutwellen, dringen in die konventionellen Medien und beeinflussen den öffentlichen Diskurs. Dass die Internet-Community mit ihrer rigorosen Forderung nach Transparenz überwiegend aus der Anonymität agiert, trägt wohl zu mancher extremen Bedenkenlosigkeit und zum bisweilen denunziatorischen Eifer der Diskutanten bei.

Wir leben nicht in China oder Russland. Niemand riskiert Verfolgung oder gar seine Freiheit, wenn er öffentlich seine Meinung kundtut. Uns irritieren verschleierte Frauen, weil wir es gewohnt sind, unserem Gesprächspartner ins Gesicht zu sehen. Warum also wollen sich ausgerechnet die Transparenzverfechter nicht zu erkennen geben? Zur Freiheit gehört die Verantwortung, auch zur Freiheit der Rede.

Es ist außerdem paradox, wenn ein Instrument, das dem Einzelnen endlich die Möglichkeit bietet, sich aus dem unterirdischen Gemurmel zu lösen und seiner Stimme öffentliches Gehör zu verschaffen, wenn eben dieses Instrument benutzt wird, um wieder namenlos im Gemurmel unterzutauchen. In unserem traditionellen Umgang miteinander ist Anonymität nur in Ausnahmefällen akzeptiert. Mit anonymen Anrufen, Briefen oder Anzeigen assoziieren wir Feigheit, Hinterhalt und Denunziation.

Warum sollten die erprobten Regeln der zivilisierten Kommunikation nicht auch für das Internet gelten, jedenfalls für alle, die es ernst meinen mit der offenen, gleichberechtigten und fairen Auseinandersetzung?
Auf die Frage, was uns bei aller Verschiedenheit zusammenhält, ist eine Antwort schwer zu finden. Das Grundgesetz natürlich und die Menschenrechte, das ist die gesetzliche Grundlage. Im alltäglichen Miteinander sind das unsere Umgangsformen, die Achtung und Selbstachtung des Individuums, das Bild vom anderen und von uns selbst. Dazu gehören auch die oft geschmähten Sekundärtugenden wie Zuverlässigkeit, Unbestechlichkeit, Verantwortungsgefühl, Gemeinsinn, die aus den Gesetzen ein Lebensgefühl und sie ebenso zur Privatsache der Bürger machen.

Die jetzt jungen und nachfolgenden Generationen erben nicht nur Schulden, einen enthemmten Finanzmarkt, zu entsorgenden Atommüll, ungelöste demografische und Integrationsprobleme. Sie erben auch eine Gesellschaft, die sich mit Mut und großer Kraft ihrer alles überschattenden Vergangenheit gestellt hat, die gewaltige Aufgabe der deutschen Einheit nicht konfliktlos, aber bewältigt hat, die empfindlich reagiert, wenn die Freiheit von Einzelnen oder Gruppen gefährdet ist, in der jede Diskriminierung geächtet ist, die sich um ihre Schwachen und Kranken sorgt. Die Neigung, das nicht Gelungene, Unvollkommene, Kritikwürdige als das Ganze zu nehmen, verstellt oft den Blick auf das, was dieses Land auch liebenswert macht und was es zu verteidigen gilt.

Wir erwarten, dass Menschen, die als Fremde nach Deutschland kommen und hier erst ihren Platz finden müssen, unsere Art zu leben, unsere Werte achten. Aber wie soll das gelingen, wenn wir selbst nicht schätzen, was schätzenswert ist? Dazu gehört auch die Freiheit, alles zu tun, was wir zur Verbesserung dieser Gesellschaft für nötig erachten.

 

 

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