Demografie - „Deutschland schrumpft“ ist kein Schreckensszenario

Deutschland hat nur 80,2 Millionen Einwohner, wie der heute vorgestellte Zensus 2011 ergab. Bevölkerungsforscher Norbert F. Schneider war schon vor der Bekanntgabe der Zahlen überzeugt, dass Deutschland in den kommenden Jahren schrumpft. Damit bestreitet er die These des aktuellen Cicero-Titel-Themas „Hurra, wir wachsen! Deutschland auf dem Weg zum 100-Millionen-Volk“ 

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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Herr Schneider, Sie wollen als Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung keine Prognose zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland abgeben. Warum?
Die zurzeit bekannteste Prognose ist die zwölfte koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Sie reicht bis zum Jahr 2060. Die Modellannahmen, die dort bezogen auf Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungsverhalten getroffen werden, sind in gewisser Weise beliebig und bewegen sich in breiten Korridoren. Je nach Variante kommt man auf eine Bevölkerungsgröße die im Jahr 2060 bei ca. 70 Millionen und in einem anderen Fall bei etwa 64 Millionen liegt. Aber wie viele wir Mitte des Jahrhunderts auch sein werden – Fakt ist: Deutschland wird schrumpfen. Davon gehe ich unbedingt aus.

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Wir haben derzeit rund 82 Millionen Einwohner und liegen damit auf dem historischen Höchststand. Zählten wir im Jahr 2060 noch 70 Millionen, wären wir genauso viele wie im Jahr 1960. Wir erreichten bei der Bevölkerungsgröße quasi einen altbekannten Zustand. Weder die geopolitische noch die geostrategische oder wirtschaftliche Stellung eines Landes ist von der Bevölkerungsgröße direkt abhängig. Die Wettbewerbsfähigkeit ist vielmehr moderiert durch die Zusammensetzung der Bevölkerung, ob wir viele Hochgebildete, Gebrechliche oder Leistungsorientierte haben. Deswegen ist das Szenario „Deutschland schrumpft“ definitiv kein Schreckensszenario.

Wer die Zeitung liest, bekommt aber diesen Eindruck.
In Deutschland wird sehr viel über diesen Aspekt geschrieben: Wir werden weniger, der Letzte macht das Licht aus, der Mensch geht, der Wolf kommt. Das sind alles Überschriften aus mitteldeutschen Zeitungen. Aber die Bevölkerung wandelt sich immer. Die Schrumpfungen nach dem ersten oder zweiten Weltkrieg waren viel dramatischer als das, was wir jetzt vor uns haben. Es handelt sich um eine normale Volte in der Bevölkerungsentwicklung.

Aber dass die Gesellschaft altert, stellt uns doch vor Probleme?
Dieses Thema ist neu. Heute ist jeder zweite älter als 45, in 20 Jahren wird voraussichtlich jeder zweite älter als 50 sein. Es gibt mit solchen alten Bevölkerungen bisher relativ wenig Erfahrung und trotzdem sind sich die Forscher einig: Wir brauchen keine Angst vorm Altern zu haben, weil es heute etwas anderes bedeutet als in der Vergangenheit. Die Menschen sind länger gesund, länger leistungsfähig, länger leistungswillig. Heute geht es darum, das Potenzial derer, die zwischen 60 und 75 oder 80 sind, für die Gesellschaft zu erschließen und sie nicht auszuschließen. Ein rein kalendarisch notiertes Rentenaustrittsalter, was gerade für gut Ausgebildete immer häufiger einer Zwangsverrentung gleich kommt, können wir uns nicht länger leisten.

James Vaupel, Direktor am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, sagt im aktuellen Cicero, er sähe Anzeichen dafür, dass die offiziellen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung „daneben liegen“.
Bei der Geburtenrate kann das stimmen. Die amtlichen Prognosen gehen auch von der Variante aus, dass die Geburtenrate in zehn Jahren von 1,4 auf 1,6 ansteigt. Dabei liegt sie wahrscheinlich heute schon bei 1,6 Kindern pro Frau. Grund sind unterschiedliche Modelle zur Berechnung von Tempoeffekten.

Können Sie die erklären?
Die Vorausberechnungen der amtlichen Statistik rechnen mit der Total Fertility Rate (TFR), der durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau je Kalenderjahr. Man geht davon aus, dass sich das Geburtenverhalten der in diesem Jahr 15-jährigen Mädchen in den nächsten dreißig Jahren so entwickelt, wie bei den dreißig Frauenjahrgängen vor ihnen. So ergeben sich die 1,4 Kinder. Wenn die Menschen in den letzten Jahren ihre Kinder aber immer später bekommen haben, dann führt das zu einer systematischen Unterschätzung dieser Zahl.

[gallery:keine Kinder zu bekommen]

Auch die Zahlen derer, die einwandern, sind zurzeit höher als prognostiziert.
Bei den Berechnungen zur Zuwanderung liegen Wanderungssalden von 100.000 oder 200.000 pro Jahr zugrunde. Allerdings ist das eher Kaffeesatzleserei. Vor drei Jahren waren die Salden im Minus, jetzt liegen sie bei über 200.000. Dies sind einfach zyklische Bewegungen, die nicht langfristig vorherzusagen ist. Ändert  Deutschland seine Einwanderungspolitik oder wandelt sich die wirtschaftliche Situation, hat das massive Folgen – in die eine oder andere Richtung.

Wenn sich Geburtenrate und Zuwanderungszahlen ändern, hält das die Schrumpfung auf?
Es mildert sie vielleicht ab. Aber völlig klar ist auch: Durch die Zuwanderung kann die Schrumpfung nicht gestoppt werden. Das wäre unrealistisch. Wir bräuchten eine zweistellige Millionenzahl an Zuwanderern in den nächsten 50 Jahren, um die Bevölkerung bei sonst gleichen Bedingungen bei 80 Millionen zu halten. Außerdem problematisch: Wir unterstellen beim Thema Zuwanderung, dass ein Mensch kommt und bleibt.

Tut er das nicht?
Nein. Menschen migrieren immer häufiger nicht mehr im klassischen Sinne. Viele bleiben nur vorübergehend und es gibt eine zunehmende Intensität an Pendelmobilität. Menschen wohnen zum Beispiel in Polen, aber arbeiten in Deutschland. Sie verhalten sich im Prinzip wie Wochenendpendler oder Saisonarbeiter.

Von den ersten Gastarbeitern, die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen, erhoffte man sich doch genau das. Aber die blieben. Was ist heute anders?
Ich erwarte, dass die jungen Südeuropäer, die man jetzt gerne zum Arbeit nach Deutschland bewegen möchte, in ihre Heimat zurückgehen, wenn sich die wirtschaftliche Situation dort zum Guten wendet. Das liegt auch daran, dass sich die Verkehrstechnologie verändert hat. Sie können heute jeden Tag für einen Spottpreis quer durch Europa fliegen. Früher war man tagelang von Süditalien nach Hamburg unterwegs. Heute hat sich auch die geistige Disposition gewandelt: Man ist mehr unterwegs, man lebt auch Familie anders, multilokal. Alles ist fluide geworden, mobiler, flexibler. Nicht unbedingt schlechter.

Von den ersten Gastarbeitern, die vor 50 Jahren nach Deutschland kamen, erhoffte man sich doch genau das. Aber die blieben. Was ist heute anders?
Ich erwarte, dass die jungen Südeuropäer, die man jetzt gerne zum Arbeit nach Deutschland bewegen möchte, in ihre Heimat zurückgehen, wenn sich die wirtschaftliche Situation dort zum Guten wendet. Das liegt auch daran, dass sich die Verkehrstechnologie verändert hat. Sie können heute jeden Tag für einen Spottpreis quer durch Europa fliegen. Früher war man tagelang von Süditalien nach Hamburg unterwegs. Heute hat sich auch die geistige Disposition gewandelt: Man ist mehr unterwegs, man lebt auch Familie anders, multilokal. Alles ist fluide geworden, mobiler, flexibler. Nicht unbedingt schlechter.

Es gibt andere Zahlen, die einen glauben machen, dass Deutschland wächst. Die Bevölkerungszahlen von Halle steigen – und das nun schon im dritten Jahr. Wie passt das zusammen mit dem Bild vom Osten, der langsam ausblutet?
Das ist ein völlig anderes Thema. Wenn wir sagen, dass Deutschland schrumpft, kann sich innerhalb der einzelnen Regionen Deutschlands völlig Unterschiedliches abspielen. Wir haben Boomregionen wie das Rhein-Main-Gebiet – Mainz etwa hat in den letzten zwanzig Jahren zehn Prozent mehr Einwohner bekommen. Aber gehen sie nach Eisenhüttenstadt, dort haben Sie im gleichen Zeitraum 40 Prozent der Einwohner verloren. Es gibt hier keine einheitlichen Trends. Wenn Halle wächst, was meines Erachtens gar nicht stimmt, heißt das nicht, dass alle Stadtteile davon in gleicher Weise profitieren. Halle-Neustadt hat in den letzten zwanzig Jahren die Hälfte seiner Einwohner verloren. Diese regionalen Differenzen sind auch nicht als Ost-West-Problem zu begreifen. Es existieren auch viele Schrumpfungsregionen im Westen. Es ist ein sehr bunter Flickenteppich, der sich über ganz Deutschland legt. Aber Fakt bleibt auch: Es gibt keinerlei Hinweise auf eine Trendumkehr. Die Frage ist nicht, ob wir schrumpfen, sondern wie stark wir schrumpfen und vor allem: was wir daraus machen.

Norbert F. Schneider ist Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Das Interview führt Marie Amrhein

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