Islamwissenschaftlerin zum Kopftuch-Urteil: - „Gefährliche Pauschalisierung von Alice Schwarzer“

Lehrerinnen mit Kopftuch: An dieses Bild sollte man sich nach dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts gewöhnen. Die Hildesheimer Islam- und Erziehungswissenschaftlerin Corinna Gomani warnt Islamkritiker und Frauenrechtlerinnen davor, Kopftuchträgerinnen eine bestimmte Rolle zuzuschreiben

Konfliktstoff an der Schule: Ein pauschales Kopftuch-Verbot für Lehrerinnen ist verboten, urteilte das Bundesverfassungsgericht. (Das Foto zeigt eine Flüchtlingsunterkunft in Gießen)
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Autoreninfo

Petra Sorge ist freie Journalistin in Berlin. Von 2011 bis 2016 war sie Redakteurin bei Cicero. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Frau Gomani, das Bundesverfassungsgericht hat in sein Kopftuch-Urteil in der vergangenen Woche auch eine kleine Hintertür eingebaut: Wenn in einer Schule eine „substanzielle Konfliktlage“ droht, darf das Tragen des Kopftuches im konkreten Fall doch verboten werden. Wie beurteilen Sie das?
Das ist eine juristische Formulierung, die ich nur begrenzt nachvollziehen kann. Ich glaube, dass eine substanzielle Bestimmung von Religion eigentlich nicht möglich ist. Insofern frage ich mich, was dann unter einer substanziellen Konfliktlage in Bezug auf die Verwendung religiöser Symbole beziehungsweise „über das richtige religiöse Verhalten“ zu verstehen ist.

Aber werden die Schulen mit diesem Urteil nicht ein Stück weit alleine gelassen mit der Frage, wie sie mit Islamgegnern umgehen?
Nun sind nicht alle, die das Tragen des Kopftuches ablehnen, Islamgegner. In manchen Schulen können jetzt vielleicht interessante Diskussionen mit den Schülern und Eltern stattfinden. Das ist heute schon in anderen Institutionen durchaus der Fall. Meines Erachtens ist es gut, wenn die Diskussionen dort geführt werden, wo sie dringend nötig sind: zwischen den Menschen.

Könnte das Kopftuch Kinder und Jugendliche beeinflussen?
Das ist doch nach wie vor eine pure Behauptung. Bis heute ist dies nicht bewiesen oder ausreichend empirisch belegt. Jetzt müssen sich die Menschen mit dieser Realität direkt auseinandersetzen, müssen ihre Ängste und Befürchtungen, ihre Vorurteile und Fehleinschätzungen kommunizieren und einen Konsens finden, der allen und nicht nur bestimmten Interessen entgegenkommt. Für Kopftuch-Gegner mag es vor dem Urteil einfacher gewesen sein, konnten sie sich doch auf höchstrichterliche Rechtsprechung beziehen.

Ist das Urteil aus Ihrer Sicht geeignet, bei Pegida-Anhängern Ressentiments zu schüren?
Ressentiments gegen wen? Gegen Demokratie und Freiheitsrechte? Pegida ist ein Sammelbecken für alle möglichen diffusen Ressentiments. Vielleicht können jetzt aber manche der Indifferenten unter den Anhängern zum Nachdenken angeregt werden. Diejenigen aber, die von der Angst beseelt sind, das „Abendland“ würde oder könnte „islamisiert“ werden, werden sich wohl bestätigt finden.

Wie meinen Sie das?
Wenn sich die Machtbalance zugunsten einer vormals unterlegenen Gruppe zuungunsten einer anderen verschiebt, entstehen Konflikte. Das ist völlig normal für gesellschaftliche Entwicklungs- und Wandlungsprozesse. Je sichtbarer dieser gesellschaftliche Wandel wird – zum Beispiel aufgrund Kopftuch tragender Lehrerinnen und der Anerkennung ihrer Rechte, desto mehr wird der Wandel als Machtverlust und damit als Bedrohung gesehen. Für diejenigen, die sich von der muslimischen Bevölkerungsgruppe und dem Islam bedroht fühlen und von der „Islamisierung des Abendlandes“ sprechen, ist der Wandel nun noch sichtbarer geworden. Sie wollen einfach nicht, dass die vermeintlich „Anderen“ dazugehören.

Also fürchten Sie doch, dass das Urteil sozialen Sprengstoff birgt?
„Sprengstoff“!? Wandlungsprozesse benötigen Zeit und Ausdauer in der Diskussion. Hoffentlich werden auf Dauer dadurch die Vorurteile und Stereotype gesprengt. Ich würde der Bezeichnung „Konfliktstoff“ den Vorzug geben. Konflikte muss eine Gesellschaft aushalten, darüber muss gesprochen, darüber muss verhandelt werden, unablässig – sofern eine positive Entwicklung gewollt ist. Ausgrenzung und Unterdrückung hat bislang jedenfalls nur selten etwas Positives erzeugt. Vielleicht ist das Kopftuch bald Alltag, gar kein „Aufreger“ mehr. Dann kann es auch nicht mehr so einfach als „die Flagge des Islamismus“, so die gefährliche Pauschalisierung von Alice Schwarzer, instrumentalisiert werden – weder von der einen noch von der anderen Seite.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Thema „Kopftuch“ an der Hochschule gemacht? Wird die Frage von muslimischen Studentinnen diskutiert?
Ja, die Studierenden werden da nicht müde. Die Diskussion hat allerdings andere, mindestens genauso wichtige Diskussionen über den Islam im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis ausgebremst.
Für Lehramt-Studierende ist es immer bitter gewesen, aufgrund ihres Kopftuches einer zumindest in Teilaspekten weniger aussichtsreichen Zukunft entgegenzusehen. Muslimische Studierende, die ein Kopftuch tragen, wollen aber auch nicht ständig auf diese Problemlage angesprochen werden oder sich rechtfertigen müssen. Deshalb schweigen sie manchmal lieber, viele beteiligen sich nicht mehr an der Diskussion. Auf der anderen Seite ist nicht-muslimischen Studierenden oft gar nicht bekannt, dass ihre Kommilitoninnen mit Verboten belegt sind. Umso schockierter zeigten sie sich, wenn sie darüber aufgeklärt werden. Andere wiederum, auch muslimische Studierende, berührt das Verbot nicht oder sie sind sogar von dessen Legitimität überzeugt. Ich bin mir sicher, dass die Diskussion nicht abreißen wird. Nur hoffe ich, dass das Thema nicht mehr so dominant sein wird, den Diskurs nicht mehr so sehr bestimmt, und endlich auch andere Aspekte des Geschlechterverhältnisses und der -gerechtigkeit im Kontext der Religion und des Islam diskutiert werden.

Tragen Sie selbst ein Kopftuch oder haben das je erwägt?
Ich trage zu bestimmten Anlässen und in bestimmten Räumen und Regionen ein Kopftuch, hier aus religiösen oder sozialen Gründen. Im Alltag trage ich es nicht. Ansonsten bevorzuge ich Caps und Mützen, jedoch nicht aus religiösen Gründen, wie oft und dem Stereotyp entsprechend vermutet wird, sondern weil ich mich sonst nicht vollständig angekleidet fühle.

Hindert das Kopftuch-Verbot junge Musliminnen, in den Lehrerberuf einzusteigen?
Frauen, die ein Kopftuch tragen wollen, fällt der Einstieg schwerer, oft ist dieser sogar unmöglich. In der Regel haben diese Studierenden schon feste Vorstellungen, was sie nach ihrem Studium machen wollen. Damit will ich nicht sagen, dass sie sich mit den Realitäten abgefunden haben. Aber sie sind zumindest darauf eingestellt, so oder so. Allerdings sind manche dann doch von der Heftigkeit der Diskriminierungen, die sie aufgrund ihres Kopftuches erfahren, überrascht. Besonders, wenn diese in Bildungsmilieus stattfinden.

In der Debatte gibt es viele Ängste, weil das Kopftuch vor allem als Zeichen der Unterdrückung der Frau gilt. Mittlerweile setzen aber auch viele Feministinnen auf diese Kopfbedeckung. Gibt es hier vielleicht auch ein Missverständnis? Was ist Ihre Erfahrung?
Missverständnisse gibt es hier auf allen Seiten. Das größte besteht aber darin zu meinen, über das Tragen oder Nicht-Tragen des Kopftuches fremdbestimmen zu können – sei es aus vermeintlich religiöser oder frauenrechtlicher Perspektive. Einem Geschlecht eine bestimmte Rolle oder ein bestimmtes Verhalten zuzuschreiben, darf nicht toleriert werden.
Wir müssen die strukturellen Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern abbauen, und nicht die unterschiedlichen Auffassungen über weibliche Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit. Ein anderes Missverständnis besteht sicherlich darin, davon auszugehen, dass die Emanzipation ein vorgezeichneter, abgeschlossener Prozess mit einem klaren Ergebnis ist. Dieses Missverständnis besteht meines Erachtens bei nicht wenigen Feministinnen, gleich ob diese nun ein Kopftuch tragen oder nicht.

Das Interview führte Petra Sorge schriftlich. Fotos: picture alliance (Das Bild zeigt kein Klassenzimmer, sondern eine Flüchtlingsunterkunft in Gießen), privat (Gomani)

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