Klüngel und Katastrophen - Warum die Kölner so meschugge sind

Außenstehende können über Köln nur den Kopf schütteln: Hier klüngeln Amtsträger, hier wird bei Wahlen getrickst, hier verzögern sich Bauprojekte oder enden gleich im Fiasko. Warum regen sich die Ureinwohner trotzdem nicht auf? Porträt einer Bananencity

Der Dom wackelt, eine Stadt kriselt. Der Kölner aber trinkt erstmal ein Kölsch
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Autoreninfo

Barbara Opitz ist freie Journalistin und Buchautorin in Wuppertal. Sie wuchs in Argentinien und Mexiko auf, studierte Architektur, volontierte bei der WAZ und besuchte die Zeitenspiegel-Reportageschule

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Bam! Jetzt also doch.

Köln muss seine für den 13. September angesetzte Oberbürgermeisterwahl verschieben. Die Bezirksregierung entschied, dass 53.000 der schon über Brief- und Direktwahl abgegebenen Stimmen ungültig sind. Die Wahlzettel seien „problematisch“ gestaltet worden, denn die Namen der Parteien sind größer gedruckt worden als die Namen der Kandidaten. Man gehe davon aus, dass „möglicherweise nicht alle Kandidaten die gleiche Chance haben“. Also alles wieder von vorn.

Dabei könnte der Zeitpunkt für eine Oberbürgermeisterwahl in Köln nicht treffender liegen, jährt sich doch der legendäre Müllskandal in diesem Monat zum zehnten Mal. Damals ging es um elf Millionen Euro Schmiergelder für den Bau der Müllverbrennungsanlage, wobei während der Ermittlungen auch gleich die Spendenaffäre der Kölner SPD aufflog.

Nicht-Kölner reiben sich die Augen


Und auch wenn der ein oder andere Kölner tief erschüttert war ob der dreisten Vorgehensweise seiner politischen Amtsträger, scheint sie einer Dauerregentschaft der Kölner Sozialdemokraten nicht wirklich geschadet zu haben. „Kenne mer nit, bruche mer nit“, sagt der Kölner da zu alldem, was nicht der Tradition entspricht. Schon fünf Jahre zuvor hatte der SPD-Oberbürgermeisterkandidat Klaus Heugel trotz Rücktritts wegen eines Aktienskandals beachtliche Stimmen erhalten, obwohl er gar nicht bei der Wahl angetreten war: Sein Name stand nur pro Forma auf dem Stimmzettel, die SPD hatte offiziell keinen Kandidaten mehr gestellt. 

Mit Köln verhält es sich so: Jeder rund um die Stadt reibt sich ungläubig die Augen, nur der Kölner nimmt’s gelassen, tut einfach so, als ob alles in schönster Ordnung sei. Ich selbst komme aus Wuppertal, dort ist man zwar nah dran am Rhein, doch mental gesehen ungefähr so weit weg wie die Bayern. Mit einer gewissen Schadenfreude, zumindest aber einem Kopfschütteln, stürzt man sich in anderen Städten der Region während des morgendlichen Zeitungsschmökerns auf die Köln-Seiten, die gespickt sind mit feinsten Possen und Peinlichkeiten.

Zuletzt die dubiose Stimmzettelaffäre. Es kam ja vor ein paar Monaten dann doch heraus, dass Stimmzettel bei den Kommunalwahlen – irgendwie – vertauscht worden waren. Vehement hatte sich die SPD gegen eine Neuauszählung gewehrt – mit durchaus fantasievollen Begründungen. Genützt hat es nicht, nach einem Jahr dann war es amtlich. Da wurde geschummelt, die CDU wurde stärkste Kraft im Rat. „Wat fott es, es fott“, sagt der Kölner dann. In diesem Falle war es ausgerechnet Jochen Ott, der jetzige SPD-Oberbürgermeisterkandidat, der sein Mandat verlor.

Das Kölner „Jeföhl“: Wenig Kopf, dafür mehr Bauch


Der Wahlkampf wird daher mit Spannung verfolgt: Denn ausgerechnet eine Überparteiliche, Henriette Reker, wagt jetzt die Auflehnung gegen die SPD-Vorherrschaft – und damit gegen Ott. Friedliche Einigkeit bei CDU, FDP und den Grünen in der Idee: Eine Kölner Oberbürgermeisterin – ganz ohne Parteiengerangel und ohne Klüngeloption? Das käme in Köln einer politischen Revolution gleich.

Käme, wäre Köln nicht Köln. Die Stadt mit der gewissen Lockerheit, die alle Fünfe grade sein lässt. Wo die Devise gilt, sich niemals mehr Gedanken zu machen als wirklich nötig. Weniger Kopf, dafür mehr Bauch. Oder wie es die Höhner singen: „Hey Kölle, do bes e Jeföhl!“

Was das „Jeföhl“ angeht, habe ich meinen ersten Schluss zu Köln während des Karnevals gezogen. Die Zeit, in der die Kölner sich selbst genug sind, auf Tischen und Stühlen der Brauhäuser singen, ergriffen von Heimatliebe und mit Tränen in den Augen: „Denn wenn et Trömmelche jeiht, dann stonn mer all parat.”

„Dat is prima, viva Colonia“


Ich arbeitete in einem Kölner Büro. Und mein Chef – auch kein Kölner – kam auf die absurde Idee, uns Mitarbeiter an einem Rosenmontag erscheinen zu lassen. Es war mein erster Rosenmontag in Köln.

Im Keller unseres Bürohauses überwinterten zwei Obdachlose, alte Männer, gesellschaftlich Abgehängte. Nie ließen sie sich blicken, schliefen lang. Doch an diesem Morgen schliefen sie nicht. Und als ich mich endlich durch die schunkelnde Masse bis zum Büro vorgekämpft hatte, standen sie schon in der Tür: Beide in kompletter Clowns-Montur, schmetterten sie mir ein pathetisches „Alaaaaaaaf“ entgegen. Verblüfft, allein wegen der aufwändigen Maskerade: Perücken, Pappnase, Schminke, erwiderte ich ein kurzes „Hallo“. Sie musterten mich, mitleidig, wünschten mir – der Frau ohne Kostüm – dann aber „trotzdem en närrisch joten Tach“ und zogen trällernd gen Ring: „Da simmer dabei, dat is prima, viva Colonia“.

Weg mit den Sorgen, ab jetzt regiert die Fröhlichkeit. Der Karneval ist eine gesamtheitliche Kölner Angelegenheit. Ein Pakt der guten Laune, die gemeinsam zelebrierte Regelüberschreitung. Alles ist erlaubt: Tanzen, Schunkeln, Bützchen geben. Die Sekretärin dem Chef, der Anwalt dem Straßenreiniger, der Obdachlose wem auch immer, „scheißjegal, jetzt wird zusamme Kölsch jesoffen“. Niemand ist hier abgehängt. Nur wer nicht mitmacht – der ist draußen! In diesem Falle war das ich.

Die unbewusste Ausgrenzung zum Karneval


Nun ist es nicht so, dass bewusst ausgegrenzt würde. Dazu ist der Kölner viel zu nett. Vielmehr ist es diese unmissverständliche Selbstverständlichkeit, Köln sei die beste Stadt der Welt, „dat Hätz vun d‘r Welt“, die Hauptstadt des Humors, mindestens aber „die schönste Stadt am Rhein, Stadt am Rhein, Stadt am Rheeiheehein, das nicht nur als Fangesang zu FC-Spielen gesungen wird, sondern eigentlich bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit.

Für Außenstehende, die das erste Mal durch Köln flanieren, mag dieses Prahlen mit der eigenen Schönheit erstaunen, bahnen sie sich doch ihren Weg vorbei an liebloser Nachkriegsarchitektur, kargen Parkhäusern, durch Betonröhrenpassagen und fantasielose Fußgängerzonen. Der Kölner Selbstgefälligkeit aber tut das keinen Abbruch. Wahre Schönheit kommt von innen. Man ist eben – in aller Unbescheidenheit – stolz, „us Kölle zu sin“! 

Auf dem Weg zu unserem Büro kam ich damals an einer Säule vorbei, vier Meter hoch, steht sie auf einem kleinen Platz in der Altstadt. Benannt ist sie nach einem Ur-Kölner Namen, die „Schmitz-Säule“. Auf allen vier Seiten finden sich Aufschriften, die mit der Kölner Stadtgeschichte zu tun zu haben: Da ist vermerkt, dass an der Stelle die Römischen Legionäre auf die hübschen Ubiermädchen getroffen sind und bald darauf die „Ur-Kölner“ gezeugt haben. Eine andere Seite weist auf die größte Hochwasserkatastrophe Kölns hin. Die dritte Seite ist dem Architekten gewidmet, der die Säule gestiftet hat: Jupp Engels. Und die vierte Seite – ja – die erinnert an Neil Armstrong und seine Mondlandung im Jahr 1969. Dort steht: „…betrat als erster Mensch mit dem linken Fuß den Mond – von der Schmitz-Säule 389.994 Kilometer und 100 Meter entfernt.“

In Köln heißt Klüngel Nächstenliebe


Jupp Engels und Neil Armstrong in einem Atemzug, und der Mond konkurriert mit einem beschaulichen Plätzchen in der Kölner Altstadt, so beschreibt es Stephan Grünewald, Psychologe und Autor des Buches „Köln auf der Couch“. Doch genau darin scheint das ewige Dilemma Kölns zu liegen. Das Streben nach einem überschaubaren Leben und gleichzeitig zu den Sternen greifen wollen.

Köln will mindestens Weltstadt sein, Medienstadt, Messestadt, Kunstmetropole. Und gleichzeitig sein Biotop behalten, wo das Kölsch fließt, wo es schunkelig, gemütlich ist und alles vertraut. Die beiden Pole der Kölner Seele also sind Größe und Gemütlichkeit. Für Grünewald liegt die ganze Kölner Lebensstrategie in dem Versuch begründet, beides unter einen Hut zu bringen –  „und dieses mit der kleinstmöglichen Anstrengung.“

Wo wir – ganz nebenbei – beim Klüngel wären. Denn der Klüngel ist nichts anderes, als mit wenig Aufwand und in vertrautem Terrain die großen Jobs zu kriegen. Dachte ich. In den Augen der Kölner ist es komplizierter. Einige wollen hinter dem berüchtigten „Kölschen Klüngel“ ureigentlich nur das christliche Prinzip der Nächstenliebe sehen, hilfst du mir, helfe ich dir“, ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Frank Überall, Kölner Journalist und Politologe, sieht es ambivalent: „Klüngel ist nicht gleich Korruption.“ Er unterscheidet drei Stufen. Die erste ist eine Mischung aus Nachbarschaftshilfe und „Drink-doch-eene-mit-Mentalität“, die zweite das Netzwerken. Beides ist durchaus positiv. Erst, wenn man sich abschotte, „das Ding durchzieht, egal, ob da wer ausgeschlossen oder geschädigt wird“, könne es kippen.

Nichtfertigwerden als Prinzip


Der Kölner befindet sich also auf einer ewigen Gratwanderung. Oder – wie es Alt-Oberbürgermeister Norbert Burger einmal passend formulierte: „Ich muss mit Klüngel in der Öffentlichkeit bestehen können.“ 

Zumindest in der Theorie. In der Praxis heißt es: Abwarten, aushalten, schon mal ein Äuglein zudrücken. „Vermeidung“ ist das Zauberwort. Die gekonnte Unentschiedenheit, so nennt es Psychologe Grünewald. Das Nebeneinander-Stehen-Lassen, das Offenhalten, das Lavieren: Niemand beherrscht es so gut wie der Kölner. Wenn man die Sache nie festlege, komme man auch nie in Zugzwang. Die Vorliebe zum Schunkeln ist daher auch gut nachvollziehbar: Mal nach rechts, mal nach links, also die größtmögliche Beweglichkeit ohne Ortsveränderung.

Vermeidung aber auch im zeitlichen Sinn: Da wären – ganz aktuell – das Operndesaster. Auch hier gab‘s  Mauscheleien, die erste Firma ist schon pleite, die Eröffnung wurde wieder um ein Jahr verschoben. Oder aber das ewige Lied der Nord-Süd-U-Bahn. Die Strategie des ewigen Werdens, nennt es Grünewald. Allein der Dom hat schließlich ganze 600 Jahre gebraucht, um fertig zu werden. Beinahe enttäuscht reagierten die Kölner, als die Preußen ihnen den Dom fertig gebaut hatten.

Dieses „Nichtfertigwerden“ entbinde von der Tat, sagt Grünewald. Man kann dem Leben frönen, pünktlich Feierabend machen und behält dabei trotzdem die Option, dass sich irgendwann das grandiose Endziel einlöst. Nicht umsonst besagt ein Kölner Sprichwort: „Mer buddele und buddele, bis dat mer Weltstadt sind.“

Ein gewisser Gleichmut ist notwendig. Der Kölner hofft, dass sich doch noch alles in Wohlgefallen auflöst, wenn man es nur lange genug ignoriert. „Es het no immer jot jejange“, lautet wohl die wichtigste Kölner Regel. Der Rhein fließt, der Dom steht. Was soll schon groß passieren?

Hier sterben sie, dort witzeln sie


Selbst als vor einem Jahr die Zeitungen titelten: „Der Dom wackelt“, ausgelöst durch die zu nah vorbeifahrende U-Bahn, blieben die Kölner cool. Bemerkenswert, handelte es sich doch um die Strecke, durch die sich nicht nur der Turm von St. Johann Baptist bedenklich neigt, sondern die auch zum Einsturz des Stadtarchivs vor sechs Jahren führte. Für einen kurzen Moment war es damals dahin mit der Kölner Gelassenheit. Das Gedächtnis der Stadt, mit einem Schlag vernichtet. Doch es dauerte nur ein paar Stunden, bis der erste Witz kursierte: „Wat is, kommse noch mit aufn Absacker in die Südstadt?“, frotzelten die Kölner in den Kneipen rund um den Dom, während die Suchtrupps die Toten bargen. 

Der Dom wackelt, aber er wankt nicht, hieß es dann auch schnell in diesem Fall. 130.000 Euro haben die hochelastischen Schienenlager gekostet, die die Schallbrücke zwischen Dom und U-Bahn-Tunnel unterbrechen und damit dem Vibrieren ein Ende setzen sollten. Und um ganz sicher zu gehen, wurde als allererstes das Tempo gedrosselt, die U-Bahn schleicht seither, und alle sind mehr oder weniger beruhigt. Die „Kölsche Lösung“, ein geflügelter Begriff, geht oft einher mit dem Satz: „Nichts hält länger als ein Provisorium.“

Bei der Philharmonie fehlt der Schallschutz


Und so bezahlt die Stadt allein in diesem Jahr rund 177.000 Euro für einen Wachdienst, der nur dafür zuständig ist, Skateboarder und Fußgänger vom Heinrich-Böll-Platz fernzuhalten. Der nämlich bildet die Decke des Konzertsaals der Kölner Philharmonie. Bei den Planungen haben die Architekten den Schallschutz vergessen. Und so mogelte sich dann und wann ein dumpfes Rollen und Surren in Beethovens Neunte.

Kürzlich war ich wieder einmal dort, in Köln. Köln Nippes. Denn wenn man etwas über die Seele Kölns erfahren will, muss man in die Veedel, die kleineren, für Köln typischen Bezirke. Vor dem Brauhaus „Zum Goldenen Kappes“ stehen sie schon, das Kölsch in der einen, die Zigarette in der anderen.

„Köln is jesellig“, sagt einer, er heißt Karl-Heinz. „Dazu jehört numa Trinken – und viel Rauchen.“ Das mit dem Wesenszug, „dat is so‘n Jeföhl, dat saugt da Köllner mit da Muttermilch auf, dat is wie mit dem Karneval“, erklärt Karl-Heinz. Er und seine Bekannten, Heinz und Gaby, sind Karnevalisten. Der Goldene Kappes sei das Stammlokal der „Appelsinenfunken“ und eines der ältesten Brauhäuser Kölns. 111 Jahre ist das Brauhaus alt. Ausgerechnet, ich male mir aus, was wohl in der kommenden Session am 11.11. um 11 Uhr 11 hier los sein wird.

Die Wahlen? Achselzucken.


Was sie denn zu den Wahlen sagen, die jetzt verschoben werden. Achselzucken. „Et es wie et es“, sagt Karl-Heinz und widmet sich wieder seinem Kölsch. Die Bezirksregierung stelle sich eben zu sehr an, findet er. Die Wahlen generell würden ja spannend werden, sage ich und frage die drei, wie sie es sehen. Ich ernte schallendes Gelächter. „Wat spannend?“, sagt Karl-Heinz. Köln habe eigentlich nur einen Oberbürgermeister gehabt, Konrad Adenauer. Der habe Köln stark geprägt. „Oder anders herum.“ Aber was danach kam, habe „den Kölner als solches nur am Rande interessiert.“

Der Erzbischof sei wichtiger. „Man kann viel besser dröber lästern.“ Die Kirche nehme alles ernst. „Bierernst. Die Politiker nehmen hier nix mehr ernst. Dat is ja dat Problem.“ Ich versuche es noch einmal, wegen der Stimmzettelaffäre, da sei doch die SPD vielleicht…. „Pass mal up“, sagt Karl Heinz. „Jetz lässte mal en Stift falle und drinkst eene mit us mit.“

Was die Wahlen angeht, sagt er nur so viel: „Dat mit Köln, dat es so und dat bleibt so, janz jegal wer dran is, dat jet jenau so schief wie all die Jahre vorher.”

Also auch diesmal in Köln alles wie gehabt: „Et kütt, wie et kütt“. Und: „Et hätt no immer jot jejange.“

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