Der Platten-Star

Er wuchs in einer Plattenbausiedlung in Karl-Marx-Stadt auf. Sein ungewöhnliches Balltalent und die straffe Leistungspolitik der bereits untergehenden DDR ebneten den Weg für eine steile Karriere. Besuch in der Heimat von Michael Ballack.

Michael Ballack bei der WM-Feier 2006 in Berlin
() Michael Ballack bei der WM-Feier 2006 in Berlin
Trübe Plattenbauten in Reih und Glied, abgezirkelte Grünflächen, ein paar schiefe Eisentore. Tristesse? Es war der pure Luxus. Wer es Ende der siebziger Jahre hierher geschafft hatte, galt schon als privilegiert im Staat der Arbeiter und Bauern. Hier, zwischen den grauen Einheitsblocks, bolzte „Balle“, der Junge von nebenan, der schon als Knirps seine Gegner vom Platz putzte und sich seither zielstrebig zur nationalen Fußballikone hochkickte. Ein Star made in DDR. Ein Kämpfer aus der Kollektivkultur, der sich zur unverwechselbaren Marke formte. Im Frühjahr 1977 ziehen Karin und Stephan Ballack nach Karl-Marx-Stadt, in die Fritz-Heckert-Siedlung, benannt nach einem berühmten Kommunisten. In Görlitz gab es keine Drei-Zimmer-Wohnung für sie und ihren einzigen Sohn, der am 26. September 1976 geboren wurde. Ein Aufstieg, auch wenn das Viertel gesichtslos erscheinen mag. In den Kinderzimmern der Siedlung stehen weder Computer noch Fernseher, die Kinder spielen draußen, auf den Rasenflächen. Eigentlich sind die großen Eisentore zum Wäscheaufhängen gedacht, doch immer häufiger landet ein Fußball in der feuchten Wäsche. Torschützenkönig ist „Balle“, wie seine Kumpels ihn nennen. Über 80 000 Menschen wohnen Ende der siebziger Jahre in den Plattenbauten im Südwesten der drittgrößten Stadt Sachsens, mehr als ein Viertel aller Einwohner. Die Fritz-Heckert-Siedlung ist für die Arbeiter der Wismut gebaut worden, dem riesigen Bergbau-Betrieb, der vor allem den Uranabbau betreibt. Selbst für DDR-Verhältnisse sind die Wohnungen preiswert. Wer Glück hat, dem wird eine mit Balkon zugewiesen. Die Wege zur Kaufhalle sind kurz, es gibt Ärzte in der Siedlung, Kinderhorte und eine Bücherei. Alles ist geplant, dem Zufall wird nichts überlassen. Auch nicht die Förderung von Talenten. Im Kindergarten wird Michael Ballack routinemäßig von Sportärzten vermessen und beurteilt. Die Prognose: Er hat das Zeug, ein exzellenter Eisschnellläufer zu werden. Doch schon kurze Zeit später ist klar, dass seine Karriere auf dem Rasen stattfinden wird, nicht auf dem Eis. Im Jahr 1983 wird Michael eingeschult. Wer in der Schule im Sportunterricht auffällt, landet im Verein, und der Ballack-Sohn fällt schnell auf. Bald spielt er bei der Betriebsgemeinschaft des Maschinenbaukombinates Motor Fritz Heckert, kurz MFH. Es ist der zweitgrößte Verein der Stadt nach dem FC Karl-Marx-Stadt. Die erste Mannschaft der MFH spielt in der DDR-Liga. „Michael war ein Naturtalent“, schwärmt sein erster Trainer Steffen Hänisch. In den Achtzigern ist er der „Hauptverantwortliche für den Nachwuchsbereich der Sektion Fußball“. Mit Journalisten, die über den Nationalspieler schreiben wollen, trifft sich der heute 48-jährige Hänisch gern am Sportplatz an der Straße Ústí nad Labem, dort, wo alles begann, nur wenige hundert Meter entfernt von der Ballack’schen Wohnung. Er erzählt, andere hätten drei bis vier Jahre trainieren müssen, um das zu können, was der „Ballack Micha“ schon als Erstklässler mühelos beherrschte: einen Ball zehn- bis fünfzehn Mal hochhalten, mit beiden Beinen gleich gut schießen, die perfekte Ballführung. „Das musste ausgebaut werden, klar“, sagt Hänisch. Seinen eigenen Anteil an Ballacks Karriere aber redet er klein: „Der wär auch seinen Weg gegangen, wenn ich nur Mist trainiert hätte.“ Schon ziemlich früh weiß Hänisch, dass sein Star die Mannschaft verlassen wird. Der Wechsel von Michael Ballack folgt der üblichen sportpolitischen Logik: In der DDR werden die besten Spieler einer Stadt systematisch an den besten Klub der Stadt „delegiert“. Und so kommt Michael Ballack mit zehn Jahren zum FC Karl-Marx-Stadt, dessen erste Mannschaft in der Oberliga spielt, der höchsten Spielklasse des Landes. Die Starrolle muss er fortan mit Kevin Meinel teilen. Der ist am gleichen Tag geboren wie Ballack und ebenfalls Mittelfeldspieler. Für den FCK läuft er auf, seit er sechs ist, den Micha kennt er als Gegner. Doch Meinel freut sich, als Ballack kommt: „Jetzt wird es noch schwerer, uns zu schlagen!“ Schwerer vor allem für die Gegner auf Bezirksebene, die in der Regel chancenlos sind gegen den FCK. Knapp zwanzig Jahre später erinnert sich Meinel vor allem an die sensationell hohen Siege: „8:0, 10:0, 13:0. Ein Drittel der Tore hat Micha geschossen, ein Drittel ich, ein Drittel der Rest.“ Streit um die Torjägerkrone? „Das gab’s nicht.“ Langeweile bei solch eindeutigen Ergebnissen? „Nee, eigentlich nicht.“ Auf die Frage nach Ballacks Schwächen rutscht Kevin Meinel heraus, er sei ein „schlampiges Genie“. Schon im selben Moment scheint es ihm wieder leidzutun. Natürlich habe man sich nicht in jedem Training reingehängt, verteidigt Meinel seinen Mitspieler von einst, man habe schon mal nur mit halber Kraft gespielt, wenn alles klar war. Auch ein richtiger Verteidiger sei Micha nie gewesen. „Micha“, nicht mehr „Balle“, nannten ihn nun alle. Von der siebten Klasse an wird Michael Ballack auf die Kinder- und Jugendsportschule geschickt, die in der abkürzungsfreudigen DDR schlicht KJS heißt. Seine Mutter weiß, was das bedeutet: Es ist eine straff durchorganisierte Talentschmiede. Auch sie war als Kind auf solch einem KJS gewesen, als Leistungsschwimmerin. Doch im Gegensatz zu den rigiden Methoden der Schwimmszene, wo, wie man heute weiß, schon Kinder gedopt wurden, setzt man beim Fußball ausschließlich auf hartes Training. Die Schule verlangt den Kindern und Jugendlichen stählerne Disziplin ab, schon um sieben Uhr morgens geht der Unterricht los, die letzte Stunde endet um halb sechs abends: vormittags Unterricht und Sport, nachmittags Unterricht und Sport, immer abwechselnd, pro Woche sieben Trainingseinheiten, am Wochenende die Liga. Es ist ein geschlossenes System. Der Lehrplan ist auf die Trainingseinheiten abgestimmt, Ablenkungen gibt es nicht. „Weniger Hausarbeiten hatten die schon auf, weil die Zeit nicht da war. Aber minderwertig war der Unterricht nicht. Das ging auch gar nicht, denn wir hatten ja damals das Zentralabitur“, erklärt Margitta Teucher. Die 50-Jährige hat in ihren 25 Jahren am Sportgymnasium schon die Radsprintweltmeister und Olympiasieger Michael Hübner und Jens Fiedler unterrichtet. Als Schüler sei Micha gewesen „wie jeder andere auch“, sagt Frau Teucher. Mit Höhen und Tiefen eben. „Ach, machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich werd mal Profifußballer“, beruhigte er sie, wenn die schulischen Ambitionen mal hinter den sportlichen zurückblieben. Sie verfolgt seine Karriere von fern und wünscht ihm alles Gute: „Er hat sich’s verdient und erarbeitet.“ Ins angeschlossene Internat geht Michael nicht, er bleibt wie sein Kumpel Meinel bei den Eltern in der Heckert-Siedlung wohnen – vielleicht ein Grund, warum der ideologische Background offenbar blass blieb. Ballacks Eltern beurteilen die sportliche Nachwuchsförderung der DDR heute eher kritisch, und vermutlich war das auch damals bereits der Fall. Für die Jungen gab es damals nur Sport, die Politik habe keine Rolle gespielt, beteuert auch Meinel: „Ich habe zweimal ein Pionierhemd angehabt“, sagt er. Und Ballack hat mal erklärt, nur von seinen Eltern geprägt worden zu sein – die Pioniere seien für ihn wie die Pfadfinder gewesen. Die Frage nach einer Mitgliedschaft in der FDJ müssen Meinel und Ballack nicht mehr beantworten: Als sie alt genug dafür sind, ist die DDR bereits untergegangen. Der Staatskundeunterricht heißt nun Gemeinschaftsunterricht, das KJS schlicht Sportgymnasium und die Trikots sind schicker geworden, doch der Alltag ändert sich nicht – alles dreht sich weiter um den Fußball. Vor allem aber wird Michael Ballack die Gnade des perfekten historischen Timings zuteil. Er hat noch die konsequente Sportförderung des Sozialismus erlebt und kann sie nun im Kapitalismus auswerten. Damit gehört er zu den wenigen echten Gewinnern des Systemwechsels. 1997 verlässt Ballack seinen Heimatort, der inzwischen wieder Chemnitz heißt, in Richtung Kaiserslautern. Kevin Meinel, Ballacks Mittelfeld-Kumpel, bleibt in Chemnitz zurück. Bei einer Trainingseinheit 1991 bricht er zusammen. Diagnose: Schlaganfall. Mit vierzehn. Meinel ist zeitweise halbseitig gelähmt, kann nicht sprechen, kämpft sich wieder heran, bleibt auf dem Sportgymnasium, lebt auch nach dem Abschluss in Chemnitz. Er hat lange gebraucht, das Geschehene zu überwinden. Und manchmal kommt in ihm das Gefühl hoch: „Mensch, da könntest du auch stehen.“ Demnächst geht er zu einem WM-Spiel der Deutschen, die Karten bekommt er von Micha. In dem Haus, in dem Michael Ballack mit seinen Eltern gelebt hat, stehen viele Wohnungen leer, einige Blocks wurden abgerissen. Doch der Fußballplatz an der Straße Ústí nad Labem existiert noch, heute spielt hier der „Chemnitzer Freizeit- und Wohngebietssportverein“. Und auch die Eisentore auf den Rasenflächen stehen noch, nur Kinder gibt es wenige, Fußball spielende an diesem Nachmittag ganze zwei. Neben ihrem Spielfeld steht ein Schild, kaum hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem der Star der deutschen Nationalmannschaft aufwuchs. Darauf steht: „Fußball spielen verboten“.

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