Peter Altmaier - Twittern und Kochen für die Kanzlerin

Er forderte Altkanzler Kohl zum Rücktritt auf, kritisierte Roland Koch scharf für dessen ausländerfeindlichen Wahlkampf und wandte sich gegen den Aufruf des Vatikans zur Bekämpfung von Homo-Ehen. Der CDU-Politiker Peter Altmaier im Porträt

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(picture alliance) Peter Altmaier kommuniziert Politik auf allen Kanälen – auch via twitter

Dieses Portrait ist im Dezember 2011 im Magazin Cicero erschienen.

Das Geheimnis seines Erfolgs liegt hinter der Tür am Ende des Ganges. Hier, in der Küche seiner 240 Quadratmeter großen Altberliner Wohnung hat Peter Altmaier Angela Merkels Rettungsschirm gerettet: Auf zwei Ceranfeldherden, von denen der eine mit normalen und der andere mit Induktionskochplatten bestückt ist, zauberte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer (PGF) der CDU/CSU-Fraktion Gastmähler für „Abweichler“. Nicht mit der Peitsche hat er sie traktiert (und teilweise bekehrt), sondern mit dem Kochlöffel – und mit gutem Rotwein – bis nachts um zwei.

Altmaiers Kochkünste – besonders gerühmt: mit Hackfleisch gefüllte Klöße (saarländisch: „Gefillde“) – sind legendär, aber auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Er ist mit seinen 53 Jahren fast so beleibt wie Helmut Kohl in seinen besten Zeiten. Im März wog er 140 Kilo, zwischendurch etwas weniger. Aber die Eurokrise und der Stress um die Mehrheit haben die Pfunde zurückgebracht. Der joviale Saarländer ist nicht nur das „freundliche Gesicht zur düsteren Lage“ (Focus) und „Merkels Allzweckwaffe“ (Spiegel), sondern selbst ein Indikator für den Zustand der Koalition: „Je dünner die Mehrheit“, scherzt man im Reichstag, „desto dicker ist Altmaier.“

Der Kanzlerin jedenfalls folgt er durch dick und dünn. Nicht nur sie duzt er inzwischen, sondern fast alle Entscheider in der Union. Bei Koalitionsgipfeln gehört er zu den Wichtigen, die sonntagabends im Kanzleramt vorfahren. In Sitzungswochen bestimmt er, wer von der Union im Plenum redet. Er verhandelt mit der Opposition und vertritt die Fraktion im Ältestenrat. Kurzum: Er gehört zu den wirklich Einflussreichen im Regierungslager, auch wenn er selbst kein Regierungsamt hat und damit kokettiert, dass er in Berlin auch die S-Bahn benutzt. Wenn er dienstags in seiner Frühstücksrunde von Journalisten gelöchert wird, was die Regierung oder einzelne Minister planen, leitet er seine Antwort gern mit der Formel ein: „Ich bin ja nur ein armer PGF.“

Als junger Abgeordneter kämpfte er zum Verdruss der Partei-Rechten für die Liberalisierung des Staatsbürgerrechts, für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und für die Strafbarkeit von Vergewaltigungen in der Ehe. Er gehörte mit Ronald Pofalla, Norbert Röttgen, Eckart von ­Klaeden und Hermann Gröhe zu den „Jungen Wilden“, die sich Mitte der neunziger Jahre regelmäßig mit jungen Grünen trafen. In einem Kellerraum des Bonner Nobelitalieners „Sassella“, der nur durch die Küche erreichbar war, schmiedeten die Schwarzen mit den Grünen Cem Özdemir, Volker Beck, Rezzo Schlauch und Steffi Lemke die legendäre „Pizza Connection“, die bis heute hält. Man verkehrt immer noch im freundschaftlichen Du.

Den Konservativen ist er suspekt, seit er 1998 den Dauerkanzler Helmut Kohl zum Rücktritt aufforderte und den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch scharf für dessen ausländerfeindlichen Landtagswahlkampf kritisierte. Als Rechts- und Innenpolitiker ist er nach eigenem Bekunden durchaus „ein harter Law-and-Order-Mann“. Zugleich aber verschaffte er sich viel Respekt in der Schwulen- und Lesbenszene, als er 2003 – zum Entsetzen vieler Parteifreunde – den Aufruf des Vatikans zur Bekämpfung von Homo-Ehen kritisierte und vor einem Jahr im Richterwahlausschuss für die Berufung der von den Grünen nominierten bekennenden Homosexuellen Susanne Baer zur Verfassungsrichterin stimmte.

Unter Kohl wäre er nichts geworden. Es war Merkel, die den damals noch weitgehend unbekannten Hinterbänkler 2002 überraschend zum CDU-Obmann des sogenannten „Lügenausschusses“ machte – die erste Bühne, auf der er glänzen konnte. „Meine Karriere begann“, sagt er heute, „nachdem sie eigentlich schon zu Ende war.“ Er wurde Justiziar der Fraktion und 2005 Parlamentarischer Staatssekretär in dem von Wolfgang Schäuble geführten Innenministerium. 2009 beerbte er dann seinen langjährigen Weggefährten Norbert Röttgen als Fraktionsgeschäftsführer.

Seit neuestem twittert Altmaier. Es ist eine unbekannte, faszinierende Welt. Dort trifft er gelegentlich nicht nur die Duzfreunde Beck und Thomas Oppermann, sondern wildfremde Leute, mit denen er sich über Gott und die Welt und natürlich über Politik austauscht. Manchmal fühlt er sich im Kreis der vielen unbekannten „Follower“, von denen manche sich als Wähler der Piraten outen, wie einst im Sassella-Keller mit den Grünen: „Die Grünen waren damals auch eine ganz neue Partei, sie wurden unterschätzt  – und spielen heute in der Politik eine wichtige Rolle. Vielleicht wird das mit den Piraten auch einmal so.“

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