Sozialer Aufstieg - Der harte Weg nach oben

Wer aufsteigen will, muss mit seiner Herkunft brechen. Für viele bedeutet dies auch Entfremdung von Familie und alten Freunden

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(picture alliance) Der lange Weg nach oben bedeutet auch einen Bruch mit dem Althergebrachten

Es ist eines der großen Versprechen der Bundesrepublik: Wer will, soll unabhängig von seiner Herkunft eine faire Chance bekommen, aufzusteigen. Der Bochumer Soziologe Aladin El-Mafaalani hat nun in seiner Doktorarbeit „Bildungsaufsteiger aus benachteiligten Milieus“ untersucht, was Aufsteiger aus der Unterschicht ausmacht und welchen Preis sie für ihren beruflichen Erfolg zahlen müssen. El-Mafaalani hat dafür mehrere türkischstämmige und deutsche Aufsteigerbiografien untersucht und führte lange Gespräche mit den Männern und Frauen, denen es gelang, Manager oder Professoren zu werden, obwohl sie aus Familien kamen, in denen es in der Regel kein einziges Buch gab.

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„Alle, mit denen ich gesprochen habe“, sagt Aladin El-Mafaalani, „hatten schon als Kind das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt, sie konnten sich aber selbst nicht erklären, was das war.“

Wenn man sieht, welche Positionen diese Menschen heute bekleiden, kann man kaum glauben, dass dieses Potenzial in der Schule nicht gesehen wurde. Dennoch schafften sie es, obwohl sie von ihren Eltern keine Unterstützung bekamen. Die waren, ob Deutsche oder Türken, zumeist ungebildet und hatten oft noch nicht einmal eine Berufsausbildung. Geld war in ihren Familien knapp, oft gab es kein eigenes Kinderzimmer, in dem sie in Ruhe hätten lernen können. Und was in der Schule passierte interessierte die Eltern nicht sonderlich – wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen: „Türkische Eltern gehen davon aus, dass ihre Kinder in der Schule erzogen werden und sie mit der Bildung der Kinder nicht viel zu tun haben. Sie kannten das so aus ihrer eigenen Schulzeit und erwarteten das auch vom deutschen Bildungssystem. Die deutschen Eltern hatten meistens keine guten Erfahrungen mit der Schule gemacht und gingen davon aus, dass das bei ihren Kindern ähnlich sein würde.“

 Auf der folgenden Seite: Der Preis des sozialen Aufstiegs ist hoch

Die deutschen Eltern quittierten in den meisten Fällen die guten Noten ihrer Kinder mit einem Schulterzucken. Empfahlen die Lehrer ein Kind für den Besuch des Gymnasiums waren sie misstrauisch und wählten häufig eine niedrigere Schulform. „Sie wollten ihren Kindern oft die Enttäuschung ersparen und glaubten nicht an ihren Erfolg. Oder sie befürchteten, dass sie ihre Kinder auf dem Gymnasium nicht angemessen unterstützen können.“ Bei den türkischen Eltern war das anders: „Sie drängten ihre Kinder nach Möglichkeit Abitur zu machen und zu studieren – auch wenn die das gar nicht wollten.“ Der Grund: Die türkischen Eltern wollten dass ihre Kinder aufsteigen. Sie selbst waren aus der Türkei nach Deutschland gekommen um ein besseres Leben zu finden. Oft blieben sie selbst Hilfsarbeiter. Die Kinder sollten die unerfüllten Aufstiegsträume der Familie verwirklichen. Das Geschlecht spielte dabei keine Rolle.

Doch der Preis des Aufstiegs, das zeigen die Ergebnisse der Doktorarbeit, ist hoch: „Wer aufsteigen will, muss sich von seinem Herkunftsmilieu trennen. Fast alle Bildungsaufsteiger haben sich von ihren alten Freunden und Familien entfremdet und mussten sich in einer für sie fremden sozialen Umgebung neu orientieren. Das leuchtet nicht unmittelbar ein, aber bei einer genauen Analyse stellt man fest, dass Aufsteiger nicht nur gewinnen, sie verlieren auch etwas. Es ist also durchaus so, dass ein Aufstieg mit biografischen Risiken verbunden ist. Wenn Kinder ihren Eltern finanziell und kognitiv deutlich überlegen sind, dann kann das schon zu Problemen führen. Wenn aber auch keine gemeinsamen Interessen und Werte vorliegen, besteht die Gefahr der Entfremdung.“

Es sind die feinen Unterschiede, die sich beim Aufstieg bemerkbar machen. Unsichtbare Mauern, die das Fortkommen behindern. Wie und welche Musik wird gehört? Wie und was wird gegessen? Wie und worüber unterhält man sich? Der Habitus ist entscheidend, nicht nur das erlernte Wissen. Die Aufsteiger müssen mit dem Habitus der Schicht brechen aus der sie kommen, um aufzusteigen und in höheren Milieus akzeptiert zu werden. Und so stammen 70 Prozent der Vorstände der größten deutschen Unternehmen aus der drei Prozent großen Oberschicht der Bundesrepublik. Mit besonderen Qualifikationen lässt sich das nicht allein erklären, mit einem besonderen Habitus schon.

Der Bruch in der Biografie führt zu Problemen:  „Kinder aus der Oberschicht sind selbstsicher bei allem was sie tun. Sie zweifeln nicht an sich, selbst dann, wenn Probleme auftreten.“ Bei den Aufsteigern ist das anders. Sie sind unsicherer, nutzen eher sich bietende Gelegenheiten und haben keinen Plan für ihr Leben. „Ein Kind aus bildungsfernen Schichten kann sich nicht einfach vornehmen, Arzt zu werden. Es kennt den Weg in diesen Beruf nicht, die Eltern können ihm nicht helfen und es hat auch privat keine Kontakte zu Ärzten. Wie man Arzt wird, ist ein Mysterium. Der Weg zum Musiker oder Fußballer ist hingegen naheliegender.“ Allen Bildungsaufsteigern gemein war, dass sie Gelegenheiten nutzten, die sich ihnen boten. „Keiner von ihnen wollte Professor oder Manager werden. Sie dachten immer nur an den nächsten Schritt und waren sehr vorsichtig, was ihre Zukunftsplanung betraf. Kinder aus der Oberschicht können mit einer ganz anderen Natürlichkeit hohe Ziele formulieren. Aufsteiger aus der Unterschicht trauen sich hingegen weitgesteckte Ziele überhaupt nicht zu, insbesondere wenn es sich um höhere Bildung handelt.“

Auf der folgenden Seite: Das deutsche Bildungssystem ist immer noch ein Hindernis 

Für El-Mafaalani ist klar, dass das deutsche Bildungssystem ein Hindernis für den sozialen Aufstieg darstellt. „Ob Kanada, Süd-Korea oder Finnland – in all diesen Ländern ist es leichter aufzusteigen als in Deutschland. In diesen Ländern ist das Schulsystem darauf ausgelegt, Kinder stärker zu fördern. In Deutschland stehen traditionell nicht das Kind und seine Entwicklung im Zentrum, sondern die wirtschaftlichen Interessen. Wenn jetzt die frühkindliche Betreuung ausgebaut werden soll, liegt das daran, die Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern. Eine bessere Entwicklung der Kinder ist ein Nebeneffekt – in den meisten anderen Ländern ist das genau andersherum. Deshalb handelt es sich in anderen Ländern um echte Ganztagsschulen und bei uns genau genommen um Ganztagsbetreuung.“

Die Unterschiede zwischen den Lebenswelten der Kinder aus verschiedenen Schichten werden in Deutschland dadurch verstärkt, dass sie nur wenig Zeit miteinander verbringen und dass die Familie fast vollständig für die Erziehung verantwortlich ist. „Wer die Gesellschaft durchlässiger gestalten will, muss auf Bildung im Kindesalter setzen und in Kindertagesstätten und Grundschulen investieren. Und er muss diejenigen anerkennen und vernünftig ausbilden und bezahlen, die mit kleinen Kindern arbeiten.“

Für vollkommen falsch hält der Bochumer Soziologe die Idee des Betreuungsgeldes: „Kinder aus der Unterschicht besuchen schon heute viel zu selten und unregelmäßig Kindertagesstätten. Das Betreuungsgeld bietet den Eltern einen weiteren Anreiz, die Kinder zu Hausen zu behalten.“ Der Bildungserfolg würde so erschwert – angesichts der Herausforderungen, die durch den demografischen Wandel entstehen eine fatale Entscheidung. „Wir haben zu viele Schulden und zu wenig Kinder. Das sollte man sich so einen Fehler nicht erlauben.“

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