Frühstückstisch in der WG Röspel/Brase
Vinzenz Greiner

Reportage-Reihe „Berliner Käseglocke“ (Teil III): Polit-WG - Parlament und Pumpernickel

Manche Abgeordneten teilen nicht nur die Fraktion, sondern auch das Badezimmer. Wie lebt es sich in einer Wohngemeinschaft von Politikern? Ein Ortstermin

Autoreninfo

Vinzenz Greiner hat Slawistik und Politikwissenschaften in Passau und Bratislava studiert und danach bei Cicero volontiert. 2013 ist sein Buch „Politische Kultur: Tschechien und Slowakei im Vergleich“ im Münchener AVM-Verlag erschienen.

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Der SPD-Abgeordnete René Röspel grapscht sich die beiden Rettungspakete, sie befinden sich in einem Hängeschränkchen aus Holzimitat. Eine aufgerissene Tüte Spaghetti und ein noch geschlossenes Päckchen Buchstabensuppe. Für den Fall, dass er mal nach einer Plenarsitzung spätabends mit Heißhunger in die Küche kommt. Oder dass sein Mitbewohner Willi Brase, der gerade neben ihm steht, sich stärken muss. „Beide abgelaufen“, sagt Röspel, lacht und legt den Notfallvorrat zurück ins Schränkchen.

8.10 Uhr. Willkommen in der Berliner Wohngemeinschaft Brase/Röspel. Seit 15 Jahren leben die beiden SPD-Abgeordneten im vierten Stock eines grauen Plattenbaus in der Hannah-Arendt-Straße in Berlin-Mitte. Die Politiker-WG hat in der Deutschen Politik inzwischen Tradition. In Bonn teilte sich der heutige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier eine Wohnung mit Alfred Tacke, der später Wirtschaftsstaatssekretär wurde. In Dresden versammelte nach der Wende Kurt Biedenkopf seine CDU-Regierungsmannschaft in der Küche einer 15-Zimmer-Villa um sich, wo die Wessis untergebracht waren. In Berlin teilten sich die Grünen-Politikerinnen Katrin Göring-Eckardt und Renate Künast eine Wohnung. Heute wohnen die Grünen Katja Dörner und Oliver Krischer zusammen. Und eben Brase/Röspel.

Eine WG – spart Geld, und etwas Gesellschaft schadet nicht


Die Küche ist nicht klein. Um den Esstisch und die vier Stühle – die einzigen Möbel aus richtigem Holz in diesem Raum – kann man bequem herumgehen. Auf der marmorfolierten Eckzeile steht ein Bierhumpen von der Gevelsberger Kirmes. Ein weißes Sparschwein mit SPD-Logo streckt den Rückenschlitz nach Münzen. Neben einer Packung Ja!-Papiertaschentücher steht eine Zitronepresse: Sie ist dem Kopf der Kanzlerin nachempfunden. Merkel sieht unbenutzt aus.

Den Ofen, schätzt Röspel, hätten sie vielleicht 20 oder 30 Mal eingeschaltet. In der Berliner Republik ist alles eng getaktet. Ausschuss, Plenum, Hintergrundgespräche, und dann wieder die Vorbereitungen auf die Arbeit in Westfalen, wo beide ihren Wahlkreis haben. Kochabende, oder ein ausgedehntes Frühstück wie heute, sind da selten drin. Das Pumpernickel hat Röspel in der letzten Sitzungswoche vor 14 Tagen gekauft. Das hält sich, funktioniert mit Marmelade, aber auch mit Käse oder Wurst.

2013 wurde Brase über die NRW-Landesliste gewählt, Röspel direkt im westfälischen Wahlkreis Hagen – Ennepe-Ruhr-Kreis I. Seit 1998 sitzen die beiden im Parlament – und regelmäßig in den Zügen Richtung Hauptstadt. Im Abteil lernten sie einander kennen – und stellten fest: zwar liegen 13 Jahre zwischen uns, aber keine Welten. Röspels Vater, ein Vertriebener, war Busfahrer. Brase Senior: Schlosser. Beide haben vor dem Studium Kaufmann gelernt. Beide sind Familienväter. Beide sitzen im Ausschuss für Bildung und Forschung. Warum dann nicht gemeinsam wohnen? Spart Geld. Und etwas Gesellschaft schadet auch nicht.

Auf Montage im politischen Berlin


Schon 15 Jahre wohnen sie hier, aber wohnlich sieht es immer noch nicht aus. Das Wohnzimmer ist groß, der Erker fängt das Licht der Morgensonne ein. Doch der SPD-Teddy namens Bruno – „der Bewacher“ – sitzt etwas verloren auf einem Kinderbett. Aus der Decke hängen statt einer Leuchte ein blaues, ein schwarzes, ein weißes Kabel. Sie sind ja nur in den 22 Sitzungswochen hier, und in denen müssen sie schuften. Sie sind in Berlin quasi auf Montage.

Die ersten zwei Abgeordneten-Jahre wohnte Röspel in der Bundesschlange – eine 500 Meter lange Wohnanlage im Westberliner Moabit mit 718 Wohnungen für Bundesbedienstete und Abgeordnete, die aber schon bald wegen der geringen Nachfrage für Normalbürger geöffnet wurde. Von dort zum Reichstag brauchte René Röspel 20 Minuten zu Fuß. Heute gerade mal halb so lang.

In der WG-Küche gibt es löslichen Kaffee zum Frühstück. Der ist noch vom Besuch von Brases Frau übrig, die neulich mit der Tochter in Berlin war. „Haben wir eigentlich Zucker?“, fragt Brase. Dreht sich, schaut sich um. Er trägt schwarze Lederschuhe, das kurzärmelige Karo-Hemd steckt in der grauen Hose. Schwarz-blaue Krawatte. Er sieht aus wie ein Beamter, der vor der Arbeit schnell noch eine Wohnung besichtigt. Am Küchentisch schenkt sich René Röspel Schwarztee ein. Weißes Rundhals-T-Shirt, runde Brille, beige Hose, weiße Socken in Plastik-Schlappen, schwarz-grauer Bart. Eher wie ein Mathe-Lehrer. 

„Je suis Charlie“ steht auf einem Glas mit einem Teelicht. Die Butter liegt in einer Tupper-Dose. Blaue Gummi-Unterlagen, darauf Teller und Jausebretter. In der Tischmitte Zuckerschnecken, Kirschmarmelade. Brase hat vorhin die Brötchen mit Weichkäse, Aufschnitt und Gouda auf einer hellgrauen Pappe drapiert. Jetzt lehnt er sich auf dem Holzstuhl zurück. Röspel verteilt Butter und Marmelade bedächtig auf der Hälfte eines Kürbiskern-Brötchens. Sie machen es sich gemütlich.

Röspel und Brase – ein bisschen wie Erni und Bert


Vom Küchentisch aus haben die beiden SPDler alles im Blick. Draußen scheint die Sonne auf die Landesvertretungen von Hessen und Niedersachsen. Die Türme und Glasdächer am Potsdamer Platz dahinter ragen noch höher in den blauen Himmel. Rechts davon die Wipfel des Tiergartens. Gleich auf der anderen Seite das Holocaust-Mahnmal.

In dem Wohnblock hier, sagt Röspel, soll sogar schon Katharina Witt gewohnt haben, die für die DDR etliche Medaillen im Eiskunstlauf gewann. 1983 holt sie europäisches Gold in Dortmund, im selben Jahr tritt Röspel in die SPD ein. Brase war schon zwei Jahre zuvor Sozi geworden.

„Schnell, schauen Sie nach draußen“, sagt Brase und zeigt aus dem Küchenfenster, das immer schlechter wird – das Sommerfest der niedersächsischen Landesvertretung war gestern gut zu hören, oberhalb des Fensters zeichnen sich schimmlige Ränder ab. „Sehen Sie die Dohle?“ Ein schwarzer Vogel reißt mit dem Schnabel die von der Sonne aufgeweichte Teerpappe von einem Dach. „Die stolziert hier mit einem Gehabe herum, als wäre sie die Herrin“, sagt Brase. „Stimmt ja auch“, erwidert Röspel.

Die beiden lachen viel. Röspel verpasst Brase mal einen Klaps auf den Arm. Ein bisschen wie Erni und Bert. „Wir sind alte Säcke“, ruft Brase, und Röspel erklärt: „Der Willi bringt so viele wertvolle Erfahrung aus dem Bereich beruflicher Bildung und als Gewerkschafter mit in den Ausschuss.“ – „Du sitzt sogar bis spätabends da und liest oder schreibst etwas zur Forschungspolitik.“

Manchmal sehen sich die beiden tagelang nicht


Brase ist häufig schon um 6:30 Uhr im Büro. Dafür schläft er oft schon, wenn Röspel, der sich „Nachtarbeiter“ nennt, im Wohnzimmer noch Unterlagen studiert. Manchmal sehen sich die beiden tagelang nicht. Manchmal treffen sie sich nur im Zeitfenster zwischen zehn und elf Uhr abends. Dann setzen sie sich manchmal einfach eine Viertelstunde zusammen. „Der Vorteil einer solchen WG ist, dass man abends noch die Chance hat, sich mit einer Vertrauensperson auszutauschen.“

„Es war ein Nest. Unser Ding war: in Ruhe abends reden können“, erzählte Künast einmal in einem Interview über ihre WG mit Göring-Eckardt.

„Wir haben ein Mandat auf Zeit“, sagt Willi Brase. „Hätten wir 1998 gewusst, wie lange wir im Bundestag sitzen, hätten wir wahrscheinlich eine Wohnung gekauft – vielleicht auch unabhängig voneinander.“

Die eine Seite von Röspels Doppelbett ist nicht bezogen, eine Wolldecke liegt darauf, gefaltet wie im Gasthaus. Auf einem Schrank steht eine Sporttasche. An der Wand ein buntes Bild für Papa. An einer anderen lehnt ein großes Foto zweier sich paarender Libellen hinter Glas. Röspel hat es seit seinem Einzug dabei. Noch immer nicht aufgehängt.

Ein Leben auf Abruf


Weil der DDR-Stahlbeton so schwer zu „benageln“ ist? Oder weil der Zyklus der Demokratie das Leben in der Polit-WG zu einem auf Abruf macht? Die Wohnung wäre schnell ausgeräumt. Die Papier-Ausdrucke von Klimt und Van Gogh, könnte man rasch abreißen. Taschen und Koffer stehen in den Zimmern. Die Sakkos könnte man schnell von der Garderobe im Flur pflücken. Einen Schuhschrank gibt es nicht. Wohnst du noch als Abgeordneter, oder lebst du schon?

Es wirkt so, als brächten die beiden Politiker nicht viel von ihrem Leben daheim in diese Wohnung. Vor ein paar Wochen lief ein Fußballspiel, die Wohnzimmersessel von Röspels Schwiegereltern sind noch immer nahe an den kleinen Nokia-Fernseher gerückt. Im Regalfach darunter Kassetten samt Anlage. „Georg Danzer – Liederbuch“ steht auf einer. Auf der Schauma-Shampoo-Flasche im Bad lächelt immer noch das Model, das eigentlich bereits vor Monaten ausgewechselt wurde.

Aufgeräumt ist es schon. Politiker dürfen sich ja auch nicht gehen lassen. In Biedenkopfs Regierungs-WG kontrollierte dessen Frau Ingrid, ob die Krawatten saßen. Bei Brase/Röspel kommt alle zwei Wochen ein Putzdienst.

Noch einen Kaffee? Röspel und Brase müssen bald los. Zuerst in den Forschungs- und Bildungsausschuss. Danach zur Debatte im Bundestag zu Griechenland. Sie finden den Konfrontationskurs von Tsipras schlecht, aber auch die Griechenland verordnete Sparpolitik. Das kann man jetzt aber nicht mehr ändern. „Schnee von gestern“, sagt Brase. „Verschüttete Milch“, sagt Röspel.

Milch? Die haben sie nicht im Kühlschrank. Die wird zu schnell schlecht. Dafür aber Pumpernickel.

Teil I: Ankommen mit Armin Laschet - Wie ein Provinzfürst den Berliner Machtmorgen genießt

Teil II: Das Café Einstein - So wichtig frühstücken

Teil III: Polit-WG – Parlament und Pumpernickel

Teil IV: Sommerfest der Digitalwirtschaft – Das Lobby-Kompott

Teil V: Expansion der Demokratie – Sie bauen, bauen und bauen

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