Cicero-Wahlkampfindex - Das TV-Duell war eine Win-Win-Win-Situation

Das TV-Duell wurde zuvor stark kritisiert, vor allem wegen seines starren Formats. Tatsächlich aber war es das Großereignis des Wahlkampfes – und half vielen Unentschlossenen, sich zu informieren. Ergebnisse des Cicero-Wahlkampfindex

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück sind auf TV-Bildschirmen zu sehen
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Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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Am TV-Duell scheiden sich die Geister. Und an dem TV-Dreikampf ohnehin. „Nutzlos, langweilig, systemfremd“, sagen die einen, „sinnvoll, informativ und zeitgemäß“, die anderen. Wo das TV-Duell zu verregelt war, war der Dreikampf zu chaotisch. Blieb das Duell an mancher Stelle zu sehr im Vagen, war der Dreikampf ein Feuerwerk von Zahlen und Statistiken. Von den völlig unterschiedlichen Ergebnissen der Umfragen unmittelbar nach dem Duell ganz zu schweigen. Und dann machten auch noch Stefan Raab, sein „King of Kotelett" sowie Merkels „Schlandkette" Schlagzeilen.

Aber festzuhalten bleibt auch: 18 Millionen Fernsehzuschauer haben das TV-Duell am Sonntag verfolgt, vier Millionen den kleinen Dreikampf am Montag. Es gab Hunderttausende Tweets; zahllose Journalisten und Spin-Doktoren verliehen dem Ereignis ein zusätzliches Gewicht. TV-Duelle scheinen eine Win-Win-Win-Situation zu schaffen – für die Politiker, für die Medien und auch für die Bürger. Kurzum: Das TV-Duell und sein kleiner Ableger waren ein politische Blockbuster in diesem ansonsten eher ereignisarmen Wahlkampf.

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Es ist also davon auszugehen, dass dem Wahlkampf in Deutschland diese Tradition aus Duell (und Dreikampf) auch künftig erhalten bleibt. Grund genug, im Rahmen des Cicero-Wahlkampfindex genauer hinzuschauen, was diese Großereignisse bringen – und was nicht.

Die medialen Erwartungen gerade im Vorfeld des TV-Duells zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück waren hoch. In den Parteizentralen hielten sich Hoffnungen und Befürchtungen die Waage. Vor allem im Willy-Brandt-Haus war zu hören, das Duell könnte der SPD den entscheidenden Impuls in einem sich eher dahinschleppenden Wahlkampf bringen. Doch wie sah es aus Sicht der Zuschauer aus? Konnten ihre Erwartungen erfüllt werden?

Aus der Grafik 1 geht hervor, dass viele Fernsehzuschauer im Vorfeld vor allem eine reine Show-Veranstaltung erwarteten. 1:0 für die Skeptiker. Zugleich schätzten die Zuschauer das Duell durchaus als Möglichkeit ein, die beiden Kandidaten zu vergleichen. Dies schließt sowohl die inhaltlichen Positionen der beiden Kontrahenten als auch deren Persönlichkeiten ein. Die Kanzlerin mag das Gefühl haben, die Deutschen würden sie kennen; kennenlernen wollten viele Menschen ihre Positionen und ihre Persönlichkeiten dennoch. 1:1 – Ausgleich für die Befürworter des Duellformats. Zudem erwarteten die Zuschauer des Duells eine spannende und unterhaltsame Auseinandersetzung. Eine Entscheidungshilfe jedoch erwarteten sie nicht.

Abbildung 1: TV-Duell: Der Vorher/Nachher-Vergleich (Basis: Zuschauer des Duells)

Die Erwartungen an das TV-Duell haben sich danach alles in allem bewahrheitet. Es war weniger Show, aber auch weniger spannend und unterhaltsam. Gerade die im Vorfeld erhoffte Möglichkeit, die Kandidaten zu vergleichen, hat sich erfüllt. Schlussendlich war das Duell sogar hilfreicher für die Wahlentscheidung als im Vorfeld erwartet.

Gleichwohl wurde auch bei der 2013er Auflage des Kanzlerduells Kritik an dem Format laut – gerade von medialer Seite: Man lerne nichts Neues, hieß es, es ginge nur um alte Hüte. Dabei gerät mitunter in Vergessenheit, dass sich unter den Zuschauern auch viele Menschen befanden, die sich nicht sonderlich stark für Politik interessieren. Gerade zu ihnen kann ein solches Ereignis – auch dank seiner Inszenierung und Kompaktheit – eine Brücke bauen.

In der zweiten Grafik wird daher die Bewertungen des Duells danach unterschieden, wie stark sich die Befragten für Politik interessieren. Dabei treten zwar keine fundamentalen Unterschiede zutage – aber gleichwohl zeigt sich eine Tendenz. Die weniger Interessierten finden das TV-Duell weniger unterhaltsam und schon gar nicht entspannend. Sie schätzen aber die Möglichkeiten des Vergleichs der Persönlichkeiten. Und gerade denjenigen, die sich wenig für Politik interessieren, half das Duell eher dabei, ihre Wahlentscheidung zu treffen.

Abbildung 2: Bewertung des TV-Duells nach politischem Interesse (Basis: Zuschauer des Duells)

Im Übrigen ist das TV-Duell auch der Treiber für den Anstieg der Wahlkampfdynamik: Bei den Zuschauern des Duells stieg nämlich der Dynamik-Index von 48.0 auf 50.2 Punkten. Deutlich geringer dagegen ist der Anstieg bei den Duell-Abstinenten: Von 34.0 auf 34.9. Das Duell macht den Unterschied – zumindest für die Wahlkampfdynamik.

Cicero-Wahlkampfindex – Am 22. September wählen annähernd 62 Millionen Deutsche einen neuen Bundestag. Cicero Online wird den Wahlkampf mit einem neuen und innovativen Umfrage-Tool begleiten. Der Cicero-Wahlkampfindex hat zwei Dimensionen. Auf der Angebotsseite wird der Dynamik-Index abbilden, wie sich der Wahlkampf entwickelt. Auf der Nachfrageseite wird der Volatilitäts-Index aufzeigen, wie (un-)entschlossen die Wähler noch sind.

Zum Weiterlesen: So entsteht der Cicero-Wahlkampfindex

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